Begleitprogramm zur ACC-Ausstellung 'PING-PONG'

Wozu ist die Straße da?: **Streetart** - Kommunikation oder Pissmarke?

PING-PONG

PING-PONG: Birger Jesch und Jürgen O. Olbrich
Die Bilanz einer 25jährigen Künstlerfreundschaft
27.1. bis 18.3.2007


Es erscheint ein gemeinsame Edition (Auflage 10 Exemplare).
Parallel zur Ausstellung finden vier Aktions-Veranstaltungen statt.
Die Ausstellung PING-PONG wird von der KULTURSTIFTUNG DES BUNDES, dem Thüringer Kultusministerium, der Stadt Weimar und vom ACC-Förderkreis gefördert.

Blankenhain 1990. Foto: Birger Jesch
Blankenhain 1990. Foto: Birger Jesch

Im Gespräch: der Künstler Birger Jesch und Irmela Mensah-Schramm, Aktivistin gegen Hass-Graffiti und selbsternannte "Politputze"

Gäste: Kathrin Schuchardt, Streetworkerin (Weimar), Peer Wiechmann, Leiter der Netzwerkstelle gegen Rechtsextremismus (Weimar), Color Violence, (Weimar)

Nach einer eigenen Schablonengraffiti-Aktion im Herbst 1976 begann Birger Jesch auf diese Form der Meinungsäußerung besonders zu achten und dokumentierte seit 1989 Graffiti und Street Art unter Einbeziehung auftauchender Passanten.

Irmela Mensah-Schramm übermalt seit 1987 ungefragt Nazi-Parolen und berichtet über die dabei ausgelösten pro- und kontra-Reaktionen

Irmela Mensah-Schramm, Berlin: O-Ton: selbsternannte Politputze

Seit nunmehr 21 Jahren dokumentiert und vernichtet die Berliner Heilpädagogin Irmela Mensah-Schramm ehrenamtlich gesprühte oder geklebte Hass-Parolen und - Nazi-Symbole von Hauswänden, Straßenlaternen, U-Bahn-Sitzen. Sie ist eine Heldin der Tat. 1996 hat sie dafür die Bundesverdienstmedaille bekommen, 1998 das "Band für Mut und Verständigung" der Ausländerbeauftragten von Berlin - und jetzt wurde Irmela Mensah-Schramm für ihre Zivilcourage in Dresden mit dem Erich-Kästner-Preis geehrt.

www.graffitieuropa.org/berlin/mensahschramm.htm

www.dradio.de/dkultur/sendungen/kompass/396939/

*1945, Stuttgart.
Lehrerin. Von 1975 bis zum beruflichen Ruhestand 2006 als heilpädagogische Lehrkraft in einer Sonderschule für Geistigbehinderte. Engagement für Kinderrechte, besonders für die Bedürfnisse der behinderten Kinder. 1976 bis 1978 Mitarbeit in der flüchtlingsberatunf von Amnesty International
1979 Beginn der aktiven Beteiligung an Aktionen der Öko- und Friedensbewegung
1982 Beitritt zur Friedensinitiative Berlin-Wilmersdorf
1987 Beginn der dokumentationen der Hass-Schmierereien
1994 Verleihung der Bundesverdienstmedaille
1995 1. Ausstellung der Fotodokumentation "Hass vernichtet"
1996 Gerhard Schöne widmet ihr sein Lied "Die seltsame Heilige"
1997 Verleihung des "Bandes für Mut und Verständigung"
2000 Auf der Weltausstellung EXPO in Hannover steht eine 6 Meter große Büste von Irmela Mensah-Schramm neben der von Albert Einstein
2000 Rückgabe der Bundesverdienstmedaille an Bundespräsident Rau
2001 Verleihung des Ehrenpreises der Harold-Bob-Stiftung
2002 100. Ausstellung "Hass vernichtet" im "al Globe" in Potsdam
2005 200. Ausstellung "Hass vernichtet" im Ausländerrat in Dresden
2005 Verleihung des Erich-Kästner-Preises in Dresden
2005 Verleihung des Preises "für Demokratie und Toleranz"

Zwischen 1992 und 2006 erhielt Mensah-Schramm mehrere Strafanzeigen und kurzfristige Festnahmen wegen "Sachbeschädigung" und "Verstoßes gegen § 86a" (Verwenden verbotener Kennzeichen) bei der Entfernung der Hassschmierereien und deren Dokumentation.

Kontakt: Irmela Mensah-Schramm, Tel/Fax 030/8051450 Ausleihen der Ausstellung "Hass vernichtet" (Ausstellung der Friedensinitiative Zehlendorf e.V.) gegen Unkostenbeitrag: 40 Bilder Hochformat 70x100 cm oder 25 Bilder Hochformat 50x70 cm

Birger Jesch, Blankenhain: Konzeptkünstler, Networker, dokumentarisch Arbeitender und Spurensicherer unter Verwendung von Fundobjekten, sammelt und archiviert u.a. Streetart

*1953 in Dresden, lebt und arbeitet in Blankenhain, Thüringen Mail Art, Aktion, Konzept, Installation, Grafik, Künstlerbuch

Den autodidaktischen Startpunkt von Birger Jeschs Werkweg bildeten postsurreale Unikate und Druckgrafiken in den 1970er Jahren. Einen Überblick zu Jeschs Schaffen zeigten zwei Personalausstellungen Anfang der 1980er. Von 1979-2000 war Jesch in umfassendem Maße im internationalen Mail-Art-Netzwerk aktiv, baute ein umfangreiches Archiv auf und realisierte zehn eigene Mail-Art-Projekte, unter ihnen das erste öffentlich in der DDR gezeigte Mail-Art-Projekt Schießscheiben, ausgestellt 1981 in der Dresdner Weinbergskirche. Seit Beginn der 1980er konnte er zahlreiche Beiträge in europäischen original-grafischen Künstlerzeitschriften, Editionen und Künstlerboxen veröffentlichen, darunter seit 1987 auch immer wieder Arbeiten im Entwerter/Oder (Uwe Warnke Verlag, Berlin). Seit 2000 wendet er sich künstlerisch-dokumentarischen Arbeiten zu - er bezeichnet dies als Spurensicherung -, die unter Verwendung von Fundobjekten entstehen. Sein Interesse gilt Alltagsdokumenten, die er aus dem Fahrwasser der deutschen Geschichte fischt. Dabei können Elemente der Täuschung und Fiktion als Werkzeug dienen. Die Projekte entstehen oft unter Einbeziehung ausgewählter Kommunikationsstrukturen (Mail Art) und unter Mitwirkung von Kollaborateuren.

Mail-Art-Arbeiten entstehen gemeinsam mit anderen Künstlern durch das Collagieren in Etappen und an wechselnden Orten. Die Vernetzung der Beteiligten beginnt mit dem Erhalt eines Dokuments (in Form einer Schwarzweiß-Fotografie). Von den 40 mit einer Initialgestaltung versehenen und verschickten Objekten erreichen 17 wieder den Absender (Jesch). Am Projekt sind 95 internationale Künstler aus drei Kontinenten beteiligt. Auch der Gründer der New York Correspondance School und Pionier des add and send to-Prinzips Ray Johnson (gest. 1995) hinterlässt seine Spuren. Die letzten zwei Objekte erreichen den Initiator Jesch nach 1990, nach dem Wegfall der Postzensur.

Nach insgesamt 20 Jahren im Mail-Art-Netzwerk (1980-2000) blieben bei Birger Jesch Tausende Poststücke als Belege grenzüberschreitender Korrespondenz zurück. Die archivierten Sendungen vermitteln einen Überblick über die haptische und visuelle Vielfalt vor dem Zeitalter der elektronisch genormten Post. Eine Individualität wird sichtbar, die sich noch direkt im handschriftlichen Duktus ausdrückt. Das verwendete Material reicht von Briefen in die DDR mit Stempelabdrücken der Zensurbehörde über Belege der "Zwischenzeit" mit O wie Ost vor der Postleitzahl bis zum Verschwinden der deutsch-deutschen Unterschiede. Aus dem Anschriftenteil der Briefe und Karten entnahm Jesch horizontale Ausschnitte, auf denen jeweils das Bestimmungsland in der jeweiligen Postverkehrssprache vom Absender handschriftlich notiert wurde. Jeweils drei Ausschnitte wurden zu einer Trikolore zusammengefügt, wobei die Dreifarbigkeit mitunter als Kontrast der versammelten Nationalitäten zu verstehen ist.

Mittwoch, 21.02.2007, 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar
Eintritt: 3 € / erm.: 2 € / Tafelpass: 1 €