Kulturforschungsetüden. Neue Texte aus der fröhlichen Wissenschaft.
Lesungen aus Sachbüchern

Die Geopolitik der Literatur. Eine Vermessung der medialen Weltraumordnung

Kulturforschungsetüden.
Neue Texte aus der fröhlichen Wissenschaft.

Lesungen aus Sachbüchern

ACC-Reihe, Lesungen aus noch druckfrischen, unterhaltsamen, informativen Sachbüchern.

Veranstaltungen in der Regel zweimal im Monat donnerstags, 20 Uhr, ACC Galerie Weimar.

Zusammenarbeit: ACC, Dr. Markus Krajewski, Bauhaus-Universität Weimar

Niels Werber
Niels Werber

Niels Werber, Bochum/Berlin

Geopolitik, das ist politische Praxis, die in ihr Zentrum das Land, die Erde als Boden, stellt. Es geht, wie Niels Werber in seinem jüngst erschienenen Buch ausführt, um die Beanspruchung bestimmter Räume, die ein politisches Subjekt zu benötigen meint, sodass es sie vor Fremden verschließen oder diese aus ihnen vertreiben muss: Wird der falsche Ort beansprucht, werden Freunde zu Feinden. Geopolitik wird also mit einiger Wahrscheinlichkeit bei begrenzten Raumressourcen zum Krieg oder zumindest zur Unterwerfung führen.

Werber nun schlägt eine Brücke zu den für Schmitts "Nomos der Erde" überaus wichtigen Begriffen "Land" und "Meer", bereitet so auf seine Lektüre von Gustav Freytags "Soll und Haben" sowie Herman Melvilles "Moby Dick" vor, jeweils Exempel für die literarische Diskursivierung gekerbter Raum/Land bzw. Meer/glatter Raum. An Freytag schließt Werber Thomas Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen", die, während des Ersten Weltkrieges publiziert, bekanntlich so unpolitisch nicht sind, und folgt diesem Diskurs in die Literatur der 20er und 30er am Beispiel von Arnolt Bronnens Blut-und-Boden-Porno "O.S.". Sciencefiction respektive Fantasy ist dann das Stichwort, um den erfolgreichsten Roman des 20. Jahrhunderts einzuführen, der in den 40er-Jahren geschrieben wurde: Tolkiens "Herr der Ringe".

All das sind Geschichten, die - ähnlich wie bereits Freytag - die Geopolitik mit als rassistisch verstehbaren Stereotypen aufladen und so eine Art "Geobiopolitik" betreiben.

Überzeugend zeigt Werber die lange Dauer der Diskurse über Raum, Krieg und die Geschichte der Medien. Eine historische Tiefendimension erscheint und zeigt das räumlich Reale eines politischen Diskurses auf, der sich ansonsten häufig um abstrakte Vokabeln wie Demokratie und Menschenrechte dreht.

Niels Werber ist als Literaturberichterstatter gewandt und versteht, mit ironischen Wendungen zu unterhalten. Gut und wichtig ist auch die Ursprungsintention des Textes, den raum- und körpervergessenen Apologeten eines Cyberspace, der uns die Freiheit von politischer Repression bringen soll, etwas entgegenzusetzen, nämlich zu zeigen, dass die Computer immer noch irgendwo stehen und eine Pizza essende Wetware dahinterhängt - die immer noch anfällig ist für den Zugriff der Macht im Raum. Diese Absicht ist mit dem angedeuteten Material überzeugend umgesetzt worden. So ist es eine Studie für alle, die Interesse an der Verbindung "Literatur, Medien und Politik" haben.

Donnerstag, 01.11.2007, 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar
Eintritt: 3 € / erm.: 2 € / Tafelpass: 1 €