Begleitprogramm zur ACC-Ausstellung 'PING-PONG'

Druckstellen - Lesung, Performance, Wartekritzeleien
Jürgen Gottschalk, Dresden

PING-PONG

PING-PONG: Birger Jesch und Jürgen O. Olbrich
Die Bilanz einer 25jährigen Künstlerfreundschaft
27.1. bis 18.3.2007


Es erscheint ein gemeinsame Edition (Auflage 10 Exemplare).
Parallel zur Ausstellung finden vier Aktions-Veranstaltungen statt.
Die Ausstellung PING-PONG wird von der KULTURSTIFTUNG DES BUNDES, dem Thüringer Kultusministerium, der Stadt Weimar und vom ACC-Förderkreis gefördert.

"Druckstellen - Die Zerstörung einer Künstler-Biographie durch die Stasi" Der Mail Art-Künstler und Exinhaftierte liest, erzählt und erschüttert. No jury! No return! No fee!
Jürgen Gottschalk sucht für den Abend im ACC noch eine Begleitung am Saxophon!

Wer im sächsischen Sandstein bei der Wismut als Hauer vor Ort malochte, träumte von besseren Zeiten. Als Autodidakt und Quereinsteiger begann er Mitte der 70er Jahre mit Grafikdruck und dem Aufbau einer eigenen Siebdruckwerkstatt.

In jenen Jahren, als unter anderem auch Jürgen O. Olbrich nach Dresden kam, um, wie auch Birger Jesch mit ihm die begehrten Mail Art-Postkarten per Hand zu drucken, zog die Stasi hinter den Kulissen die Stricke für seine Schlinge zu. Aus diesem Spannungsfeld schreibt Jürgen Gottschalk seine subjektive Geschichte. Mit Biss und Humor blickt er zurück. Zwischen enttäuschter Hoffnung und Aufbegehren, rigider Unterdrückung, Haft und der Fahrt in die ersehnte Freiheit wird das Vergangene grausam lebendig.

Und wenn er uns vorliest, wird dies kein besinnlicher Abend. Diese Reise in die gefrorene Zeit lässt den Atem stocken und Erinnerungen wach werden...

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Vita - Jürgen Gottschalk

Jürgen Gottschalk wurde 1951 in Dresden geboren. Heute zählt er zu den vier bekanntesten Mail Art-Künstlern Deutschlands. Sein Erfolg ist jedoch keinem Zufall zu verdanken, denn Postkunst herzustellen bedeutete in der DDR harte Arbeit und lange durchzechte Nächte. So musste man z.B. hunderte von Karten per Hand beschriften, Motive noch mit Hilfe von "Nuth"-Fleckenwasser durchpausen und aus Radiergummis Stempel zaubern.

1976 bekommt er tatkräftige Unterstützung durch eine kleine westdeutsche Siebdruckausstattung, welche ein Geschenk eines Darmstädter Dozenten war, und aus drei Rakeln, ein paar Farbtöpfen und einem Sieb bestand. Für ihn war es eine Rarität, da dieses Medium in der DDR noch unbekannt war. Zuvor produzierten er und sein Mail Art-Kollege Birger Jesch die Briefe und Karten noch mit Holzschnitten und Tiefdrucken. Eine mühselige Arbeit, die viel Zeit und Geduld in Anspruch nahm. Endlich konnte er schneller hohe Auflagen seiner Werke herstellen und sich nach und nach selber zum Profidrucker ausbilden.

"Ich war wie ein Schwamm", erzählte Gottschalk, "ich habe alles aufgesogen, was für mich zum Thema an Informationen greifbar war. Wenn die Kinder im Bett waren, habe ich nächtelang probiert. Alle Kniffe musste ich mir mühselig erarbeiten. Es war verrückt: Ich teilte die Menschheit plötzlich in Frauen und Siebdrucker ein". Seine langen Arbeitsprozesse zahlten sich für den gelernten Rinderzüchter und Bergmann jedoch schon nach kurzer Zeit aus. Die Qualität seines Handwerks wurde so gut, dass sich Verbandskünstler mit ihm in Verbindung setzten und gemeinsam arbeiten wollten. Im November 1979 erhält der Hobbygrafiker, dank seiner guten Drucke, eine auf zwei Jahre befristete Arbeitsgenehmigung als Drucker und baute sich außerhalb seiner Wohnung eine kleine Siebdruckwerkstatt auf.

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Mit dieser Werkstatt brach für die Mail Art-Crew, die außer ihm noch aus Jesch, Rehfeld, Giersch und Stange bestand, zunächst gute Zeiten an. Etwa 1980 initiierte Jürgen Gottschalk sein erfolgreiches Projekt "Visuelle Erotik". Dabei schien es erst so, als würde ihm die Stasi, die derzeit alle Inlands- und Auslandsbriefe der DDR-Bürger kontrollierte, einen Strich durch die Rechnung ziehen: sie schickt ihm alle 267 Einladungen, welche er per Einschreiben verschicken wollte, entwertet zurück, wegen angeblichen Verstoßes gegen die Postordnung. Als er es später schaffte, alle Einladungen zu versenden, erhält er 141 Kunstreaktionen zurück. Ungestraft kam er jedoch nicht davon: 1983 bekam er dafür Berufsverbot und musste sogar 1984 wegen seiner Mail Art-Kunst ins Gefängnis. Die Gründe sind bis heute nicht nachvollziehbar.

"Für uns war das ein Stück Emanzipation", erklärt Birger Jesch die damalige Mail Art-Euphorie, "man war nicht mehr auf den kleinen Zirkel angewiesen und hatte das Gefühl, sich Stück um Stück ein verloren geglaubtes Territorium zurückzuerobern." Wahrscheinlich war es genau das, was der damaligen DDR-Diktatur nicht passte.

Doch der Exinhaftierte gibt nicht auf. Schon ein Jahr später startet er sein Werk erneut in Hannover und ist bis heute aktiv. Ab 1996 war er Leiter der Siebdruckwerkstatt im Riesa Efau Kulturverein und seit 2002 ist er Werkmeister für Grafik im Landesgymniasum St.Afra.

Die Erlebnisse seiner Arbeit in der DDR hält er fest in dem Buch "Druckstellen - Die Zerstörung einer Künstler-Biographie durch die Stasi", welches er 2006 veröffentlichte.

http://www.dhm.de/ausstellungen/boheme/katalog_zentren/dresden/dresd72.htm

Montag, 05.03.2007, 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar
Eintritt: 3 € / erm.: 2 € / Tafelpass: 1 €