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Zweitägiger Workshop mit Matthew Buckingham

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Universal Time and The Present Moment: Keiner verlässt den Saal

Der samstägliche Teil des Workshops am 25.10.2003, 14 bis 18 Uhr, beginnt mit der Aufführung des Streifens "Der Würgeengel" (Mexiko 1962, s/w, 95 min, in spanisch) von Louis Buñuel. Dessen filmisches Werk ist von der Kritik an einem in sinnloser Wiederholung erstarrten Bürgertum und an Vernünftigkeit und Ordnung als die Handlanger von Willkür und Unterdrückung gezeichnet. Nachdem die geladenen Gäste einer hochbürgerlichen Abendgesellschaft in der Villa eines Aristokraten feststellen, dass es nun an der Zeit wäre zu gehen, will keiner als derjenige auffallen, der das Dinner als Erster verlässt. Jenseits aller Erklärbarkeit bleiben alle vor Ort, geben in dieser Ausnahmesituation die Fassade ihrer bürgerlichen Wohlanständigkeit auf, kehrt sich der Schein des Zivilisierten am Rande der Panik in Egoismus, Misstrauen, Anschuldigungen, Verzweiflung, Hass und einen Kampf ums Überleben. In vollkommener Durchlässigkeit von Zeit und Raum präsentiert Buñuels atavistische Parabel als makabre Komödie voller Geheimnisse von schwindelerregender Komplexität eine beißende Sicht auf Instinkte der menschlichen Natur. Damit verbunden ist die Lesung des Textes "Implicit and Explicit Representations of Time" ("Implizierte und deutliche Repräsentationen der Zeit", in Halle 14 erhältlich, erschienen in "Cognitive Models of Psychological Time" von Richard A. Block (Hrg.), Lawrence Erlbaum Associates, Hillsdale 1990) des Erkenntnispsychologen John Michon mit anschließender Diskussion. Frühere experimentelle Studien menschlicher Zeit-Erfahrung untersuchten fast ausschließlich die Psychophysik der Dauer. Erst kürzlich, mit dem Aufkommen der Erkenntnispsychologie, wurde ein größeres Feld zeitlicher Phänomene zum Gegenstand empirischer Studien. Zeit als Dauer ist eine erweiterte Abstraktion, eine Form der Repräsentation, die funktionsgemäß viel mehr von dem biologischen Grundbedürfnis stammt, sich auf einer Wellenlänge mit der dynamischen Außenwelt zu befinden. Mentale Repräsentationen von Zeit ermöglichen es uns, Verhaltens- und Wahrnehmungszusammenhänge hinsichtlich der Reihenfolge wirklicher Geschehnisse zu erkennen. Wenn diese Ereignisse unsere eigene Geschichte betreffen, führen diese erzählerischen Schlüsse zu jener Identität, die wir unser "Selbst" nennen. Die auffällige Instabilität des "Flusserlebens" von Zeit ist der bemerkenswerteste Aspekt der subjektiven Zeit und die vornehmliche Variable der Psychophysik der Zeit.

Parfümierter Alptraum

Der sonntägliche Teil des Workshops am 26.10.2003, 14 bis 18 Uhr, beginnt mit der Aufführung des "hausgemachten" Films "The Perfumed Nightmare" (Philippinen 1977, 93 min, in Tagalog) von Kidlat Tahimik ("Stiller Blitz"). Der Regisseur des Doku-Dramas (Originaltitel "Mababangong Bangungot") selbst spielt den Taxifahrer eines "Jeepney" (ein während der US-Okkupation herrenlos gewordener und zu einem Taxi umfunktionierter Armeejeep) aus einem abgelegenen 300-Seelen-Dorf, dessen einzige Zufahrtsbrücke aus Bambus er sehnsüchtig mit elektrischem Licht ausstatten möchte. Nachdem er seine "ersten 33 Taifunjahreszeiten in einem Kokon voller amerikanischer Träume" als Präsident seines kleinen Werner-von-Braun-Fanclubs, Liebhaber der Miss Universum und eifriger Zuhörer der "Stimme Amerikas" verbracht hat und alles am modernen Amerika verehrt, verspricht ihm ein amerikanischer Unternehmer Arbeit in Paris, wo er nun reich werden möchte. Als dort einer seiner wenigen neuen Freunde, ein älterer Straßenhändler, stirbt, nachdem ein Einkaufszentrum ihn vom Markt verdrängt hat, stellt er die ersten Fragen und rebelliert steinewerfend gegen die Konsummeile. In der Rolle eines Drittweltlers führt Tahimik den Zuschauer spöttisch, poetisch und provokativ durch den Morast der amerikanischen kulturkolonialistischen Hegemonie, die er so darstellt, wie sie ist: 500 Jahre einer schlechten Idee. Die mit Super-8 gedrehte, halb-autobiographische 10.000-Dollar-Independent-Produktion enthüllt den "American Dream" als süßlich duftende Illusion, die sich selbst als parfümierter Alptraum entlarvt. Dem Film folgt eine Diskussion darüber und über das Buch "Time and the Other: How Anthropology Makes Its Object" von Johannes Fabian, erschienen bei Columbia University Press, 1983, 2002 (erhältlich in Halle 14). Fabian, Professor der Kulturanthropologie an der Universität Amsterdam, setzt sich in dieser radikalen erkenntnistheoretischen Abhandlung über anthropologisches Schreiben kritisch mit der Ansicht auseinander, dass Anthropologen "hier und jetzt" sind, während ihre Studienobjekte "dort und damals" waren, ein "Anderes", das in einer Zeit existiert, die nicht unserer Gegenwart entspricht.

Die Texte sind in der Ausstellung erhältlich. Eine Teilnahme ist auch an jeweils einem der beiden Tage möglich. Bei Interesse bitten wir um Anmeldung unter 0341.4980125, Halle 14, Leipziger Baumwollspinnerei, Spinnereistr. 7, 04179 Leipzig, stiftung.federkiel@web.de