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Janaina Tschäpe 'Lacrimacorpus' und Vik Muniz 'Die Akte Weimar' (beide Brasilien/USA)

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Janaina Tschäpe 'Lacrimacorpus' und Vik Muniz 'Die Akte Weimar' (beide Brasilien/USA)

Fotoarbeiten/Video

11.12.2004 bis 30.1.2005, ACC Galerie

Eröffnung am 10.12.2004, 20 Uhr, ACC Galerie In Anwesenheit der Künstler

Lacrimacorpus von Janaina Tschäpe und Die Akte Weimar von Vik Muniz in einer neuen Ausstellung der ACC Galerie Weimar

Für die Produktion ihrer ersten gemeinsamen Ausstellung hielten sich die Deutschbrasilianerin Janaina Tschäpe und der Brasilianer Vik Muniz mehrfach in Weimar auf und vervielfältigten mit teils romantisierendem, teils ironisch historisierendem Blick ihre Wahrnehmung der Kultstätte. Zu sehen sind mehr als 300 Fotografien, Papierarbeiten, Zeichnungen und Videos. Bereits 1999 war Janaina Tschäpe mit ihrer Langzeitfotoserie Geography of Space, in der sie passiv wie eine Tote auf der Erde liegend Stationen einer globalen Ortlosigkeit erkundete, im ACC zu Gast. Für Vik Muniz' Arbeiten begannen sich die ACC-Organisatoren während eines US-Studienaufenthalts zu begeistern.

Verwandlungsakrobatik, multiple Selbstreflexion und traditionelle Bilder des Weiblichen scheint Janaina Tschäpe in ihren Fotografien, Zeichnungen und Videos mit literarischen Referenzen - möglicherweise aus der Welt Novalis', Goethes oder Kafkas - und Fragmenten aus der Kunstgeschichte zu kombinieren. Oft ist dabei ihr eigener oder ein fremder Körper und die Wahrnehmung seiner Veränderung hin zum Abstrusen, zur konstruierten Groteske, ein physischer Ausgangspunkt und wird zu einem Ort persönlicher Mythologien.

Die in Ettersburg entstandene Colorprint-Serie Lacrimacorpus zeigt einen traumwandelnden weiblichen Körper, der überdimensionierte Trauben aus Tränen trägt, eine Ansammlung von Erinnerung, Trauer, Nostalgie und Sehnsucht, die abzustreifen schwerlich möglich scheint. Eine anonyme Frau, die ihre Tränenlast angesichts der eigenen Hilflosigkeit gegenüber der Vielfalt, Erdenschwere, Tiefe und Wirren der Geschichte zur Schau trägt, verkörpert auch die Fotografie Lacrimacorpus Dissolvens.

In der Fotoreihe Botanica wird diese Idee verspielt. Surreale Pflanzen, andere als die bislang uns bekannten Spezies, sprießen aus dem fruchtbaren Boden in Goethes Garten, diesem mit hoch konzentrierter Substanz alles Körperlichen und Geistigen getränkten Humus. Taucht man in ein dreieckiges, schwarzes Videokabinett, wird aus dem Innenleben eines Musikkastens eine filmische, verniedlichende Form der Erinnerungswelt hervorgebracht, in der sich Ohnmacht und Klärungsnot gegenüber der Geschichte die Hand reichen.

Das Videotriptychon After the rain ist ein universelles Aquarell aus Performances mit verschiedenen Kreaturen, ein detailliertes Naturschauspiel um die Mysterien, die sich zwischen Himmel, Erde, Strand und Wasser, zwischen Oktopus, Meerjungfrau, Seemann und Wasserkörper ereignen, wenn Sonne und Regen sich vermischen, wenn die Wurzeln des Waldes - dem Ort der Zeugung - Geschichten erzählen, wenn in metabolische Kleidungsstücke gehüllte Körper wie aufgeblähte Ballons hinauf zum Himmel steigen und platzen.

Der Film The Crime of the Mouth soll die Erinnerungen einer Region aus der mündlichen Überlieferung der Bauern freilegen, teils wieder erschaffen und konservieren. Im Bauerndorf Bocaina Mineira im Inneren des brasilianischen Bundesstaates Minas Gerais scheint die Zeit fast stehen geblieben und die Realität etwas verrückt, von Wahnsinn, Isolation und zeitweiliger Lähmung gezeichnet zu sein, seit die Saga um den Geist eines vor 80 Jahren umgebrachten Sklavensohnes umgeht, der mit einer Bauerntochter im Wald erwischt wurde. Bevor in dieser Gegend alles altert, in Vergessenheit gerät, ruhig und beiseite gelegt wird, soll dieses Universum von Generationen an Geschichtenerzählern bewahrt werden.

Was ist eigentlich ein Bild? Wie können wir von der Bilderwelt um uns herum in die Irre geführt werden? Darauf lenkt der selbsternannte "Low-Tech-Illusionist" Vik Muniz unsere Aufmerksamkeit, indem er voll geistreichen Witzes und sprudelnd erfindender Schaffenskraft fröhlich plündernd in den Bilderfundus der Medien und der Kunstgeschichte einfällt, um in seinen ausgiebigen Bildkommentaren (und Texten) unsere Wahrnehmung, unseren ungebrochenen Glauben an das Visuelle überhaupt wie auch an das gedruckte Wort mittels gekonnter Verfremdung des jeweiligen Sujets auf die Probe zu stellen. Durch ungewöhnliche Manipulation von Materialien wie Schokolade, Schmutz oder Bindfaden, die er zu Landschaften oder Portraits arrangiert, nötigt er uns, zu untersuchen, was wir betrachten und wie unsere Augen durch die Kamera, die verspricht, die Wahrheit abzubilden, getäuscht werden.

Generell erkennt man ein Spionagebild nicht daran, was es enthüllt, sondern was es verbirgt - eine unheimliche Doppeldeutigkeit, die mehr mit unserer Ignoranz als mit der Intelligenz anderer zu tun hat. In den vergangenen Jahrzehnten beschrieb das Wort "Intelligence" (Information/Aufklärung) mehr und mehr das behördliche Eintreiben unbearbeiteter Informationen als Strategie, um Probleme vorhersehen oder über den weiteren Verlauf einer Maßnahme entscheiden zu können. Dieses rohe Infomaterial ist stark abhängig vom Kontext, für welchen es gesammelt und zusammengestellt wurde. Herausgelöst aus ihrer ursprünglichen Taxonomie, offenbaren visuelle Aufklärungsdaten die Absurdität und den ihrem Naturell innewohnenden Surrealismus wie auch die Künstlichkeit ihrer zusammengefügten Logik.

Das Erfassen von Aufklärungsdaten unterstützt eine Art chauvinistischen, paranoiden und verzerrten Weg der Vorhersage, der um seiner Praktikabilität und Objektivität willen unabhängig von Geschichte operiert. Genau genommen ist es eine Umkehrung der historischen Mittel der Voraussage, wie sie mittels Wahrnehmung durch die Sinne eines eine Fährte verfolgenden Tieres getroffen wird. So wie Überwachung zunehmend das Vertrauen in unserer Gesellschaft ersetzt, sind wir, anstatt uns einer transparenten Gesellschaft zuzuwenden, einfach fiktiven Mustern einer anderen Ordnung ausgesetzt; Erzählungen, die mehr mit Autorität und Amtsgewalt als mit Glauben, Aberglauben oder Kultur zu tun haben.

Die Akte Weimar imitiert auf 200 Fotografien dieser Spurensuche nach Informationen von Tieren auf der Fährte, aber entzieht sie ihrer objektiven Grundlage. Die Akte ist eine Zusammenstellung offener Anhaltspunkte und vergessener Phrasen, die alles der Vorstellungskraft und Erfahrung des Betrachters überlässt, der sich eine Ordnung und Bedeutung selbst zusammen stellt. Ziel des Werks ist es, den Betrachter mit demselben schöpferischen Impuls derer auszustatten, die rohe Daten in der realen Welt analysieren, um ihm unsere Abhängigkeit von gefälschten Erzählungen und unseren Hang zu paranoiden Fantasien bewusst zu machen.

Personal Articles (Persönliche Artikel) besteht aus 62 erdachten, aufwändig gefälschten Zeitungsausschnitten mit aberwitzigen Titeln wie "Mexikanischer Stierkämpfer mit Guggenheim-Stipendium ausgezeichnet", "Vermisste Stücke von Stonehenge auf griechischer Insel gefunden" oder "Erste Kopftransplantation ist ein voller Erfolg". Indem Vik Muniz - nicht ohne Witz und Posse - aufzeigt, wie einfach journalistische Beiträge und deren Wahrheitsgehalt manipuliert werden können, ist der Leser angehalten, die Autorität der Printmedien zu hinterfragen.

Die zehnteilige Serie The Best of Life sieht wie eine Reihe schlechter Reproduktionen von Bildern berühmter Ereignisse - der erste Mensch auf dem Mond, Exekution eines Vietkong in Saigon, ein Mann, der einen Panzer in Peking stoppt, der Kuss am Times Square - aus und resultiert aus einer künstlerischen Selbstüberprüfung. Kurz nach seiner US-Einwanderung 1983 erwarb Vik Muniz das Fotobuch "Das Beste aus dem LIFE Magazin", dessen gemeinschaftlich empfundene und von allen geteilte Bildsprache ihm half, sich in seiner Wahlheimat integrierter zu fühlen. Als er den Bildband einmal verlor, begann er zu testen, wie viel er und Freunde von der Erfahrung aus dieser Bilderwelt behalten hatten, indem er die Bilder aus dem Gedächtnis zeichnete. Als sie fertig waren, fotografierte er sie mit der gleichen Rasterblende wie die Originale und übersetzte sie damit zurück in ihren Ursprungszustand. Obwohl es lediglich Bilder von Gedanken waren, überzeugten sie ihre Betrachter, weil sie dieselbe Syntax wie die realen Fotos hatten. Damit demonstrieren sie, aus welcher Vielfalt verschiedenster Erinnerungen sich unser kollektives Bildgedächtnis rekrutiert und komplettiert.

Eine weitere Schule des Sehens bildet die fünfzehnteilige Serie Displacement, in der die "Landschaft" zerknitterten, fotografierten Papiers den Ausgangspunkt zur Interpretation eigentlicher Gemälde und Fotos bildet. Schwarze, quadratische Sichtfenster fokussieren unseren Blick auf die Mitte des Blattes. Darunter kündet eine dokumentarisch anmutende Maschinenschrift davon, was in dem markierten Bereich zu sehen sein soll, wenn man nur konzentriert genug schaut, sei es nun "Humphrey Bogart, Walter Huston and Tim Holt in dem 1948er John-Huston-Klassiker Der Schatz der Sierra Madre. Heute um 20 Uhr auf Kanal 11", "Papst Johannes Paul II küsst die amerikanische Erde nach seiner Ankunft auf dem Newark International Airport" oder "Bildtafel 268, Vincent Van Gogh. Stillleben: Vase mit fünfzehn Sonnenblumen. Arles, August 1888. 92,1 x 73cm. National Gallery London".

Der einzige unabhängige Großbürger Weimars war einst der Jurist und Unternehmer Friedrich Justin Bertuch, der seit 1782 eine Fabrik für künstliche Blumen betrieb, in der Christiane Vulpius (1765-1816) bis zu ihrer Freundschaft mit Goethe beschäftigt war. Flora Industrialis ist eine zehnteilige Fotoserie von Vik Muniz mit den Motiven künstlicher Seidenblumen wie Sonnenblume, Edelrose, Pfingstrose oder Trichterwinde, hergestellt in China, Nikaragua, Thailand oder Mexiko, die im Stil eines botanischen Leitfadens präsentiert werden.

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