ausstellung

KUNSTFEHLER - FEHLERKUNST

KUNSTFEHLER - FEHLERKUNST

KUNSTFEHLER - FEHLERKUNST

16. Juni - 9. August 2009

Eröffnung: 13. Juni 2009, 20 Uhr

Matthias Böhler & Christian Orendt Daniel Buren Chris Johanson Dani Karavan Mischa Kuball Peter Land Lutz&Guggisberg David Mannstein Tracey Moffatt Eva-Maria Raschpichler Peter Santino Gregor Schneider Roman Signer Måns Wrange

Eine Koproduktion mit der HALLE 14 Leipzig, co-kuratiert von Silke Bitzer (Freiburg i.Br.), gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaats Thüringen, das Thüringer Kultusministerium und die Stadt Weimar, mit freundlicher Unterstützung des Förderkreises der ACC Galerie Weimar.

Irren ist menschlich und aus Erfahrung wird man klug, sagt man. Dennoch fehlt uns der positive Umgang mit dem Fehlerhaften und dem Irrtum, die nicht selten tabuisiert und als individuelles oder gemeinschaftliches Versagen gebrandmarkt werden, obwohl sie oft jene Schrittmacher sind, die zu gesellschaftlichem Umdenken und qualitativen Veränderungen führen. Ohne sie ist keine Entwicklung möglich. Die holprigen, doch nie ziellosen Schleichpfade der biologischen und der kulturellen Evolution sind gesäumt von Versuchen und Irrtümern. Motor ihres steilen Aufstiegs ist die Inkaufnahme von Fehltritten. Dennoch wünschen wir uns nichts sehnlicher als eine perfektionierte "Null-Fehler-Kultur". Steckt die aber nicht auch voller Strapazen und Fehlschläge, sodass man ebenso von einer Irrtumsgesellschaft sprechen könnte? Führt uns nicht gerade diese unvollendete Welt des Fehlerhaften, gepaart mit einem fröhlichen Eingeständnis eigener Fehlertauglichkeit, zu jenen Auswegen und kulturellen Anknüpfungspunkten, über die sich all die Geschichten des Scheiterns neu für uns erschließen? Einem Scheitern, das eben nicht nur Verlust und Insolvenz in einer von Schwarz-Weiß-Ansichten geknechteten, aus dem Gleichgewicht geratenen Welt bedeutet, sondern gepflegt und kultiviert wird, um uns die Furcht vor dem Versagen zu nehmen? Ist unsere sinnliche Wahrnehmung, unser Erfahrungsschatz angesichts eines überbordenden, in virtuellen Welten eingebetteten abstrakten Wissens überhaupt noch imstande, Fehler einzugestehen, zu bewältigen, zu korrigieren? Der Kunstfehler ist ein Begriff aus der Medizin, dem etymologisch zugrunde liegt, dass die ärztliche Behandlung nach dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft (im Lateinischen "de lege artis", im Englischen "the state of the art" - "nach den Regeln der Kunst") ausgeführt werden muss. Der Medizin wohnt seit jeher die Schwierigkeit inne, praktisches Wissen unter den Bedingungen der Realität umzusetzen, ihr obliegt eine elementare Verantwortung für Qualität und das Wohl des Patienten, für dessen Beratung, restlose Aufklärung über bevorstehende Therapien und Eingriffe und für die Erläuterung aller bestehenden Risiken. So möge es sich vielleicht auch mit der Kunst verhalten. Vielleicht liefern die Regeln der Kunst aber auch die Bausteine für jene letzte Bastion, die sich nicht scheut vor würdevollem Scheitern, lustvollem Irren, leidenschaftlichem Versagen, dem Reiz der Niederlage: Nicht die Wissenschaft oder das Handwerk, sondern die Kunst ist das Paradies für Genies, der letzte Zufluchtsort für Versager, an dem Misslingen Aufbruch wird. Der Kunstfehler oder das fehlgeschlagene Kunstprojekt zeitigt - ob vorsätzlich erdacht oder unbeabsichtigt - nicht selten das schlüssigere Resultat, wenn es Idee, Versuchsanordnung, Prototyp, Beschreibung, Simulation bleibt. Spannend am lediglich erdachten, nie begonnenen oder vollendeten Werk kann z.B. sein, dass es Einblicke in den Schöpfungsprozess gewährt. Ein Dichter sagte: "Vielleicht ist das Scheitern des Versuchs Einsteins, eine allgemeine Feldtheorie aufzustellen, für die Physik sein wichtigster Beitrag." Künstler, die das Scheitern eines ihrer Projekte thematisieren (Kunstfehler), sind ebenso an der Ausstellung beteiligt wie Künstler, die sich in ihrer Kunst mit dem Scheitern und Fehlerhaften per se auseinandersetzen (Fehlerkunst). Und warum soll für den Künstler nicht zutreffen, was Friedrich Nietzsche in der "Fröhlichen Wissenschaft" sich selbst zuschreibt: "Er ist ein Denker, das heißt, er versteht sich darauf, die Dinge einfacher zu nehmen, als sie sind."

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