Stephan Weitzel: Werdet, die ihr seid.

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von Stephan Weitzel

"Immer öfter ertappte er sich beim Gedanken, dass es keine Rettung für die Menschheit gibt. Ist das ein Versuch, die Verantwortung abzuwälzen?"
Elias Canetti, Das Geheimherz der Uhr

Nachdem ich gleich zu Anfang meines längeren Weimar-Aufenthaltes dennoch entschieden hatte, mir die Stätte des ehemaligen Lagers Buchenwald anzuschauen, begann ich Notizen zu machen, die dann in einen Artikel einflossen. Darin schilderte ich meine Ablehnung des inszenierten Gräuels - wie z.B. die Installierung neuer Stacheldrahtzäune, die Restaurierung brüchiger Dächer oder das auf Besucherkomfort orientierte Beheizen der Barackenzellen - und der immer noch vorausgesetzten Demut und Hörigkeit, die die widerstandslose Annahme dieser Form der Vergangenheitsschreibung fordert. Wohl wissend, auf welch vermintem Terrain ich mich mit einer Kritik des Nichtzukritisierenden besonders in diesem Lande bewegte, diskutierte ich - zur Pulsfühlung - einige meiner Punkte mit Menschen, die in Deutschland leben. Ich las nochmals aufmerksam Martin Walsers Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, 1998, die ich sinnvoll, notwendig, nützlich und sehr gescheit fand. Mir war schwer zu verstehen, was in dieser Rede seinerzeit die Polemik ausgelöst hatte, von der jeder weiß. Doch dann brach erneut das Fieber los, das die öffentliche Debatte in Deutschland um die Rede des MdB Hohmann kleidete. Ich war erfüllt von Zorn, von Traurigkeit, aber auch von Verständnis. Nicht der Rede, sondern der Reaktionen wegen, die für mich sehr viel mehr aussagen über das geistige Klima in Deutschland als der Ausdruck reeller antisemitischer Äußerungen oder derer, die oftmals mechanisch als solche abgestempelt werden.

Bei aller Meinungsverschiedenheit, die nicht zuletzt ein auf Parteipolitik gemünztes Denkschema erfordert, um sich selbst zu rechtfertigen, war ich erstaunt über den allgemeinen Konsens. Nach über vierzehn Jahren, die ich fern von Deutschland lebe, komme ich zurück in ein Land, das in dieser Zeit grundlegende Veränderungen erfahren hat, das sich gestritten und gerüttelt, sich geläutert und erneuert hat - und dann das! Nichts scheint mir hinsichtlich dieser gesamtdeutschen Vergangenheit geschehen zu sein im tiefen Selbstverständnis der Deutschen seit dem moralisierenden, Schuld und nicht Verantwortung lehrenden Geschichts-unterricht meiner Jugendjahre in den Achtzigern. Zorn war in mir, weil die gleichen Diskurse immer noch das Bewusstsein benetzen. Traurigkeit, weil Menschenleben noch immer unfrei gehalten werden - nur freie Menschen können fähig werden zur Verantwortung. Verständnis, weil ich weiß, wie schwer es ist, sich vom Stigma zu befreien. Lange, dunkle Jahre brauchte ich, fernab von allem Deutschen, um mir im Intimsten nur erst einmal den Gedanken zuzugestehen, dass die als absolut und ewig gelehrte Geschichtszäsur des Holocaust nicht die Singularität darstellen muss, die auf alle Nachfahren von Opfern und Tätern genau diesen Status des Opfers und des Täters übertragen soll. Wenn man als junger Deutscher im europäischen Ausland ankommt und dann dort lebt, kann der fremde Blick auf Deutschland - nach dem Abbau des eigenen Widerstands - hilfreich sein, ein neues Bild zu gewinnen von der Kultur, die einen geprägt hat. Dabei das eigene Negativbild nicht durch das fremde Negativbild zu ersetzen fällt nicht leicht, ist es doch nur formelles Substitut und nicht wahrhaftiges Wachsen am anderen. Doch gerade das brauchen wir, heute mehr denn je, hier wie anderswo: Wachsen am anderen. Lange, sehr lange habe ich gebraucht, um in der notwendigen Heraufbeschwörung Deutschlands - so wie jeder Exilant das mit seinem Herkunftsort tut - nicht automatisch den Großteil dieses privaten "Heimatmuseums" mit dem anzufüllen, was mit Krieg und Holocaust zu tun hat.

Die Debatte, die ich zur Zeit in Deutschland mit verfolge, ist der Kampf um die eigene Identität. Und ich will die dreiste These aufstellen zu sagen: und kaum mehr. Im Kampf um die eigene Identität sind sich Deutsche und Juden ziemlich gleich, eben weil sie nicht ohne den anderen auskommen, es aber so gerne würden. Die doppelte oder dreifache Identität als Jude - durch Religion, Kultur und/oder israelische Staatsangehörigkeit - macht diese Gegenüberstellung jedoch etwas hinken. Die komplexe Situation derer, die als Deutsche in Deutschland leben, sich zum jüdischen Glauben bekennen, in jüdisch-christlicher Geisteswelt zuhause sind wie auch im Staate Israel, zeigt die Grenzen und Schnittpunkte solcher Definitionen en bloc. Man sollte in der öffentlichen wie auch in der privaten Diskussion jedoch darauf acht geben, wer spricht, warum er spricht und auch wie. Wenn es wichtig ist, antisemitische von antiisraelischen Haltungen zu unterscheiden, so ist es auch notwendig, den eingeklagten Sonderstatus als Jude = Opfer nicht per se als Bollwerk gegen jedwede Kritik am Staate Israel - sei es an seiner Form der Existenz oder seiner Politik - zu akzeptieren.

Der Opferstatus wie auch der Täterstatus, wechselseitig bedingt und verquickt, sind nicht erblich. Was erblich ist, ist individuelle Geschichte. Individuelle Geschichte ist das, was wir an persönlicher und großer Geschichte durch Eltern, durch Großväter und Großmütter, also über die Familienmythologie mitbekommen, ob wir es nun wollen oder nicht. Damit hat jeder zu tun, daran kann sich jeder stärken, darin muss jeder einen Sinn finden können und dürfen. Es liegt bei dem Einzelnen selbst, verantwortungsvoll umzugehen - oder nicht - mit dem intimen Erbe, das sich immer in einen weiteren, sozialen und historischen Kontext einschreibt, auf ihn einwirkt, aber auch von ihm mitbestimmt wird. Das Vergangene aber zu ewigen Wahrheiten, ich möchte fast sagen zur mehr oder minder versteckten Essenz der nationalen Identitäten zu machen, so wie es in der dialektischen Beziehung der Deutschen und der Juden noch immer zu gelten den Anschein hat, das ist morbide Stagnation, die auch mit dem besten Diskurs nicht rechtfertigen kann, dass ihr Dasein vor Wiederholung des Gräuels schützt. Wenn wir heute noch immer an ein "Nie wieder" glauben wollen - der deutsche Idealismus hat uns wohl viel Kraft gegeben, an der Realität vorbei zu schauen - so kann das nicht mehr genauso funktionieren, wie es nach 1945 verständlicherweise fest geschrieben worden ist. Neue Wege zu finden, mit dem Vergangenen, aber vor allem mit der Gegenwart umzugehen, ist weitaus schwieriger, als den wohl einstudierten Habitus abzulegen - gerade weil dieser so restriktiv ist. Wir müssen begreifen lernen, was einmalig an unserer Geschichte ist. Aber wir müssen abkommen von der absoluten Singularisierung des Holocaust. Was daran einmalig ist, ist jeder einzelne Tod. Jeder Tod hat seine Geschichte, jeder Moment des Sterbens ist einmalig, ob im Holocaust oder außerhalb. Was daran einmalig ist, ist die Systematisierung des Todes, wie bei jeder Massentötung, so wie sie vor dem Holocaust und danach andernorts anderen Menschen widerfahren ist. Was daran einmalig ist, ist die Art und Weise. Was daran einmalig ist - und hier interessiert die Mythologisierung, die maßgebend unseren heutigen Umgang mit uns selbst und den anderen bestimmt - ist die Konfrontation zweier teils ineinander fließender Einheiten - möge man sie national, kulturell, religiös oder anderweitig definieren - die im Weltbewusstsein nicht irgendwer sind. Es ist der Sonderstatus der Deutschen und der Juden vor, während und nach dem Holocaust, der forderte, dass dieser Völkermord nicht nur als Verbrechen gegen die Menschheit, sondern als das Verbrechen schlechthin von der Welt an zu erkennen sei.

Im Zeitalter der neu aufgekommenen und voll eingesetzten Massenmedien hat seinerzeit das bereits etablierte Gewicht beider Protagonisten nur noch zugenommen. Protagonisten, die beide ihre nationale Identität suchten und noch immer suchen, auf die bis heute die Projektoren gerichtet bleiben und die es verstehen, das Medienlicht auf sich zu ziehen und auf sich zu halten.

Verantwortung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Auf diese Tatsache bezogen, kann man sagen: Was im Holocaust geschehen ist, hatte mit Macht zu tun. Darauf haben wir keinen Einfluss mehr. Was mit dem Holocaust geschehen ist und weiterhin geschieht, hat auch mit Macht zu tun, doch darauf haben wir Einfluss, denn es geschieht durch uns und mit uns.

Wenn Staaten durch Symbole nationale Identität übernehmen, dann kommt das jenen zugute, die nicht eigenständig definieren und denken möchten, wer sie sind.

Deutschland, als guter Schüler des Weltgewissens, hat gelernt, dass von ihm loyaler Umgang mit seinem Memorialpark erwartet wird, dass es dies von sich selbst erwartet. Sonst hätten ein Staat und ein demonstrationsgeschultes Volk durch seine apathische Widerstandslosigkeit nie einem Absurdum zugestimmt, wie das Holocaust-Mahnmal eines ist. In der blendend ausgefüllten Rolle des reuigen Tätererben erwidert man von deutscher Seite doch lieber gut eingefahren auf den sich als Wahn ausdrückenden historisierten Schmerz derer, die als Erben der Opfer selbst als Opfer verstanden werden möchten, als dass man zugestehen würde, es müsse ja nicht nur dieser, sondern noch unnennbar vieler mehr gedacht werden, die nun aber durch den Hegemonialanspruch des "Geschäftspartners" ganz und auf ewig im Beton unterschlagen werden sollen.

Wohin hat der Kult des Holocaust geführt? Bestimmt nicht zu sehr viel mehr Reife, hüben wie drüben.

Er hat in Deutschland ein offizielles Einheitsdenken zum ungeschriebenen Gesetz erhoben, das öffentlich nur rezitiert, nicht aber interpretiert werden darf. Fortschritt bedeutet für mich Bewegung. Nicht loslassen zu können sagt sehr viel von dem Vertrauen, das die Deutschen in andere Werte ihrer Kultur noch haben. Warum sonst wäre die Angst so stark und lähmend um den Verlust der eigenen Identität mit dem nur als möglich erwähnten Verlust des Doppelstatus als bester Verbrecher und bester Sühner?

Der Kult um den Holocaust hat den direkt aus jenen historischen Brüchen hervorgegangenen Staat Israel nicht dazu befähigt, verständnisvoll umzugehen mit jenen, die der Trauer und dem Bedürfnis nach Frieden seiner Bürger weichen mussten. Wenn ich auf Israel blicke, dann empfinde ich Traurigkeit für die Menschen dort, und auch für die, die weltweit in jenem Land konkret und symbolisch eine unantastbare Heimat sehen. Der Kult um die Vergangenheit hat dieses alte Volk im neuen Staat nicht daran gehindert, neue Mauern zu errichten, neue (oder alte!) Stacheldrahtkilometer zu entrollen, von denen man nicht weiß, welche Seite sie ein- und welche sie aussperrt. Jenseits aller sicherheitstechnischen Gründe und Vorwände und der Unrechtmäßigkeit menschenverachtender Kolonialpolitik sticht doch eines ins Auge: Nach Jahrhunderten von Verfolgung, von Pogromen, Einpferchung und Massenvernichtung umbaut sich eine Gemeinschaft, die nun endlich frei leben könnte, aus eigenem Antrieb mit der ewigen Mauer des Stigmas, deren Rechtfertigung der Schutz vor den Auswirkungen des eigenen Verhaltens ist.

Welchen menschlichen Gewinn hat also die Menschheit aus dem Holocaust-Kult gezogen? Jene, die mit dieser spezifischen, deutsch-jüdischen Vergangenheit nicht ihren Kommerz betreiben, hat es an neuen Verbrechen nicht gehindert. Und weder Deutsche noch Juden - als Ganzes betrachtet - haben es geschafft, miteinander einen Umgang zu finden, der nicht immer wieder ein gemeinsames Interesse am Festhalten der schmerzlichen Vergangenheit zeigt, jeder aus den ihm ganz eigenen Motiven.

Wenn Neuerung nicht von innen kommen kann, dann mag ein Einwirken von außen notwendig sein. Den Apparat der Gedächtniskultur kritisch zu befragen, muss die Freiheit lassen, nicht als Verleugner oder Schmälerer des zu Gedenkenden angeprangert zu werden. In der gesamten Debatte um den Holocaust geht es immer weniger darum, die Identität der Toten in der Erinnerung aufrecht zu erhalten. Die - wehrlosen - Toten zu benutzen, um unsere heutige Identität zu wahren, finde ich obszön. Wenn es eine Debatte gibt, die tatsächlich Sinn machen würde und die sich einschreiben würde in die Gegenwart, dann die um den intimen Umgang eines Jeden mit Erinnerung. Dazu sind Meinungen aller wichtig, weil sie etwas aufzeigen von dem, was wirklich ist. Zählen sollten nicht nur abgesegnete Meinungen von Spezialisten und Wissenschaftlern, die sich, man darf auch das nicht vergessen, weltweit zu Tausenden Karrieren und Lebensinhalte aufgebaut haben auf dem Sonderstatus des Holocaust. In Fragen des Gewissens wie auch des Glaubens sollten weder Staatsgewalt noch professionelle Meinungsmache ihren Platz haben.

Das Erleben von Kulturen, die mit dieser europäischen und deutsch-jüdischen Vergangenheit keine oder kaum Berührungspunkte haben, vermittelt die heilsame Kenntnis von einem möglichen Leben ohne die Omnipräsenz jener Referenz. Es lebt sich da ganz gut. Aber es ist ein Leben, das seine eigenen Gesetze kennt, die uns auch teils deshalb entgehen, weil wir ihnen keine Bedeutung beimessen. Dieses Leben ist weder leichter noch bedeutungsvoller. Es wird einfach gelebt. Diese Grundvoraussetzung menschlicher Existenz muss nicht das Privileg des Anderswo bleiben. Auf der Weltbühne des Menschendaseins ist es für Deutsche wie für Juden an der Zeit zu akzeptieren, dass sie nichts Außergewöhnliches sind, es nicht sein müssen (particuliers, mais non pas singuliers). Das sollte ihnen helfen, endlich wieder zu sein, ganz einfach zu sein. Damit wäre ihnen und der Welt geholfen.

Stephan Weitzel, November 2003

(Nicht zu lesen:

Dieser Text wurde an etwa 20 Redaktionen regionaler und überregionaler Tages- und Wochenzeitungen Deutschlands geschickt, mit dem Gesuch um Veröffentlichung. Außer drei oder vier ablehnenden Standardantworten kam die etwas erweiterte Reaktion einer süddeutschen Tageszeitung, die beteuerte, die negative Antwort beziehe sich auf die gegenwärtige Unmöglichkeit, fremde Texte zu publizieren, nicht auf den Inhalt des Artikels. Die Chefredaktion einer Wochenzeitung manifestierte Interesse; die angekündigte Diskussion des Textes in der Redaktion hat jedoch zu keinem weiteren Kontakt geführt.

Stephan Weitzel, 1970 in Süddeutschland geboren, Installationskünstler und Zeichner, seit 1989 in Paris zuhause, hat zeitweise in England, Irland und Kuba gelebt und gearbeitet. )