ausstellung

KEIN DING

KEIN DING

KEIN DING

4. April - 31. Mai 2009

Eröffnung: 3. April 2009, 20 Uhr

Asli Cavusoglu, (Türkei)| Muhammad Zeeshan (Pakistan) | Hagen Betzwieser (Deutschland)

Stipendiaten des 14. Internationalen Atelierprogramms der ACC Galerie und der Stadt Weimar "Von der Unbestimmtheit"

Eine Koproduktion mit der Stadt Weimar, gefördert durch das Thüringer Kultusministerium und die Stadt Weimar, mit Unterstützung des Förderkreises der ACC Galerie Weimar.

Das Internationale Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar wird 15 Jahre alt. 48 Stipendiaten aus 24 Ländern waren seit 1994 Gäste des Programms, etwa 1.500 Künstler haben sich bisher dafür beworben. Die Ausstellung "KEIN DING!" gibt den drei Stipendiaten des Programms von 2008, "Von der Unbestimmtheit", die Möglichkeit, in Weimar und andernorts erarbeitete Projekte vorzustellen. Bestimmtheit und Unbestimmtheit sind unserer Welt zueigen und allgegenwärtig.

Während die Bestimmtheit den Willen der Natur zur Ordnung widerspiegelt, entziehen sich ungeordnete Zustände der Beschreibung durch Gesetze und vermitteln die Unbestimmtheit. Was aber bedeutet Unbestimmtheit? Woher kommt sie? Kann man sie abbilden? Kann man Nutzen aus ihr ziehen? Diese Fragen stellte das Atelierprogramm 2008.

Für "If something bad happens it happens to me" ("Wenn etwas Schlimmes passiert, dann mir") hat Asli Cavusoglu aus Istanbul in Weimar Szenen aus TV-Pannenshows nachgespielt. Viele ihrer Arbeiten entstammen experimentellen, erzählerischen Übungen, die sich mit Wiederholung, Nachbildung und narrativem Zusammenspiel befassen.

Mit einem durchsichtigen Schlauch, durch den sehr langsam schwarze Flüssigkeit fließt, lässt Muhammad Zeeshan aus Lahore eine sich in 25 Tagen vervollkommnende, überdimensionale Wandzeichnung entstehen. In seinen zeitgenössischen Miniaturmalereien untersucht er die innere Verwesung und Verdorbenheit sozialer und politischer Milieus und injiziert Themen wie Männlichkeit, Dominanz und Gewalt eine Schönheit.

Das Institut für Allgemeine Theorie, ein zeitlich unbestimmtes Projekt, an dem sich ein bis unendlich viele Teilnehmer beteiligen können, findet im ACC ein neues Domizil, in dem sein Gründer und Leiter Hagen Betzwieser aus Stuttgart jenes "Labor für omnidisziplinäre Gedanken-Experimente" mit Archivmaterialien, Apparaten und Forschungsergebnissen vorstellt.

Asli Cavusoglulu.
Asli Cavusoglulu.

Die Arbeiten von Asli Cavusoglu aus Istanbul bewegen sich an der Grenze zwischen Fiktion und Realität, zwischen vorgefundener Natur / Stadt und Inszenierung. Häufig sind ihre Interventionen in die Realität des Alltags betont schlicht, fast lapidar, und trotzdem - oder gerade deshalb - hintergründig und gewitzt. Überhaupt ist Humor eine ihrer Schlüsselstrategien. Seit mehreren Jahren stellt die Künstlerin an verschiedenste Institutionen Anträge zur Ausführung ortsspezifischer und oft unrealisierbarer Denkmäler, um dadurch die Bürokratie zu befragen und durchdringen. Auch für Weimar gab es diesen Plan. In ihrem Projekt "You're about to turn the lights off somewhere in the city" ("Du bist gerade im Begriff, die Lichter irgendwo in der Stadt abzuschalten") plant sie nun, in einem Raum der Galerie an der dafür üblichen Stelle einige Lichtschalter zu installieren, mit denen das Publikum einzelne Straßenlaternen in verschiedenen Stadtgebieten Weimars an- und ausschalten können soll, wobei es den agierenden Personen allerdings nicht möglich sei, die Auswirkungen ihres Handelns zu sehen. Die Vorstellungen über Weimar wie auch der Begriff Weimar (und seine Geschichte) selbst sind laut Asli Cavusoglu zu gesichert, wohl behütet und geschützt, sodass ein persönliches (künstlerisches) Einschreiten eine gute Option darstelle. Asli Cavusoglu zeigt ebenfalls ihr Buch "In Patagonia After Bruce Chatwin", welches durch die Patagonien reise Chatwins von 1977 inspiriert ist, ihr 7-Sekunden-Video "Stendhal Syndrome", in dem sie angesichts einer Arbeit von Santiago Serra einen Schwächeanfall bekommt, und die Fassadeninstallation "EGAL".

Asli Cavusoglu: If something bad happens it happens to me (Filmstill), 2008.
Asli Cavusoglu: If something bad happens it happens to me (Filmstill), 2008.

Asli Cavusoglu: "Die Videos, die wir als ‹spaßige Haushaltsunfälle› oder ‹Pannen-Shows› kennen, basieren auf ‹zufälligen› Heim-Mitschnitten von leichtsinnigen Kapriolen und lustigen Missgeschicken, die üblicherweise durch Tollpatschigkeit verursacht werden. Die Kamera läuft mit und das Erlebte wird - mit synchronisiertem und konserviertem Gelächter bestückt - veröffentlicht. Natürlich bringt es jene, denen diese Unfälle widerfahren, in lächerliche Situationen und leichte Verlegenheit. Ein magerer und gebrechlich aussehender Mann lässt beispielsweise beim Versuch des Gewichthebens die Gewichte auf sich selbst niederkrachen. Für ihn, der unter den Gewichten zusammenbricht, ist dieses so genannte Missgeschick eigentlich eine ziemlich schmerzhafte Angelegenheit. Deshalb wird die ‹harte Realität› hinter eingespieltem Lachen versteckt und das Leiden in einen Spaß verkehrt, über den wir lachen und ihn dann vergessen. Derartige Zwischenfälle rufen bei ihren Augenzeugen ein Gefühl hervor, dass im Deutschen als ‹Schadenfreude› bezeichnet wird, das Vergnügen am Leiden anderer Leute. Es sind gewöhnlich weiße ‹Darsteller›, die derartige Pannen erleben, Personen aus dem unteren Mittelstand, die zu dick, zu dünn, zu alt oder zu normal sind. Folglich freuen sich die Zuschauer nicht nur darüber, dass das Missgeschick nicht ihnen passiert (oder, korrekter, dass es jemand anderem widerfährt), sondern auch darüber, dass sie nicht so sind wie jene, über die sie lachen. Das Projekt ‹If something bad happens it happens to me› besteht aus 18 Episoden und basiert auf der Re-Produktion dieser Videos durch ein und dieselbe Person - mich."

Hagen Betzwieser.
Hagen Betzwieser.

"Das Institut für Allgemeine Theorie (IAT), dessen Gründer und Leiter Hagen Betzwieser ist, soll zur Bildung einer ‹allgemeinen Theorie› beitragen, die den Anspruch hegt, nichts außer Acht zu lassen, was dem Institut bei seinen mäanderartigen Irrfahrten über den Weg laufen könnte. In einer Zeit, in der man sich vor ganzheitlichen Weltanschauungen und Theorien mehr denn je fürchtet, ist die Ironie des Namens ‹Institut für allgemeine Theorie› wie auch die Unmöglichkeit seines universalen Postulats nicht zu überhören. Seit seiner Gründung setzt das IAT technologische Werkzeuge ein, die zugleich als Kunstobjekte für sich betrachtet werden können wie auch als Teile einer experimentellen Apparatur. Ihre Organisation und ihre Gestaltung verleihen ihnen auf den ersten Blick die unwiderlegbare Autorität der Wissenschaft. (…) In seinen (experimentellen) Situationen ähnelt der Wissenschaftler dem Künstler: Auf einmal ist er orientierungslos, wie jemand, der ‹Experimente einfach durchführt, um zu sehen, was geschieht, und nach einem Effekt Ausschau hält, dessen Natur er nicht ganz erraten kann›. (Thomas Kuhn) Diese Praxis des Experiments entzieht sich der strikten Kontrolle; eher ist sie mit dem zu vergleichen, was Maurice Blanchot ‹das Spiel mit dem Möglichen› nennt. Dieses Spiel mit offenem Ausgang erschließt neue Räume, erfindet Fiktionen, die die Wissenschaft in Frage stellen, ergründet wissenschaftliche Erkenntnisse, die als Fiktionen aufgefasst werden." (Jean-Baptiste Joly). Die am häufigsten verwendete Forschungsmethode des IAT ist die freie Feldforschung, die sich den unterschiedlichsten Fragen widmet.

Hagen Betzwieser: Crux,<br />Assoziationsgeografische Sternkarte, 2006.
Hagen Betzwieser: Crux,
Assoziationsgeografische Sternkarte, 2006.

Freie Feldforschung, die sich z. B. mit der Frage "Wie riecht das Universum?" oder dem Sachverhalt "Wie muss ein Weltraumkanu zum Verlassen der Erde ausgestattet sein?" auseinandersetzt, dient der Erzeugung von Daten mittels Beobachtung, unbewusster Präzision, gefährlichem Halbwissen und willkürlicher Behauptungen. 2009 ist der Fokus des IAT auf RESEARCH (Forschung), CLAIMS (Behauptungen) und DEVICES (Geräte) gerichtet. Hagen Betzwieser: "Die Neugier an der Natur veranlasste Menschen zu allen Zeiten dazu, diese zu beobachten, Gesetzmäßigkeiten zu analysieren und daraus (meist unendlich zufrieden stellende) Theorien abzuleiten. Nach einem goldenen Zeitalter, das von Dogmen und Empirie dominiert wurde, tendieren wir in unserer Zeit zu einem neuen Wissen, das dem ‹Zehnkampf der Poeten› (Heinz von Foerster) gleicht. Gestaltung füllt Lücken intuitiv, stimmig und ästhetisch, um das bestehende Weltbild an seinen fragilen Schwachstellen zu stützen und untrennbar mit ihm zu verschmelzen. Wachsende, omnipräsente und akzeptable Information reduziert dabei zunehmend die natürliche Neugier und deren wichtigste Instrumente, die Beobachtung und die Kritik. (…) Revolutionsfunkende Begeisterung soll erneut entfacht werden, wie sie in der frühen Wissenschaft jedem zugänglich war und große Individuen aller Richtungen hervorbrachte. ‹Nichts ist unmöglich, was nicht unvorstellbar ist› (Prof. Hubert J. Farnsworth)"

Muhammad Zeeshan im Städtischen Atelierhaus.
Muhammad Zeeshan im Städtischen Atelierhaus.

Muhammad Zeeshan: "Das Reisen und Erleben der kulturellen Unterschiede zwischen vielen Regionen und Städten bereicherte mich und meine Arbeit in vielerlei Hinsicht. Eine dieser Erfahrungen machte ich 2007 in London. Während meines Aufenthalts im Kunstinstitut Gasworks wurde mir bei kritischen Betrachtungen und in Diskussionsgruppen deutlicher, wie man über meine Arbeit dachte. Als ich im Jahr 2000 mein Studium der Miniaturmalerei im pakistanischen Lahore in Angriff nahm, begann ich auch, mein eigenes visuelles Vokabular zu entwerfen. Ich arbeitete mit gefundenem Bildmaterial und Video footage aus der Popkultur (Filmposter, Kabelfernsehen, Magazine) ebenso wie mit ‹ikonischem› Bildmaterial aus der ‹Hochkultur›. Ich fotografierte Fotos mit verschiedenen Objektiven ab, um bestimmte Effekte zu erzielen, die körperliche oder thematische Aspekte betonten, die mich interessierten und brachte sie zu Papier oder auf Wasli (einem handgeschöpften, vierlagigen Papier, das in der Miniaturmalerei verwendet wird). Ich re-interpretierte diese Bilder, um neue Assoziationen hervorzurufen. Trotzdem schien es, als würde es alles, was ich erschuf, bereits geben. Digitalfotografie, Filmkameras, Computersoftware leisten dieser künstlichen Wiedererschaffung von Dingen (in weniger Zeit), die vormals manuell erstellt wurden, Vorschub. Obwohl ich es als meine Arbeit bezeichnen konnte, war das Endprodukt weder ‹meine› Arbeit noch die des Autors, dessen Originalbild ich benutzt hatte. Wie sich herausstellte, fühlten sich Menschen von dieser Konzeptkunst so angezogen, dass sie sie sogar erwarben.

Muhammad Zeeshan: In God We Trust, 2008.
Muhammad Zeeshan: In God We Trust, 2008.

Meine Bilder erhielten plötzlich kommerziellen Charakter. Ich sah mich als kommerzieller Künstler herausgefordert. Was aber ist kommerziell? Auch beschäftigte mich die Tatsache, dass ich keine meiner Original-Arbeiten mehr besaß, weil sie verkauft wurden - alles, was ich noch hatte, war ein Digitalbild davon. War ich ein kommerzieller Künstler geworden? Diese Auseinandersetzungen in London waren eine prägende Angelegenheit, weil sie mich an meine 1998 beendete Teenagerzeit als Pornokino- Tafelmaler erinnerten und meinen damaligen Wechsel von einem kommerziellen Künstler zu einem (bildenden) Künstler. Als Reaktion darauf entwarf ich eine Installation, die nicht zum Verkauf gedacht war, obwohl sie aus extrem beliebten Konsumartikeln bestand, nämlich Coca-Cola-Dosen, die in ihrer Anordnung eine amerikanische Nationalflagge formten, zu deren freier Verköstigung ich das Publikum einlud. Ich versuchte, das Konzept der Originalität zu kritisieren. Eine ortsspezi- fische Arbeit am Weimarer KoCA-Kunstkiosk, den ich völlig mit populären Kino- und Reklamepostern aus der Region ‹einkleidete›, war ein weiteres Beispiel dafür. In einer anderen Weimarer Arbeit malte ich den Schriftzug ‹In God We Trust›, den ich den US-Dollar-Banknoten, Geldscheinen also, die Macht und Überlegenheit verkörpern, entlehnt hatte, als Kunstwerk. Als über einen Zeitraum von dreißig Minuten dieses Gemälde in schwarzer Tinte ertränkt wurde, konnte das Publikum die Zerstörung des Werkes miterleben und erhielt im Anschluss den Druck dieser Arbeit, der frei verteilt wurde.

Muhammad Zeeshan: Still so great, 2006.
Muhammad Zeeshan: Still so great, 2006.

Wie fühlt es sich an, viel Zeit und Energie in die Erstellung eines originalen Werks zu stecken und es dann in zahllose Drucke zu konvertieren, während das Original zerstört wird? Wie ist es, wenn das Original niemand, nicht einmal der Künstler, in Besitz nehmen kann, während jedermann, sei er Kunstsammler oder Laie, einen künstlerischen Druck von Muhammad Zeeshan haben kann? Weil sich die Komposition des Gemäldes minütlich änderte, war das Erlebnis des Publikums während der Betrachtung direkt auf Raum und Zeit bezogen. Lediglich die Drucke zeigen nachhaltig das originale Bild, sind auf Dauer existent, werden womöglich über Generationen fortbestehen und damit zur Überlieferung, die der Zivi lisation für Jahrhunderte innewohnt - bis zu einem Punkt, an dem niemand sie mehr hinterfragen kann, weil Hinterfragen nicht mehr gestattet ist." Kritisch gegenüber seiner Heimat, möchte Muhammad Zeeshan dem wahren, traditionellen pakistanischen Miniaturstil zu einem "Erwachsenwerden " in der Gegenwart verhelfen, wenn er ihn mit Symbolen aus dem pakistanischen Fernsehen und der Reklame korrespondieren lässt. Von einer unterschwelligen Gewalt erfüllt, Mehrdeutigkeit durchsetzt und tiefen Spannung bestimmt sind seine andererseits wunderschönen, sanftmütigen, fast medi tativen Gemälde. In jüngster Zeit stellt er irreal wirkende Elemente (oft Waffen und Tiere, getarnt oder maskiert) nebeneinander, um irritierende Bilder der amerikanischen Flagge zu konstruieren, die verspielt, aber auch bedeutungsgeladen sind - lokale Angelegenheiten von globalem Belang.

Rallou Panagiotou.
Rallou Panagiotou.

Rallou Panagiotou: Banana Drama, 2009.
Rallou Panagiotou: Banana Drama, 2009.

Das 15. Internationale Atelierprogramm KUNSTFEHLER - FEHLERKUNST lädt 2009 vier Künstler nach Weimar ein. Als erste Stipendiatin ist bis Ende Mai die in Glasgow lebende griechische Künstlerin Rallou Panagiotou zu Gast. Ihre Arbeiten sind bildhauerische Prozesse, die als Serie von bühnenartigen Aufführungen Situationen eine Form geben, die mit Abgeschiedenheit und dem Verlust von Macht oder Luxus zu tun haben und darüber hinaus Situationen als Ereignis organisieren und konstruieren, die mit dem Begriff der psychologischen Spannung verbunden sind. In Weimar möchte die Bildhauerin skulpturale Installationen produzieren, die sich in einem zeitbasierten Konzept mit der Untersuchung des Begriffs des Fehlers und der Art seiner Produktion auseinandersetzen, denen der Begriff des Fehlers bereits durch ihre Produktionsmethode innewohnt: Denn für die Herstellung jeder Skulptur wird nur ein Tag Zeit sein, d. h. der an sich von Zeit losgelöste schöpferische Prozess wird strikt gemaßregelt. Später werden aus so entstandenen, ausgewählten Elementen komplexere Gebilde geformt, während "abgelehnte" Elemente aneinandergereiht zur Schau gestellt werden. Das zweite Stipendium treten ab Juni 2009 Davy & Kristin McGuire an, die in Macau, einem chinesischen Verwaltungsgebiet mit Sonderstatus, leben. Als dritter Stipendiat wird ab Oktober 2009 der in Mainz lebende Künstler und Musiker Hiwa K in Weimar sein, der 2002 als politischer Flüchtling aus dem Irak nach Deutschland kam.

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