plus zur Ausstellung STADTRUNDFAHRT

Im Rahmen der Ausstellungen des ACC erfahren Sie in Vorträgen und anschließenden Gesprächen von Laien, Wissenschaftlern oder Fans wissenswertes und ergänzendes zu den jeweiligen Ausstellungsthemen, Kunstrichtungen oder verwendeten Materialien und Arbeitsstilen der ausstellenden Künstler. Zur Ausstellung STADTRUNDFAHRT stehen folgende Vorträge auf dem Programm:

Nr. 1: Morgenfrisch gepflegt, den ganzen Tag
Oder: Vom Verschwinden des Hygiene-Beutels aus dem Alltag und dem Erscheinen des Tampons in der Werbung", Vortrag+Gespräch mit Gesine Krüger, Hamburg
Eine Fotoserie mit Hygiene-Beuteln von Naomi Tereza Salmon gab den Anlaß zu diesem Vortrag. Hygienebeutel sind praktische Gegenstände, die zunehmend aus dem Alltag der Frau verschwinden. Warum ist das so, wenn doch andererseits Werbung für Tampons und Binden bereits zum Frühstück aus Radio und TV schallen. Belehrend, schamhaft, schamlos. Warum wird, bei anhaltender Warnung davor, "so etwas" in die Toilette zu werfen - entsorgen Männer nicht ihre Hervorbringungen ohne je einen Gedanken an überaltete Bleirohre zu verschwenden ganz selbstverständlich in Toiletten - die einfache Handreichung des Hygienebeutels verweigert. Der alltägliche Vorgang der Menses wird einerseits öffentlich bis zur Schamlosigkeit verhandelt und andererseits im Praktischen zum Privatproblem der betroffenen Frau erklärt, die an öffenlichen Orten in den "kritischen Tagen" hilflos Auswege sucht. Der Vortrag befaßt sich nicht nur mit der Formenvielfalt der Beutel, sondern mit der These, daß die Menses so ziemlich das einzige ist, was heute nicht visuell dargestellt wird und, immer noch, bei gleichzeitiger völliger Schamlosigkeit, mit einem - archaischen - Tabu belegt ist.
Mittwoch, 20.5.98, 21 Uhr, Große Galerie. Eintritt: 5 DM/4 DM

Nr. 2: Weimar von unten
Das Weimarer Abwasserkanalnetz, seine Historie, sein Nutzen und seine Zukunft.
Vortrag+Gespräch mit Reinhard Thiersch, Kanalmeister im Abwasserbetrieb Weimar.
Weimar liegt an der Ilm. Wer kennt schon die Lotte, das erheblich dominantere fließende Gewässer der Stadt? Deren Abwassersystem reicht bis in Goethes Zeit zurück. Seither schwoll das unsichtbare Bauwerk des Kanalnetzes zu einer Länge von 250 km an, 5 km davon begehbar. Von allen genutzt und von den wenigsten wahrgenommen durchzieht es Weimars Untergrund. Auf Anfrage führt Kanalmeister Thiersch vom Weimarer Abwasserbetrieb Interessenten in das Labyrinth der Unterwelt und erzählt von der Überwölbung der Lotte, Herzog Carl Alexanders Kanalerweiterungsplänen nach englischem Vorbild und und der aufbruchlosen Sanierung des Kanalsystems. Unbemannte Inspektionskamerafahrzeuge brachten Anfang der Neunziger erstmals Licht in die düsteren Abwasseradern und zeichneten auf, was bis dato im Verborgenen lag. Diese Videoaufnahmen inspirierten Claus Bach zu seiner STADTRUNDFAHRT, einer Videoreise durch die unterirdischen Kanäle der Kulturstadt, die zwar offizielle motorisierte Führungen nicht ersetzen, aber reizvoll ergänzen kann. Die Arbeit wird im Rahmen der gleichnamigen Ausstellung vorgestellt. Am Vortragsabend wird der Kanalisationschef zusätzlich Einblicke in Weimars Kanalpläne und Auskünfte über das technische Know-how der Abwasserwirtschaft geben und von seinen Erlebnissen mit der geheimnisvollen Röhrenwelt berichten.
Donnerstag, 28.5.98, 21 Uhr, Große Galerie, Eintritt: 5 DM/4 DM

Nr. 3: Der Faltbeutel
Dr. Caroline Buchartowski ist Kunsthistorikerin und Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Soziologie und Sozialgeschichte der Stadt an der Bauhaus-Universität und setzt sich oft mit Themen der Alltagskultur auseinander.
Vortrag+Gespräch
Dieser Vortrags- und Gesprächsabend ist ausschließlich einem Gegenstand gewidmet: dem Dederon-Beutel. Das Tragbehältnis aus der Kunstfaser Polyamid existierte zunächst seit ca. Mitte der sechziger Jahre in beiden Teilen Deutschlands. Wegen seines hohen Gebrauchswerts und auch aus Mangel an Alternativen genoß diese Tragetasche in den neuen Bundesländern bis 1989 allgemeine Beliebtheit. Grell oder dezent bunt, geblümt, gestreift, kariert, passend zum Kleid oder Kittel wurde der "unechte" Stoffbeutel zum Transporteur aller möglichen Waren. In der BRD wurde der Markt jedoch bald von Tragenetzen und Plastikbeuteln eingenommen. Nach einer erläuternden Einführung zum Produktionsverfahren und Verteilersystem der Beutel in der DDR könnte ein Gespräch über Erinnerungen, die der Beutel transportiert, entstehen. Darüberhinaus stellt sich mit Blick auf die Gegenwart die Frage: Hat der Blümchenbeutel eigentlich eine Überlebenschance? Als Anschauungsmaterial und Ausgangspunkt eines Meinungsaustauschs kann Naomi Tereza Salrprint-Serie "DDR-Beutel 1:1" im Vortragsraum dienen. Auch Beutelhasser sind recht herzlich eingeladen.
Freitag, 12.6.98, 21 Uhr, Große Galerie, Eintritt: 5 DM/4 DM