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Die Subversion des Stillstands | The Subversion of Standstill

Die Subversion des Stillstands | The Subversion of Standstill

Die Subversion des Stillstands | The Subversion of Standstill
Entstanden unter Mitwirkung des Kunstraumes HALLE 14 (Leipzig) und von Knut Birkholz (Rotterdam).

Persijn Broersen & Margit Lukács (Niederlande), Raymond Taudin Chabot (Niederlande), David Claerbout (Belgien), Jason Salavon (USA), Minnette Vári (Südafrika), Patrick Ward (Großbritannien).

Gefördert durch das Thüringer Kultusministerium und die Stiftung Federkiel, mit Unterstützung des Förderkreises der ACC Galerie Weimar. Die Ausstellung in der HALLE 14 (Leipzig) wurde ermöglicht durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen.

Was Konjunkturritter, Wirtschaftsplaner, Zukunftsforscher und Wachstumsprofiteure fürchten, führtbei Anderen eher zur Entlastung von den Zumutungen des Lebens: der Stillstand, das Null-Wachstum. Das Langsamer-werden und das Zur-Ruhe-kommen verweigern sich dem Diktat des "Schneller, Höher, Weiter " und dem Slogan des "Stillstand bedeutet Rückschritt". Die Maxime "Weniger ist Mehr" ließe sich so zu "Gar nicht mehr ist Alles" steigern. Solche Verweigerung läuft den Interessen der ökonomisch-rastlosen Beschleunigungsapostel zuwider. "Bedarf das Nachdenken über das eigene Leben und die Gesellschaft denn nicht auch des Anhaltens und Gewahrwerdens?" fragt die nunmehr dritte Ausstellung zum Thema. Kunst weiß Praktiken des Verzögerns und Stillstellens beobachtbar zu machen. Die zweite Schau zum Thema war bis 23. März 2008 in Leipzigs HALLE 14 zu sehen, während die Stipendiaten Lene Berg, Claudia Hardi und Patrick Ward bereits im Frühjahr 2007 themenbezogene Arbeiten in einer ersten Ausstellung in der ACC Galerie Weimar vorstellten. Nun zeigt die dritte Schau - bis auf neue Werke Patrick Wards - Arbeiten weiterer Künstler und verdichtet so das Thema. Ausstellungsidee und -konzept basieren auf der Tagung "Stehende Gewässer. Medien und Zeitlichkeiten der Stagnation" (2006) des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Graduiertenkollegs "Mediale Historiographien " Weimar/Erfurt/Jena und auf dem Jahresthema des 12. Internationalen Atelierprogramms der ACC Galerie Weimar und der Stadt Weimar (2006/07), "Die Subversion des Stillstands".

Hinter einem Berg brennt eine Stadt, ein Soldat zielt mit seinem Gewehr, ein Kind schreit; ein (zerstörter) Strand liegt neben einem Gebäude, wo ein UN-Spitzentreffen stattfindet: Wie hypnotisiert zappen wir uns durch den nie mehr still stehenden, endlosen Strom unzähliger TV-Bilder, aus denen Persijn Broersen & Margit Lukács eine Raumcollage gleich einem Maßstabsmodell erstellten. Aber nicht die Bilder bewegen sich - sie stehen stocksteif in der Medienlandschaft, dem globalen Paradies ("Prime Time Paradise", 2004), das für jedermann zugänglich ist. Es ist der schwerelose Betrachter selbst, der durch dieses Décor aus Scheinbildern fliegt, eine infernalische Landschaft im ewigen Jetzt der zeitgleichen Ereignisse. Um die Milliarden flüchtiger Fernsehinformationen (verlangsamt zu einem Geflüster an bewegten Bildern und verzerrt, weil es sich hier um Pay-TV-Programme handelt, die nur kryptisch empfangen werden können, sofern kein Decoder zur Hand ist) geht es auch in Minnette Váris "Aurora Australis" (2001). Dass sie sich wie die meisten Südafrikaner keinen Decoder leisten kann, animierte sie dazu, stundenlang die "gequirlten" Signale zu beobachten und sich performativ in die "exklusive Fernsehunterhaltung " (Vári) des visuellen Rauschens einzubringen, das sie mit den Lichterscheinungen am Südpolarhimmel, der Aurora Australis, vergleicht, während sie die poetische und erzählerische Dimension der verschlüsselten Bilder interpretiert.

"That Place" (2007), produziert vom Niederländer Raymond Taudin Chabot, vermittelt gedehnte Augenblicke aus dem Innehalten eines vermutlich recht erfolgreichen Geschäftsmannes oder bedeutenden Politikers. In seinem Gesicht erscheinen Anzeichen von Reue - Anzeichen des Unbehagens an der Rolle, die er "spielt", des Zweifels an einem von falschen Idealen verformten Leben. Dieses Innehalten überträgt sich auf den Betrachter: Zeit für dessen Reflexion etwa über den individuellen Preis des Gewinndenkens - und dessen Repräsentation durch eine Managerästhetik, wie sie in der noch weitgehend patriarchalisch strukturierten und wohl auch daher reformbedürftigen Gesellschaft verbreitet ist.

In seinem Video "Cat and Bird in Peace" (1996) suggeriert der Belgier David Claerbout, hier sei das Naturverhältnis von Jäger und Gejagtem, nämlich zwischen Katze und Vogel, außer Kraft gesetzt. Den Erwartungen des Betrachters läuft diese utopisch anmutende Stillstellung zuwider - ein künstlicher Zustand, durch digitale Manipulation oder Domestikation erzeugt, als künstlerisches Sinnbild. Zugleich aber bewegen sich beide Tiere minimal und deuten an, dass sich sogleich doch etwas ereignen könnte. Und diese Andeutung, diese Unsicherheit ist es, die den Raum zwischen Foto und bewegtem Bild auslotet und den Betrachter in permanentem Zweifel über ein mögliches Geschehen lässt: "Die Ausstellungsbesucher", so Claerbout, "erwarten vom Künstler immer, dass er etwas tut. Sie lauern dann darauf, dass es eintritt (Ich versuche das zu beachten)." Claerbout "spielt in einem fort auf der Klaviatur der Medien, positioniert sein Werk exakt auf der Schnittstelle von Dokumentation und Simulation" (Christoph Doswald).

Die Klanginstallation "The Song of the Century" (1999) des US-Amerikaners Jason Salavon, von ihm ursprünglich als ein "Jahrtausendgeschenk" für Freunde und Bekannte im CD-Format produziert, ist ein Amalgam aus 27 Versionen des wohl bekanntesten Beatles-Songs und am häufigsten aufgenommenen Stücks aus der Musikgeschichte: "Yesterday". Dessen unverhohlene Nostalgie verliert sich bald in den Überlagerungen der Einzelaufnahmen, die gleichzeitige Wiederkehr des beinahe Gleichen konterkariert das jeweils Besondere fast bis zum belanglos Ununterscheidbaren, einem aus dem Off der Vergangenheit widerhallenden "Stillleben", um mit thematischer Wiedererkennbarkeit versöhnlicher zu enden.

Die Videoanimation "Aurora Australis" (2001) der Südafrikanerin Minnette Vári basiert auf der Wiederverwendung verschlüsselter Bilder aus den Kanälen des Bezahlfernsehens: Vage Bildfolgen, Störungen bis zur Unkenntlichkeit, abstraktes Klang- und Farbenspiel, das Erinnerungen an antarktische Polarlichter - die Aurora Australis - hervorruft, werden wiederholt überblendet von performativen Szenen der Künstlerin. Die verfremdende Aneignung der Unterhaltungsbanalitäten aus dem heutigen Fernsehen steht im Dienste "intellektueller und spiritueller Erleuchtung" (Vári), konterkariert dessen allgegenwärtiges Informationsüberangebot in subtiler "Entschleunigung" durch Informationsentzug und unterstreicht trotz allem das poetische Potenzial des populärsten Erzählmediums.

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