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Ausstellungsinfo: Fußballraum - mein Team

"Blau, Gold und Weiß! Diese Farben ich immer preis. Ob der hellste Sonnenschein. Lacht dem ersten Sportverein, ob ein Wetter ihn umdräu, diesen Farben bleib ich treu: Blau, Gold und Weiß!" (Gesang der Anhänger des FC Carl Zeiss Jena)

Der Traditionsverein FC Carl Zeiss Jena gewann 1903 sein erstes Pflichtspiel gegen Weimar. In den Weimarer Analen ist zu lesen, dass "Weimar das Rückspiel mit der ersten Mannschaft bestreiten" wollte, da hatte man wohl zunächst den durch das Zeiss-Werk neu gegründeten Verein unterschätzt und nur die Weimarer B-Mannschaft aufs Feld geschickt. Hundert Jahre später versammelt der Kölner Künstler Cornel Wachter aus Anlass seiner Ausstellung Geist ist geil seine Weimarer A-Mannschaft in der ACC Galerie.

"Ach, wann enden diese Leiden, diese Leiden, diese Leiden? Wenn die neuen Leiden kommen, haben sie ein Ende." (Wolf Biermann) Der Künstler Wachter kennt die Leiden, kennt die Treueschwüre, hat sich vom Sonnenschein der Aufstiegsplätze blenden und auch durch die Tristes der unteren Tabellenplätze beuteln lassen. Sein Verein trägt die Farben der Hanse, das Kölner Rot-Weiß und ist der David der Rheinclubs, SC Fortuna Köln. Wachter sieht sich als "engagierter Laie" und bekennt ohne Scheu, nicht viel von der Taktik und von den Gesetzen des Fußballspiels zu verstehen. Doch stand er schon oft bei Spielen seiner Fortuna in allen Wettern im Südstadion an der Außenlinie mit dem Gesichtsausdruck eines "total Bekloppten", beschwörend gen Himmel schauend, schreiend, manchmal wimmernd: "Wenn et do bovven noch en Jerechtigkeit jitt, mött jetzt endlich dat Tor falle". Er selber spielte als Jugendlicher Feldhockey, doch sein Herz gehört seit jeher der ersten Mannschaft seines "Südstadtvereins" und der inzwischen auf 500 Jugendlichen aus 26 Nationen angewachsenen, zahlenstärksten Jugendabteilung im Deutschen Fußballbund, die bei Fortuna Köln die größte private Sozialstation Kölns bilden. Anfang dieses Jahres engagierte sich Wachter mit seinem sozialen "Club der offenen Herzen" für die Ret- tung des von der Insolvenz bedrohten Vereins. Mit seinem "CdoH-Kollegen" Marc Tölle startete er eine Kampagne unter Anwendung ungewöhnlicher Mittel und mit ungewöhnlichen Erfolgen. Zum Beispiel zogen sie der ersten Mannschaft samt Trainergespann für ein Pressephoto die Trikots aus. Das Bild von 11 nackten Männern mit der Unterschrift "Einem nackten Mann greift man nicht in die Tasche - sondern unter die Arme" ging durch die lokale, nationale und internationale Presse und plötzlich stand ganz Köln hinter dem maroden Verein. Da ist der Künstler Cornel Wachter zu erkennen, der oft in und mit seiner Kunst das sinnvolle Leben in der Gemeinschaft beschwört. Seine Fortuna-Mitgliedsnummer 11, die kölscheste Zahl aller Zahlen, verpflichtet ihn seit je her zur "positiven Ohrfeige" im Umgang mit dem Vereinstum. Fahnenschwenken und Treueschwüre alleine reichen dem Künstler nicht, er misst die Fans und Mitglieder seines Vereins an ihren Taten für die Gemeinschaft. "Da kann der eine mehr, der andere weniger bildend tätig werden an dem Erhalt einer Sozialen Plastik", meint Wachter in Anlehnung an den Niederrheinischen Künstler Joseph Beuys.

Cornel Wachter, Gloria Vakuie, 2003
Cornel Wachter, Gloria Vakuie, 2003

Mit "Fußballraum - mein Team" zeigt Wachter innerhalb seiner Weimarer Ausstellung künstlerische Auseinandersetzungen von Künstlerkollegen und einer Kollegin zum Thema des Spiels mit dem runden Leder. Wachters Weimarer Mannschaft besteht aus Jo Oberhäuser, Sigmar Polke, Knopp Ferro, Ralf Bageritz, Placido Domingo, Andreas Kopp, dem "Bananensprayer" Thomas Baumgärtel, Werner Neumann, Peter Bömmels, Dieter Oeckl, Heinz Wimmer, Susanne Waltermann, Kalaman, Peer Böhm, Trini Trimpop und die von ihm gegründeten "Toten Hosen", die bekanntlich "bis zum Umfallen" Anhänger und Sponsoren Ihrer Fortuna aus Düsseldorf sind. Da ist die Wimmer Rolle in der Internet-TV-Bearbeitung von Hermann Reindorfs Kölnprogramm. Heinz Wimmer hatte 1973 "das Drum und Dran" des legendären Aufstiegs der Fortuna in das deutsche Oberhaus des bezahlten Fußballs mit seiner Doppel-8-Kamera festgehalten. So entstand ein einzigartiges Dokument Sportgeschichte, wie es sicher kein anderer Verein besitzt. Wachter und Dieter Oeckl fiel dieser historisch bedeutende Film 1998 während ihrer Arbeit an dem offiziellen Vereinsfilm zum 50. Clubjubiläum, "50 Jahre Fortuna Köln - Fortuna dat sin mer", in die Hände. Mit Wimmer restaurierten sie die 90 Minuten Zelluloid, kopierten den Film auf Beta-Video und stifteten beides der Sammlung des deutschen Sport- und Olympiamuseums in Köln. Für die Komposition der Filmmusik zum Jubiläumsfilm konnte der Jazztrompeter Bruno Leicht gewonnen werden. Nicht zuletzt durch Leichts Musik wurde es ein außergewöhnlicher Sportfilm. Beide Filme sind in ihrer Videofassung im "Fußballraum" der Ausstellung zu sehen. Der Niederländer Andreas Kopp nimmt in seiner Arbeit Bezug auf Bernd Schuster, einen der "weltbesten Spieler aller Zeiten" (Bernd Schuster), der übrigens seine erste Trainerstation bei Fortuna Köln hatte und aktuell in der Ukraine mit seiner Mannschaft Tabellenführer ist. Susanne Waltermann zeigt "Jaspers Trainingsjacke", eine eindrucksvolle Papierarbeit, bei der die Trainingsjacke durch ein für Waltermann klassisches Stopfmuster hervorgehoben ist. Trini Trimpop spricht mit seiner Installation "Körper und Geist 2003", einem Buddha und einer das Röckchen lüftenden Barbiepuppe auf Kunstrasen, von einem oft unangesprochenen wichtigen Teil des Faszinosums Fußball, der Verbindung von Sexualität und Sport. Die von ihm gegründeten "Toten Hosen" "grüßen aus der Hauptstadt" mit dem Satz, den jeder Spieler von seinem Trainer schon mal vernommen haben dürfte: "Steh auf, wenn Du am Boden bist". Kalaman stellt die Fußballerfrisuren vor, die als Leitmatten für Millionen von Fans "Voku-hila" (vorne kurz, hinten lang) Geltung gewannen. Kalaman scheut sich als echter Fußballfan auch nicht, die Frisuren in einem Selbstversuch zu testen. Sigmar Polke schenkte Cornel Wachter und seiner Frau Helga, die am Aufbau des ACC nicht unbeteiligte, in Weimar auch unter dem Namen "Angelika Schnell" bekannte erste ABM-Kraft des ACC, zur 1996 in Weimarer vollzogenen Hochzeit ein beschriftetes Plakat seiner Ausstellung in San Franciscos MOMA. Das Plakat zeigt das bekannte Bild "Alice im Wunderland", auf dessen Hintergrund Fußballer um das Leder kämpfen. Zwei vergoldete Bälle und ein leise säuselndes Taschenradio stellt Knopp Ferro zu einer im Weimarer Licht magisch strahlenden Skulptur zusammen und findet hierzu die geheimnisvollen Worte: "ABWURF. In der 87. Minute überfliegt ein Hubschrauber das Stadion und ein goldener Ball fällt auf den Anstoßpunkt."

Über die Collage aus der Serie "Everyday Sheets" des Künstlers und langjährigen Spielers diverser Mannschaften des SC Fortuna Köln, Jo Oberhäuser, schreibt ein Kollege: "Als Bildmotiv für diese überarbeitete Collage von 1995 diente dem Künstler u.a. ein Zeitungsfoto, das eine entscheidende Szene des Skandalspiels zwischen FC Bayern München und 1. FC Nürnberg aus der Fußball-Bundesligasaison 1993/94 darstellt, in der ein Tor gegeben wurde, das faktisch keines war. Anhand von Fernsehbildern wurde dieser Umstand bewiesen, das Spiel wurde annulliert und musste später wiederholt werden. Im mittleren Bereich des Bildes, leicht nach links versetzt, wird die Collage durch eine leere, zerdrückte Bierdose eines Anbieters aus der TV-Werbung ergänzt, die sowohl auf die Rudimente unserer Konsumgesellschaft als auch auf die fortschreitende Kommerzialisierung des Sports verweisen soll." Die leere Bierdose kann uns aber auch an die glücklichen Schulhofzeiten ohne Erfolgsdruck und Tabellenstände erinnern, da die Ranzen noch als Pfosten und die zertretenen Dosen noch als Ball Dienst leisteten.

"Der Torjäger" von Peter Bömmels ist eine der plastischen Arbeiten, ein Holzrelief, mit dem der in der Sammlung des Neuen Museums Weimar vertretene Künstler das Fußballspiel mit dem Leben vergleicht: wir zielen und doch geht der ein oder andere Schuss daneben. Peer Böhm stellt eine ganz besondere Aufstellung für ein exorbitantes Fußballmatch vor. Auf grüner Leinwand erkennt man, dargestellt durch Heiligenglanzbildchen, die Mannschaft heiliger Männer in Stellung gebracht gegen die Mannschaft heiliger Frauen. Zur Trauer um den ersten Abstieg der Vereinsgeschichte des 1. FC Köln in die zweite Bundesliga bekennt sich Werner Neumann mit seiner Arbeit "Bock Missed". Neumann, ein immer pointiert setzender Künstler, schuf mit dieser Arbeit ein Stück kunstgewordenes Trauma, das immer wieder droht, neue Aktualität zu gewinnen (wir wünschen dem 1. FC Köln von dieser Zeile aus, dass er mit dem neuen Trainer Marcel Koller sich wieder in Richtung höherer Tabellenplätze aufmachen möchte). Von Thomas Baumgärtel, dem "Bananensprayer", sehen wir einen Klassiker der Kunstgeschichte, die gelbe Banane als "Fußballbanane". Eine Aufforderung, die wichtigste Nebensache nicht all zu wichtig zu nehmen, oder vielleicht doch eine ernstgemeinte Hommage an den "Bananenflankengott" Manni Kalz?

Wachter selbst stellt zwei artifizielle Fußballtore (allerfeinst zunftgerecht gezapft von ACC Galerie-Techniker Nico Schachtschnabel) mit den Stirnseiten gegeneinander und schafft so eine Anordnung in Erinnerung an den Magdeburger Vakuumversuch des Otto von Guericke, der er den Titel "Gloria Vakuie" gab. Als Zugabe ist das Geschenk des fußballverrückten Startenors Placido Domingo zu bewundern. Domingo, begeistert von der durch das ACC, Wachter, Stefan E. Wehr, Dirk Hedrich und das Philharmonische Orchester Erfurt möglich gemachten Welt-Erst-Einspielung der ALCESTE auf CD, der ersten deutschen Oper (1773), sandte aus Washington einen signierten Fußball mit dem beruhigenden Aufdruck "child free labour". In diesem Sinne: die Welt wird besser durch faires Spiel. (James Bowman, Bergisch Gladbach)

Ralf Bageritz, aus der Serie: Unkontrollierte Ballabgabe/ Self-Sampling-Service & Art-Journalism, 1987/88/99, 2003, Bilder-Installation, 6-teilig
Ralf Bageritz, aus der Serie: Unkontrollierte Ballabgabe/ Self-Sampling-Service & Art-Journalism, 1987/88/99, 2003, Bilder-Installation, 6-teilig

Und das TOR DES MONATS bretterte Ralph Bageritz in den freien (Fußball-)Raum: Bageritz: >Unkontrollierte ballabgabe / Wir brauchen Eier !< Den Zusammenhang von Werbung, Kunst und Medien macht Bageritz zum Thema seiner Arbeiten. Er verwandelt die Kunst in ein anscheinend werbeförmiges >rundes< Modell, wobei die Mittel der Werbung wiederum durch die Strategien der Kunst formal und inhaltlich aufgebrochen und überholt werden: >Oben rechts rund immer gut<, (1987). Obsessiv sportiv führt er ein Kunst-Werbe-Programm durch, unter dem für die heutige Kunst allgemein bezeichnenden Titel >Kunst ist generell Werbung und zwar immer nur für sich selbst<, (1989); >Jedes Bild ist meine Filiale<, (1999). So schafft er für seine Kunst ein Gesamtkonzept, dass sowohl die Strukturen des Kunstbetriebes durchleuchtet und hinterfragt, als auch die Zeit- und Kunstgeschichte selbst. Dem Reziepenten wird der Konsum (auch der DDR), in seinen abstrusesten Auswüchsen in (selbst)ironischer, bissiger Neo-Dada-Manier vor Augen gehalten. Die Gesetze des heutigen Kunstsystems werden nach allen Regeln vorgeführt, respektive in Bageritzscher Methode der zitierenden Wiederverwertung (Textpassagen aus Rezensionen zu früheren Bageritz-Arbeiten) verschiedensprachig >gesampled< und in neue Rezeptionsebenen bildnerisch transformiert. Aktuelles Ausstellungsprojekt: >Metaphysik des Verschwindens III / Arbeit ist sexy<.