ausstellung

ANDERNORTS
Positionen zu Weimar und Linz

MAERZ

ANDERNORTS
Positionen zu Weimar und Linz

Beteiligte Künstler: Christian Bartel, Gerhard Brandl, Siegfried A. Fruhauf, Gerhard Knogler, Ulrike Neumaier, Beate Rathmayr, Isa Riedl, Priska Riedl, Peter Sommerauer, Udo Wid (bildende Kunst); Christian Steinbacher, Florian Neuner (Literatur); Christoph Herndler (Musik)

Ausstellungsdauer: 04.02. bis 09.04.2006

Öffnungszeiten der ACC Galerie Weimar:
Mo bis So 12 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung, Fr und Sa bis 20 Uhr
Führungen: Sa 18 Uhr und So 15 Uhr
Eintritt: 3 EUR/erm. 2 EUR/Tafelpass 1 EUR


Gefördert durch die Stadt Linz, das Land Oberösterreich, das Österreichische Bundeskanzleramt, das Kulturforum der Österreichischen Botschaft Berlin, das Thüringer Kultusministerium, die Stadt Weimar und den Förderkreis der ACC Galerie.

Maerz

Forum

Kunst

LINZ

Vom 4.2. bis 9.4.2006 stellt die ACC Galerie Weimar die Linzer Künstlervereinigung MAERZ vor, eine seit neunzig Jahren bestehende Gemeinschaft namhafter Künstler, Architekten, Schriftsteller und Musiker. Einige der dreizehn Künstler werden mit ihren Installationen, Fotografien, Videos/Filmen, Kompositionen, Gemälden und bildhauerischen Arbeiten auf historische und aktuelle Situationen in Weimar, dessen nachhaltige Kulturentwicklung in den Jahren nach 1999 abgewickelt wurde, und Linz, dessen Kulturstadtplaner um Konzepte ringen, die auch nach 2009 Bestand haben, reagieren.

Die Künstlervereinigung MAERZ mit ihrem Sitz in Linz besteht bereits seit 1913 und unterstand von Anfang an einer Programmatik, die danach trachtete, eine provinzielle Enge zu vermeiden und den Blick nach außen zu richten. Die sich durch ihre Spartenvielfalt auszeichnende Künstlervereinigung (Bildende Kunst, Literatur, Musik, Architektur) versteht sich dabei als Ort des Austauschs und des Dialogs ebenso wie als unkonventioneller Treffpunkt von künstlerischen Positionen. Einem jeweils zeitgemäßen offenen Kunstdiskurs verpflichtet, ist neben der Präsentation des aktuellen Kunstschaffens der Mitglieder die permanente überregionale Kommunikation wesentlicher Schwerpunkt.

Ausstellungsinformation:

Die ortsspezifische Rauminstallation ohne titel von Christian Bartel zeigt eine Raumabwicklung, in deren Zentrum ein Teil einer schräg durchgesägten Kartonrolle steht. Der obere Teil dieser Rolle wird als Abwicklung an der gesamten Wand gezeigt. Jeder Punkt der entstandenen wellenförmigen Schnittkante des an der Wand montierten Teiles findet eine Entsprechung in dem gerollten Teil in der Mitte des Raumes.

Gerhard Brandl: Re, Nr. 155<br />2005, Mischtechnik/Papier,<br /> 60x45 cm (Rahmen), 23x18 cm (Bild)
Gerhard Brandl: Re, Nr. 155
2005, Mischtechnik/Papier,
60x45 cm (Rahmen), 23x18 cm (Bild)

Das 1997 begonnene Projekt Re oder Zurückgewinnung von Welt von Gerhard Brandl hat verschiedene Entwicklungsphasen durchlaufen - Malerei, Grafik, Fotografie, Siebdruck, alte, neue sowie selbst entworfene Landkarten. Ausgehend von den "weißen Flecken", die noch im 19. Jahrhundert auf Globen und Landkarten die unerforschten Gebiete der Erde markierten und wie Glanzlichter wirkten, die sich später, als die "Welt" sich in ein Konzept, ein Artefakt, ein Objekt existenzieller und wissenschaftlicher Erfahrung verwandelte, verschoben, schlossen und schließlich ganz verschwanden, lässt das Projekt Re weiße Flächen wiederentstehen. Stets wird die mit dem Blick von oben dargestellte Landschaft an einer bestimmten Stelle des Bildes mit weißer Farbe übermalt. Dieser Teil des Landschaftsbildes wird aufgegeben und symbolisch - in Form einer weißen Fläche - in den ursprünglichen Zustand von Papier und Leinwand zurückgeführt. Mit fünfzig Prozent des Verkaufserlöses dieser Bilder finanziert Gerhard Brandl den Erwerb eines realen Grundstückes, welches - ebenfalls Teil des Kunstwerkes - zur "wirklichen" weißen Fläche werden soll: es steht für "Verzicht" schlechthin, da es jeglicher Nutzung für immer entzogen ist. Im Jahre 2002 wurde der Verein "Zurückgewinnung von Welt" gegründet. In einem weiteren Projekt - "Unterfläche" - wird die Unterseite von Konsumprodukten gescannt, vergrößert, vom Hintergrund freigestellt und unbearbeitet auf hochwertiges Papier gedruckt. So finden diese optisch zunächst reizlosen und ästhetisch zufälligen Kehrseiten der Produkte nur durch die Veränderung ihrer Dimension von absoluter Nichtgestaltung zu formaler Kraft und Wirkung - neu geschaffene "Oberflächen", die bedenkenlos konsumiert werden können. Gerhard Brandls drittes Projekt Aus dem Germanistenmalbuch schließlich wurde durch Goethe und Schiller und deren konsequente, alles Profane durchdringende, ewig bestehende Präsenz in Weimar inspiriert.

Das einminütige Video Still von Siegfried A. Fruhauf ist der Versuch der Reanimation eines photographisch fixierten Augenblicks, ein Auftauen eines eingefrorenen Standbildes mit Hilfe der Flamme einer Lötlampe. Unter der Hitze der Flamme beginnt sich das photographische Trägermaterial zu verformen und die Abbildung zu verzerren, bis das ursprüngliche Bild schließlich bis zur Gänze verglüht.

Christoph Herndler, dessen Komposition weimar, 03.02.06, aus supermixen und abschreiben für viola solo zur Eröffnung erklingen wird, gründete 1997 das Ensemble EIS. Zu seinen Arbeiten zählen grafische und intermediale Partituren, die sich unter anderem als Notationsobjekte, Musikinstallationen und Videoarbeiten, aber auch in außermusikalischen Darstellungsformen realisieren lassen.

Petra Ackermann (Viola) wird zur Eröffnung die Komposition Christoph Herndlers erklingen lassen. Über die Jahre hat sie sich auf zeitgenössische, experimentelle und improvisierte Musik spezialisiert und mit zahlreichen Künstlern aus den Bereichen Elektronik, Tanz, Schauspiel, Multimedia und Jazz zusammen gearbeitet. Sie ist Interpretin sowie Widmungsträgerin zahlreicher Uraufführungen, Mitglied im Ensemble on line, Ensemble Wiener Collage und Ensemble des 20. Jahrhunderts, seit 2001 Mitglied des Koehne Quartetts und Gründungsmitglied des Ensemble EIS.

Gerhard Knogler analysiert in seinen Collagen, Mischtechniken und Objektkästen sehr genau, wie sich die ureigene ikonographische Qualität eines Gegenstandes durch seinen Zugriff verändert. Der Grad der jeweiligen Veränderung repräsentiert dabei ein subtil ausgelotetes Spektrum an Möglichkeiten, Informationen zu verdichten, neu zu bestimmen und - vor allem über das Prinzip der Kombination - auch in andere Zusammenhänge zu transformieren. Jedes Werk vermittelt dabei das Paradoxon, viel zu erzählen und dennoch nichts zu verraten. Zu sehen sind neun seiner POEMS, drei Objektkästen, die Hommage to L. Sterve und Ein Satz.

Ulrike Neumaier<br />SOMA - Sozialmarkt LINZ;<br /> 2000, Kopigrafie unter Glas, 85x63 cm <br />Foto: Ulrike Neumaier
Ulrike Neumaier
SOMA - Sozialmarkt LINZ;
2000, Kopigrafie unter Glas, 85x63 cm
Foto: Ulrike Neumaier

In ihren Sieb- und Transferdruckserien SOMA_Sozialmarkt Linz, Wie die alten sungen, so zwitschern auch die Jungen und Bauhaus thematisiert Ulrike Neumaier einerseits die Sozialisation der Geschlechter und die daraus resultierenden Arbeitswelten und Verhaltensmuster, andererseits geht es um Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft ihr Leben führen. Ausgangspunkt der Arbeiten ist das Medium des Kopierers als verwendetes Gerät, das mit Thermopapier arbeitet und dem Faktor Zeit nur kurz standhält, bevor es sich auflöst. Es muss also schnell bearbeitet - vergrößert, verfremdet und übertragen - werden. Darüber hinaus ist die spezielle Auflösung der mit diesem Gerät entstehenden Bilderwelten - eine Art Kreuzstichmuster - ein Markenzeichen. Zusätzlich stellt Ulrike Neumaier ihre Videos Ene mene muh! und Wigwam vor.

Florian Neuner, der zur Eröffnung aus seinem aktuellen Prosaprojekt Strandgut lesen wird, lebt als Schriftsteller, Mitherausgeber der Literaturzeitschrift "perspektive" und Journalist (u.a. Deutschlandradio Kultur) in Berlin und Bochum. Seine jüngste Publikation heißt "Jena Paradies" (Ritter Verlag, 2004).

Beate Rathmayrs Ausstellungsbeitrag idyll besteht aus dem Versuch, "Idylle" zu definieren. Heute bezeichnet der Ausdruck Idyll harmonisch verklärtes ländliches Leben, geht zurück auf die Hirtengedichte (Idyllen) des antiken griechischen Dichters Theokrit und geht auch am "dichterfürstlichen Idyll" Weimar nicht spurlos vorbei. Aus einem Konvolut vorgefundenen Bildmaterials - Videoaufnahmen und Fotos - werden visuelle Informationen entfernt und somit Bestandsaufnahmen erlebter und vorhandener Lebensräume auf Fragmente reduziert, die in ihrer neuen Ordnung ein Spiel mit Vorstellung, Einbildung und Abbildung ermöglichen. Einen wesentlichen Impuls von idyll bildet dabei die Imagination und Inszenierung von Orten, die in der Realität nicht zugänglich sind.

Parks und Gärten versteht Isa Riedl als Zwischenwelten, in denen man "in eine abgetrennte Zeit, die allein vergeht" (Rainer Maria Rilke: "Die Parke") tritt. Drei gemalten Serien - der Lanteinserie, der Valsanzibioinserie und der Farneseinserie; alle Aquarell und Farbstift auf Papier - liegt eine Italienreise im Jahr 2005 zugrunde, während der Photographien in Gärten entstanden, die später in den Malereien umgesetzt wurden. Die vier Blätter Tour vom Parck im Regen, die Eindrücke an einem regnerischen Tag im Schlosspark Eggenberg in Graz zeigen, beziehen sich auf eine Tagebucheintragung von Goethe, in der er seine Impressionen von der Wörlitzer Parkanlage schildert.

Die Installation bauhausstoff von Priska Riedl, bestehend aus dem großformatigen Webkunstwerk im Rahmen (einem Wandobjekt, gewebt aus Baumwolle und Sisal) sowie einem textilen Druckwerk Textiles Eigen Bauhaus, knüpft an die textile Tradition der gewebten Auftragskunst nach von Künstlern entworfenen Webvorlagen an, die u.a. am Weimarer Bauhaus manifest wurde und am Dessauer Bauhaus ihre Fortsetzung fand, als sich die Webkünstlerinnen von der gewebten Auftragskunst lösten und der eigenen Autorenschaft zuwandten. Auf Priska Riedls gedruckten Stoffbahnrollen erscheinen "textile Eigen-Bauhäuser", Motive der Dessauer Bauhausgebäude (Meister-, Schul-, Werkstätten-, Wohn- und Atelierhäuser) mit den ihnen inne wohnenden und nach wie vor nach außen wirkenden textilen Künstlerinnen als Schnittteile - Versatzstücke für gegenwärtige und zukünftige Bauhaus-Häuser, aber auch Symbole für die vielfach transformierten textilen Bauhauskunst- und -designeinflüsse bis in die textile Gegenwart.

In der Rauminstallation mit Video Versuch über E. Neufert widmet sich Peter Sommerauer dem Werk von Ernst Neufert, einem der einflussreichsten deutschen Architekten des 20. Jahrhunderts und 1920 einem der ersten Bauhaus-Architektur-Absolventen in Weimar, von dem jedoch die konventionelle Architekturgeschichte keine Kenntnis nahm. Seine Person scheint in mehrfacher Hinsicht mit Weimar verbunden zu sein. 1926 erhielt er hier eine Professur an der nunmehrigen Bauhochschule. Besonders die Entwürfe für den so genannten "Kriegseinheitstyp" sind für Peter Sommerauer von Interesse. Ausgehend von der Lektüre Ernst Neuferts 1943 erschienener "Bauordnungslehre", worin dieser "Kriegseinheitstyp" beschrieben ist, entsteht ein "mock up", eine im Designbereich übliche 1:1-Studie als konstruktiv-räumlicher Teil der Installation, und bildet in Holz, Karton und Leinen ein Detail eines solchen Gebäudes nach. In Kombination von architektonischem Objekt, Videoprojektion und begehbarer modellhafter Struktur kreist die Faszination und Fragwürdigkeit um das Gebäude und seinen Kontext.

Christian Steinbacher, der zur Eröffnung zwei kurze Auszüge (Vom Plätschern und Durchhängen) aus seinem Buch "Die Treffsicherheit des Lamas", seiner jüngsten Publikation (Haymonverlag, 2004) lesen wird, lebt als Schriftsteller, Kurator (zuletzt: "Für die Beweglichkeit", 2005) und Vermittler in Linz. Er betreut seit Ende der 1980er Jahre die Literaturveranstaltungen der Künstlervereinigung MAERZ.

Der Künstler und Biophysiker Udo Wid wird einen so genannten philosophischen Monat - vierzig Tage - lang in seinen Ausstellungsräumen leben, um im Rahmen seiner in den Kunstkontext gestellten Forschungsarbeit Haben Atmospherics eine biologische Wirkung? Messungen durchzuführen, Vorträge zum Thema Synergie der Disziplinen zu halten und eine Sammlung von vierzig Tagebuchblättern mit den Messkurven, Notizen und Fotos des jeweiligen Tages entstehen zu lassen. Gemessen werden die Atmospherics - elektromagnetische Langwellen, die durch Entladungsvorgänge an Wetterfronten entstehen, die man für die Wetterfühligkeit verantwortlich macht und die Udo Wid als Modellfall einer Zusammenschau wissenschaftlicher, ästhetischer, philosophischer und pragmatischer Teilaspekte zu einem Ganzen betrachtet. Erst das Zusammenfinden der kulturellen Felder Kunst und Wissenschaft stiftet Perspektive und Sinn, wonach bereits die vier Weimarer Goethe, Zeiss, Nietzsche und Klee trachteten, die sich ebenfalls mit (bio)meteorologischen Fragen befassten und die Udo Wid als Vorreiter der eigenen Philosophie sowie Labor-, Kunst- und Denkarbeit einbezieht.

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