ausstellung

Take care

Sylvie Boisseau und Frank Westermeyer (beide Weimar/Genf): Take care

Take care

Retrospektive und neue Arbeiten.
Sylvie Boisseau und Frank Westermeyer (beide Weimar/Genf)

11.2. bis 3.4.2005
Di bis So 12 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Eintritt frei! Führungen nach Vereinbarung.

Eröffnung am 11.02.2005, 20 Uhr, ACC Galerie

Mit freundlicher Unterstützung der AFAA - Bureau des Arts Plastiques/Französische Botschaft, der Bauhaus-Universität Weimar, des Handwerks-Bildungszentrums Weimar e.V., von Stempel-Rabe, Weimar. Gefördert durch das Thüringer Kultusministerium, die Stadt Weimar und den Förderkreis der ACC Galerie.

Take care meint "Mach's gut" aber auch "Pass auf Dich auf". Dieses Take care zum Abschied gesagt zu bekommen, gab dem Künstlerpaar immer das Gefühl, freundliches Terrain zu verlassen und sich in nicht-freundliches Gebiet zu bewegen. Der Abschiedsgruß ist ein Warnhinweis in einer Frontier-Gesellschaft, in der die eigene Community, die "good neighborhood", Vertrautheit und Sicherheit bietet, während gleich nebenan unvertraute und gefährliche Zonen lauern, die es sicher zu durchschreiten gilt.

2005 verlassen Sylvie Boisseau und Frank Westermeyer Weimar, wo sie fünf Jahre lang lebten und wirkten. Ihre erste Einzelausstellung richtet mit der Abschiedsformel Take care einen retrospektiven Blick auf acht Videoarbeiten und temporäre Interventionen aus dem öffentlichen Raum Weimars. Kombiniert werden diese mit vier aktuellen, während eines Arbeitsaufenthalts in Chicago entstandenen Gemeinschaftsarbeiten und einer Kunststudie zu den Fördermotiven der ACC-Engel. Mit erfrischender Lakonik setzen sich die beiden Filmemacher in ihren sozial-psychologischen, episodischen Performance-Untersuchungen mit der Frage nach der Identität des Menschen auseinander. Die Wahrnehmung und Konstitution von Gemeinschaften stehen im Zentrum neuer filmischer und installativer Betrachtungen. Sylvie Boisseau (geboren 1970) und Frank Westermeyer (geboren 1971) arbeiten seit 1996 zusammen. Beide studierten an der École Nationale Supérieure des Beaux Arts in Paris. Frank Westermeyer, der die Klasse für Videokunst an der Hochschule für Kunst in Genf leitet, war seit 2000 künstlerischer Mitarbeiter an der Bauhaus-Universität Weimar, wo Sylvie Boisseau seit 2002 ihr Postgraduiertenstudium zum "Master of Fine Arts" absolvierte.

Ausstellungsrundgang

Innerhalb des Rundganges durch die Ausstellung informieren Wandtexte über die jeweiligen Arbeiten. Diese Texte sind hier in der Reihenfolge des Rundgangs wiedergegeben

Förderkreis, 2005

Die Projekte des ACC sind ohne die 365-Tage-Engel undenkbar. Boisseau und Westermeyer baten 21 Förderer, die durch ihr finanzielles Engagement das Kulturzentrum unterstützen, um Antwort auf die Frage, was passieren müsste, damit sie die Unterstützung beendeten. Die Videoinstallation Förderkreis fängt diese wohlüberlegten Szenarien ein. Im Kern geht es um den Raum für Kunst in Zeiten privater Förderung.

Boisseau / Westermeyer, <br />Der Optionist, Video, 2004
Boisseau / Westermeyer,
Der Optionist, Video, 2004

Der Optionist, 2004, 4min 30sec

Der in Weimar entstandene Videofilm Der Optionist zeichnet die Titelfigur als jemanden, dem die puren Gedanken an seine Möglichkeiten ausreichen. Eine an Kraft und Ressourcen zehrende Realisierung von Wünschen bleibt ihm so erspart.

Boisseau / Westermeyer, <br />Der freie Mensch, 2001, Loop
Boisseau / Westermeyer,
Der freie Mensch, 2001, Loop

Der freie Mensch, 2001, Loop

Das Leben ist voller Entscheidungen. Frei-Sein kann bedeuten, die je eigene Identität selbst zu wählen. Ob solche Freiheit in der Entscheidungsfreudigkeit oder in den beständig offenen Möglichkeiten liegt, überprüft Hauptdarsteller und Anti-Held F(rank) in Der freie Mensch bei seinen ganz alltäglichen Entscheidungen in 23 kurzen Plansequenzen.

Boisseau / Westermeyer, <br />Filiation, Video, 2002
Boisseau / Westermeyer,
Filiation, Video, 2002

Filiation, 2002, 30min

Filiation spielt in fünf Episoden den alltäglichen, von Generationsdifferenzen geprägten, familiären Umgang nach. Gedreht mit Weimarer Jugendlichen zwischen 13 und 15 Jahren, die innerhalb des vorgegebenen Rahmens sich selbst spielen, verbindet der Film dokumentarische mit fiktionalen Elementen. F ist erwachsen geworden, agiert als Vater und fragt sich, ob sein Kind ein Bild seiner selbst sein wird. Boisseau und Westermeyer erwarteten damals ihr erstes Kind.

Meine Familie und ich, 1997, 16min

Moi vu par..., 1999, 19min

Paris - Weimar, 1999, 12min

In einem filmischen Gedankenspiel über Identität, dem ersten gemeinsamen Video des Künstlerpaars Meine Familie und Ich, taucht F zum ersten Mal auf. Der Prozess der Identitätsstiftung wird als Lebenslauf dargestellt, der erst dann zum eigenen wird, wenn man ihn im Hinblick auf die alternativen Möglichkeiten betrachtet. Daraus ergibt sich die Fragestellung: "Was wäre, wenn ich der Sohn anderer Eltern wäre?" Frank Westermeyer ist als Einzelsohn verschiedener Familien aus Wanne-Eickel zu sehen (die alle aus seinem Bekanntenkreis stammen), was die Vermutung nahelegt, dass Biografie stets die nicht gelebte Biografie meint.

Über den familiären Ursprung hinaus führt das während des Studiums bei Christian Boltanski in Paris entstandene Video Moi vu par... Die zwölf kleinen fragmentarischen Episoden thematisieren die Anschauungen, die andere von einem haben und werfen die Frage auf, inwiefern sich Identität erst in der Betrachtung durch den anderen konstituiert. F's Gleichmut erregt im Land der Revolution immer die stürmischen Gemüter.

Boisseau / Westermeyer, <br />Paris - Weimar, Video 1999/2005
Boisseau / Westermeyer,
Paris - Weimar, Video 1999/2005

Im Reisevideo Paris - Weimar, gedreht während der Autofahrt zum Vorstellungsgespräch an der Weimarer Bauhaus-Universität, wird F's Reise aus der Perspektive von Passanten dargestellt. Der Film fragt, inwieweit sich die eigene Identität während einer Reise verändert: "es ist wie ein Kern-Spin von Paris bis nach Weimar" (Frank Westermeyer).

Boisseau / Westermeyer, <br />Le groupe du mercredi, Video Installation, 2005
Boisseau / Westermeyer,
Le groupe du mercredi, Video Installation, 2005

Eine Gemeinschaft drückt sich aus, 2005

Gemeinschaftsraum, 2005

Le groupe du mercredi, 2004, 7min

Aus dem Arbeitsaufenthalt Boisseaus und Westermeyers in Chicago gehen neue Arbeiten hervor, die sich der Wahrnehmung von Gemeinschaft widmen. Die aus dreihundert, Zitate der frankophonen Gemeinschaft Chicagos tragenden Stempeln bestehende Installation Eine Gemeinschaft drückt sich aus wird durch Partizipation der Besucher eine riesige Wandkarte entstehen lassen, die in Relation zur Topografie Chicagos sprachliche Gemeinschaft und individuelle Geschichten verzeichnet. Die raumfüllende Installation Gemeinschaftsraum ermöglicht es, mit entsprechendem Durchblick die verschiedenen, voneinander abgegrenzten Erfahrungsräume der frankophonen Community in der Metropole von Illinois zu erahnen.

Die Videoarbeit Le groupe du mercredi - als Mittwochsgruppe treffen sich seit siebzehn Jahren durch die gemeinsame französische Sprache verbundene Menschen in Chicago - untersucht den Mythos der Gemeinschaft, indem sie sich auf das Nonverbale konzentriert und nach dem Gemeinsamen jenseits der Sprache fragt.

Sylvie Boisseau, <br />Baldachin - privat/öffentlich,<br /> Intervention im öffentlichen Raum, Kunstfest Weimar 2003
Sylvie Boisseau,
Baldachin - privat/öffentlich,
Intervention im öffentlichen Raum, Kunstfest Weimar 2003

Baldachin privat-öffentlich, 2003

Sylvie Boisseau ging 2003 als Gewinnerin des von der Weimarer Kunstfest GmbH zum Thema Mimikry ausgelobten Wettbewerbs für Kunst im öffentlichen Raum hervor. Die Bilder erzählen vom glanzvollen Leben, vom bedauerlichen Ableben und vom Verkauf eines Baldachins, den sie nach ausgiebiger Standortanalyse als sozialen Raum, Hausverlängerung, Unterschlupf und Prestigezone in der Carl-August-Allee Weimars aufgestellt hatte. Das ansonsten eher auf der Champs Elysée oder in Central Park West anzutreffende Objekt trennte als Installation Baldachin privat-öffentlich diejenigen, die sich wichtig fühlen konnten und als wichtig wahrgenommen wurden, weil sie den Baldachin von vorn - privat - betraten von denen, die durch ihr Betreten von der Seite - öffentlich - eher geringer wichtig erschienen.

Sylvie Boisseau, <br />Betonbriefkasten - Ohne Leerung, 2004
Sylvie Boisseau,
Betonbriefkasten - Ohne Leerung, 2004

Betonbriefkasten - Ohne Leerung, 2004

Der Briefkasten hing von Juni - August 2004 für drei Monate an der Hegelstraße, Ecke Steubenstraße, Weimar. Schild "Gedenken an die nie abgeschickten Briefe" am Briefkasten (jetzt mit Schablonengraffiti über'sprayt') Ursprüngliche Aufschrift: Hier hing einmal ein Briefkasten der Deutschen Post. Dieser Beton-Briefkasten kann nicht geöffnet werden. Er widmet sich all den Briefen, die mit großer Leidenschaft geschrieben, dann aber nie abgeschickt wurden. Solche Briefe können nun bis August 2004 hier eingeworfen werden. Als sicheres Depot wird der Briefkasten dann dem Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens zur Aufbewahrung übergeben.

Verführung, 2004

Im Sommer 2004 bewarb sich Weimar für den Bundeswettbewerb "Unsere Stadt blüht auf" im Rahmen des Europaprojekts "Entente florale" und trat hierzu auch an den Studiengang "Kunst im öffentlichen Raum heran. Die Gleisunterführung Ettersburgerstraße in der Nähe des Bahnhofs stelle keinen angenehmen Ort für Fußgänger dar, so die Stadt. Boisseaus Audio-Intervention an diesem Ort stellt die Frage, ob man notwendige Infrastruktur-Areale überhaupt durch Kunst versüßen kann. Auf der oberen Tunnelwand wurden acht kleine Lautsprecher montiert. Beim Durchqueren des Tunnels lösten Passanten die Rezitation von thüringischen Kochrezepten aus.

Kurzbiografien Boisseau/Westermeyer

SYLVIE BOISSEAU

  • Juni-Sept 2004 Auslandssemester an der School of the art institute in Chicago
  • seit 2002 Postgraduierten Studium "Master of fine arts" an der Bauhaus Universität, Weimar
  • 1998-1999 Gaststudium der freien Kunst bei Christian Boltanski an der École Nationale supérieure des Beaux Arts, Paris
  • 2004 Residenz beim Pilotprojekt Gropiusstadt, Berlin
  • August 2003 Preisträgerin beim Wettbewerb "Mimikry" Kunstfest Weimar, Intervention "private - public" im Weimarer Stadtraum

FRANK WESTERMEYER

  • Seit 2004 Leitet die Klasse für Videokunst, École superieure des beauxs-art, Genf, CH
  • 2000-2005 künstlerischer Mitarbeiter für Video an der Bauhaus Universität
  • 1992 - 1999 Studium Kommunikationsdesign und Freie Kunst in Wuppertal und Paris

Gemeinsame Videoarbeiten:

  • 2005 365 Tage Engel, 7 Kanal Videoinstallation
  • 2005 Le groupe du mercredi, 7 Min
  • 2004 Der Optionist, 4:30
  • 2002 Filiation, Video 30 Min (auf der DVD)
  • 2001 Der freie Mensch, Videotape 4 Min oder Endlosband-Videoskupltur (auf der DVD)
  • 2000 Paris - Weimar, Reisevideo 12 Min
  • 1999 Moi vu par..., Video 18 Min (auf der DVD)
  • Reportage: Wo bleiben die Afro-Amerikaner in der zeitgenössischen Kunst? im Auftrag von Drum TV / Manhattan Neighbourhood Network, New York City
  • 1998 Popcorn, Konzeption und Realisation eines Videos auf drei Leinwänden für die Bühne, Produktion Schauspielhaus Wuppertal
  • 1997 Meine Familie und Ich, Video, 16 Min. (auf der DVD)
  • Sieh dem Parkhauswächter bei der Arbeit zu, Dokumentarvideo, 22 Min
  • 1996 Theater der Verachtung, Video für die Theaterbühne Schauspielhaus Wuppertal/ Théâtre Gérard Philipe, Paris
  • People, Video für zwei Bildschirme, 10 Min. Filmmuseum Düsseldorf, 1997

Preise und Auszeichnungen:

  • 2003 Best foreign film, Der freie Mensch, Red Bank Int. Filmfestival, Red Bank, New Jersey, USA
  • DAAD Stipendium für eine Kurzeitdozentur in Chicago, USA
  • 2002 Der freie Mensch gewinnt den "Cineric" Preis bei der New York Film and Video Expo, NYC, USA
  • 2000 Großer Preis der Jury für Moi vu par beim 13. Int. Bochumer Videofestival
  • 1998 Bester Film für Meine Familie und Ich
  • Cinematexas Int. Filmfestival, Austin, USA
  • Preisträger Meine Familie und Ich beim Festival Blicke aus dem Ruhrgebiet
  • Preisträger Meine Familie und Ich beim Int. Videofestival Bochum

Ausstellungsteilnahmen:

  • 2002 Videokunsttage Modena, I, Katalog
  • 2001 Leposte, Galerie Public, Paris, Katalog
  • Erfurter Kunstverein, Erfurt Ausstellung Looping
  • 2000 Galerie Chez Vincent, Paris
  • Art Frankfurt Kunstkino
  • 1997 Film Museum Düsseldorf

Ihre Videos liefen außerdem auf zahlreichen Festivals in über 18 Ländern.

Weitere Informationen: