Das Maß der Dinge (2001)

International Studio Program of the ACC Galerie and the City of Weimar (since 1994)

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Municipal Studio Building

Ausschreibung des 7. Europäischen Atelierprogramms "Das Maß der Dinge" der ACC Galerie und der Stadt Weimar für das Jahr 2001

Selbsterkenntnis ist die dringlichste und zugleich schwierigste Aufgabe des Menschen. Das wussten schon die alten Griechen, die den Eingang zum Orakel von Delphi mit dem Mahnspruch "Gnothi seauton - Erkenne dich selbst" versahen. Aber mit der Erkenntnis ist das so eine Sache: Es war ebenfalls ein alter Grieche, Platon nämlich, der uns durch das Höhlengleichnis klar machte, das selbst das, was wir mit eigenen Augen zu sehen meinen, nicht der Wahrheit entsprechen muss. Was wir sehen, beruht auf Gewohnheiten, deren Grundvoraussetzun-gen nur in seltenen Fällen durch extreme neue Erfahrungen erschüttert und verändert werden können. Immanuel Kant ging sogar noch weiter: In seinen Schriften zur "Transzendentalen Ästhetik" erklärte er, dass alles, was wir wahrnehmen, auf zwei Grundvoraussetzungen unseres Denkens beruht, die sich überhaupt nicht wegdenken lassen. Alles was wir wahrnehmen, hat einen Ort und ist ein zeitliches Geschehen - Raum und Zeit sind apriorische Formen unserer Wahrnehmung - jenseits der Koordinaten Raum und Zeit nehmen wir gar nichts wahr. Den Schriftsteller Heinrich von Kleist stürzte diese Erkenntnis in eine Lebenskrise. Er hatte die Ansammlung von Wissen als das einzig Dauerhafte, als den Sinn seines Lebens angesehen. Die Lektüre der Kantschen Schriften, nahm ihm diese Illusion. Seiner Verlobten Wilhelmine von Zenge beschrieb er die Kant'sche Erfahrung durch den wunderbaren Vergleich mit der rosa Brille: Wäre der Mensch anstelle der Augen mit grünen Gläsern ausgestattet, so müsste er sich Zeit seines Lebens in dem Glauben wähnen, dass das Farbspektrum der ihn umgebenden Welt allein aus Grüntönen bestünde. Von wegen objektive Erfahrungen ... Unweigerlich werden sich die Stipendiaten bei der Frage nach Maßstäben zu Selbsteinschätzung auch mit dem Faktum auseinandersetzen müssen, dass der Ort, an dem wir uns befinden, immer leichter austauschbar ist - wenn wir uns in der Welt der globalen Kommunikationsmittel bewegen. Aber sind unser Standort oder unsere Herkunft heutzutage tatsächlich unwichtig? Ist im Zeitalter der Ethno-Moden Provinzialismus nicht vielleicht sogar echt hipp? Gibt es soetwas wie einen genius loci - den Geist eines Ortes, der Einfluss auf seine Bewohner ausübt? Wieviel der eigenen Persönlichkeit wird von der Umwelt beeinflusst und was ist angeboren? Gnothi seauton - nicht in Delphi sondern in Weimar - ist das Motto des Atelierprogramms 2001

Aus den zahlreichen, aus ganz Europa eingesandten Arbeiten wählte eine Jury die drei jungen Künstler aus, die als Stipendiaten ab Januar 2001 im Städtischen Atelierhaus Weimar für jeweils vier Monate, betreut vom ACC, in Weimar leben und arbeiten werden.

Das Maß der Dinge ...

Auf die Ausschreibung zum 7. Europäischen Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar im Jahr 2001 haben sich über 40 junge Künstler aus ganz Europa beworben. Unter dem Titel "Das Maß der Dinge" wurde nach Möglichkeiten der Selbsteinschätzung, nach der Abhängigkeit des Urteils von Zeit und Raum, nach Folgen der Globalisierung und vielen anderen alten-neuen Themen gefragt. Die Entscheidung, wer sich in Weimar im Jahr 2001 messen lassen will oder selber Maß anlegen wird, fiel Anfang Dezember 2000: Erster Gast im Atelierhaus in der Hausknechtstraße wird die Mazedonierin Irena Paskali sein. Sie arbeitet sowohl als Bildhauerin als auch als Videokünstlerin. Neben Ausstellungen in ihrer Heimatstadt Skopje kann Sie auf eine Einzelausstellung im finnischen Vossa und drei Ausstellungsbeteiligungen in Kroatien sowie in Boston und auf ihre Teilnahme am 22. Videofestival in Tokyo verweisen. Die Sommermonate wird Enrica Borghi aus Novara (Italien) in Weimar verbringen. Borghi studierte an der Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand. Seit einigen Jahren weist sie den sie umgebenden Dingen ein neues Maß zu: Abfall wird zur Preziose ... Der 25jährige Jordi Miralpeix aus Barcelona wird von September bis Dezember 2001 in Weimar leben und arbeiten. Unter dem Künstlernamen Irim Lux hat er sich ganz und gar der Malerei verschrieben: "I believe and defend painting, I don't think painting is dead at all, that is to say, I believe in a new contemporary painting." ... ist der Mensch! Oder?

Kurzinfo zum Europäischen Atelierprogramm des ACC und der Stadt Weimar:

Das in seiner Thematik jährlich wechselnde Europäische Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar wurde im Frühjahr 1994 von der ACC Galerie Weimar initiiert. 1998 stieg die Stadt Weimar als Partner ein. Das Programm wurde als offizielles Projekt von Weimar 1999 - Kulturstadt Europas GmbH aufgenommen. Während ihres Aufenthalts untersuchen die Künstler die Geschichte und den Charakter der Stadt und arbeiten im Kontext des vorgegebenen Themas. Die entstehenden Kunstwerke werden nach Beendigung des jeweiligen Programms der Öffentlichkeit in einer Gruppenausstellung vorgestellt, aus deren Anlass auch ein Katalog erscheint. Das erste Programm trug den Titel "Allegorien" und holte für einige Monate die Künstler Elizabeth-Jane Grose (London), Harald Fetveit (Oslo), VSSD (Ljubljana) und Bettina Hoffmann (Berlin) nach Weimar. Im zweiten Jahr - als das Programm unter dem Namen "Fascis - Faschismus und Faszination" lief - waren Katherine Moonan (Liverpool), Fritz Heisterkamp (Berlin), Markus Schwander (Basel) und Ildar Nazyrov (St. Petersburg) Gäste des ACC. Am dritten Programm mit dem Titel "Kopf an Kopf - Head to Head - Tête-à-tête" nahmen die Künstler Åsa Elzén (Stockholm), Amanda Dunsmore (Belfast) und Stefan Höller (Düsseldorf) teil. 1998 befassten sich Esra Ersen (Istanbul), Bettina Allamoda (Berlin) und Apolonija Sustersic (Ljubljana) in Weimar mit dem Thema Gemeinschaft - Gesellschaft. 1999 war das Thema "hautnah" begleitend zum ACC-Projekt für Christoph Martin Wieland. Die Stipendiaten: Dimitrios Georges Antonitsis (Athen), Monika Dutta (Newcastle), Sophia Kosmaoglou (Athen). Im Jahr 2000 arbeiteten die für das Stipendium ausgewählten drei jungen Künstlerinnen und Künstler Yelda Camci Köhler (Türkei/Deutschland), Renèe Ridgway (Niederlande/USA) und Ian Joyce (Irland) anlässlich des 100. Geburtstag von Friedrich Nietzsche zum Ausschreibungsthema Herzblut - Schriftbild.


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