ausstellung

AUTONOM IST NOCH NICHT EINMAL DER MOND

200407-logo-a155 picture

AUTONOM IST NOCH NICHT EINMAL DER MOND
Not even the moon is autonomous
english information

14. Sommerausstellung des ACC

10.7. bis 26.9.2004. Eröffnung am Freitag, 9.7.2004, 20 Uhr. Di bis So 12 bis 18 Uhr, Do von 12 bis 21 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Führungen sonntags 15 Uhr. Eintritt frei!

Eine Ausstellung des ACC in Koproduktion mit der Reinigungsgesellschaft (Dresden).

Mit freundlicher Unterstützung durch Hitomi Hasegawa, work-in-progress, Tokyo.

Gefördert durch die kulturstiftung des bundes, The Japan Foundation, das Thüringer Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, die Jenoptik AG, die Stiftung Federkiel/Halle 134, Leipzig, die Stadt Weimar und den ACC-Förderkreis. Im Ergebnis der Ausstellung erscheint ein Katalog.

a155-logo-jenoptik picture
a155-logo-jap-foundation picture

14. Sommerausstellung des ACC

Basierend auf der künstlerischen Feldstudie der Dresdner Künstlergruppe REINIGUNGSGESELLSCHAFT "Autonomy and Political Action - zur Modellfunktion kooperativer Strukturen in der zeitgenössischen japanischen Kunst" werden künstlerische Positionen aus Japan vorgestellt.

Ausgewählte teilnehmende Künstler/innen und Kunst-Initiativen: ArtiT, Arts Initiative Tokyo (AIT), Peter Bellars, CommandN, Cleanbrothers, Hiroshi Fuji, Makoto Ishiwata, P3 art and environment, Reinigungsgesellschaft, Tany, Noboru Tsubaki, Video Act!, Videoart Center Tokyo, Kenji Yanobe

plus zur aktuellen Ausstellung: Im Anschluss an die Eröffnung wird es in der ACC Galerie zwei Impulsreferate zu zeitgenössischer japanischer Kunst mit zwei Gästen aus Japan geben: Der japanische Netzwerkexperte Tetsuya Ozaki wird über seine Aktivitäten als Herausgeber der online-Plattform http://www.realtokyo.co.jp und des bilingualen Kunstmagazins ARTiT sprechen. Roger McDonald wird die Initiative AIT (Arts Initiative Tokyo) vorstellen (ausführliche Versionen der Referate am Sonnabend, 10.7.2004, 21 Uhr, am selben Ort.

AUSSTELLUNGSINFORMATION ZUM GALERIERUNDGANG

Autonom ist noch nicht einmal der Mond - Vierzehn Kunst/Initiativen aus Japan
Was haben ein radikaler und aktiver Träumer mit eigener UN-Einsatztruppe, eine voyeuristisch-kritische Verkleidungskünstlerin, die sich mit der Rolle der Frau im patriarchalisch dominierten Japan befasst, ein Kuratorenkollektiv als alternative Kunstausbildungsplattform mit unkonventionellem Wissensangebot, ein Performanceartist im Atomanzug, der durch die Ruinen der Zukunft stapft, ein Dutzend alternativer Netzwerker/innen für Videoproduktionen, ein Raumexperte, in dessen Installationen man sich entweder selbst vakuumverpackt oder erschießt und eine Handvoll Produzent/inn/en, deren Ziel die Bewusstseinserweiterung in Sachen Umwelt und Gesellschaft ist, gemeinsam?

Was haben ein paar Reinigungsaktivistinnen, deren Entlohnung ein eigenhändig gesäuberter Auftrittsort oder ein Atelier ist, ein minigolfbegeisterter, lehrender Kritiker des japanischen Bildungssystems, ein Kulturjournalist mit zweisprachigem Kunstmagazin, ein Umweltstratege, der den eigenen Haushaltsabfall zu Skulpturen verwertet, eine Künstlergemeinschaft, die dem "Kaninchenstallparadies" Tokio vielfach ihre Liebe gesteht, ein Medienaktivist für die internationale Verbreitung unabhängiger japanischer Videoproduktionen, der einen Film zur überwachten Post-9-11-Welt Tokios produzierte und zwei Akteure eines Handlungsraums an der Schnittstelle von Kunst und Gesellschaft miteinander zu tun? Es ist der reale Kampf zwischen künstlerischer Selbstverwirklichung und wirtschaftlicher Selbstbehauptung, der das kleinste gemeinsame Vielfache und zugleich unser Motiv für diese Ausstellung bildet. Es sind die künstlerische Autonomie - die täglich neu erobert werden muss - und ihr Handlungsspielraum, die unsere Fragestellungen diktierten. Es sind die wachsende politische Beliebigkeit und der immense wirtschaftliche Druck bis zur kommerziellen Instrumentalisierung durch Politik und Wirtschaft, die Kunst, Künstler/innen und Kunstinitiativen existenziell in Frage stellen. Die bildende Kunst kann als Seismograph gesellschaftlicher Prozesse deren Auswirkungen sichtbar machen - in Europa, Amerika, Japan oder andernorts. Warum also Japan? Japan gehört mit den USA und der EU zur "kapitalistischen Triade", die lediglich 15% der Weltbevölkerung umfasst, in den 1990er Jahren aber mehr als zwei Drittel der weltweiten ökonomischen Aktivitäten auf sich konzentrieren konnte. Trotz Japans wirtschaftlichem Aufstieg zur High-Tech-Nation seit 1970 und dessen durch Innovation, Produktivität, Bevölkerungsdichte und geografische Situation bedingte ökonomische Ballung erhöhte sich die internationale Sichtbarkeit seiner Künstler/innen nicht wesentlich. Welches künstlerisch-kritische Potenzial birgt eine auf Selbstlosigkeit sowie Arrangement statt Konfrontation basierende fernöstliche Gesellschaft im Unterschied zur auf Individualität ausgerichteten westlichen, deren "Werte" sie assimiliert? Umgeben von einem schwach entwickelten Kunstmarkt suchen die teilnehmenden Künstler/gruppen und Kunstinitiativen nach alternativen Wegen, um globale, staatliche oder institutionelle Fehlstellen zu besetzen. Teils entstehen dabei mikroökonomische Solidargemeinschaften, selbstorganisierte Netzwerke und Aktionen, die sich trotz ihrer inhaltlichen Freiheit im kapitalistischen System behaupten müssen und Ressourcen wie Technik, Studio oder Auftrittsmöglichkeiten kostensparend gemeinsam nutzen. Der Preis, mit dem sich viele Künstler/innen und Kunstvermittler/innen ihre Unabhängigkeit mittels prekärer Beschäftigungsverhältnisse erkaufen, ist sehr hoch; ihr sozialer, politischer und ökonomischer Wirkungsraum hingegen äußerst gering. Insofern führt Autonom ist noch nicht einmal der Mond die Feldstudie Autonomie und politisches Handeln der Projektgruppe REINIGUNGSGESELLSCHAFT zur Modellfunktion kooperativer Strukturen in Japans aktueller Kunst (2003) weiter und steht in der Tradition der Ausstellung Get Rid of Yourself mit zehn kritischen amerikanischen Künstler/Kollektiven (2003) und der Schau The Voices from Tokyo der Group 1965 (1998/99), in der erstmals Kunst aus Japan im ACC vorgestellt wurde. Die Installationen, Filme, Photographien und Objekte sprechen Themen wie Überwachung, Terror, Gewalt, Krieg, Nationalismus, Aktivismus und politische Vergangenheit, aber auch Konsum, Bildung, Umwelt, Arbeit, Emanzipation und Globalisierung an und entstanden - bis auf wenige Ausnahmen - seit 2000. Darüber hinaus versucht die Ausstellung, per Dokumentation mit den Hintergründen künstlerischer Produktion und deren öffentlicher Wahrnehmung vertrauter zu machen. Im Anschluss finden Sie - alphabetisch geordnet - Kurzerläuterungen zu den Teilnehmer/innen