RAND19: Im Kern modern?

RAND_gespräche zur Architektur

Die Vortrags- und Gesprächsreihe beleuchtet den Zusammenhang von Architektur und Alltag, Architektur und Lebenswirklichkeit. Im Dialog mit Fachleuten anderer Disziplinen soll Architektur in Bezug zu ihren Grenzbereichen herausgestellt werden.

Veranstalter: Weimarer Architektenteam in Koop mit dem ACC

www.rand-gespraeche.de

Dr. Wolfgang Voigt, Frankfurt/M.

Ein neuer Blick auf einen notorischen Reaktionär am 16.12.
Ein neuer Blick auf einen notorischen Reaktionär am 16.12.

"Though an outspoken enemy of Die Neue Sachlichkeit, Schmitthenner claims Modernity () His larger buildings are in a half-modern tasteful style, much better than much work in Germany, more modern in intention." Paul Schmitthenner (1884-1972) ein Moderner, kann das sein? Diese 1933 gedruckten Sätze stammen immerhin von einem, der es wissen muss - von Philip Johnson. Und zwar nicht von dem postmodernen Johnson der 1980er Jahre, sondern von dem frühen Johnson, der zwei Jahre früher zusammen mit Henry-Russell-Hitchcock in einer epochalen Ausstellung im New Yorker MoMA definiert hatte, was fortan als "Internationaler Stil" in der Architektur zu gelten hatte.

Über Schmitthenner erfährt man in den Standardwerken der Baugeschichte kaum mehr, als dass er Häuser baute, die stark an Goethes Gartenhaus in Weimar erinnern, dass er fast die Weißenhofsiedlung verhindert hätte und dass er als Reaktionär zu bezeichnen sei. Tatsächlich ist die Sache komplizierter.

Wolfgang Voigt ist der Autor der 2003 im Deutschen Architekturmuseum veranstalteten Ausstellung über Paul Schmitthenner, die zu einer Neubewertung des Architekten geführt hat. Schmitthenner war ein charismatischer Architekturlehrer, dessen Doktrin "Gebaute Form" viele Anhänger fand. Seine Versuche zur Industrialisierung und Verbilligung der Kleinwohnung in Stuttgart waren offensichtlich erfolgreicher als die von Gropius in Dessau. Seine Parteinahme für die Nationalsozialisten dauerte nicht lange. Was wenige wissen: spätestens 1938 war Schmitthenner ein subtiler Kritiker Albert Speers und der Maßstablosigkeit der NS-Architektur, der bis 1943 seine Botschaft in Vorträgen und Schriften in kaum chiffrierter Form an sein Publikum brachte.

Dr. -Ing. habil. Wolfgang Voigt, geboren 1950. Architekturstudium, Promotion und Habilitation an der Universität Hannover. wiss. Mitarbeiter an der Hochschule Bremen (1979-81), Hochschule für bildende Künste Hamburg (1986-95), dort Vertretungsprofessur 1993/94.

Seit 1997 stellvertretender Direktor am Deutschen Architekturmuseum, Frankfurt am Main. Dort Ausstellungen und Monografien zu Heinz Bienefeld, Helmut Jacoby, Paul Schmitthenner, Dominikus Böhm, Gottfried Böhm, Sinan, Neue Architektur in den neuen Bundesländern.

Eigene Forschungen und Publikationen über Makroprojekte der Moderne (Atlantropa. Weltbauen am Mittelmeer, 1998), Architektur und Exil, Normung in der Architektur (Ernst Neufert), Traditionalismus und Moderne, Entstehung der Bauaufgabe Flughafen.

Dienstag, 16.12.2008, 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar
Eintritt: frei!