installation

Geist ist Geil

Begehbare Installation von Cornel Wachter auf dem Burgplatz in Weimar. 23.8. bis 14.9.2003. Eröffnung am 23.8 um 15:00 Uhr. Verlängert bis 13.10.2003

Cornel Wachter, Künstler/Köln

Dienstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Eintritt frei! Führungen sonntags 15 Uhr. Mit freundlicher Unterstützung des Forstamts Bad Berka, des Schauspielers Ralf Richter, der Stadt Weimar

Eintritt: frei!

Cornel Wachter, Geist ist geil, Foto: Cornel Wachter
Cornel Wachter, Geist ist geil, Foto: Cornel Wachter

Wachter errichtet mit Hilfe des Forstamts Bad Berka mitten auf dem Burgplatz vor der ACC Galerie für die Zeit des Kunstfests Weimar 2003 einen Hochstand. In den Hochstand hinaufgestiegen bietet sich dem Besucher ein klassisches Weimarer Bild mit altehrwürdigen Häusern, dem Bibliotheksturm im Hintergrund, beginnendem Goethepark, dem Burgzugang und mit ein wenig Glück einer Menschenschlange, gebildet von Touristen aus aller Welt. Über diesem Weimarer Gemälde liest der Hochstandbezwinger den "Übertitel", welchen der Künstler für dieses Bild wählte und auf eine Plexiglasscheibe geschrieben ins Zentrum des Ausschnitts setzt: "Geist ist geil".

Cornel Wachter, Installation am Burgplatz in Weimar
Cornel Wachter, Installation am Burgplatz in Weimar

"Geist ist geil" oder, wie ein altes toskanisches Sprichwort sagt, "Die Unwissenheit ist der Feind der Kunst". Aus der Zeitung, aus dem Fernsehen, aus dem Radio schreit uns seit einiger Zeit ein halbnacktes Mädchen in aggressivem Ton an: "Geiz ist geil". Das wirkt stärker und nachhaltiger als "0190 - Ruf mich an!". "Der Geiz sei männlichen Geschlechts", erfahren wir im Faust II. des Johann Wolfgang von Goethe. Aha, der Slogan "Geiz ist geil", von halbnacktem "Tankgirl" gekräht, ist sicher eine Erfindung aus männlichem Werberhirn. Das Reinfallen auf den Spruch der Elektroketten ist aber geschlechtsunspezifisch, ist Zeitgeist, dem sich jeder anschließen kann. Nur wer spart kommt weiter, kommt zu etwas. Große Prozentzeichen im Schaufenster, megagünstige Snacks, Schnäppchenangebote, Billigflieger, Billigvorwahlen und die Happy-Hour locken den Konsumenten schon länger ins und zum Geschäft. Mit ebay dreht eine halbe Nation am Schnäppchenrad. Aber "Geiz ist geil" markiert die Spitze des Wahns um die günstigste aller günstigsten Gelegenheiten, die man sich bitteschön nicht zu entgehen lassen hat, will man nicht Gefahr laufen, als uncool oder unclever enttarnt zu werden. So entsteht die bittere Wahrheit zum Spruch "Den Preis von allem kennen, aber den Wert von gar nichts". Der Inhalt ist nicht wichtig, "dabei sein ist alles", aber bitte nicht im olympischen Sinne, sondern immer auf den vordersten, den billigsten Plätzen. "Was hat mein Handy mit dem Krieg im Kongo zu tun?", fragt eine Broschüre der evangelischen und katholischen Hilfswerke wie Brot für die Welt, Misereor oder dem Netzwerk Afrika- Deutschland. Aber wer will das schon hören in freudiger Erwartung der neusten bilderübermittelnden Funktelephone. Die Frage nach dem Bedarf an diesen amüsierenden Neuerungen, nach der Notwendigkeit dieser Produkte, stellt nur der Spielverderber. Was zu Ernst Blochs Zeiten galt, gilt gerade jetzt: "Die Ware will lackiert sein, der Käufer mit ihr. So gefällt ihm, was er sich gefallen lässt". Längst gaben Kommentare großer Magazine Aufklärung darüber, dass die herausgeschrieenen, vermeindlich günstigen Angebote der großen Ketten oft von zahlreicher "stiller Konkurrenz" unterboten werde. Die Kampagne suggeriert das Schnäppchen, die Möglichkeit zum "Schnapp", wie der Kölner sagen würde und sie ist es, die den Konsumenten erst auf die Spur des Objekts seiner Begierde bringen soll. Die Kampagnen führen schrittweise zur "Verfügung über den Konsumenten", wie Horkheimer und Adorno es aus zu drücken pflegten. Hiermit sind wir bei der Installation "Geist ist geil" des Kölner Künstlers Cornel Wachter. Wachter nähert sich mit seiner Arbeit in der Zeit des Kunstfests Weimar der Frage nach den Gründen der tausendfachen touristischen Reisen in die Stadt der Klassiker, des Bauhaus, der Kunst und Kultur. Was hat man ihnen versprochen? Was halten die Slogans der Reiseveranstalter? Was bietet man ihnen? Gilt auch hier das Gebot der Stunde, sparen um jeden Preis? Was ist der Reisende bereit zu investieren? Die Kulturreise als selbsttäuschendes "Mimikry" oder ist mehr drin? Wachter errichtet mit Hilfe des Forstamts Bad Berka mitten auf dem Burgplatz vor der ACC Galerie für die Zeit des Kunstfestes einen Hochstand. In den Hochstand hinaufgestiegen bietet sich dem Besucher ein klassisches Weimarer Bild mit altehrwürdigen Häusern, Bibliotheksturm im Hintergrund, beginnendem Goethepark, Burgzugang und mit ein wenig Glück einer Menschenschlange, gebildet von Touristen aus aller Welt. Über diesem Weimarer Gemälde liest der Hochstandbezwinger den "Übertitel", welchen der Künstler für diese Bild wählte und auf eine Plexiglasscheibe geschrieben ins Zentrum des Ausschnitts setzte: "Geist ist geil". Der Beobachter der Szene ist nun keines Falls außen vor, auch er ist Teil des Ganzen, auch er darf sich nach seinen Motiven für seine Reise nach Weimar oder als Weimarer durch seine Stadt fragen. Auch Wachter erging es einst wie jährlich Abertausenden Reisenden, Weimar zog ihn durch seinen Ruf als Ort des Geistes, der Klassik, der Kunst und Kultur an. Doch erst die intensive, jahrelange Auseinandersetzung mit der Stadt und seinen einstigen und jetzigen Bewohnern offenbarte ihm die Gewissheit "Geist ist geil". Der gefundene "Inhalt" förderte ein Aufgeklärtes Denken und band es unabtrennbar an den Gedanken der Freiheit. So versteht sich seine Installation als Hommage an die Stadt und die Kulturschaffenden und Kulturbewahrenden. Aber auch als Aufforderung der Busfahrt nach Weimar eine zweite, dritte Reise und sei es nur vor dem geistigen inneren Auge folgen zu lassen. Denn heute gilt wie ehedem, frei nach Lichtenberg, wenn ein Affe in ein Buch schaut, schaut kein Apostel hinausschauen. Bleibt das Buch also zu hätte man sich die Reise auch "sparen" können. (Cornel Wachter)