Begleitprogramm zur ACC-Ausstellung 'PING-PONG'

'Sag mir, wo die Briefe sindů' - Mail Art und Postkontrolle in der DDR

PING-PONG

PING-PONG: Birger Jesch und Jürgen O. Olbrich
Die Bilanz einer 25jährigen Künstlerfreundschaft
27.1. bis 18.3.2007


Es erscheint ein gemeinsame Edition (Auflage 10 Exemplare).
Parallel zur Ausstellung finden vier Aktions-Veranstaltungen statt.
Die Ausstellung PING-PONG wird von der KULTURSTIFTUNG DES BUNDES, dem Thüringer Kultusministerium, der Stadt Weimar und vom ACC-Förderkreis gefördert.

Dr. Lutz Wohlrab, Psychoanalytiker, Berlin
Dia-Vortrag: "Sag mir, wo die Briefe sind ..." Mail-Art und Postkontrolle in der DDR; Anschließende Diskussion mit dem Künstler Birger Jesch über die die Erfahrungen der Mail - Art Szene in der DDR. Moderation: Alexandra Janizewski

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Dass die Post in der DDR flächendeckend kontrolliert wurde, ahnte der DDR-Bürger, er wusste es aber nicht. Über 2 000 Mitarbeiter hatte allein die Abteilung M der Staatssicherheit, der die Postkontrolle oblag. Nicht nur jeder Auslands- auch jeder Inlandsbrief wurde von der Stasi gesichtet, bevor ihn die Post befördern konnte. Davon wurden ca. 10 % mit Wasserdampf geöffnet, das waren ca. 90 000 Briefe pro Tag. Für Mail Art-Künstler, die sich des Mediums Post bedienten, spielte die Postbeförderung und -kontrolle natürlich eine herausragende Rolle. Wir waren von dem abhängig, was befördert wurde. Erstaunlich vieles kam durch, aber nicht alles. Und so wurde mancher Kontakt auch gezielt zerstört. Es mussten vielleicht nur zwei Briefe verschwinden, um Zweifel am weiteren Interesse des Korrespondenten aufkommen zu lassen.

Mail Art ist in den USA als eine Spielart der Konzeptkunst entstanden. Ray Johnson (1926 - 1995) gründete 1962 die New York Correspondance School of Art und gilt als Vater der Mail Art. Seine "Schule" stellte keinen realen Ort dar. Johnson verschickte Post mit der Aufforderung, sie zu ergänzen und dann weiter- oder zurückzuschicken. "Add and return"- ist bis heute ein beliebtes Kollaborationsspiel unter den Mailartisten. Dadurch entstanden die ersten Networks. Große Adresslisten, wie die von Image-Bank, Canada 1974, ermöglichten interessierten Künstlern, direkt miteinander zu korrespondieren. Mail Art war wie die Fluxus-Bewegung von Anfang an international orientiert. Es gibt einige gemeinsame, berühmte Protagonisten (Beuys, Christo, Filliou, Vautier und Tót). Während für die Fluxus-Gruppe aber strenge Einschlusskriterien galten, blieb Mail Art für jedermann offen.

In der DDR hatte die Mail Art einen besonderen Stellenwert. Sie war ein Tor zur Welt, für viele von uns das einzige. Mail Art bezog einen wesentlichen Teil ihrer Spannung aus der Ost-West-Grenze. Alle Stil-, Sprach-, Kultur- und eben auch Staatsgrenzen zu überwinden, war das utopische Ziel vieler Mailartisten. Es war ein schöner Gedanke, hinter jeder Adresse einen potentiellen Freund anzunehmen. Gerade das war dem DDR Regime suspekt.

Die Staatssicherheit erschuf sich manchen "Feind", wie sie ihren Operativen Vorgang gegen die Dresdner Mail Art-Gruppe mit Birger Jesch nannte. Mail Art gibt es weiterhin und sie ist ansteckend. Ihr wichtigstes Element sind die "Projekte", d.h. Ausschreibungen zu verschiedenen Themen im Netz und ihre juryfreie Ausstellung. So laden sie jeden Besucher zum Mitmachen ein. Mail Art ist visuelle Kommunikation mit vergleichsweise einfachen Mitteln - seit Jahren nun auch schon über das Internet, siehe u.a.: http://www.mail-art.de

Lutz Wohlrab

Außerdem stellen die beiden als Herausgeber das Künstlerbuch "Abschiede/Farewells 2" Sondernummer 26 der Edition "entwerter/oder" aus dem Uwe Warnke Verlag Berlin 2007 vor.

Samstag, 03.03.2007, 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar
Eintritt: 3 € / erm.: 2 € / Tafelpass: 1 €