Kulturforschungsetüden. Neue Texte aus der fröhlichen Wissenschaft.
Lesungen aus Sachbüchern

Passagiere und Papiere

Kulturforschungsetüden.
Neue Texte aus der fröhlichen Wissenschaft.

Lesungen aus Sachbüchern

ACC-Reihe, Lesungen aus noch druckfrischen, unterhaltsamen, informativen Sachbüchern.

Veranstaltungen in der Regel zweimal im Monat donnerstags, 20 Uhr, ACC Galerie Weimar.

Zusammenarbeit: ACC, Dr. Markus Krajewski, Bauhaus-Universität Weimar

Schreibakte auf der Schwelle zwischen Spanien und Amerika (1530-1600)
Bernhard Siegert, Weimar

Passagiere und Papiere

Lesung und Gespräch mit dem Autor. Passagiere und Papiere ist ein Buch über eine vergessene Urszene der Moderne: die Erfindung des Untertanensubjektes in bürokratischen Ritualen der Narrativierung, in denen die Maske zum Träger der Person und Wirklichkeit unlösbar an ihre papierene Repräsentation gebunden wird.

Passagiere und Papiere ist ein Buch über eine vergessene Urszene der Moderne. In den bürokratischen Ritualen der Narrativierung und Verschriftlichung, durch die all jene infamen Menschen in den Status von legalen Personen initiiert wurden, die an Bord eines Schiffes nach Amerika gehen wollten, wird nicht nur das moderne Untertanensubjekt erfunden, sondern wird auch die Maske zum Träger der Person und Wirklichkeit unlösbar gebunden an ihre papierene Repräsentation.

Dr. Bernhard Siegert, Professor, Lehrstuhl für Geschichte und Theorie der Kulturtechniken, Fak. Medien, Bauhaus-Universität Weimar.

Gast ist Prof. Dr. Raimar Zons, Gesamtleiter des Wilhelm Fink Verlags, Paderborn, der zu dieser Buchpräsentation nach Weimar kommt und eine Einführung zum Buch geben wird.

Passagiere und Papiere. Wilhelm Fink Verlag | 2006

Bernhard Siegert rekonstruiert anhand bisher kaum erforschter Quellen aus dem Archivo General de Indias in Sevilla die Ritualeund Prozeduren der Legitimation, der Narrativierung, der Registrierung und der Fiktionalisierung, die all jene durchlaufen mußten, die im 16. Jahrhundert an Bord eines der Schiffe nach Amerika gehen wollten. Auf der anderen Seite des Ozeans schließlich verzahnen sich die Passagierlisten mit Einwohnerverzeichnissen und Siedlungstopographien. Das Seßhaftmachen der Passagiere bringt rasterförmige Register und registerförmige Raster ins Spiel, die das ¯Am-Platz-Sein® von Menschen an ein ¯Am-Platz-Sein® von Lettern binden.

Der Krieg der spanischen Krone gegen die eigene Bevölkerung im 16. Jahrhundert, gegen konvertierte Juden und Mauren, aber auch gegen Arme und Vagabunden, produziert an der Schwelle zur Neuen Welt eine immense kleine Literatur: Ausreiseanträge, Verhörsprotokolle, Zeugenaussagen, Passagierlisten.

Von 1535 an durfte niemand mehr in Sevilla ein Schiff besteigen, der nicht vorher in schriftlicher Form vor einem Richter schriftliche Zeugnisse von seiner Identität, seiner Herkunft, seinem anständigen Leben, seinen Narben und Malen erbracht hatte. Das Indienhaus, die ¯Casa de la Contrataci¢n®, wurde so zu einem der ersten Orte in Europa, wo das Beschrieben- und Ezähltwerden aufhörte, ein Privileg der Mächtigen zu sein, und anfing, ein Mittel der Überwachung und der Kontrolle zu werden.

Donnerstag,26.10.2006, 20:00 Uhr, ACC
Eintritt: 3 € / erm.: 2 € / Tafelpass: 1 €