Zu den einzelnen Arbeiten aus der Ausstellung Flotsam & Jetsam. Ballast und Treibgut

Universitätsgalerie im ACC
April 2001 bis Juni 2002

Schatzsucher im Müll:

Fernsehantennen verdichten sich mit ihren stacheligen, linearen Formen am Stadthorizont zu einem urbanen Gewächs. Was heute, in der Zeit von Kabelanschluss und Satellitenschüssel unbrauchbar erscheint, bleibt für die Bürger der ehemaligen DDR ein Symbol der Öffnung zum Rest der Welt.

Die Installation von Karo Kollwitz und Daniel Guischard besteht aus mehreren Antennen, diesmal im Aussenraum zu Vogelnistplätzen umfunktioniert.

Dorota Thometzek serviert Bandsalat in Form einer Videoinstallation. In Nahaufnahme wird ein Haufen Magnetband genüsslich aufgewickelt und verspeist. Verbrauchte Videobänder bilden, Vorhängen gleich, glitzend wie Girlanden den Rahmen der Installation, diesmal im Depotraum der Galerie.

Felix Ruffert: Zeichnungen und Objekte aus dem Labor zur Förderung der kollektiven Erinnerung (LFkE)., 2001, Foto: Claus Bach Als ein noch benutzbares Versuchslabor arrangiert Felix Ruffert ausrangierte DDR-Gegenstände in seiner Arbeit "mülllaboratorium.de". Geräte, deren ursprüngliche Funktionen in Vergessenheit geraten sind, erhalten hier einen neuen Sinnzusammenhang. In einer neuen Wandarbeit stellt er im Mülllaboratorium entstandene Zeichnungen, Texte und Objekte aus und arrangiert sie zu einer neuen Erzählung .

Marko Neumeister, Weißblech, 2001, Marc-Oliver Lau, o.T., 2001. Ausstellungsmöblierung.Foto: Claus Bach Marco Neumeister versteht sich als Maler. Er zeigt uns ein minimalistisches Bild aus Weißblechdosen. Die Dosen haben durch Glätten und Schleifen des Metalls eine liebevolle Behandlung erfahren und wurden en bloc zu einem Bild in variabler Grösse zusammengestellt.

Leonie Weber baute das Modell eines kleinen Lebensmittelladens in Chicago. Der mexikanische Laden besteht ganz aus dem Verpackungsmaterial, das die Künstlerin in diesem Gemischtwarenladen gefunden hat.

Ausrangierte, flackernde Leuchtstoffröhren, die kurz vor dem Absterben sind, werden von Stefan Baumberger in abgedunkelten Räumen zu jeweils neuen Installationen zusammengestellt. Der Flackereffekt und die Geräusche der Lichtquellen machen die Neonröhren zu fast lebendigen Organismen. In der ACC Galerie sind die Röhren "artgerecht" in einem Sicherungsraum untergebracht.

Liz Bachhuber zeigt eine Wandarbeit aus gebrauchten Kühlschranktüren der DDR-Marke "Kristall". Die Elemente der technisch veralteten Geräte werden mit einem Bild der Natur überlagert: Eine Schar auffliegender Wildgänse, aus den Türen ausgeschnitten, gekoppelt mit einer Lichtwelle impliziert die aufsteigenden Flugbewegungen der Vögel.

Claudia Herbst baut aus Medikamentenverpackungen Lampen, die auf den ersten Blick wie trashige, improvisierte Designobjekte wirken, gleichwohl aber die Komponente von Krankheit und Elend mittranspor- tieren.

Yuhei Watanabe malt und collagiert auf Planken eines zersägten Bildes. Grau in grau, in schlierigem Rosa und mit fauligem Grün malt er wie verwüstete Landschaften aussehende Bilder. Auf der Oberfläche dümpeln, Inseln gleich, Fundstücke: Bierdeckel, Zigarettenstummel etc. Die Bilder ähneln dem Blick auf eine Straßenecke im Winter.

René Kusche hat wochenlang Zigarettenstummel in Kneipen gesammelt. Diese zeigt er in sieben übergroßen Reagenzgläsern. Jedem Wochentag ist ein Glas zugeordnet. Kusche möchte damit eine Statistik des Rauchverhaltens aber auch der Müllproduktion durch diese Freizeitbeschäftigung aufzeigen.

Georg Riedel. Porzellan, 2001 Müll als Identitätsträger Einweggeschirr, bei der Konzeption schon als Müll gedacht und konzipiert, wird von Georg Riedel aus Porzellan hergestellt. Er übernimmt die uns allen wohlbekannten Formen von Plastikbecher bis Pommesschale und produziert sie für uns haltbar, edel und mit Goldrand.

Alexander Voigt, Kolonialisierung Alexander Voigt führt die Welt des Konsums und die Verpackungseuphorie in einer Installation aus hunderten selbstgenähter Fahnen vor. In einer neuen Arbeit ersetzt er die vier Fahnen vor dem Weimarer Rathaus durch eigene, aus Plastiktüten genähte Flaggen.

Alexander Voigt, Kolonisierung: "Mit dem Erwerb einer Fahne zur Kolonisierung werden Sie, lieber Kunstinteressent, Teilhaber bzw. Teilnehmer an einem Kunstwerk zur Kolonisierung der natürlichen Umwelt. Bitte befolgen Sie dazu diese Anleitung! 1. Erwerben Sie eine oder mehrere Fahnen. 2. Entdecken Sie einen geeigneten Ort zur Kolonisierung, z.B. Wiese, Blumenrabatte, Balkonkasten. 3. Kolonisieren Sie diesen Ort, indem Sie Ihre Fahne hissen. 4. Wenn Sie möchten, schicken Sie mir eine Nachricht und berichten über Ihre Erfahrungen während der Kolonisierung. Postadresse: Alexander Voigt, Pfeifferstr. 3, 99423 Weimar. email: fahnen@hotmail.com"

Mario Bierende, Verwandlung, 2001 Mario Bierende ist mit zwei Arbeiten vertreten. Erst auf den zweiten Blick sind die von ihm gesammelten Schmetterlinge als Replikate aus bunten Dosen zu erkennen. Hier sind sie in der Form einer liebevollen Hobbysamlung von Schmetterlingskästen zu betrachten.

Riesige Schleifscheiben aus dem Müllcontainer der Holzwerkstatt werden an der Wand zu Bildern. Zielscheiben mit unterschiedlichen konzentrischen Kreisen gleich, ziehen sie den Betrachter sogartig an.

Andrea Huhndorf, Bild aus der Ausstellung, Foto: Claus Bach Für kleine Reststücke von Seifen, geformt und abgewaschen durch den Kontakt mit Händen, Schmutz und Wasser hat Andrea Huhndorf purpurrote Filzkisten gefertigt. Darauf wirken die Seifenreste wie kleine, wertvolle Museumsstücke. In einer zweiten Arbeit sammelt die Künstlerin weggeworfene Notizzettel. Diese in eine Reihung gebrachte Botschaften werden zu einem Text: die unsichtbare Sprache der Menschen wird nun zum Dokument.

Nadia Marcin ist mit einer Arbeit im Außenraum vertreten. Ähnlich den vom Wind aufgewirbelten Plastiküten, die sich in Baumästen verheddert haben, hängt die Künstlerin Kleidungsstücke hoch in Baumwipfel. Eine beunruhigende Lumpensammlung weit außer Reichweite der Passanten entsteht. Geschmückte oder beschmutzte Stadtnatur?

Die Arbeit der Gaststudentin Akiko Oshima aus Nagoya, Japan, ist einTagebuch aus über hundert kleinen Pappschachteln, die sie je nach Tagesstimmung von innen andersfarbig bemalt hat. Hinzu kommt als Erinnerungsstück ein kleines Fundstück in das Kistchen, das diesem Tag seine einmalige Bedeutung gibt. Metaphorischer Umgang mit Müll.

Nina Lundström, Dust to Dust, 2001 Die Videoinstallation "Staub zu Staub" von Nina Lundström zeigt einen staubbedeckten Tisch und einen Stuhl, beide mit künstlich verlängerten Gliedmaßen. Auf einem Monitor ist zu sehen, wie eine Frau an dem erhöhten Tisch sitzt und das Unwichtigtste produziert: Staub und endlos viel Staub.

Katharina Hohmann, Eternity pieces, 2001, Foto Alexander Burzik (www.alexanderburzik.de) Katharina Hohmann beschäftigt sich in "Eternity pieces" mit dem Baustoff Asbest, dessen Name sich auf das Griechische Asbestos, "das Immerwährende" bezieht. Museal gerahmt, werden Fotografien von kleinen unbedeutenden wellasbesteingedeckten Häusern, Schuppen, Fabriken zu Ikonen immerwährender Schönheit. Inmitten dieser dokumentarischen Fotoserie steht eine tempelartige Skulptur. Als Träger von Errinnerungen an gelebtes Leben versteht

Peter Heckwolf seineSammlung von Besen. Er fotografiert detailgenaue Bilder, die diesen zerfledderten, zerzausten und krummen Besen eine letzte Ehre erweisen. Videomüll ist für

Tamara Pitzer das Material, das sie nicht benutzt hat. Zwar kann man Videos überspielen, Tamara aber sammelt ihre Reste und komponiert nun daraus einen Film aus Fetzen und Stücken, trash und zugleich Puzzlespiel auf der Gratwanderung zwischen Zufall und Manipulation.

Frank Petschull programmiert einen Computerpilz. Dieser wächst und schafft es binnen einer halben Stunde, den Bildschirm zu überziehen. Eine beängstigende Infektion macht sich breit und streckt ihre Mycelarme auf der Oberfläche aus.

Sophia Rasch überzieht Müll mit naturweißem Filz. Nun cremefarben, erscheinen die eingefilzten und damit wie weichgezeichnet erscheinenden Objekte wie merkwürdige Kissen, oder auch Pilze, aufgewertet und wie eine neue Natur.

Christoph Liebrich hat ein Computerprogramm geschrieben, das Datenmüll zerlegt und in Buchstaben zurückführt. Datenmüll, ausgesonderte Dateien, werden nun in die Buchstaben des Alphabets zurücksortiert. Diesen Vorgang des Zersetzens und Auffüllens kann man steuern, manipulieren, oder auch nur wohlwollend betrachten.

Anthony Rumbach veranschaulicht in seiner Installation Weitermachen die Körperausscheidung Atemluft. Die Installation besteht aus einem Haufen transparenter luftgefüllter Müllsäcke, die Zeugnis der eigenen Existenz zu sein scheinen. Dahinter aber verbirgt sich auch die Frage nach der Kunst und ihrem Sinn, nach dem Schaffen von künstlerischen Werken und dem Erzeugen von Bedeutung.

Raffa Bernabeu zeigt in Videocollagen Alltägliches aus eigener Beobachtung und Mitschnitte aus Fernsehübertragungen der letzten Monate. Er versucht über die Kombination von zwei Erfahrungswelten eine subjektive Collage. Die Erzählform seiner Videos ist sehr offen und bleibt in einem assoziativen Schwebezustand.

Müll und Funktion:

Marc-Oliver Lau findet Möbelstücke auf dem Weimarer Sperrmüll. Stühle, Bettkästen, Bänke. Besonders interessieren ihn Möbelstücke, die auf ein leeres Gestell reduziert sind. Der Desig- ner webt neue Bezüge aus ausgedienten Fahrradschläuchen um die hölzernen oder verchromten Skelette. Für die ACC-Galerie hat Lau noch einen schwarzen Teppich geknüpft, der jedem Wohnambiente einen neuen Blickfang hinzu addieren dürfte.

Martin Kuban konstruiert Gebrauchsgegenstände aus Alltagsmüll. Aus Milchtüten werden Lampen, aus Frischkäsebehältern werden Schubfächer in einem Schubladenregal, das aus einem Ortsausgangsschild gerfertigt ist. Ecomental, Recycling und Wiederaufbereitung von Weggeworfenen Marterialien, Verpackungen zur Konstruktion einer neuen minimalisierten Produktpalette. Martin Kuban wird mit seinen Designobjekten das Café/Restaurant bestücken.

Steffen Mittelsdorf ist mit zwei Arbeiten vertreten. Ein Teppich aus Milchtüten: buntes Tetrapackrecycling wird zum abwaschbaren Küchenläufer. Eine zweite sehr brisante Arbeit zeigt die in einer ehemaligen russischen Kaserne gefundenen Munitionshülsen, die Mittelsdorf fein säuberlich mit Blümchentapete umklebt. Die Tapete ist einerseits braves Zeugnis gutbürgerlicher Wohnkultur, wird im neuen Kontext aber Zeichen für die Destination jeder Waffe, nämlich dem Leben anderer Menschen ein Ende zu setzen, den Menschen anzugreifen, Bedrohung des Privaten, aber gleichzeitig auch das Private als Duldungsort für Weltkriege zu benennen.