Gemeinschaft - Gesellschaft (1998)

International Studio Program of the ACC Galerie and the City of Weimar (since 1994)

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studioprogram@acc-weimar.de

Municipal Studio Building

4. Atelierprogramm der ACC Galerie/Stadt Weimar 1998
Thematische Ausstellung vom 5. Februar bis 21. März 1999
Das in seiner Thematik jährlich wechselnde Europäische ACC-Atelierprogramm wurde im Frühjahr 1994 von der ACC Galerie Weimar initiiert. Im Kontext des vorgegebenen Themas entstehende Kunstwerke werden nach Beendigung des jeweiligen Programms der Öffentlichkeit in einer Gruppenausstellung vorgestellt, aus deren Anlaß auch eine quadratische Broschur erscheint.
Die Inspiration zum Thema des 4. Programms gab der Text Gemeinschaft und Gesellschaft des deutschen Soziologen Ferdinand Tönnies. Das 1887, in einer Zeit der sich schlagartig vollziehenden Industrialisierung, erstmals veröffentlichte Werk beschreibt das Auftauchen der "Gesellschaft" und ihren Bezug auf die Zerstörung der "Gemeinschaft". Tönnies Werk verrät die Sehnsucht nach einer neuen Gemeinschaft, eine Nostalgie nach verlorengegangenen gemeinschaftlichen Formen. Die weitverbreitete Schrift beeinflußte die künstlerische Sprache der deutschen Expressionisten in der Frühzeit unseres Jahrhunderts. Nach der Geburt des Cyber Space können in unserer Zeit ähnliche Fragen über die Begriffe "Gemeinschaft" und "Gesellschaft" aufgeworfen werden. Einige Künstler wurden vor kurzem ausgewählt, dieses Thema im Zusammenhang mit Weimar zu erforschen, einer Stadt, die größtenteils in der Vergangenheit lebt und häufig unberührt vom Fortschritt und den Turbulenzen der "wahren Welt" scheint. Gibt es einen Unterschied zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft im heutigen Weimar? Welche Rolle spielten diese Begriffe in der Vergangenheit der Stadt? Führen neue Technologien zu einem Zusammenbruch der Gemeinschaft und einem Verfall der Kreativität? Drei Frauen - Esra Ersen aus Istanbul, Bettina Allamoda aus Berlin und Apolonija Sustersic aus Ljubljana - werden im April 1998 für jeweils drei Monate nach Weimar kommen, um nach einigen Antworten zu suchen.

Esra Ersen, die erste Stipendiatin des Europäischen Atelierstipendiatenprogramms des ACC 1998,
Die türkische Künstlerin wurde 1970 in Ankara geboren und hat 1992 ihr Studium der Bildenden Kunst an der Marmara Universität abgeschlossen. Sie schafft mit ihren Arbeiten Dialoge, die die Beziehung zwischen dem "Vermächtnis" und der Zukunft eines spezifischen Ortes darstellen. Zum diesjährigen Programmthema Gemeinschaft - Gesellschaft hat sie sich intensiv mit der Geschichte der Stadt Weimar auseinandergesetzt.
Esra stellte in einem Vortrag zum Abschluß ihres Aufenthalts in Weimar ihr bisheriges und gegenwärtiges Kunstschaffen vor.

Bettina Allamoda, Berlin, 2. Stipendiatin 1998
Bettina Allamoda aus Berlin ist seit Anfang Juli Gast in Weimar. Die deutsch-amerikanische Künstlerin wurde 1964 in Chicago geboren und hat ihr Studium der Bildhauerei an der Hochschule der Künste Berlin und der St. Martin's Central School of Art & Design in London abgeschlossen. Seitdem arbeitet sie als freischaffende Künstlerin und nahm an zahlreichen Ausstellungen teil. Sie ist zur Zeit Lehrbeauftragte an der HdK Berlin. Die Künstlerin sieht sich als "Archäologin", die gefundene Objekte als Relikte aufbewahrt, untersucht und bearbeitet. So wie die Archäologie in den letzten fünfzig Jahren den Begriff der industriellen Archäologie als Konstruktion einer Architekturgeschichte der Maschinparks und Fabriken geprägt hat, reflektieren und repräsentieren Allamodas Kunstwerke eine Art technologische Archäologie im Übergang vom Raum zum Medium, die im Zwischenbereich von Kommunikation und Wahrnehmung arbeiten. In dieser Richtung hat Allamoda schon künstlerische Erfahrung in der thüringischen Umgebung gesammelt. Unter dem Titel "les artistes décorateurs", einem prozeßhaften Projekt der Künstlerin, hat Allamoda das Optische Museum in Jena "untersucht". Das Museum hatte zu DDR-Zeiten nicht nur die Aufgabe, die Spitzenprodukte der eigenen Wirtschaft vorzuführen, sondern auch technische Utopien des Sozialismus zu propagieren. Das Inventar sollte diese Funktion unterstützen. Die Künstlerin hatte bestimmte Elemente der Ausstattung des Museumsraumes, z.B. Platten mit Wandmalerei und Vitrinen, aufgegriffen, bearbeitet und zu Ausstellungsobjekten transformiert. Mit der entstandenen Installation hat sie die ursprünglichen Dekorationen dekonstruiert und sie zu neuen Objekten mit anderen Funkionen zusammengestellt. Das schmückende Beiwerk gerät damit ins Zentrum - eine Umkehrung -, die eine andere Wahrnehmung dieser Gegenstände als ästhetische Objekte evoziert. Die Zeit ihres Stipendiatenaufenthalts in Weimar soll der Recherche und Realisierung einer Arbeit mit Augenmerk auf das Bauhaus Weimar gewidmet sein und dazu Spuren der "neuen Gestaltung von Gesellschaft" vor Ort nachgehen. So soll eine raumgreifende Arbeit entstehen, eine Installation bzw. Skulptur, die, ausgehend von den vielleicht heute verwischten Spuren, die Anwendung von Kunst und Technik im Alltag in sich thematisiert. Autorin: Mary Rozell Hopkins