mächtig gewaltig

Pressemitteilung

ACC, Burgplatz 1+2
99423 Weimar
T 03643/851261
F 03643/851263
info[at]acc-weimar.de

Ausstellung internationaler Videokunst mit
Joël Bartoloméo (Paris), Cheryl Donegan (New York),
Johan Grimonprez (Gent) und Tony Oursler (New York).
Videos, Videoinstallationen, Videoskulpturen.
ACC Galerie Weimar, 27.6. - 16.8.1998
Dienstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr.
Führungen jeden Sonntag 15 Uhr.
Eröffnung am 26. Juni 1998 um 20 Uhr.
Pressegespräch am 25. Juni 1998 um 11 Uhr.

Die 8. Sommerausstellung der ACC Galerie widmet sich als Nachfolgerin von SPLASH! aus dem Vorjahr vom 27.6.-16.8.1998 erneut verschiedener Positionen in der Videokunst. Zur Teilnahme am Projekt hat das ACC diesmal die Videokünstler Joël Bartoloméo (Paris), Cheryl Donegan (New York) und Johan Grimonprez (Gent) eingeladen. Einen skulpturalen Akzent setzen die Arbeiten des New Yorkers Tony Oursler. Der Umgang mit Macht und Gewalt und ihre Rolle in der Gesellschaft sind häufig reflektierte Inhalte der Ausstellung.

Trotz seiner soliden Ausbildung an der Kamera filmte der Franzose Joël Bartoloméo (*1957) innerhalb von vier Jahren in Homevideo-Manier nach Art eines Amateuranthropologen den Alltag seiner Familie, "... denn die Familie reflektiert die Welt, sie ist ein Mikrokosmos." Die originalen Videofragmente - von Kinderspielen, Diskussionen rund um den Küchentisch oder aus dem Urlaub - sind niemals nachträglich bearbeitet und offenbaren Blicke in unsere Realität und die Verhaltensweisen der Menschen zwischen ihren kleinen Machtkämpfen und den persönlichen Zuneigungen. Die Zusammenstellung enthält die Werkreihen, die ihn bekannt machten, u. a. "À quatre ans je dessinais comme Picasso" (1991) und "Petites scènes de la vie ordinaire" (1994/95). Die 2minütigen Videoprojektionen "Kiss Me My Darling" (1997), einem beobachteten Blickwechsel zwischen Frau und Mann auf einer Party und "Move Up, Jo!" (1998), einer Bewegungsstudie im Park, handeln ebenso im engen sozialen Umfeld des Künstlers. 1997 nimmt Bartoloméo an der Sydney Biennale teil. Die New Yorkerin Cheryl Donegan (*1962) ist eine von Amerikas vielversprechendsten jungen Videokünstlerinnen. Ihre Arbeiten wurden bereits im New Yorker Museum of Modern Art, auf der Whitney Biennale und der Biennale in Venedig gezeigt. Auf sehr unkonventionelle Weise arbeitet sie mit und über Malerei. Oft bezieht sie deren Entstehungsprozess in ihre einfachen, konzeptuellen Performance-Aktionen oder Handlungen vor der Kamera ein. Häufig von Musik angetrieben, benutzt Donegan ihren eigenen Körper als künstlerisches Werkzeug und Metapher. Immer wieder spricht sie dabei Themen wie Sex, Voyeurismus und Geschlecht direkt, respektlos und auf subversive Art an. In ihrem Video "Kiss My Royal Irish Ass" (1993) ist man Augenzeuge, wie sie mittels ihres vorher in grüne Farbe getauchten Hinterns Kleeblatt-Motive (das Wahrzeichen Irlands) entstehen läßt. Das Performance-Video "Practisse" (1994), ein Selbstportrait mit übergestülpter Plastiktüte, und die Rauminstallation "Tent" (1995), eine Antwort auf den "männlichen" künstlerischen Schaffensprozess, sind ebenfalls zu sehen.

In einer Kinosituation inmitten der Galerie wird die Videoinstallation "Dial H-I-S-T-O-R-Y" (1995-97) von Johan Grimonprez (*1962) gezeigt. Diese höllische Filmchronologie aller - von Film und Fernsehen je aufgezeichneten - Flugzeugentführungen seit den Sechzigern ist eine der meist besprochenen Arbeiten der documenta X. Die 68minütige Collage aus Nachrichten- und Archivbildern steht in der Tradition der Found-Footage-Filme und weist Katastrophen als die wahren (und lustvoll rezipierten) Medienspektakel nach, die aus den Fernsehern in die Wohnzimmer quillen. Der Soundteppich stammt vom New Yorker Avantgardemusiker David Shea. Zu flotter Soul- und Volksmusik, widerspruchserzeugend geschnitten und begleitet von ausführlichen Zitaten zweier Romane von Don DeLillo, White Noise und Mao II, verdichtet sich das Bild der Einflußnahme der Medienberichterstattung auf unsere Gefühlswelt, Politik, Kultur und Geschichte. Grimonprez, der Kunsthochschulen in Gent, Maastricht und New York besuchte, lebt und arbeitet derzeit in Berlin.

Der Amerikaner Tony Oursler (*1957) gilt als der Künstler, der das Medium Video vom schwarzen Kasten, dem Monitor, befreit hat. Von besonderem Einfluß ist seine Auseinandersetzung mit der Mediengesellschaft und ihren Auswirkungen auf die Seele des Menschen sowie mit den Versuchen und Psychotechniken des Einzelnen, um den dramatischen Verlust des Verhältnisses zu den Mitmenschen und zum eigenen Körper zu kompensieren. Mit seinen Spot-Projektionen auf die Gesichter von Puppen (der Serie der "Dummies") als Stellvertreter der Menschen, die somit zu Surrogatmenschen mutieren, schafft er eine humorvolle und anziehende, aber auch eine unheimliche und befremdliche Atmosphäre, eine Welt lächerlicher Gefahren. Die Figuren geben Geräusche von sich, deren Spektrum von hysterischem Kreischen bis zum ruhigen Rezitieren psychologischer Ränkespiele reicht. Zu sehen sind die Videoskulpturen "Frozen" (1996) und "RGB 2" (1996/97) aus der Werkgruppe "Dummies" sowie "Criminal Eye" (1995) aus der Werkgruppe "Eyes", in der menschliche Augen auf Fiberglaskugeln projiziert werden.

Mit freundlichen Grüßen und der herzlichen Bitte um Veröffentlichung

Andrea Dietrich und Frank Motz