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Geist ist geil

Cornel Wachter, Köln

Bilder, Zeichnungen, Objekte, Skulpturen, Installationen, Konzepte und eine "Soziale Plastik" mit dem Titel "Es ist für Dich" (ein "virtuelles Netz der Kommunikation über gesamt Deutschland" am 7.12.2003), die unter der Schirmherrschaft von Ministerin Dagmar Schipanski steht. verlängert bis 18.01.2004

31.10.2003 - 18.01.2004, ACC Galerie

Dienstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Führung sonntags 15 Uhr und nach Vereinbarung.

Mit freundlicher Unterstützung des Thüringer Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst.

Mit besonderem Dank für die Unterstützung an den ACC-Förderkreis.

Cornel Wachter ist seit der Performance "Gewidmet den Freunden der Menschheit" (Unterbezirksdada, Theaterplatz, 1991) in Weimar aktiv. Zuletzt trat er als Erfinder des "365-Tage-Goethe-Ruheraums", Mitinitiator der Veranstaltungsreihe Who the fuck is Wieland? und Künstler der Ausstellung Schatten & Esel (alles ACC, 1999), Initiator und Organisator der Wiederbelebung der ersten Oper mit deutschem Libretto - Alceste (1773) von Anton Schweitzer und Christoph Martin Wieland (Hotel Elephant, 1999) sowie deren CD-Welt-Erst-Einspielung (2CD, NAXOS, Erfurt, 2001) in Thüringen in Erscheinung. Es folgten die Auftrittsermöglichung des Menschensinfonieorchesters als Gründungsmitglied des "Clubs der offenen Herzen" zur Unterstützung sozial schwacher und obdachloser Mitbürger (ACC, 2002), die Installation "Have a nice round" (Fassade, Hotel Elephant, 2003) und die Installation Geist ist geil (Hochstand, Burgplatz, ACC, 2003).

Jetzt zeigt das ACC seine erste Soloausstellung mit vielen Gastkünstler(inne)n.

Cornel Wachter während des Aufbaus der Ausstellung Geist ist geil, ACC Galerie, 2003
Cornel Wachter während des Aufbaus der Ausstellung Geist ist geil, ACC Galerie, 2003

Das gemeinsame Vorankommen innerhalb einer Gemeinschaft, das "verschiedene Welten über Planetenbrücken verbinden", das faire Sich-Ergänzen und über die Schwarz-Weiß-Seherei Hinausgehen sind ein Frontispiz, für das der Kölner Künstler Cornel Wachter immer wieder den Kunstraum verlässt, um als Dokumentarfilmer und Kurator, Sozialarbeiter und Event-Organisator, Historiker und Christoph-Martin-Wieland-Forscher, Musikagent, Akquisiteur und Manager in Erscheinung zu treten. Geboren 1961 in Köln, arbeitete er nach einer Lehre als Steinmetz und Steinbildhauer in der dortigen Dombauhütte von 1984 bis 2001 im Künstlerduo Unterbezirksdada, das 1996 im Sculpture Park der Brock University, St. Catharines, Ontario (Kanada) die Skulptur Fin de Siècle platzieren konnte. 1997 erhielt er den Kunstpreis der Stadt Köln und das Friedrich Vordemberge Stipendium für bildende Kunst. Eine vielschichtige Annäherung an das Wesen Wachter ist Inhalt dieser ersten umfassenden Einzelschau des Künstlers. Gleich durch das erste Loch in der Mauer schlüpfte der Künstler 1989 in das Terra incognita "DDR" ein. Es ging kreuz und quer durch ein für Wachter völlig fremdes Land. In der Tasche trug er den Auftrag eines Kölner Gastronomen, aus Freude über die Maueröffnung "irgendwo im Osten" einen Kölschen Abend zu veranstalten. Seit seiner Performance Gewidmet den Freunden der Menschheit-Theil II ist Cornel Wachter in der Stadt der deutschen Dichter und Denker kein Unbekannter: alle Holzbeine einer Formation auf dem Theaterplatz angeordneter Stühle - vom Polizeipräsidium Köln zur Verfügung gestellt - sägten sich 1991 entsprechend viele Weimarer, nach vorgegebenem Takt, selbst unterm Hintern weg, bis sie gänzlich umkippten. Neun Arbeiten und Aktionen aus Geist ist geil wurden im Novemberfaltblatt vorgestellt, neun weitere Beschreibungen werden hier veröffentlicht.

Die Ausstellung als Situationsbeschreibung.

Cornel Wachter, (2001- ), Have a nice round!
Cornel Wachter, (2001- ), Have a nice round!

Wachters Äußerungen beginnen mit jener zur Sinnfülle einer Einrichtung wie der der Gemeinschaft. Ein Schild in einem WC an den Niagarafällen, das zur Sauberkeit aufrief, und ein Golfball auf dem Boden jener Bedürfnisanstalt, verführten ihn zu dem weltweit angedachten Projekt Have a nice round (2002-), einem aufmunternden Wunsch, mit dem sich irische Golfer vorm Spiel begrüßen. Seither dreht sich allerorten in vielen Sprachen Wachters Abwandlung von Kants kategorischem Imperativ "Bitte verlassen Sie den Platz so, wie Sie ihn selber gerne vorfinden möchten" um ein pol-zentrisch verzerrtes Logo der UN-Weltflagge. Das ist die Kunst, ob sie nun im öffentlichen Raum eines Kölner Golfplatzes, eines Armenhauses in Kalkutta, eines Kindergeburtstages in San Francisco, eines japanischen TV-Senders oder einer historischen Stätte in Athen auftaucht. Pinocchio, durch "Erkenntnisprozesse" auf eher unpädagogische Art menschgewordener Holzbub, darf Wachters Weltkugel tragen.

Cornel Wachter, 2003, SchwebeBalkan
Cornel Wachter, 2003, SchwebeBalkan

Das verlautbarte Ziel westlicher Strategen, schwelende Kriegsregionen in einem Balanceakt aus "chirurgischen" Eingriffen und humanitärer Hilfe auf einen sicheren, befriedeten Weg zu manövrieren, tritt die nötigsten Bedürfnisse der Betroffenen oft mit Füßen und degradiert sie zu Menschen zweiter Klasse bereits dadurch, dass sie hungern müssen. Nachweislich hinterlassen die Militärakrobaten Spuren, setzen ihre vermeintlich helfenden Hände bei ihrer Gratwanderung über den SchwebeBalkan (2003 für die Räume des ACC und als Hommage an Wolf Vostell entstanden) ins Schwarze, wenn sie aus dem Gleichgewicht geraten und sich beim Navigieren durch die Schluchten des Balkan links und recht abstützen müssen.

 Cornel Wachter, 2003, Bescheidenheit
Cornel Wachter, 2003, Bescheidenheit

Zur Entstehung der "Gedankencollage" Bescheidenheit (2001-2003) bat der Künstler jeweils 50 Menschen in Köln und Weimar, ihre Gedanken zu dem Wort "Bescheidenheit" zu Papier zu bringen. Die nur dem Künstler bekannten Ergebnisse, die "eine offenbar zeitintensive Sache starker gedanklicher Anstrengungen waren, an deren Ende auch fremde Gedanken oder Zitate standen", sind in den Flaschen eines Regals versiegelt. Alle 20 Minuten wird - ob in Afghanistan, Eritrea, Bosnien, Somalia, Irak oder im Iran - ein Mensch Opfer einer Landmine, einer Explosionswaffe, die von ihm selbst ausgelöst wird. Italien, Frankreich und Deutschland sind deren größte Produzenten. Aber auch Satelliten als Botschaftermedien der westlichen Warenwelt torpedieren durch permanentes Schüren von Begehrlichkeiten und Aggressionen ganze Weltregionen mit zerstörerischer Wirkung und berauben sie ihrer Identität, ihrer Kultur, ihres Geistes. Und so steht die Boutiqueanordnung Fallfashion for homeless people (2003) auch für die Globalisierungsfalle einer gleichgeschalteten Konsumpalette á la "Join now for free" und "You here it first", in deren Kreislauf auch die Tretminenkrüppel zu ihrem Sportmarkenschuh aus dem Westen kommen, und wenn es nur der linke ist.

Besucher der Ausstellung bei einer Führung mit dem Künstler, in der Bildmitte die Skulptur von Cornel Wachter
Besucher der Ausstellung bei einer Führung mit dem Künstler, in der Bildmitte die Skulptur von Cornel Wachter "Boote"

Das Boot als Hoffnungsträger, Fluchthilfe, Arche, Grundlage von Beschaffung, Handel, Fortschritt oder Transportmittel von Ideen kehrt in einigen Arbeiten Wachters wieder. Ein Boot aus dem Kopf (Boote, Skulptur, 2003) kann ein Gedanke, ein Abenteuer sein, mit dem man den angestammten Ort verlassen kann. Mittels Anleitung kann man nebenan aus einem Bogen Papier ein Boot basteln und in die Gedankenoase der Wielandschaft (einem Christoph Martin Wieland gewidmeten Raum) werfen, die bereits seit ihrer Erfindung durch Wachter und seine Frau Helga 1999 ein Auffangbecken guter Ideen ist.

Cornel Wachter, Fußballraum - Mein Team
Cornel Wachter, Fußballraum - Mein Team

Wachter nennt sich selbst einen engagierten Fußball-Laien. Sein Engagement begann mit der Produktion eines offiziellen Vereinsgeschichtsvideos seines Klubs, des SC Fortuna Köln. 2003 sammelte er mit Freunden in sechs Wochen zig tausende Euro zum Erhalt des Vereins, der als "Riesensozialstation" 500 Kindern aus 26 Nationen ein sportliches Betätigungsfeld bietet. Fußball als "schönste Nebensache der Welt" hält mit seiner Faszination jedes Wochenende Abertausende zwischen zwei Toren gefangen. Ein ungelöstes Phänomen, wie die zwei untrennbar verbundenen Tore der Installation Gloria Vakuie (2003), die dem Vakuum-Experiment des Magdeburger Bürgermeisters Otto von Guericke (mit dem er die Hypothese "horror vacui", die Abscheu vor dem Nichts, widerlegte) nachempfunden sind, beweisen. Daneben lieferten viele fußballbegeisterte Künstlerfreunde Wachters Stoff zur Gestaltung dieses Raumes.

Kein Abendmahl war der Arbeitstitel einer Tisch-Skulptur, in der Wachter vielen Fragen im Alptraumleben der atomisierten Familie des Robert Steinhäuser nachgeht, vor deren Hintergrund sich das Massaker im Erfurter Gutenberg-Gymnasium ereignete. Mangelnde Wertschätzung und Entfremdung bringen ein gemeinsames Abendmahl zum Scheitern. Wir wissen, dass Steinhäuser Teil einer Gemeinschaft war, es ist nicht allein sein Weg gewesen, sein Tagebuch eines Gelangweilten (2003) wurde von anderen mitgeschrieben. "Egal, was ein Mensch tut, er bleibt ein Mensch", sagte Bundespräsident Rau auf der Erfurter Trauerfeier. Das Kopftuchurteil um staatliche Neutralität oder Religionsfreiheit gab den Ausschlag, das Passbild einer Iranerin als Ausgangspunkt für zwei Acrylmalereien (Schönheitskönigin und Kopftuchurteil, 2003) zu nehmen. Als hätte man ihr das Kopftuch weggenommen, erscheint sie auf dem zweiten Bild gesichts-, ja kopflos: eine Antwort auf die Häme, die unserer Gesellschaft eigen ist, wenn sie ihre Streits auf den Schultern von Minderheiten austrägt.

Cornel Wachter, no drinking water
Cornel Wachter, no drinking water

Wasser ist nicht nur heiliges und heilendes Elixier und Medium entsprechender (religiöser, immer weniger praktizierter) Rituale, es ist auch, neben Öl, eine Ressource, deren koloniale Aufteilung und Vermarktung multinationale Konzerne, denen das Gros der Weltsüßwasserreserven bereits jetzt gehört, längst unter sich ausgemacht haben. Hunger und Durst derer, die nicht über das Kapital für einen Rohstoff, der allen gehört, verfügen, sind die Folge in einer Welt, die aus den Fugen gerät, wie die Äthiopier in den Gemälden Gezeiten (2003) und Das ist der kapitalistische Realismus - Herr Professor (2003) beweisen, die beharrlich, doch vergebens warten, dass ein Wasserhahn wieder aufgedreht wird."Haben meine Vorgänger in den 60er Jahren überdimensionale Colts gemalt, so tut es Not, heute überdimensionale Wasserkräne zu malen", sagt Wachter.

Cornel Wachter, Installation, 2003 (Ausschnitt)
Cornel Wachter, Installation, 2003 (Ausschnitt)

Sein weltweites Kunstprojekt Have a nice round! (2001-) führte Wachter im Frühjahr 2003 mit seiner Familie nach Japan. Tempel und Schreine fanden des Künstlers besondere Aufmerksamkeit. Für die Japaner, sind sie nun überzeugte Shintoisten, Buddhisten, Christen oder Agnostiker, gehört der tägliche Schrein- oder Tempelbesuch zum Tagesablauf. Am Eingang steht zumeist ein Brunnen, aus dem der Besucher mit einer Kelle Wasser schöpft, um die Hände und eventuell den Mund zu spülen. Diese Kellen findet man auch in der interaktiven Installation am Eingang zu Wachters Ausstellung. In einem Weidenkorb liegen mit dem Logo seines Kunstprojekts gestempelte Holztäfelchen und die Aufforderung an sein Publikum, diese mit einem persönlichen Wunsch zu beschriften und an eine der vorbereiteten Stangen anzubinden.

Cornel Wachter, Installation, 2003 (Ausschnitt)
Cornel Wachter, Installation, 2003 (Ausschnitt)

Der Künstler appelliert mit dieser Sammlung öffentlich gemachter individueller Wünsche an seine Mitmenschen, das in die Mode gekommene "ewige Gejammer" zu vertreiben. Die beschrifteten Täfelchen hängen inzwischen in mehreren Reihen übereinander und nebeneinander. Täglich kommen einige dazu. Das Kunstwerk wird aber die Ausstellung nur kurz überdauern, da der Künstler die beschrifteten Holztäfelchen verbrennen wird, um so, wie er sagt, "die Erfüllung der Wünsche zu beschwören".

Cornel Wachter, The Lucky Unlucky People, Porträtserie, 1986-2003, farbige Tusche, Kölner Regen auf weiß acryl-lasiertem Birkensperrholz, 50 x 40 cm (Ausschnitt)
Cornel Wachter, The Lucky Unlucky People, Porträtserie, 1986-2003, farbige Tusche, Kölner Regen auf weiß acryl-lasiertem Birkensperrholz, 50 x 40 cm (Ausschnitt)

In der Bilderserie The Lucky Unlucky People (1986-2003) porträtierte Wachter Obdachlose in Tusche, denen er während eines Schülerjobs als Pfleger in einem Kölner Krankenhaus begegnete, in dem sein Vater Arzt war. Immer wieder fotografierte er diese Menschen, mit denen er täglich umging und die keiner porträtieren würde. Später entstanden daraus die Bilder, die er zur Vollendung in den Kölner Regen hielt, wie ihre Vorbilder, Menschen, die im Regen stehen. Auch jetzt hat Wachter weiter mit Obdachlosen zu tun. Der Club der offenen Herzen ist ein von Wachter, dem Designer und Architekturprofessor Marc Tölle, dem Pfarrer Hans Mörtter und der Künstlerin Rosemarie Trockel gegründeter Club (kein Verein - es gibt also keine Versammlungen und Beiträge), dem auch Markus Stockhausen, Klaus der Geiger (Anarchist, Autor, Komponist, 'Paganini der Asphaltmusik') und Helmut Zerlett (Bandleader in der Harald-Schmidt-Show) angehören und der u.a. das erste Obdachlosenorchester Deutschlands unterstützt. Dessen Musiker, die sich mit etwas Anschub aus eigener Kraft von der schiefen Bahn lotsen, wollen nicht mehr im Obdachlosenheim wohnen, besorgen sich selbst einen Job, reparieren teils entsorgte Musikinstrumente, bringen sich das Musizieren darauf manchmal erst bei und traten in diesem Jahr neben der Kelly Family anlässlich der UNICEF-Gala im Circus Roncalli auf.

Cornel Wachter, Blue Suede Shoes, Foto und Text-Schild der Aktion, 2002
Cornel Wachter, Blue Suede Shoes, Foto und Text-Schild der Aktion, 2002

Blue Suede Shoes (2002) erzählt von der unantastbaren Würde des Menschen. Irgendwann lief Wachter selbst für einen Tag als Obdachloser durch San Francisco und ließ sich fotografieren. Als auf die Frage eines "echten" Homeless, was das denn werden solle, der Fotograf erwiderte, das Shooting wäre für eine Serie "Fallfashion for Homeless" (Herbstmode für Obdachlose), erwiderte er: "You can fool all these rich people but not us homeless. Your shoes are too clean, man." Es waren die unausgetretenen blauen Wildlederturnschuhe, die ihn verrieten. Ein Blues/Country/Pop-Hit von Elvis textet: "Du kannst mich niederschlagen, meinen Namen in den Dreck ziehen, mein Haus niederbrennen, mein Auto stehlen" etc. ('Well, you can knock me down, Step in my face, Slander my name, All over the place... You can burn my house, Steal my car, Drink my liquor From an old fruitjar') aber "tritt nicht auf meine blauen Wildlederschuhe" ('Don't step on my blue suede shoes'), taste meine Seele nicht an.

Cornel Wachter, o.T., 2002
Cornel Wachter, o.T., 2002

I´m my own worst enemy (2002): "Bitte verlassen Sie den Platz so, wie Sie ihn selber gerne vorfinden möchten", diesen Satz in Kombination mit dem gespiegelten UNO-Logo, übertragen in die jeweilige Landessprache, sendet Wachter um den Globus, nicht ohne die Einsicht, sich damit auch in ein Glashaus zu setzen. Der Künstler weiß, dass er sein "eigener schlimmster Feind" sein kann, wie beim Golfspiel, das ihm seine Weggefährten, "unermüdlichen Kulturermöglicher" (Wachter), Sammler und Golfsportler Martine und Jürgen Weghmann nahe brachten. "Du bist mit der Anlage zu einem Menschen geboren und du machst einen guten Weg, wenn du es bis zu deinem Lebensende geschafft hast, ein Mensch zu werden", sagte einst ein Budapester Rabbiner zu dem Künstler. Seit dieser Zeit findet sich die Beschäftigung mit dem täglich zu erneuernden Selbstzeugnis und dem Menschen als "sozialem Wesen" in der Kunst Wachters, der sich "jeden Morgen beim Rasieren wieder fragen darf, wie er sich am Vortag seinen Mitmenschen gegenüber verhalten hat und ob dies der Bildung einer von ihm gewünschten Gemeinschaft förderlich war". So gewann in Auseinandersetzung mit dem Sport seiner Freunde die Erkenntnis der Golfer "Ich trete gegen mich an" oder "I´m my own worst enemy" in der künstlerischen Erweiterung eine über die Einzelperson hinausragende Bedeutung.

links: Jürgen Weghmann, Köln, rechts: Horst Meißner, Weimar
links: Jürgen Weghmann, Köln, rechts: Horst Meißner, Weimar

Es ist für Dich: "...das gesprochene Wort ist derzeit fast wichtiger als das geschriebene, denn es ist unmittelbarer, direkter, echter, spontaner, geht ohne Umwege und Filter vom Einzelnen zum Einzelnen und vermittelt eine Authentizität, die im Geschriebenen oft vergeblich gesucht wird." Es ist für Dich (2004) ist eine Soziale Plastik, ein Aktionsraum, eine Situation, mit der Wachter ein "virtuelles Netz über Gesamtdeutschland" spannt. Angelehnt an die Kampagne der Telefongesellschaft AT&T aus den 1980ern - "It´s for you" - sollen an einem Aktionstag unzählige Telefonzufallsschaltungen einander unbekannte im Osten aufgewachsene mit im Westen aufgewachsenen Bundesbürgern in "blind dates" verbinden. Eine bundesweite Kampagne soll die Bundesbürger über dieses einzigartige Angebot informieren. Das Telefon in der ACC Galerie steht symbolisch für die Aktion und ihre unzähligen Freischaltungen. "Basiskommunikation vom Ich zum Du", wie Feyl weiter schreibt, bei der der Künstler die beiden Gesprächspartner zum Austausch ihrer Lebensgeschichten auffordert. Die Telekommunikationsfirma, die Wachters Kunstwerk für den zweiten Advent 2003 technisch möglich machen wollte, kann aus firmeninternen Gründen das Projekt nicht mehr realisieren. Gleich bot sich eine ausländische Telekommunikationsfirma an, die "Bedeutung des Kunstprojekts für die Verständigung zwischen Ost und West vor Augen", die Aktion zuende zu führen. Doch Wachter entschloss sich zur Verschie bung der Kunstaktion auf einen späteren Zeitpunkt, da er für dieses Projekt zur deutschen Geschichte auch eine deutsche Telekommunikationsfirma gewinnen möchte.

Cornel Wachter, Parabel, 2003, Krämerpigment, Acryl auf Leinwand, 120 x 90 cm
Cornel Wachter, Parabel, 2003, Krämerpigment, Acryl auf Leinwand, 120 x 90 cm

Parabel (2003): In Franz Kafkas Romanfragment "Das Schloss" ist die Rede vom Türhüter vor dem Gesetz. Dem Landvermesser K., der sich im Machtbereich des Schlosses mit seinem überperfektionierten Verwaltungs- und Überwachungsapparat aufhält, wird die Parabel von einem Mann vom Lande erzählt, der sein Leben lang wartet und vergeblich Einlass ins Schloss sucht. Er begibt sich in die totale Isolation, während sich sein Blick vom Wesentlichen hin zum Banalen verengt. Als er selbst im Sterben noch wartet, erklärt ihm der Türhüter, dass der Eingang nur für ihn da gewesen sei. Kafka erzählt von der Antwortsuche auf die Frage nach Wahrheit, nach dem Wesen des absolut Gültigen, nach Weg nd Ziel menschlichen Strebens, vom entscheidenden Schritt über die Schwelle. Die Tür (das Tor) ist, ob in Traumdeutung oder Religion, Symbol für den Neubeginn, den Eintritt in eine neue Lebensphase - wenn sie nicht geschlossen bleibt. Die geöffnete Tür markiert die Schwelle zwischen zwei Welten (profaner und sakraler), zwischen Diesseits und Jenseits, Licht und Finsternis, Bekanntem und Unbekanntem, Entbehrung und Schatz. "Ich bin die Tür", sagt Jesus (Joh. 10, 9).

Cornel Wachter, Fallfashion for homeless people, Installation, 2003
Cornel Wachter, Fallfashion for homeless people, Installation, 2003

Fallfashion for homeless people (2003): Auf der einen Seite der hegemoniale Allmachtsanspruch der Ersten Welt und ihre geisteszersetzende, mediale Gleichschaltung des Globus (Satellites kill spirit), auf der anderen Seite das Erzeugen von Gefahr, das Schüren von Gewalt und Kriegen (Landmines kill lifes) zur Erhaltung des Systems durch sich selbst (bzw. das 'Opfern' ganzer Länder als Vehikel der Waren- und Feinbildproduktion, 'War on terrorism', 'War on drugs'), zum demagogischen Inszenieren regionaler Brandherde, um die kausale Angstkette zu warten und schüren, damit die hochkonjunkturelle Konsumspirale nicht abknickt, mit deren Kapital die neoliberalistische Kolonialisierung vorangetrieben werden kann, ist Inhalt dieser Installation. Produziert wird sie in Europa. Ca. 10 Millionen dieser flachen Behälter aus Sprengstoff und Zünder sind allein in Afghanistans Erde vergraben. Rechte Schuhe werden in der Regel zur Anprobe im Schuhgeschäft ausgestellt, hier sind es die linken. Angehörige des islamischen Glaubens lassen ihre Schuhe zum Gebet vor der Moschee stehen. Sie gehören zu denen, die wir mit unserem Rüstungsarsenal, unserem (TV-) Weltbild, aber auch mit unserem breiten, exklusiven Konsumangebot ("Ringtones for free", "We'll make you famous", "Sign in!") medial und, wenn gezahlt wird, auch real überschütten. Sportschuhe - sie müssen nicht von Reebok sein - sind bei Opfern, deren Extremität in die Luft gesprengt wurde, besonders beliebt. Die liefern wir auch.

peer boehm, never change a winning team, 2003, Acryl, Schellack und Heiligenbilder auf Nessel, 110 x 75 cm, Der Ball ist rund
peer boehm, never change a winning team, 2003, Acryl, Schellack und Heiligenbilder auf Nessel, 110 x 75 cm, Der Ball ist rund

Fußballraum - Mein Team: Die ausstellenden Gastkünstler(innen) im Fußballraum sind Ralf Bageritz, Thomas Baumgärtel (der 'Bananensprayer'), peer boehm, Peter Bömmels, Die Toten Hosen, Placido Domingo, Knopp Ferro, Kalaman, Andreas Kopp, Werner Neumann, Jo Oberhäuser, Dieter Oeckl, Sigmar Polke, Trini Trimpop, Susanne Waltermann, Heinz Wimmer. Das TOR DES MONATS Dezember schießt peer boehm: In Analogie zum "Göttlichen Pele" werden in der Arbeit never change a winning team von peer boehm Sammelbilder sowohl von weiblichen als auch von männlichen Heiligen als Mannschaftsaufstellung auf das Spielfeld gesetzt. Ob hier nun die sprichwörtliche Anbetung des "Heiligen Rasens" oder die christliche Sammelleidenschaft ironisiert wird, sei dem Betrachter überlassen. In jedem Fall zeugt die konsequente Gegenüberstellung eines weiblichen und eines männlichen Teams gerade nach dem WM-Titelgewinn der Damen von nahezu prophetischer Weitsicht. Inwieweit der "HERR" hierbei seine Finger im Endspiel gehabt haben mag, sei dahingestellt - jedoch sollte man die Frage nach dem Geschlecht des Fußballgottes noch mal gründlich überdenken (peer boehm, freischaffender Künstler aus Köln - Malerei, Installation und Konzeptkunst, (http://www.peerboehm.de).

Cornel Wachter, Schönheitskönigin, Kopftuchurteil, 2003, Acryl auf Papier, 56 x 75 cm
Cornel Wachter, Schönheitskönigin, Kopftuchurteil, 2003, Acryl auf Papier, 56 x 75 cm

Schönheitskönigin (2003) nannte Wachter ein Acrylgemälde, dem eine von 39 passbildformatigen Abbildungen einer Umfrage im Menu eines persischen Restaurants in Köln nach den schönsten Bewerberinnen um die Wahl der Miss Iran zugrunde liegt. Sie dürfen sich nicht im Iran zur Wahl stellen, werden nur über das Internet oder Veranstaltungen ausserhalb Irans, zu denen sie offiziell und teilweise mit Unterstützung der Regierung ausreisen dürfen, gewählt. Nur eine der Iranerinnen - für Wachter die mit der natürlichsten Ausstrahlung - war in s/w abgebildet. Sie trug ein Kopftuch, ohne das sie gesichtslos schien (wie im zweiten Bild, Kopftuchurteil (2003)). Damit kam die Frage, warum man es in Deutschland nicht jedem selbst überlassen will, wie man seine Religiosität versteht und leben will, wie man sich kleidet, ohne dabei vom Gesetzgeber bestimmte Auflagen erfüllen zu müssen. Warum es nicht allein in der eigenen Verantwortung liegt, sich für oder gegen ein Tuch zu entscheiden. Das sogenannte Kopftuchurteil hat Wellen geschlagen. Die Debatten haben gezeigt, dass es um mehr geht als nur um die weltanschauliche Neutralität des Staates, um mehr als Religion und Staat, um den Islam und den Westen z.B., um die Frage von Integration oder Assimilation unserer muslimischen Mitbürger/innen, nach dem Motto: Muezzin: nein, Kopftuch: nicht unbedingt, Dönerbude: gerne.

Cornel Wachter, 19. April 1952, 2003; Acryl auf Leinwand, 120 x 90 cm
Cornel Wachter, 19. April 1952, 2003; Acryl auf Leinwand, 120 x 90 cm

19. April 1952 (2003): Das Gemälde zeigt eine Planetenbrücke, die unterschiedliche Welten verbindet. Am 19. April 1952 war ein "sonniger Festtag", wie Dr. Claus Kierdorf in seiner Chronik des "Golf- und Land-Club Köln" berichtet, gute Bedingungen für die Einweihung des neuen Clubhauses und des Neun-Loch-Golfplatzes durch den damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss. Dieser sprach in seiner Festrede davon, "dass die Golfer nicht im Kampf gegen den Gegner, sondern gegen sich selber stehen und dass damit die Selbsterziehung beim Golf im Mittelpunkt steht". Gerade darin liegt die Qualität des Sports als Symbol des Verständnisses, der Fairness, Verbindung, Einbeziehung. Wachter nutzte Heuss' Worte als "Steilvorlage" für das Ausstellungsprojekt Have a nice round!, indem er anlässlich der Feier des 50. Golfplatzjubiläums ein an Kants kategorischen Imperativ (das Leitmotiv der bügerlichen Ethik: Mute andern nur zu, was du von ihnen auch ertragen möchtest) angelehntes Logo erstmals verbreitete.

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