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Ausstellungsinfo: Diary of an ennuyé - Tagebuch eines Gelangweilten

Innerhalb dieser Ausstellung zeigt Wachter erstmalig die Skulptur "Diary of an ennuyé - Tagebuch eines Gelangweilten" der Öffentlichkeit. Mit dieser künstlerischen Arbeit nimmt er Bezug auf einen möglichen Hintergrund für solch schreckliche Geschehnisse: Aus einer Zeitungsmeldung: "Ausdrücklich richtete sich der Bundespräsident auch an die Familie des 19-jährigen Robert Steinhäuser, der sich nach seinem Verbrechen selbst gerichtet hatte: 'Ich möchte Ihnen sagen: Was immer ein Mensch getan hat, er bleibt ein Mensch.' Bei dem ökumenischen Gottesdienst vor einem großen weißen Kreuz wurde für jedes der 16 Opfer eine Kerze entzündet. Für Steinäuser brannte an anderer Stelle eine 17. Kerze. Um 12 Uhr verstummte das öffentliche Leben in Thüringen für eine Schweigeminute. Auch in anderen Bundesländern, in Berlin, Saarbrücken und Düsseldorf, schwiegen Tausende Menschen im Gedenken an die Toten."

Cornel Wachter: Diary of an ennuyé - Tagebuch eines Gelangweilten
Cornel Wachter: Diary of an ennuyé - Tagebuch eines Gelangweilten

Diese Meldung aus Erfurt beschäftigte den Künstler Cornel Wachter besonders, hatte er doch seit der von ihm 2001 organisierten Welt-Erst-Einspielung der ersten deutschen Oper ALCESTE (von 1773) in der Erfurter Thomkaskirche, die in Zusammenarbeit mit der ACC Galerie, dem Philharmonischen Orchester Erfurt und dem Chor des Theaters Erfurt entstand, viele neue Freunde und deren Familien in der Landeshauptstadt gefunden. Die Meldung veranlasste Wachter, sich Gedanken über "atomisierte Familien", über das "neue Aneinandervorbeileben", das "Schrumpfen von Achtung gegenüber sich selbst und für einander", das "Auflösen des Gemeinschaftsgedankens" zu machen.

Mit der Skulptur "Diary of an ennuyé - Tagebuch eines Gelangweilten" versucht der Künstler eine "Skizze zu einem Zeitgemälde": Auf einem schwarzen Stahlgestell ruht eine schwarze Tischplatte von 2 x 1 Meter. An den beiden Kopf- und den beiden Längsseiten sind die Standflächen für Teller, Gläser, Messer und Gabel, für die einzelnen Plätze einer gemeinsamen Tafel ausgefräst. An den Kopfseiten sind so die Plätze von jeweils einem Elternteil (deutlich gemacht durch große Ausfräsungen) zu erahnen. Zu einem gemeinsamen Mahl kann es also an diesem Tisch nicht kommen. Der Versuch, z.B. einen Teller oder ein Glas zu platzieren, müsste mit dem Durchfallen desselbigen enden.

Zu Cornel Wachter "Diary of an Ennuyé"

Von Wolfgang Oelsner

Konventionen erhalten Gemeinschaft. Ein gedeihliches Miteinander braucht Vereinbarungen, Regeln, verlässliche Gewohnheiten. Konventionen ersticken Gemeinschaft. In der Routine verdorren lebendige Beziehungen. Erhalten und Ersticken. So ist das mit der Konvention. Kein Medikament ohne Nebenwirkungen. Es geht um die Dosis, auch um den Ort der Einnahme.

Ein Tisch ist Basis von Konventionen. Kein Vertrag ohne stabile Unterlage. Keine Gesellschaft ohne Geselligkeit. Keine Geselligkeit ohne Tisch. Er ist Ort des kultischen Mahls, im Ritus zum Altar erhoben. Ein Tisch führt zusammen. Er trägt, stützt, hält. Treffpunkt kommunizierenden Seins. Ein Tisch verbindet. Was verbindet, bindet auch. Bei Tisch wird anders gesprochen. Mahl-Zeiten werden festgelegt. Tischmanieren offenbaren Herkunft und Stand. Tischsitten definieren Gemeinschaften.

Ein Tisch weist Plätze zu. Stammplätze geben Geborgenheit, fördern Zusammenhalt, entfachen Nestwärme. Doch Wärme, immer am selben Platz, brennt ein. Glüht Löcher durchs Material. Die Unterlage wird zum Nichts. Willkommen am Stammtisch!

Stammtische tragen Tarnkappen. Verraten tun sie sich durch das, was sie preisen: Korrektheit, Gewohnheiten Konventionen. Die machen sichtbar, was unsichtbar bleiben will. Mit jedem korrekten Auflegen - ja, es heißt "Aufdecken"- brennen Teller und Bestecke winzige Partikel Materie weg. Minimal. Bis eines Tages - futsch! - der Boden ist durch. Der Blick ins Nichts. Nichts trägt. Nichts hält. Nichts hält auf.

Was machen wir? Wir verstärken unser, Bemühungen, die einst so er-trag-reich waren. Wir erhöhen die Dosis an Konvention. Positionieren unsere Stammplatzbestecke noch präziser. Stammtischgewohnheiten. Wiederholt inszenieren wir Zustände, deren Opfer wir längst sind.

Satt werden wir an solchen Tischen nicht. Satt hat man uns. Durchgefallen! Gibt es Hilfe? Es gibt was Verrücktes. Nur ein klein wenig verrückt vom angestammtem Platz. Die großen Teller vom Kopfende finden Halt bei den kleinen, in der Mitte, an den Seiten. Kleine Teller machen kleine Löcher, halten Große. Positionen wechseln, Rotieren. Konventionen lösen. Wieder satt werden.