ausstellung

Irony Is Dead. Long Live Irony!

Kristina Leko - Tea Mäkipää - Martin Sastre: Irony Is Dead. Long Live Irony!

Irony Is Dead. Long Live Irony!

Kristina Leko - Tea Mäkipää - Martin Sastre

23.4.2005 bis 5.6.2005, ACC Galerie

Dienstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Eintritt frei! Führungen nach Vereinbarung.

Gefördert wird die Ausstellung durch die Botschaft von Finnland, die Martin Sastre Foundation, das Thüringer Kultusministerium und den Förderkreis der ACC Galerie.

Das Europäische Atelierprogramm der ACC Galerie und der Stadt Weimar wurde 1994/95 im Ergebnis der Workshops und Ausstellungen GRENZLÄNDER (1991) und erSCHLOSSene RÄUME (1993), die das ACC für die Europäische Kulturwerkstatt Schloss Ettersburg organisiert hatte, ins Leben gerufen. Anlässlich seines zehnjährigen Bestehens 2004/05 öffnete es sich zum "Internationalen Atelierprogramm". Seine Intentionen sind: Internationale Künstler(innen) über einen längeren Zeitraum an Weimar zu binden, ihnen zu einer konzentrierten, intensiven Werkphase zu verhelfen, das ACC und die Stadt an dem Erfahrungs- und Entstehungsprozess der Kunstwerdung teilhaben zu lassen, Künstlerförderung und Präsentation zeitgenössischer Kunst im Stadtraum miteinander zu verknüpfen, für die Stadt Weimar als Treffpunkt und Forum zeitgenössischer Kunst zu wirken und damit internationale Beachtung zu finden, sowie den internationalen Kulturaustausch zu fördern und Vorurteile abzubauen. Die Stadt Weimar stellt u.a. ein Atelier mit angeschlossenem Appartement im Städtischen Atelierhaus zur Verfügung, das ACC betreut Teilnehmer(innen), Ausstellung und Publikation des Programms - das einzige seiner Art in Thüringen. Fast 1.000 Künstler(innen) haben sich bisher für das vom Thüringer Kultusministerium geförderte Programm beworben. ... weitere Infos

Im Jahr 2004 setzte es sich unter dem Titel Die Ironie ist tot. Es lebe die Ironie! mit dem Stellenwert der Ironie in der gegenwärtigen Kunstpraxis auseinander. Die Methode, tradierte ästhetische Ordnungsprinzipien auf ironische Weise in Frage zu stellen, um den Betrachter und seine Wahrnehmungsmuster zu verunsichern, lässt sich von der Avantgarde bis zur Postmoderne, von Duchamps "Meta-Ironie" der Indifferenz über die subversiven Strategien John Heartfields und die Wahrnehmungsfallen René Magrittes bis hin zu den Künstlern, die seit den 1960er Jahren das ironische Weltbild prägten, verfolgen. Welchen Platz nimmt nun die Ironie in der gegenwärtigen Kunstpraxis ein? Gibt es überhaupt so etwas wie neue Konzepte der Ironie in der Kunst, die deren Vorreiterrolle gerecht werden und die Realsatire der kapitalistischen Wertegesellschaft hinterfragen? Zunehmend ist es die Ironie um ihrer selbst willen, die uns potenziert in den Medien begegnet. Was passiert, wenn diese Form der Ironie lebensbestimmend ist und Dinge wie Vertrauen, Glauben, unverfälschte Hinwendung, offene Aussagen und Ernsthaftigkeit ihrer scheinbaren Wirkungslosigkeit wegen ersetzt?

Aus den eingegangenen 77 internationalen Bewerbungen wählten die Jurymitglieder Courtenay Smith (Kuratorin und Leiterin des Kunstraums "lothringer 13" in München), Gregory Williams (Kunstkritiker und Kunsthistoriker, Berlin/New York), Norbert Hinterberger (Künstler und Professor an der Bauhaus-Universität Weimar), Dr. Barbara Steiner (Direktorin der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig) und Peter Herbstreuth (Kunstkritiker, Berlin) drei Künstler(innen) aus. Kristina Leko aus Kroatien, Tea Mäkipää aus Finnland sowie Martin Sastre aus Uruguay wurden eingeladen, für jeweils vier Monate in Weimar zu leben und sich künstlerisch dem Thema zu nähern. Vom 22. April bis zum 5. Juni 2005 stellt die ACC Galerie in Partnerschaft mit der Stadt Weimar die Ergebnisse des Programms vor und präsentiert darüber hinaus weitere Arbeiten der Stipendiaten.

Kristina Leko, <em>Verfassungskorrekturbüro</em>, 2004,<br /> Weimar, Park an der Ilm, Videostill
Kristina Leko, Verfassungskorrekturbüro, 2004,
Weimar, Park an der Ilm, Videostill

Von Mai bis August 2004 arbeitete als erste Stipendiatin Kristina Leko aus Kroatien in Weimar. Die 1966 in Zagreb geborene Künstlerin studierte in Zagreb und Berlin und ist seit mehreren Jahren mit zahlreichen Projekten international aktiv. Neben ihren Einzel- und Gruppenausstellungen erhielt sie bereits renommierte Stipendien, darunter in der Cite International des Arts in Paris oder im P.S.1 in New York.

Kristina Leko, <em>Verfassungskorrekturbüro</em>, 2004,<br /> Weimar, Park an der Ilm.
Kristina Leko, Verfassungskorrekturbüro, 2004,
Weimar, Park an der Ilm.

Leko initiiert meist ortsbezogene gesellschafts- und demokratiekritische Projekte, die sie durch Aktionen und Publikationen mit der Öffentlichkeit kommuniziert, so ihr Verfassungskorrekturbüro, das unter dem Eindruck in den USA gemachter Erfahrungen realisiert wurde. Dabei erarbeitete sie in Weimar eine korrigierte Version der US-amerikanischen Verfassung. An einigen Julitagen des Jahres 2004 schlug sie dazu im Park an der Ilm ihr mobiles Office auf und lud Passanten ein, sich mit den Verfassungen verschiedener Länder auseinander zu setzen, Vergleiche zu ziehen und Kommentare abzugeben, die später in die von ihr überarbeitete Fassung einflossen. Die Videodoppelprojektion zum Projekt Addressing the Americans / Constitutional Overhaul Bureau (An die Amerikaner gerichtet / Verfassungskorrekturbüro) kombiniert sie mit einem temporären Büro, in dem unter Mitwirkung der Besucher die überarbeitete Version der US-Verfassung als kleine Broschüre hergestellt und an eine Reihe von Politikern versendet werden kann.

Kristina Leko, <em>The People's History of the United <br />States of America</em>, 2005, Rauminstallation, <br />ACC Galerie Weimar
Kristina Leko, The People's History of the United
States of America
, 2005, Rauminstallation,
ACC Galerie Weimar

Die Rauminstallation The People's History of the United States of America (Die Geschichte des Volkes der Vereinigten Staaten von Amerika) bietet dem Besucher die Möglichkeit, es sich in einem dem Design der US-amerikanischen Flagge nachgestalteten Raum gemütlich zu machen. Umgeben von roten und weißen Streifen und unter dem blauen, mit Sternen besetzten "Himmel" liegt das Buch des Autors Howard Zinn The People's History of the United States of America zur Lektüre bereit. Darüber hinaus kann der Besucher aus etwa 20 Video-Mitschnitten auswählen, die Leko im März und April 2003, also zur Zeit des Irakkrieges, während ihres Aufenthaltes in den USA aufgenommen hat. Dabei findet sich alles so wieder, wie sie es selbst - einschließlich des Herumzappens zwischen den verschiedenen Sendern - in jener Zeit am Fernseher verfolgt hat. Die dritte in der Ausstellung präsentierte Arbeit nutzt für eine Soundinstallation privates Dokumentationsmaterial aus dem Sound Archiv von Marcella Bonich. Die einundsiebzigjährige kroatische Immigrantin aus Queens, New York, die über ihre Stimme hinaus auch in Fotografien vorgestellt wird, vermittelt dabei Einblicke in einen sehr spezifischen Aspekt des Immigrantenlebens.

Tea Mäkipää, die zweite Stipendiatin des 10. Internationalen Atelierprogramms, wurde 1973 in Lahti/Finnland geboren und studierte an der Akademie der bildenden Künste in Helsinki, an der Königlichen Kunsthochschule in Stockholm/ Schweden sowie am Royal College of Art in London. Während der letzten fünf Jahre konnte sie ihre Arbeit in zahlreichen Ländern Europas präsentieren, zuletzt in der Nationalgalerie "Ateneum" in Helsinki und im Museum für Moderne Kunst Wien, MUMOK. Von 2003 bis 2004 war sie Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart und wurde für 2005 zusammen mit sechs weiteren Künstlern zur Teilnahme an der EXPO in Japan eingeladen.

Tea Mäkipää, <em>World of Plenty</em>, 2005, Lambda-Print, 812 x 125 cm
Tea Mäkipää, World of Plenty, 2005, Lambda-Print, 812 x 125 cm

Mäkipääs Installationen und Fotografien kreisen um das Thema Überleben: Wie begegnen wir als Art und als Individuen unserer Umgebung und anderen Lebensformen, wie reagieren wir auf sie? Ausgangspunkt ihrer Arbeiten ist der Gegensatz zwischen dem für sie "originalen", freien und unabhängigen menschlichen Leben im Einklang mit der Natur und dem organisierten, der Uniformität verhafteten zivilisierten Leben in der modernen, städtisch geprägten Gesellschaft. Während ihres Aufenthaltes in Weimar entstand die panoramaartige Fotoarbeit World of Plenty (Welt des Überflusses), die sie zeitgleich auf der EXPO in Japan präsentiert. Diese, so die Künstlerin, "zeigt die Welt, wie wir sie gerne hätten: Eine endlose Ressource an Nahrung und Wohlstand, in der frisches Wasser und Luft niemals ausgehen, unentdeckte Kontinente und unbenannte Spezies. Die Aktivitäten der Menschen werden dies nicht ändern, da die Gastfreundschaft der Natur grenzenlos ist. Es ist offensichtlich, dass die Natur diese übertriebenen Erwartungen nicht erfüllen kann. Die Realität einer nichtidealisierten Dokumentation der Natur würde ein anderes Bild vermitteln und wäre mit Sicherheit kontroverser. Eine eingehendere Betrachtung natürlicher Prozesse würde die massive Macht der Menschheit enthüllen, ihre Umwelt zu verändern. World of Plenty vermeidet es absichtlich, diese Probleme darzustellen. Statt dessen übernimmt es bereitwillig mythische Ideen des natürlichen Paradieses. Schönheit zu zeigen, indem Menschen in Harmonie mit anderen Kreaturen dargestellt werden, wirft die Frage auf: Sind wir wirklich die harmlose Spezies, wie sie im Bild präsentiert wird?" Die Videoprojektion Shadowplay (Schattenspiel) gibt einen Einblick in das Leben hinter uniformen Fassaden und zeigt, durch das Fenster betrachtet, die Bewohner zweier unterschiedlicher Wohnungen bei ihren alltäglichen Verrichtungen. Eat your House (Iß dein Haus) entstand ebenfalls eigens für die Ausstellung in Weimar und gibt dem Betrachter die Möglichkeit, via Überwachungskamera und Monitor Kakerlaken zu beobachten, die ihre Behausung - ein Pfefferkuchenhaus in Plattenbauform - während der Dauer der Ausstellung selbst vertilgen. Die Künstlerin bietet den kleinen Kreaturen dazu ein "Kakerlakenparadies" in standardisierten Wohneinheiten.

Neben den Fotoarbeiten Paradise (2003), Midsummer (2003) und After Ski (2001) präsentiert Mäkipää die während ihres Aufenthaltes in Stuttgart entstandene Fotoserie Solitude. Die Bilder zeigen eine Mutter mit ihrem Kind. Diese irren durch einen Winterwald und treffen dabei u.a. auf einen sterbenden Soldaten, sie essen Ratten und holen Wasser aus einem zugefrorenen See, um zu überleben. Sie verstecken sich, suchen Schutz und Unterschlupf. Die Bilder thematisieren innere Ängste vor Einsamkeit, Gewalt oder den Naturkräften, vor allem aber vor der Verletzlichkeit der menschlichen Gesellschaft, die dann spürbar wird, wenn unsere in einer Wohlstandsgesellschaft entstandenen Gewohnheiten nicht mehr durch die von einem Staat erhaltene Infrastruktur befriedigt werden können und machen unsere eigentlichen Bedürfnisse nach Wärme, Nahrung, Schlaf und menschlicher Nähe deutlich.

Dritter Stipendiat war der 1976 in Uruguay geborene und in Madrid lebende Künstler Martin Sastre. Nach seinem Architekturstudium an der Universität von Montevideo nahm er 1999 in Frankreich am Programm Goverment for a residency Paris und 2002 am Spanish Goverment for a Master in Contemporary Creation in der Casa de America in Madrid teil. 2004 gewann er den First ARCO Prize for Young Artists auf der ARCO International Art Fair in Madrid und wurde darüber hinaus zu den Biennalen in Havanna und Sao Paulo eingeladen. Martin Sastre reagierte auf die Ausschreibung zum Ironie-Programm mit dem Angebot seiner eigenen Stiftung, ein weiteres Stipendiatenprogramm Namens "Be a Latin-American Artist"auszutragen.

(v.l.: Jurysitzung 2005. Auswahl der Teilnehmer für<br /> das Stipendiatenprogram Be a Latin-American Artist<br />  der Martin Sastre Foundation (v.l. Christiane Haase,<br /> Martin Sastre, Courtenay Smith, Gregory Williams,<br /> Norbert Hinterberger)
(v.l.: Jurysitzung 2005. Auswahl der Teilnehmer für
das Stipendiatenprogram Be a Latin-American Artist
der Martin Sastre Foundation (v.l. Christiane Haase,
Martin Sastre, Courtenay Smith, Gregory Williams,
Norbert Hinterberger)

Eine unabhängige Jury wählte drei Studentinnen der Bauhaus-Universität aus, die für drei Monate nach Montevideo/Uruguay eingeladen werden. Susi Pietsch und Annemarie Thiede überzeugten die Jury mit ihrem Projekt Rent a Video Artist, in dem sie als Desastre Girls ihre Dienste als Videokünstlerinnen in Montevideo anbieten und es ihren Kunden ermöglichen wollen, für zehn Dollar in fünf Minuten als Superstar in ihrem Video zu erscheinen. Charlotte Seidel dagegen wird mit ortsbezogenen Eingriffen im öffentlichen Raum auf die vorgefundene Situation in Montevideo reagieren. Das Programm bietet den jungen Künstlerinnen die Möglichkeit, die School of Arts in Montevideo zu besuchen sowie die örtliche Kunstszene kennen zu lernen. Ziel ist es dabei, die Überlebensstrategien lateinamerikanischer Künstler zu studieren und selbst anzuwenden, sowie eigene Arbeiten zum Thema Ironie zu entwickeln. In der Ausstellung wird die Martin-Sastre-Stiftung mit ihrem Promotionvideo sowie Informationen zum Be a Latin-American Artist - Programm vorgestellt.

(v.l.) Susi Pietsch und Annemarie Thiede <br /><em>Desastre Girls: Rent a Video Artist</em>
(v.l.) Susi Pietsch und Annemarie Thiede
Desastre Girls: Rent a Video Artist

Fünf Gründe, warum Susi Pietsch, Charlotte Seidel und Annemarie Thiede nach Uruguay gehen sollten (ermittelt von Leticia Ammazzalorso in Montevideo für die Martin Sastre Foundation): "Weil hier alles noch im Aufbau ist." Lauro. "Weil wir hier keine Erdbeben, keine wahnsinnigen Kühe, keine Tsunamis und keinen George W. Bush haben." Florencia. "Weil ich sie kennen lernen möchte." Marcelo. "Es ist gut für sie, zu uns zu kommen, denn das, was sie über uns wissen, entspricht nicht der Wahrheit." Alicia. "Es ist gut für uns, wenn Ausländer hierher kommen, damit sie mitbekommen, dass wir existieren." Ein Markthändler aus Leticias Viertel.

Darüber hinaus präsentiert die ACC Galerie weitere Videoarbeiten Sastres, etwa The Iberoamerican Triology, bestehend aus den drei 2004 entstandenen futuristischen Videos VIDEOART: The Iberoamerican Legend. (Year 2492), MONTEVIDEO: The Dark Side oft the Pop (Year 2092), sowie BOLIVIA 3: Confederation Next (Year 2876). Vorgestellt werden darüber hinaus: Greatest Hits, THEE! True Hollywood Story, Masturbated Virgin I/II, Sorkitty: The Missionary Nun, Fragment-2 und Nadia Walks with me.

Anlässlich des Jubiläums des Artist-in-Residence-Programms stellt die ACC Galerie in der Dokumentation 10 Jahre Internationales Atelierprogramm jene 31 Stipendiat(inn)en aus Deutschland, Finnland, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Jugoslawien, Kroatien, Mazedonien, den Niederlanden, Norwegen, Russland, Schweden, der Schweiz, Slowenien, Spanien, der Türkei und Uruguay vor, die bislang Gäste des Programms waren.