vortrag + gespräch

Anne Dressen, Paris und Arne Winkelmann, Berlin: Kulturfabriken

(in engl. Sprache) Die New Yorker Kunstwelt auf der Suche nach Alternativen: Avantgarde und Ausstellungsräume 1950-1980 Kulturelle Umnutzung von leerstehenden Industriegebäuden

Anne Dressen, Spezialistin für alternative spaces in den USA und Frankreich

"Die jüngste und noch immer ungeschriebene Suche nach alternativen (Kunst-)Räumen hat als Bewegung bereits eine facettenreiche und vielschichtige Entwicklung durchgemacht, von den Jugend- und Liberalisierungsaktivitäten der späten 60er bis zu ihrer Verbreitung in Europa, als sich Künstler nach neuen Wegen umschauten, Kunst zu erleben und auszustellen. Seit den 90er Jahren kann sich jede noch so kleine Stadt der westlichen Welt mit ihrer eigenen, alternativen Kunststätte rühmen, die gewöhnlich in einer verlassenen Fabrik oder Lagerhalle den andauernden De-Industriealisierungsprozess symbolisiert: eine perfekte und gleichzeitig ökonomische Antwort auf den Mangel an Lebens-, Arbeits- und Ausstellungsräumen. In einer Umkehrung der Werte werden diese Räume, die einst als unmenschlich galten, begehrenswert, sogar modisch. Alternative Räume zielen oft mit Erfolg darauf ab, Mediatoren zwischen zeitgenössischen cutting-edge-Künstlern und einem wachsenden lokalen und internationalen Publikum zu sein." (Anne Dressen, Kunsthistorikerin / Kulturwissenschaftlerin, Spezialistin für alternative spaces in den USA und Frankreich)

Arne Winkelmann, Berlin: Kulturfabriken

Kulturelle Umnutzung von leerstehenden Industriegebäuden "Seit Ende der Sechziger Jahre werden in Deutschland leerstehende Fabrikgebäude und Industrieanlagen für kulturelle Zwecke besetzt, umgenutzt und zu sogenannten "Kulturfabriken" umgewandelt. Überwiegend soziokulturelle Initiativen und Vereine haben mit der Gründung von Stadtteil- oder Kulturzentren neue Formen der Kulturarbeit geschaffen und verstetigt. Die Beweggründe von Kulturschaffenden in Fabrikhallen zu wirken wandeln sich über die Jahrzehnte hindurch ständig. Durch die lange Wirkungsgeschichte und weite Verbreitung von Kulturfabriken fällt heute die Diskrepanz zwischen der Sphäre der materiellen Arbeit und wirtschaftlichen Produktion und der Sphäre der Kultur und geistigen Arbeit, die in ihnen zur Deckung kommen, nicht mehr auf. Doch sind es nicht die praktischen Funktionen, die für die Umnutzung einer Fabrik im Vordergrund stehen, sondern deren symbolische Funktion. Zwar gibt es durchaus praktische Vorteile, wie zentrale städtebauliche Lage, infrastrukturelle Anbindung, flexible Grundrisse, großzügige Bemessung von Konstruktionsquerschnitten, doch stehen diesen Vorteilen schwerwiegende Nachteile, wie schlechte Beheizbarkeit, Gebäudesicherung und -unterhaltung usw. gegenüber. Die Fabrik fungiert als Medium, als Projektionsfläche eines bestimmten Kulturbegriffs: Die Alternativkultur der 70er Jahre hatte eine stark politische Prägung. Die Kulturarbeit in einer Fabrik war eine Modellsituation, in der die nicht eingelösten Ideale der 68er praktisch umgesetzt werden sollten. In der Fabrik als "rote Burg" vereinigte sich die "neue Linke" der 68er mit der "alten Linken" der Arbeiterschaft. Die 80er Jahre entdecken die "Ästhetik des Zerfalls": Der ruinöse Zustand von Fabrikgebäuden steht für das vermeintliche Ende des Industriezeitalters. In dieser Dekade steht die Auseinandersetzung mit der Industriekultur, -architektur, Unternehmensge- schichte, der "Industriebarone" und Fabrikpatriachen als epochale Phänomene im Vordergrund. In den 90er Jahren sind Kulturfabriken so etabliert und ihre Akzeptanz so groß, dass sie sich in den wirtschaftlichen Prozess wieder eingliedern lassen. Statt freier Initiativen und Vereine häufen sich GmbH und kommunale Träger als Rechtsformen der Kulturfabriken. Die Fabrik ist der Garant eines wirtschaftlichen Kulturbetriebs. Die spezifische Atmosphäre wird zunehmend künstlich hergestellt und vermarktet. Einmal mehr wird in der Fabrik produziert und gearbeitet." (Arne Winkelmann, Dipl.-Ing./Kulturwissenschaftler, Spezialist für Industriearchitektur in Deutschland)

Dienstag,03.12.2002, 20:00 Uhr, ACC
Eintritt: 3€ / 2€

Anne Dressen und Arne Winkelmann sind zwei von 22 Referenten eines dreitägigen internationalen Architektursymposiums in Leipzig. Teilnehmer: Architekten, Soziologen, Medien-Philosophen und Kuratoren. Frank Motz, ACC Weimar, ist einer der Organisatoren und hat Dressen und Winkelmann dafür gewinnen können, ihre Wortbeiträge für Leipzig auch in Weimar vorzustellen (konkreter Bezug: e-werk weimar).

Im Ergebnis der Auseinandersetzungen innerhalb des harten Kerns der Visionäre, die die behutsame Revitalisierung des ehemals größten Industriebetriebes im Leipziger Westen betreiben, standen vier Überschriften, die zur Idee des Symposiums führten. Experten und Betreiber schon "funktionierender" Kulturfabriken werden dort Fragen diskutieren und versuchen, Wege aufzuzeigen, die klärend und beispielgebend für Kämpfer an der Umnutzungsfront sind: 1. Welche Erwartungen werden an Kunstinstitutionen des 21. Jahrhunderts gestellt? 2. Wie entstehen aus Industriebrachen Kunstzentren? 3. Wie Architektur sozial denken kann. 4. Die Geschichte der Baumwollspinnerei Leipzig. Das Symposium bietet das Diskussionsforum für ein öffentliches, kollektives Brainstorming zum Thema

Wie Architektur sozial denken kann.

Symposium im Rahmen des Forschungsprojektes Halle 14 der Stiftung Federkiel für zeitgenössische Kunst und Kultur, 4.12. bis 6.12.2002, Leipziger Baumwollspinnerei, 04179 Leipzig, Spinnereistraße 7, Halle 14, 3. Stock. Kontakt: Doreen Mende, Tel. 0341/4980125, s@federkiel.org, http://www.baumwollspinnerei.com Die Stiftung Federkiel ist Herausgeber der Zeitung "vierzehn" (Halle 14 der Baumwollspinnerei), die zum Symposium erstmalig erscheint. In dieser ersten Ausgabe sind ausführliche Informationen über das Symposium und seine Referenten(innen) enthalten. Die Zeitung ist ebenfalls im ACC Weimar erhältlich. Kontakt: Karin Schmidt, Tel. 03643/851261(Auszug aus einem der Texte der Zeitung "vierzehn" in diesem Faltblatt).

Die Frage, ob die "betroffenen" Städte die Umnutzung ihrer als Altlast verstandenen und oft ungeliebten Industriebrachen in Kulturfabriken ernst nehmen und die sich damit eröffnenden Chancen erkennen, ist hier in Weimar bezogen auf das E-Werkgelände ebenso präsent, und, in kleinerem Maßstab, aber mit ähnlichen Problemen belastet, wie die "Resozialisierung" der Baumwollspinnerei Leipzig (Suche nach Finanzierungspartnern, schonender Instandbau trotz notwendiger Modernisierungen, die logistische Anbindung an die Stadt, Gewinnung von Mietern...). Leerstehende Industriebrachen, ehemalige Fabriken, die, wie auch in Weimar, direkt in den Zentren der Städte ihre Standorte haben und deren Rückführung in ein urbanes Stadtgefüge unsere europäischen Nachbarn ebenso beschäftigt, sind Wachstums-Zentren hochambitionierter kultureller Aktivitäten und "Brutstätten" künstlerischen Nachwuchses. Konkret für Weimar: Hier soll das Augenmerk erneut auf die seit einigen Jahren mit viel Kraft und Ausdauer der Aktiven betriebene Rückführung des Gesamtgeländes des ehemaligen E-Werks als ein Kulturstandort in die Stadtlandschaft gelenkt werden. Die Rückführung stockt seit längerem an vorerst einem Baustein: der Genehmigung, das Straßenbahndepot als Austragungsort von Kultur und Kunst nutzen zu können. Für die Forcierung und Förderung braucht der e-werk weimar e.V., das ACC ist Mitglied, weitere kompetente Partner. Ein Teil der Arbeit ist der ständige Kontakt zu den Nachbarn und "Vorgesetzten" und der Blick über den Zaun. Die daraus erwachsenen Kontakte sollten die Verantwortlichen der Stadt schon davon überzeugen, dass die Visionen und Aktivitäten des e-werk weimar e.V. realen Boden haben. Dazu soll auch der Abend im ACC am Dienstag, 3.12.2002, 20 Uhr, mit den Vorträgen von Anne Dressen und Arne Winkelmann dienen. Kurz zur Erinnerung: Die wechselvolle Geschichte des E-Werks Weimar wird seit seiner Erstbesetzung durch das ACC 1995 von Künstlern und Kulturarbeitern, Institutionen wie der Bauhaus-Universität, von Künstlern der Region und des In- und Auslandes weitergeschrieben. Der Kulturbetrieb E-Werk ist zunehmend attraktiver geworden und schließt eine Lücke im Profil Weimars. Das instandgebaute Straßenbahndepot ist seit Bauabschluss am 31.10.2001 in den Startlöchern. Bei endlich erfolgtem Startschuss, sprich Bauabnahme, kann die schrittweise Resozialisierung des E-Werks mit seinem vorhandenen Kapital an Gebäuden und Landschaft, jetzt noch am "Stadtrand" liegend, endlich Formen annehmen. (Barbara Rauch) Kontakt e-werk weimar e.V.: Barbara Rauch, mobil 03643/258819, Dirk Heinje, mobil 0177/3471981