ausstellung

Das Ausstellungsprogramm der ACC Galerie im Jahr 2004

Die ACC Galerie Weimar geht in ihr 16. Ausstellungsjahr. Freie organisatorische, kuratorische und künstlerische Arbeit wird zunehmend erschwert. Improvisationsvermögen, Flexiblität, Innovation und Selbstausbeutung sind - nicht unähnlich der Situation vor 1989 (Provisorien, Improvisation, Realsatire, soziale Kontrolle, mangelndes Vertrauen in die Politik) - einmal mehr gefragt. Andererseits erfordern neue politische Entwicklungen (das in forciertem Maße betriebene Outsourcen vormals staatlicher Aufgaben, der Ausbau der Festung Europa) auch eine neue, kritische Reflexion in der Kunst und eine intensivierte Form der Kooperation. Das Europäische Atelierprogramm wird im zehnten Jahr seine altersmäßige Begrenzung (Künstler/innen bis 35 Jahre) aufheben, die geografische Beschränkung (Künstler/innen aus Europa) wird ebenfalls abgeschafft, es wird ein Weltprogramm. Seine breite Themenplattform wird 2004 die Ironie in der Kunst sein. Der Witz als gesellschaftliches Phänomen existiert wie der Schwarze Humor, die Ironie, Satire, Groteske auch in der bildkünstlerischen Formulierung, seine Logik entzieht sich auch in der Kunst oft jeglicher Erklärung bis zur Verfremdung ins Absurde, obschon er sich damit lediglich im Fahrwasser unserer Epoche befindet, die provoziertes Lachen, das gefriert, im Keim erstickt, sodass es einem kalt den Rücken herunter läuft, geradewegs herausfordert. Einzelausstellungen mit Vik Muniz & Janaina Tschäpe (Brasilien/Deutschland/USA) sowie Benjamin Bergmann (München, Kooperation mit der Stiftung Federkiel) finden ebenso statt wie Gruppenausstellungen mit Kunst zu Fragen der Herkunft, Identität, Nationen- bzw. Nationalkultur (9. Ate- lierprogramm, Kooperation mit der Stadt Weimar), Kunst über heutige Überreste aus der DDR-Alltagskultur (Kooperation mit der Bauhaus-Universität) und Kunst als Form der Autonomie und des politischen Handelns in Japan (Kooperation mit der Künstlergruppe Reinigungsgesellschaft). Dabei versucht die ACC Galerie erneut den Balanceakt zwischen vor Ort angesiedelter, jedoch über die Region hinaus wirkender Kunst, international renommierter, doch in Thüringen noch nicht vorgestellter Kunst und Ausstellungen mit thematisch vorgedachten kuratorischen Ansätzen, wie zum Beispiel autonome, aktivistisch-gesellschaftskritische Auseinandersetzungen mit politischen, sozialen, ökonomischen Situationen. Ausflüge in bzw. Kombinationen mit Randgebieten der bildenden Kunst (Kunstbücher/Bibliothekswesen, Architektur, Literatur, Bühnenbild, Mediengestaltung, Zeitgeschichte) wollen Kontroversen nicht scheuen.

Geist ist geil (Cornel Wachter) - Januar 2004

Zur verlängerten Ausstellung (Bilderinsel links) schreibt Wolfgang Leißling in der Thüringer Allgemeinen: "Ja, es wird gelogen zwischen Irak und Köln, auf dem Fußballplatz und bei der Entwicklungshilfe. (...) Wir schauen, balancieren im politischen Porzellanladen, vermögen nach dem Zufallsprinzip Deutsch-Deutsch zu reden oder unsere Wünsche auf schmale Holzplättchen zu schreiben, die Wachter schließlich beschwören will. (...) Mangelnde Kommunikation ist nur eines der Reizworte dieser Schau. Sei es beim Geschäft mit den Landminenopfern oder beim so genannten Kopftuchstreit."

Glück

Annäherungen an das Glück Ausstellung mit Arbeiten von 34 Künstlerinnen und Künstlern. Kuratiert von Elisabeth Hartung, kunst-buero, München (kunst-buero.de). Künstlerische Arbeiten von Tina Bara und Alba d'Urbano, Gerhard Blum, Heike Döscher, Jakob Gautel, Ottmar Hörl, Christian Jankowski, Kalaman, Jason Karaïndros, Hyon-Soo Kim, Berit Klasing, Annalies Klophaus, Vollrad Kutscher, Thomas Lehnerer, Cary Leibowitz, M+M / Frances Scholz, Elke Marhöfer, Piotr Nathan, Olaf Nicolai, Anny und Sibel Öztürk, Corinna Schnitt, Monica Studer und Christoph van den Berg, Thomas Thiede, Timm Ulrichs, Matthias Wähner, Susanne Weirich, Carl Emanuel Wolff, Stefan Wischnewski, Rob Wynne

Die Ausstellung ist ein Projekt der Luitpold Lounge München (luitpoldblock.de) und wird unterstützt vom Förderkreis der ACC Galerie. 24.01.2004 - 14.03.2004, ACC Galerie. Dienstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Eintritt frei! Führungen sonntags 15 Uhr und nach Vereinbarung

Herkunft?! Niemandsland (Stipendiaten Yvonne Buchheim, Gabriel Machemer, Stephan Weitzel) 26.3. bis 7.5.2004

Yvonne Buchheims Arbeiten, die sich oft mit Themen wie Herkunft und Identität auseinander setzen, haben konzeptionellen Charakter, jedoch ist das Medium der Zeichnung auf unterschiedlichste Weise in fast allen ihrer Arbeiten präsent. Grundlage für ihre Arbeit in Weimar war Herders Volksliedersammlung und seine Theorie, dass sich kulturelle Eigenheiten der Menschen in ihren Liedern widerspiegeln. Die Künstlerin hat eine Liedersammlung zusammengetragen und sich so dem Begriff einer Nationalkultur genähert. Yvonne Buchheim war dabei an einem möglichst breiten Spektrum an singenden Menschen interessiert. Alle Alterstufen und sozialen Schichten waren dazu aufgerufen, ein Lied für die Sammlung vorzutragen. Liedanfänge tauchten aber auch in verschiedenen Weimarer Cafés auf oder flogen in der Museumsnacht aus dem Ostfenster des Jakobskirchturms auf den Kirchplatz in die wartende Menschenmenge. Gabriel Machemer produziert seit drei Jahren monatlich ein Radiofeature über nennenswerte Dinge, die mit dem Buchstaben H beginnen. Er hat das Thema des Atelierprogramms 2004 kulturhistorisch und literaturwissenschaftlich erforscht und in eine Hörproduktion umgewandelt, die er mit Sprechern aus Weimar produzierte. Eines seiner High-Tech-Schattentheater heißt "Hamann, Herder und die Himmelsleiter": Die beiden Philosophen erhalten Antworten von ihren fiktiven Briefpartnern und die Aufforderung, sich an der Quelle des Flusses Memel einzufinden, weil sie dort die Möglichkeit haben, mit Hilfe einer Leiter zu Gott zu gelangen. Stephan Weitzel meint: "Niemandsland ist das Land der Ignoranz, das sich erzählt, global, universell und unbestimmt zu sein, weil es Angst hat vor der eigenen Identität, die gerade der einzige Garant des Universellen wäre." Weitzel thematisiert Herkunft und Niemandsland u.a. mit Vögeln, Nistkästen und Vogelhäusern in einem zentralen Environment, das als Voliere gestaltet wird. Die Besucher können den mit Skulpturen, Zeichnungen und Schrift strukturierten Raum betreten. Wo sind Zugvögel zuhause? Was nährt sie? Bedeutet ein Käfig ein Land? Was unterscheidet einen Vogel vom anderen?

Überreichweiten: Die DDR in der aktuellen Kunst. Mai/Juni 2004

Vom Denkraum DDR und seinem ideologischen Stützapparat ist nach Prozessen der historischen Entladung, Klärung und Erneuerung nur eine Aura der "einmaligen Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag", geblieben. Die Rezeption der DDR wandelte sich im Zeitraum von 1989 bis heute mehrfach. Beginnend mit Schock und Erleichterung, über Freude und Euphorie, Ernüchterung und Zorn, bis hin zu Verlustängsten verschoben sich die Wahrnehmungen. Im Ergebnis dessen entsteht das Gedankenkonstrukt eines Staates, den es so nie gab, der aber offenbar von vielen reflektiert und gebraucht wird. Diese Strategie im Umgang mit Vergangenheit wird von einer wuchtigen, medialisierten Erinnerung getragen, die sich mehr oder weniger verdeckt mystifizierend auf die DDR richtet und auf eine Kommerzialisierung des Staates DDR zielt, dabei stets ungenau und gebrochen ist und in nostalgisierenden TV-Spektakeln um Adolf Hennecke und Sigmund Jähn, um Konsummarken, Patenbrigaden, Abschnittsbevollmächtigte und Zweitaktmotoren ihren vorläufigen Höhepunkt findet. Das Futter für die kollektiven Freizeitgedächtnisse und die kaum noch überschaubare Vielfalt an Publikationen, die sich dem politischen System, der Arbeit, dem Alltag, den Massenorganisationen oder der Kultur in der DDR widmen, scheint jedoch mit seinen Inhalten oft nur verzerrt und relativierend an die Öffentlichkeit zu dringen. Welche, teils unbewussten, Mentalitäten, Neigungen und intuitiven Formen des Agierens haben, möglicherweise von der kapitalistischen Wertegesellschaft bereits bis zur Unkenntlichkeit assimiliert, ihren Bestimmungsursprung in der DDR? Wie finden sie in aktuellen künstlerischen Positionen ihren Ausdruck, wenn die grindige Oberfläche aus klischeehaften und tradierten Momenten durchbrochen wird? Welche Möglichkeiten hat zeitgenössische Kunst, Vergessenes ins Gedächtnis zu holen, ohne rückwärtsgewandt Jahrestage zu feiern? Wie kann sie Entwertetes mit Gehalt versehen, ohne Mythen zu reproduzieren, wie biografische Linien verfolgen, ohne dabei Schmerz, Wut und Absurdität von Erfahrungen zu negieren? Fünfzehn, teils internationale, künstlerische Positionen aus fünfzehn Jahren (1989 - 2004) werden - ausgewählt nach fünf Leitmotiven (Erbmasse, Schmerzgrenze, Fundsache, Geistesgegenwart, Auftragsarbeit) - in fünfzehn räumlichen Situationen innerhalb der ACC Galerie auf 350 Quadratmetern Ausstellungsfläche diesen Fragen nachgehen. Der kuratorische Ansatz führt uns - neben der strikten Einhaltung einer Zeitleiste - zu einer Orientierung an jenen Leitbegriffen, die die künstlerischen Auswahlkriterien definieren. Zu jedem Leitbegriff sollen Künstler(innen) gefunden und darüber hinaus eine Auftragsarbeit vergeben werden: Die Komplexe entlang der Leitbegriffe bilden den Kern der Ausstellung und sollen durch Interventionen, die sich auf den jeweiligen Ausstellungsort beziehen, ergänzt werden. In Weimar könnte es beispielsweise eine Führung zu ausgewählten DDR-Architekturen und eine Erinnerungssammelstelle auf dem Markt geben. Damit werden auch Menschen, die normalerweise keine Galerie besuchen, in die Auseinandersetzung einbezogen.

Autonomie und politisches Handeln (Command N, Video Art Center, Takamine Tadasu, Tatsuo Miyashima, Clean Brothers, Yun Ozaki, Hitomi Hasegawa, P3 Art and Environment, A-I-T, ART IT, Reinigungsgesellschaft) Juli/August 2004

Bereits 1999 stellte das ACC die Tokioter Group 1965 vor. Die 14. Sommerausstellung der ACC Galerie vereint nun zeitgenössische Initiativen und Projekte mit ihren künstlerischen Beiträgen aus Japan. Die Ausstellung steht im Ergebnis einer Feldstudie (dokumentarischer Videofilm, Fotoserie sowie Ausarbeitung, Auswertung und bildhafte Darstellung von Umfrageergebnissen) vor Ort zu autonomen Organisationsstrukturen in Japan, die von der Dresdner Künstlergruppe Reinigungsgesellschaft durchgeführt wurde, die den wachsenden Ökonomisierungsdruck in der Kunst zum Inhalt hat und deren Ergebnisse als Wissenspool in das Projekt einfließen. Das Projekt steht für die neuen Handlungsräume, die sich aus veränderten Arbeitsbedingungen ergeben und für ein Spannungsfeld, das sich aus dem Ranking gesellschaftlicher Systeme ergibt. Die Wahl der Orte ist von dem Anliegen bestimmt, einen Diskurs über die lokalen Standortfaktoren hinaus zu führen. Japan bietet dabei den geeigneten Bezugsrahmen, wo fernöstliche konfuzianische auf westlich konsumorientierte Wertsysteme treffen. Dabei werden die bestehenden Lebensräume auf Überlebensfähigkeit neu geprüft. Wie gestaltet sich die Architektur sozialer Beziehungen im 21. Jahrhundert? Welche Werte werden in den neu entstehenden Gemeinschaften geprägt? Ziel des Projektes ist die Beschreibung der Auswirkungen von steigendem Ökonomisierungsdruck auf autonome Organisations- formen im Bereich der bildenden Kunst. Gegenstand des Forschungsprojekts ist das Verhältnis künstlerischer Überlebensstrategien und gesellschaftspolitischer Einflussnahme sowie die kommerzielle Instrumentalisierung durch Politik und Wirtschaft. Wie autonom sind Handlungsräume in der Kunst, wenn Existenzsicherung und gesellschaftliche Einflussnahme vereint werden müssen? Mittels einer Umfrage sowie Interviews werden Künstler und Kunstvermittler zur aktuellen sozialen und kulturellen Bedeutung von selbstbestimmten Organisationsstrukturen befragt. Der reale Kampf zwischen Selbstbehauptung und Selbstverwirklichung wird seismographisch besonders in der bildenden Kunst sichtbar. Hier wird deutlich, dass künstlerische Autonomie täglich neu erobert werden muss. Können die Überlebensstrategien von Künstlern durch die Umsetzung selbstbestimmter Lebensentwürfe zu einem neuen Gesellschaftstyp führen? Ziel ist es, eine Diskussion zu entwickeln, die künstlerische Arbeit in einen gesellschaftlichen Zusammenhang stellt. Dabei richtet sich der Fokus auf die politische Funktion von Kunst, ihre Rolle bei der Standortentwicklung und ihren steigenden Institutionalisierungsdruck.

Dreamstructures and Low-tech Illusions (Janaina Tschäpe und Vik Muniz) - September/Oktober 2004

In ihrer ersten gemeinsamen Ausstellung zeigt die ACC Galerie Video- und Fotoarbeiten der Deutsch-Brasilianerin und des Brasilien-Amerikaners. In den letzten Jahren hat Janaina Tschäpe die Reflexion von Identität und Selbstdarstellung in den Vordergrund ihrer Kunst gestellt. Durch eine Art Verwandlungsakrobatik, die teilweise an die Arbeit von Cindy Sherman oder Matthew Barney erinnert, wird Tschäpes Körper zu einem Ort persönlicher Mythologien. Oft wird der Einfluss literarischer Fantasien sichtbar. Man erkennt Referenzen an Kafkas Metamorphose, eine romantische Sehnsucht, die an Novalis oder Goethe erinnert, als auch die poetische Resonanz des griechischen Mythos. Vor allem geht es um eine vielfältige Wahrnehmung von Identität, hybrid und allgegenwärtig, in der die Grenzen des "ich" offen und diffus bleiben, fragil und in ewiger Entwicklung. Traditionelle Bilder des Weiblichen werden dabei spielerisch durchleuchtet. Im Zentrum ihres Langzeit-Reiseprojekts Geography of Space, das 1999 im ACC vorgestellt wurde, steht ihr eigener Körper als physischer Ausgangs- punkt. Die Künstlerin erkundete Stationen einer globalen Ortlosigkeit, die Orte, Räume, Landschaften - Straßen, Hotelzimmer, Strände - ihres jeweiligen Aufenthalts. Indem sie sich dort auf den Boden legt, das Gesicht zur Erde, passiv wie eine Tote, in der Vorstellung, zu sterben, fühlt sie sich ein in ihre Umgebung, greift ein, markiert sie, verändert sie mit diesen Aktionen, die sie in großformatigen Colorprints festhält. In 100 Little Deaths, der Erweiterung von Geography of Space, zeigt Janaina Tschäpe Bilder einer Geographie der Erinnerung, visuelle Spuren einer Reisenden, deren Heimat letztlich nur ihr eigener Körper ist. Tschäpe spielt selbst die Hauptrolle. Sie liegt wie vom Blitz getroffen vor Türen, auf Terrassen, auf Treppen, gibt so einer romantischen Sehnsucht Ausdruck. Für eine weitere Serie hat sie Schauspieler engagiert, die vor wechselnder Kulisse in immer gleicher Pose aufgenommen sind: reglos in weißen Betten liegende Mädchen, mit Beinen, Rumpf und Armen in monströse Stoffröhren wie in Kokons gezwängte Frauen oder ein Mädchen im weißen Kleid, das in unendlicher Wiederholung ins Meer rollt, um wie Strandgut an Land gespült zu werden. Metamorphosen, die Wahrnehmung körperlicher Veränderungen hin zum Abstrusen, sind das Thema von Janaina Tschäpes konstruierten Grotesken.

Aus dem umfangreichen Œuvre des international beachteten, in New York ansässigen Brasilianers Vik Muniz zeigt die ACC Galerie signifikante Werke, die seine künstlerische Strategie veranschaulichen. Geboren 1961 in Sao Paulo, arbeitet und lebt er seit den späten 1980ern in New York. Zunächst arbeitete er als Bildhauer, doch interessierte sich schon sehr bald mehr für die fotografischen Reproduktionen seiner Skulpturen, bis er seine Aufmerksamkeit ausschließlich der Fotografie widmete. Er nutzt sein Interesse und Wissen um die Geschichte der Fotografie, um zu demonstrieren, wie wir als Bildbetrachter mit einfachen Mitteln (nicht dem Computer) von der Bilderwelt um uns herum in die Irre geführt werden können. Aus Zucker, Schokolade, Staub, Baumwolle oder Faden bestehen seine abfotografierten Arbeiten, die er low-tech illusions nennt. Ob Sigmund Freud, Che Guevara, Spaghetti Marinara, ein Gemälde von Courbet oder die Kunst der nordamerikanischen Minimalisten: Voll geistreichen Witzes und sprudelnd erfindender Schaffenskraft fällt Muniz fröhlich plündernd in den Bilderfundus der Medien und der Kunstgeschichte ein, um mittels gekonnter Verfremdung des jeweiligen Sujets in seinen trompe-l'esprit-Bildern unsere Wahrnehmung auf die Probe zu stellen und die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, was ein Bild eigentlich ist. Mit einer Nadel in Schokosirup auf einem Glasteller hat Vik Muniz ein Gemälde der französischen Romantik aus dem 19. Jahrhundert, Das Floß der Medusa, nachempfunden. Für die Ausstellung "The Things Themselves: Pictures of Dust at the Whitney Museum of American Art" (27. Januar bis 20. Mai 2001) ließ sich Muniz die Fotodokumentation einer 30 Jahre alten US-Minimalistenausstellung geben, vom Personal des Whitney Museums den Staub exakt der Museumsetagen sammeln, in denen sich das jeweilige Werk damals befand, fertigte damit eine Serie Staubbilder (Donald Judd etc.) als Remake der Dokumentationsaufnahmen an und fotografierte diese vergänglichen Arrangements schließlich, um sie wiederum großformatig im Whitney Museum of American Art auszustellen.

13 Tonnen Kunstbücher (wortundform: Fabian Diehr und Boris Gnaier) - November 2004

13 Tonnen Kunstbücher ist ein Projekt des Münchner Büros wortundform, das aus zwei Diplomingenieuren und einem Kommunikationswissenschaftler besteht und behauptet: "Ein gutes Kommunikationsprodukt sieht gut aus, funktioniert einfach und überzeugt mit klaren und klugen Inhalten." Bücher aus einer 13 Tonnen schweren Archivsammlung werden über Kunst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Bibliothek setzt sich aus gleichen Einheiten zusammen, die sich schnell und individuell aufbauen lassen. Das "Eingreifen" der Besucher, durch stapeln, verrücken, vertragen, kombinieren, kippen und wenden der Einheiten, führt immer wieder zu neuen räumlichen Konfigurationen. Durch das offene Ordnungssystem werden Berührungsängste, wie sie mancher von gewöhnlichen Bibliotheken her kennt, abgebaut. Die Bücher werden ungezwungen benutzt und laden ein, von einer breiten Zielgruppe entdeckt zu werden. Die Bibliothek passt sich jeder örtlichen und räumlichen Situation an. Sie kann auf Plätzen, in Parks, in U-Bahnstationen sowie in Ämtern, Schulen, Kindergärten, Altenheimen, Museen, Kinos und Theatern "entstehen". Eine Einheit (Kiste) hat ein Maß von 400x600x400mm. Sie kann von zwei Personen getragen werden und wiegt mit Büchern beladen ca. 60 kg. Für den Transport werden vier Kisten geschlossen zusammen gestellt. Die Grundfläche von vier Kisten ergibt ein Maß von 800x1200mm; dieses entspricht dem Grundmaß einer Europalette. Werden die Kisten bis zu einer Höhe von zwei Metern weitergestapelt, stehen auf einer Palette 20 Kisten. Um alle Bücher unterzubringen, werden 160 beladene Kisten benötigt; das entspricht acht Paletten. Nach dem Abstellen der Paletten liegt es in der Hand des Benutzers, wie sich die Bibliothek verhält. Die einzelne Kiste funktioniert als Stauraum für Bücher, als Sitzgelegenheit und als Beistelltisch. Sie ist so aufgebaut, dass sie sich an fünf Seiten mit anderen stabil zusammen stecken lässt. Die Kisten können als Block, als Wand, als durchlässige Struktur sowie einzeln entweder frei oder angelagert stehen. Die einzelne (leere) Kiste kann als Hocker oder Tisch funktionieren.

Went West - Vereinigte Reflexionen (Benjamin Bergmann) - Dezember 2004/Januar 2005

Benjamin Bergmann, der über sich sagt: "Tesafilm und Schrauben sind mein Himmel auf Erden...", ist Architekt, Konstrukteur und Handwerker in einem, oft in der fertigen synästhetischen Plastik oder Skulptur sogar Regisseur und Hauptdarsteller von kurzen Happenings. Architektur, Material und Requisite, Licht, Ton und Aktion spielen in seinem Werk eine gleichermaßen wichtige RolleDreidimensionale Gebilde und räumliche Situationen, bezogen auf einen architektonischen Raum, markieren seine Arbeiten. Benjamin Bergmann, geboren 1968 in Würzburg, ließ sich von 1991 bis 1994 zum Holzbildhauer ausbilden und studierte von 1995 bis 2001 an der Akademie der Bildenden Künste in München. Während einer Studienfahrt im Jahre 2002 hat Bergmann Fotos von Fassaden in Vietnam gemacht , Hochhausarchitekturen in Saigon, die - abgesehen von der steten Präsenz der ehemaligen Besatzungsmächte Frankreich und USA - durch ihre kleinflächige und dichte Bebauung, ihren Ranchcharakter und ihre äußere Armut an die Vereinigten Staaten erinnern. Seine ersten Reiseannäherungen in den USA hingegen waren durch eine Unlust zu fotografieren gekennzeichnet, alles schien bereits abgelichtet zu sein. Von daher rührte die Idee zur Wiederaufnahme der Produktion klassischer Relieftafeln, bildhauerischer Portraits der Fassaden als Abbild der dahinter lebenden Menschen, Umsetzungen von Architekturmodellen mit Referenz an die Fassadenmodelle und Skizzen aus der Renaissance. Die Gegenüberstellung von Fassadenportraits aus den USA mit einer kleineren Serie aus Vietnam, (zwei Staaten, die schicksalshaft miteinander verknüpft sind)wird Fragen aufwerfen. Zehn heutige Fassadenportraits, Gebilde aus Architektur, Skuptur und Umraum, die mit Bergmanns Oevre aus 2002-2003 im Zusammenhang stehen, Kombinationen aus Portrait, Filmkulisse und klassischem Relief, umgesetzt in (lichtgestützten) Bauholz-Installationen und/oder Collagetechniken in Metall, Gips und Bronze, vielerlei Konstruktionen, die eingehängt und ausgewechselt werden können und die sich auch mit dem Verfall auseinandersetzen, den vom Leben gezeichneten Zustand, die Rückschlüsse auf ihre Benutzung und Bewohner zulassen, also über das Gebäudeportrait auch ein Land portraitieren im Unterschied zur klassischen Modellsituation, die lediglich Fassaden für die Zukunft zeigte, sind Inhalt der geplanten Ausstellung. Filmkulissen sollen Geschichten eines Handlungsortes porträtieren, Äußerlichkeiten sollen Geschichten erzählen, die nicht zwingendermaßen schön sind, in jedem Falle aber Leben in sich tragen. Diese Fassadenportraits bilden den Abschluss einer Serie, die sich mit Architektur und deren Umraum befasst, die als Portrait der USA - trotz ihrer oberflächlichen Stille und wertfreien Position - dokumentarische Aussagen über die Vorreiterrolle der USA machen.