ausstellung

Von der Unbestimmtheit | On Indefiniteness

Von der Unbestimmtheit | On Indefiniteness

Von der Unbestimmtheit | On Indefiniteness
31.Mai.2008 bis 10.August.2008

Eröffnung: Freitag, 30.Mai.2008, 20 Uhr

Benjamin Bergmann (DE), Stefanie Bühler (DE), John Cage | David Tudor (US), Maartje Fliervoet (NL), Pascal Gingras (CA), Franziska und Sophia Hoffmann (DE), Marja Kanervo (FI), Maria Brigita Karantzi (GR), Nina Katchadourian (US), Elysa Lozano (US), Julien Maire (FR), Luisa Mota (PT), Julius Popp (DE). Unter Mitwirkung der HALLE 14 (Leipzig) und von Knut Birkholz (Rotterdam).

Gefördert durch das Thüringer Kultusministerium, die Kulturstiftung des Freistaates Thüringen, die Stadt Weimar, die Stiftung Federkiel. Mit Unterstützung des Förderkreises der ACC Galerie Weimar.

Ob die Natur, der Sternenhimmel, ein Buch oder unser Miteinander: Ordnung und Unordnung, Bestimmtheit und Unbestimmtheit sind unserer Welt zueigen. Die Unbestimmtheit tritt uns wie ein Schatten aus allen Winkeln der Welt entgegen. Je mehr wir investieren, um sie auszuschließen, desto mehr stellen wir fest, wie wenig dies zuweilen nützt. Voraussagen waren einmal vom Mythos dominiert. Die Wissenschaften können sich von ihm nicht frei machen und müssen sich oft mit der Berechnung von Wahrscheinlichkeiten begnügen, obwohl in berechenbaren Systemen eine klare Kausalität von Ursache und Wirkung als Grundlage für Regeln und Ordnungen vorherrscht. Auch in sozialen Gebilden verursachen wir oft Ereignisse, die den klassischen kausalen Ansätzen das Genick brechen, bis hin zum Zufall, der bekanntesten Form der Unbestimmtheit. Dennoch ist der geschickte Umgang mit der Unbestimmtheit die Grundlage für die Bewältigung heutiger und künftiger Aufgaben, denn sie kann weder aus dem Leben getilgt noch aus dem Universum eliminiert werden. Eine Niederlage von heute kann aufgrund der Unbestimmtheit zu einem Gewinn von morgen werden. Für Künstler gehört sie zum Arbeitsprozess - in der Dokumentation des Realen, "Regellosigkeit", Entwicklung neuer Regeln. So wie der Lauf der Dinge niemals vollständig bestimmt sein wird, ist auch jenes Irritierende, Poetische, Undeutliche, mit dem uns ein Kunstwerk berührt, oft kaum zu benennen. Was bedeutet also Unbestimmtheit? Woher kommt sie? Kann man sie abbilden? Und darf nicht zuletzt der Balanceakt zwischen Unbestimmtem und Ordnungsmomenten im künstlerischen Werk als Sinnbild gelten für das, was wir Lebenskunst nennen?

Mit seiner Akzeptanz von Unbestimmtheit und Zufall als integralen Bestandteilen seiner Kompositionen und seiner Erweiterung des Musikbegriffs sprengte der Musiker, Komponist, Künstler, Dichter und Philosoph John Cage die Grenzen traditioneller künstlerischer Praxis und gab Impulse für die kritische Auseinandersetzung mit Konventionen der zeitgenössischen Musikkultur. Zentrale ästhetische und musikpraktische Schlüsselbegriffe sind bei Cage jene Indeterminacy (Unbestimmtheit) oder purposeful purposelessness (beabsichtigte Absichtslosigkeit) sowie die ästhetische Gleichstellung von Alltäglichem und Kunst bzw. von Natur und Kunst. Die nach traditionellen Maßstäben kaum als "Musik" zu kategorisierende Arbeit "Indeterminacy" (1959) von John Cage und David Tudor beinhaltet insgesamt 90, von Cage verfasste Texte, absatzlange Erzählungen, die er in Vortragsform je nach Geschichte mit wechselnden Tempovorgaben laut vorlas - eine Story pro Minute: Autobiografische Anekdoten, Gedanken und Späße, in denen sein Interesse für vielerlei merkwürdige Philosopheme, komische bis irritierend widersprüchliche Erfahrungen in und außerhalb der Kunst, stetig durchscheint. Bei den Studioaufnahmen von "Indeterminacy" befand sich Tudor außer Hörweite in einem Nachbarraum, wo er verschiedenste Klangfragmente aus Cages Werk (nämlich Aufnahmen aus "Concert for Piano and Orchestra" und "Fontana Mix") nach dem Zufallsprinzip auswählte und abspielte.

Die Fotografien aus der 37 Einzelwerke umfassenden Serie "Julie" (2007) der Portugiesin Luisa Mota setzen sich mit der Schwierigkeit, die Realität zu bestimmen, auseinander und zeigen eine improvisierte Performance: Gesten und dramatischer Ausdruck der Inszenierungen, inspiriert von der Ikonografie und den Kompositionstechniken der Malerei seit der Renaissance, erfüllen diese (digital unbearbeiteten) Fotos, ohne dass Handlungsmotive und Sujet näher bestimmbar sind. Sie erinnern an Bildausschnitte beispielsweise der großen Historienmalerei (Schlachtengemälde), in denen dynamische Bewegungen der Figuren stillgestellt und eingefangen sind - in diesen Arbeiten jedoch ist der erklärende Gesamtzusammenhang ausgeblendet, wiewohl er hier gar nicht besteht. Die Schwerkraft scheint außer Kraft gesetzt, räumliches Erfassen unmöglich. Allenfalls ein dramatisches Ereignis und der Schrecken des Personals lassen sich erahnen, und die Verwendung insbesondere von Spiegeln erzeugt zusätzliche Orientierungsschwierigkeiten beim Betrachter. Motas zudem präsentierter Video-Loop "A play about the paradoxicality of dealing with a constructed unreal reality" (2006) bildet ein von der Künstlerin selbst erdachtes Schauspiel auf Kopfsteinpflaster ab: Die Kamera scheint eher zufällig das komisch anmutende Schattenspiel der Akteure einer tragischen Geschichte zu dokumentieren - die Probensituation wird selbst zur Erzählung.

Die US-Amerikanerin Elysa Lozano setzt sich mit der heutigen Kunstpraxis und dem Verhältnis zwischen dem Werk und den kuratorischen Einflüssen auf dessen Produktion, Interpretation und Präsentation auseinander. Wo hört das Werk auf? Wo fängt die Kunsttheorie an? Ihre Installation "A Virtually Unlimited Set of Two Possibilities" (2008) wird erstmals als Diptychon aus Fotografie und Video gezeigt. Das Foto dokumentiert eine temporäre Intervention Lozanos (eine Holzwandkonstruktion) in einem von Kunstkuratoren genutzten Raum, während im Video die Kuratorin Leslie Rosa eben jene Intervention in einem sachlich anmutenden Vortrag interpretiert. Nur ist der vorgetragene Text von Lozano selbst verfasst - und die Lesung ist inszeniert. Die Künstlerin Elysa Lozano kommentiert: "Stell dir vor, in den Fußboden zu sickern, eine Wand zu werden, dich durch sie zu bewegen, dich auszubreiten im Gebäude, durch es zu sprechen, es zu bewegen, die Wände zu krümmen, die Decke anzuheben, zu reagieren wie ein lebendiger Organismus. Es ist ein Stück Erde: flach, leicht rhombisch, ein Viereck mit einem Bauwerk oben auf, Zimmer und Flure, manche zugänglich, manche nicht. Informationen werden aufgenommen. Menschen laufen durch die Räume mit einem Sinn für Zwecke. Sie kommen zusammen in einem Raum, trennen sich wieder. Mitteilungen werden gemacht. Ein Fenster öffnet sich: ein Interface. Ein Eingang, wie beabsichtigt, für das Publikum."

Die Griechin Maria Brigita Karantzi interveniert temporär in den Kontexten öffentlicher Kunsträume und verwendet dazu einfachste Materialien. Die fürs ACC produzierte Installation "The Light of Day" (2008) greift - warum auch immer - die Metaphorik und Bildwelt der Seefahrt und des Piratentums auf. Ob heute, in der romantischen Literatur oder vor 1.000 Jahren: Die Seefahrt, die unendliche Weite der Ozeane, die sich unserer Kontrolle entzieht, das Unvorhersagbare kommender Ereignisse zur See wirkt so faszinierend und abenteuerlich, dass man von einer Sehnsucht nach dem Unbestimmten sprechen könnte. Karantzi: "Das Werk - ein Schiff aus Pappkarton mit Segeln aus Seide, die mit kleinen Ventilatoren ‹angetrieben› werden - sagt etwas über sich selbst und mich aus, ist das Resultat von Anstrengungen und Selbstzweifeln, kommentiert nichts, bezieht sich auf nichts, repräsentiert nichts, ist Teil der Wirklichkeit, arrogant und selbstgenügsam - ein Produkt der Hoffnung, der Unzulänglichkeit und Verblendung und so zwecklos wie alles ringsherum." In Korrespondenz dazu ziert ein 5m hoher Mastkorb eine der blauen Industriestahlstützen der gleichnamigen Parallelschau in der HALLE 14 Leipzig. Selbstgebastelte Wimpelketten gehen vom Ausguck in alle Richtungen, verbreiten Jungfernfahrtstimmung und suchen Kontakt zu den Werken von Maire, Gingras, Bühler und Bergmann. Unklar bleibt hingegen, wohin die Reise geht oder welches Land in Sicht ist.

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