herzblut:
Stephan Kurr, Berlin: Müßiggang ist aller Anfang

HERZBLUT
Vortrags- und Gesprächsreihe zu zeitgenössischer Kunst. Zusammenarbeit von Kunstsammlungen zu Weimar, Bauhaus-Universität Weimar und ACC Weimar
Ein Vortrag des Künstlers Stephan Kurr über das, was Künstler beruflich machen.

Ein Vortrag von Stephan Kurr über das, was Künstler beruflich machen. Profi oder Amateur: "Kunst gehört zu den Gütern, die anderen als denen, die sie produzieren und erwerben, nützen. Professionalität bedeutet heute wirtschaftlich zu handeln. Für das System Kunst (ähnlich wie für die Systheme Recht, Politik, Wissenschaft) ist es jedoch überlebenswichtig, die eigene Bewertung von der wirtschaftlichen Bewertung getrennt zu halten. Die Eigenständigkeit der Kunst muss in jedem Fall unter Beweiß gestellt werden, und dazu gehört Abgrenzung gegenüber der Käuflichkeit. Amateure sind (franz.) Liebhaber. Sie tun etwas um ihrer selbst Willen. Wirtschaftlichkeit ist irrelevant. Der Reiz einer Vielzahl von Sinnen ist die Antriebsfeder und führt wie in der Kunst über das erste Geschmack finden zum steigenden Konsum. Immer größere Kenntnisse und Erkenntnisse und die Schulung der Sinne eröffnen erst den Reiz und die Lust an der Tätigkeit. Die anfängliche Zuneigung wird zur Sucht..." Selbstausbeutung verweigern!: "In einer neoliberalen Marktwirtschaft ist Selbstausbeutung das Symptom, unter dem alle selbstständig tätigen Menschen leiden. Dieses Wirtschaftssytem strebt an, dass möglichst viele Menschen eigenständig arbeiten. Diese Menschen sind absolut engagiert, denn sie arbeiten für ihre eigene Sache. Wirtschaftlicher Misserfolg kann und muss, weil er häufig existenzbedrohend ist, durch zusätzlichen Arbeitseinsatz ausgeglichen werden. Kein Arbeitsschutzgesetz greift gegen Selbstausbeutung, da diese Form der Ausbeutung aus freiem Willen geschieht. KünstlerInnen haben eine Vorbildfunktion. Sie sind die Idealtypen des selbstbestimmten Menschen und somit gleichzeitig Projektionsfläche für neoliberales (selbstbestimmtes) Wirtschaften. KünstlerInnen sind neben sozial tätigen Menschen besonders von Selbstausbeutung betroffen. Ihre Arbeit wird häufig überhaupt nicht bezahlt. KünstlerInnen arbeiten häufig doppelt (Doppelbelastung): Sie sehen ihre künstlerische Tätigkeit als notwendig an und arbeiten zusätzlich für Geld, um sich und ihre Kunst finanzieren zu können, vergleichbar mit Müttern, die ihre Kinder erziehen und zusätzlich diese und sich selbst finanzieren. Kunst wird zweifach als Wettbewerb verstanden. Im "sportlichen" Wettstreit werden die "Besten" ermittelt und mit Kunstpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Gleichzeitig versteht sich auch der (Kunst-)Markt als Wettbewerb und Konkurrenz im ökonomischen Sinne. Gemeinsam handeln verändert den Wettbewerb, zeigt, dass es gesellschaftliche (gemeinsame) Belange gibt und wendet sich somit auch gegen die Privatisierungstendenzen der neuen Ökonomie." (Stephan Kurr, Reflektionen des Berufsbilds "Künstler") Zwei Titel seiner künstlerischen Aktionen, Referate und Seminare. Infos: http://www.haben.ch, http://www.zig-1000.de, http://www.arbeit-ueber-arbeit.de, http://www.a-site.org

Herzblut: Vortrags- und Gesprächsreihe zu zeitgenössischer Kunst. Zusammenarbeit von Kunstsammlungen zu Weimar, Bauhaus-Universität Weimar und ACC Weimar

Mittwoch,11.12.2002, 20:00 Uhr, ACC
Eintritt: frei!

"(...) Künstler haben sehr oft die Beziehung zwischen Geld und Kunst thematisiert. Sie haben aus künstlerischer Sicht das Geldsystem kritisiert oder das Kunstmarktsystem, oder sie haben gezeigt, dass sie die Analogien verstehen und ironisch brechen und unterlaufen, unter anderem dadurch, das sie Prozesse in Gang setzten, die einen Vorrang der Kunst und Kultur über die Wirtschaft behauptet haben. Ein spannender Grund liegt sicherlich in der Frage der Bewertung von Qualität (was hat warum einen Wert?) und der Skepsis gegenüber den Mecha- nismen des Marktes. (...)." (Hans-Peter Miksch, Geld oder Kunst? Vorwort zum Katalog der Ausstellung "WährungsTausch", in der Stephan Kurr mit einer Arbeit vertreten ist. kunst galerie fürth, 8.11. bis 8.12.2002)

Stephan Kurr: (*1961, Nürnberg), lebt und arbeitet in Berlin. 1983-84 HdBK Kassel, 1985-91 AdBK Nürnberg, 1991 Absolventenpreis der AdBK Nürnberg, 1992-93 DAAD Stipendium, Jemen, 1993-96 Assistent von Prof. Werner Knaupp, 1996 Stip. zur Förd. des wiss. und künstler. Nachwuchses des Freistaates Bayern, 1998 Debütantenpreis des Berufsverbands Bildender Künstler Nürnberg, 1999 Kulturmanagementstudium an der BBW-Akademie Berlin, 2000 Mitbegründer des Ausstellungsraums sox36 Berlin, 2001 Visiting Artist an der Concordia University Montreal, 2003 Dozent einer Seminarklasse ("artist as profession") an der Concordia University, Montreal