Begleitprogramm zur ACC-Ausstellung 'PING-PONG'

EINS, ZWEI, PERFORMANCE
Ein Abend mit Norbert Klassen (Bern) und Jürgen O. Olbrich (Kassel)

PING-PONG

PING-PONG: Birger Jesch und Jürgen O. Olbrich
Die Bilanz einer 25jährigen Künstlerfreundschaft
27.1. bis 18.3.2007


Es erscheint ein gemeinsame Edition (Auflage 10 Exemplare).
Parallel zur Ausstellung finden vier Aktions-Veranstaltungen statt.
Die Ausstellung PING-PONG wird von der KULTURSTIFTUNG DES BUNDES, dem Thüringer Kultusministerium, der Stadt Weimar und vom ACC-Förderkreis gefördert.

3 Secrets / 3 Geheimnisse. <br />3 Little Friends / 3 Kleine Freunde<br />Norbert Klassen, Jürgen O. Olbrich, Achim Schnyder<br />STOP.P.T., NO-Institute, Centre of Artistic <br />Perforation
3 Secrets / 3 Geheimnisse.
3 Little Friends / 3 Kleine Freunde
Norbert Klassen, Jürgen O. Olbrich, Achim Schnyder
STOP.P.T., NO-Institute, Centre of Artistic
Perforation

Norbert Klassen (Bern)

*1941 Duisburg, lebt in Bern.

Arbeitsgebiete
seit 1963 Schauspiel
seit 1967 Regie
seit 1968 Modeschauen, Choreografien
seit 1970 Experimentelles Theater
seit 1971 Zusammenarbeit mit Janet Haufler
seit 1978 eigene Theaterprojekte
seit 1979 New York-Aufenthalte, Arbeiten mit Polaroid
seit 1980 Lehrer am Konservatorium Bern/Abtlg. Schauspiel, Buchprojekte, Intermediäre Projekte, Performances
seit 1981 Musiktheater mit Urs Peter Schneider
seit 1982 Arbeiten mit Stefan Kurt
seit 1984 Arbeiten mit G. J. Lischka
seit 1985 PerformanceTheater
seit 1986 Black Market International, Performances mit Jürgen Fritz; Netzwerk
seit 1987 Achse Kassel- Bern, Lehrer für Performance an der Schule für experimentelle Gestaltung Zürich
seit 1988 Mail Art / Copy Art
seit 1989 Galerieprojekt, Dialogprojekt, Tischskulpturen
seit 1990 Fotoarbeiten mit Martin Ridlisbacher, Travestieprojekt, Meisterkurse
seit 1991 Versuch einer Reduktion auf das Wesentliche
usw.

JÜRGEN O. OLBRICH

*1955 in Bielefeld, lebt und arbeitet in Kassel Mail Art, Copy Art, Fluxus, Archiv, Performance, Installation, Edition, Kuration

Jürgen O. Olbrich bewegt sich auf seinem Werkweg gern in ungewöhnlichen Zwischenbereichen der Kunst. Wichtiger Bestandteil seiner Arbeit ist die Kommunikation in einem verzweigten Netzwerk, nicht nur in Form von Briefen und getauschten Editionen, sondern vor allem durch gemeinschaftliche Projekte mit anderen Künstlern. Von besonderer Bedeutung ist sein Archiv, das mittlerweile einen Umfang hat, der die Lagermöglichkeiten seines Ateliers zu sprengen droht. Olbrich sammelt vielfältigste, aus dem Alltag ausgemusterte Informationsträger, wie weggeworfene Kopien, veraltete Drucksachen, Fotografien sowie alle Arten von Tüten, Umschlägen und Dosen, die er für seine künstlerische Arbeit verwendet. Das Archiv stellt auch insofern ein zentrales Element in Olbrichs Schaffen dar, als dass er sich zwei Prozesse zunutze macht, die solcher Art von Datenspeichern eigen sind: Die Destruktion einer Sammlung zu Einzelstücken und die Konstruktion von Einzelstücken zu einer Sammlung. Zum einen verwendet er also Dinge aus aufgelösten Ordnungssystemen, die er weiterverarbeitet und anderweitig recycelt, andere Dinge wiederum führt er zu komplexen Archiven zusammen. Das oft bemühte kollektive Gedächtnis hat in Olbrichs Schaffen eine ebenso systematische wie real-satirische Entsprechung gefunden.

Mit der Copy Art fing alles an. 1973 begann Jürgen O. Olbrich mit Fotokopierern zu experimentieren. Er entwickelte vielfältige Strategien, um den künstlerischen Prozess so zu beeinflussen, dass nicht etwa eine Kopie, sondern das Bild eines nicht wiederholbaren Prozesses entsteht. Dabei bediente er sich z.B. der Veränderungsoptionen, die bei laufendem Gerät möglich sind (Auswechseln und Verändern der Vorlagen während der Belichtung, Endlospapier mit wechselnden Tonern, Mehrfachbelichtungen etc.) und schreckte auch nicht vor der Entfernung von Maschinenteilen zurück. Bis heute ist er als eine der prägenden Figuren der Copy-Art-Szene aktiv, nicht zuletzt, weil ständig neue Kopierergenerationen mit nie dagewesenen Funktionen laufend zu neuen Interaktionsmöglichkeiten verführen.

Neben Fotolaboren und Papierkörben "entsorgt" Jürgen O. Olbrich auch Kopierläden. In den Abfallkörben neben den Kopiergeräten landet das fragmentierte Wissen unserer Zeit - Bruchstücke aus den babylonischen Wissenschafts- und Verwaltungstürmen. Aus dem Kopienmüll hat Olbrich Blätter heraussortiert, die keine lesbare Information enthalten. Sie haben den Sprung zum Bedeutungsträger nicht geschafft und zeugen nun von der sekundenkurzen Geschichte eines Versagens. Sie wären sogar für einen skurrilitätensüchtigen Papierkorbschnüffler uninteressant. Olbrich kann sie gebrauchen.

220.000 solcher Kopien bilden inzwischen sein Archive of lost information. Es bringt die Tendenz der ‚album' albums (seiner ebenso umfangreichen Fotoausschuss-Sammlung) sowie der Collective Copies (einer von ihm editierten Zeitschrift aus Kopienmüll) auf den Punkt: Die Dinge, die Bilder der Dinge, die Abzüge der Bilder der Dinge - das alles vermehrt sich ins Massenhafte, in ein "eternal puzzle" und entschwindet via Vermehrung aus unserer Wahrnehmung, ohne dass wir es merken. Olbrich lässt es uns merken. Die Präsentation der Arbeit erfolgt durch die Austapezierung ganzer Räume mit dem Material.

Seit nunmehr 17 Jahren arbeitet Jürgen O. Olbrich an dem Großprojekt Paper Police, sucht dafür in regelmäßigen Abständen Papierkörbe und Container auf und sammelt ein, was andere wegwerfen: Fotoalben, Bücher, Briefe, Zeichnungen, Poesiealben, Glückwunschkarten, alte Feldpost und vieles mehr. Was er an Bedrucktem hervorholt, ordnet er neu und gibt es an uns weiter. Die Fundstücke werden so vor dem Vergessen bewahrt und bilden gleichsam ein Archiv der Geschichte und Erinnerung. Aus diesem Archiv finden sie ihren Weg in den Kunstkontext, denn Olbrich ließ über die Jahre inzwischen Tausende dieser Objekte von Helfern verpacken und stapelte die Pakete in Ausstellungsräumen. Jeder der Besucher ist aufgefordert, eines der Pakete mit nach Hause zu nehmen. Ob der Beschenkte es öffnet, um neugierig in der Fundsache zu stöbern und ein Stück Leben eines fremden Menschen zu rekonstruieren oder ob das Paket als Kunstobjekt verschlossen bleibt, ist jedem selbst überlassen. Paper Police, eine schöne Vorstellung: die Polizei überwacht, dass Erhaltenswertes nicht im Müllberg verloren geht und gibt das Gerettete als visuelle Metapher oder gar geheimnisvoll verpackt zum Mitnehmen weiter.

Mittwoch, 14.02.2007, 20:00 Uhr, ACC Galerie Weimar
Eintritt: 3 € / erm.: 2 € / Tafelpass: 1 €