ausstellung

Matthew Buckingham

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Vergegenwärtigungen des Vergangenen

Der Übergang von geschichtlichem Wissen zu dessen ästhetischer Applikation und Vermittlung ist ein Grundzug in den Arbeiten Buckinghams, deren auffällige Gleichzeitigkeit von ästhetischer Form (in Film, Text, Bild und deren Amalgam) und diskursivem Lehren wie Lernen (in Vorträgen, Workshops und deren Publikation) eine Dopplung hervorbringt, die sich der vielfach kanonisierten Auffassung von einer scharfen Trennung zwischen Kunst und Wissenschaft nicht beugen will.

Weltzeit und der Gegenwärtige Moment

"Universal Time and The Present Moment" ist ein von Matthew Buckingham organisiertes, fortlaufendes (und in Leipzig zweitägiges) Leseseminar und Künstlerworkshop, der nach den Einflüssen bestimmter, in Verbindung mit "Universalität" angewandter, Begriffe auf Kategorien von Zeit fragt. Zeit wird als psychologisches, kulturelles und politisches Konstrukt, das im Mittelpunkt der gesellschaftlichen und künstlerischen Praxis steht, untersucht. Ausgangspunkt der Gedankenwerkstatt ist der fehlgeschlagene, anarchistische Versuch von 1894, das Royal Astronomical Observatory in Greenwich, in dem die "Weltzeit" gemessen wird, in die Luft zu sprengen. Sie beherrscht seit dem 19. Jahrhundert Kommunikation, Navigation und Kommerz in der ganzen Welt. Jener erste Akt des internationalen Terrorismus war ebenso wie sein Ziel - die kolonialistische Entscheidung, "Zero Longitude", den Nullmeridian, in London und damit England als Zentrum der Zeitbestimmung und Kartografie zu etablieren, von ungemeiner Symbolkraft. Der Wunsch, zeitliche Erfahrungen und Strukturen zu vereinen, war von Alters her ein politischer und wirtschaftlicher Ausdruck von Macht. Die Phrase "universelle Zeit" taucht oft in der Psychologie, Soziologie, Anthropologie, Philosophie und Physik auf. Diese Verwendungsformen zu vergleichen und zu analysieren, könnte ein Weg sein, um dementsprechende Machtbedingungen zu erkennen. Im Workshop werden Texte aus den genannten Fachgebieten gelesen sowie Kunstwerke und Filme, die durch ihre spezifische Verwendung und ihren Ausdruck von Zeit einen Bezug zu den Lesungen haben, hinsichtlich dessen, wie sie Zeit konstruieren, untersucht. Umgekehrt wird auch die Verwendung von Zeit als Medium in der Produktion von Kunst (auch nicht zeit-basierter) angesprochen. Der Workshop findet seinen Höhepunkt in der möglichen Vorstellung und Präsentation eigener Interessen, Untersuchungen oder Kunstwerke seiner Teilnehmer/innen in einer Form, die durch die Gruppe bestimmt wird.

Keiner verlässt den Saal

Der samstägliche Teil des Workshops am 27. September 2003, 14 bis 18 Uhr, beginnt mit der Aufführung des Streifens "Der Würgeengel" (Mexiko 1962, s/w, 95 min, in spanisch) von Louis Buñuel. Dessen filmisches Werk ist von der Kritik an einem in sinnloser Wiederholung erstarrten Bürgertum und an Vernünftigkeit und Ordnung als die Handlanger von Willkür und Unterdrückung gezeichnet. Nachdem die geladenen Gäste einer hochbürgerlichen Abendgesellschaft in der Villa eines Aristokraten feststellen, dass es nun an der Zeit wäre zu gehen, will keiner als derjenige auffallen, der das Dinner als Erster verlässt. Jenseits aller Erklärbarkeit bleiben alle vor Ort, geben in dieser Ausnahmesituation die Fassade ihrer bürgerlichen Wohlanständigkeit auf, kehrt sich der Schein des Zivilisierten am Rande der Panik in Egoismus, Misstrauen, Anschuldigungen, Verzweiflung, Hass und einen Kampf ums Überleben. In vollkommener Durchlässigkeit von Zeit und Raum präsentiert Buñuels atavistische Parabel als makabre Komödie voller Geheimnisse von schwindelerregender Komplexität eine beißende Sicht auf Instinkte der menschlichen Natur. Damit verbunden ist die Lesung des Textes "Implicit and Explicit Representations of Time" ("Implizierte und deutliche Repräsentationen der Zeit", in Halle 14 erhältlich, erschienen in "Cognitive Models of Psychological Time" von Richard A. Block (Hrg.), Lawrence Erlbaum Associates, Hillsdale 1990) des Erkenntnispsychologen John Michon mit anschließender Diskussion. Frühere experimentelle Studien menschlicher Zeit-Erfahrung untersuchten fast ausschließlich die Psychophysik der Dauer. Erst kürzlich, mit dem Aufkommen der Erkenntnispsychologie, wurde ein größeres Feld zeitlicher Phänomene zum Gegenstand empirischer Studien. Zeit als Dauer ist eine erweiterte Abstraktion, eine Form der Repräsentation, die funktionsgemäß viel mehr von dem biologischen Grundbedürfnis stammt, sich auf einer Wellenlänge mit der dynamischen Außenwelt zu befinden. Mentale Repräsentationen von Zeit ermöglichen es uns, Verhaltens- und Wahrnehmungszusammenhänge hinsichtlich der Reihenfolge wirklicher Geschehnisse zu erkennen. Wenn diese Ereignisse unsere eigene Geschichte betreffen, führen diese erzählerischen Schlüsse zu jener Identität, die wir unser "Selbst" nennen. Die auffällige Instabilität des "Flusserlebens" von Zeit ist der bemerkenswerteste Aspekt der subjektiven Zeit und die vornehmliche Variable der Psychophysik der Zeit.

Parfümierter Alptraum

Der sonntägliche Teil des Workshops am 28. September 2003, 14 bis 18 Uhr, beginnt mit der Aufführung des "hausgemachten" Films "The Perfumed Nightmare" (Philippinen 1977, 93 min, in Tagalog) von Kidlat Tahimik ("Stiller Blitz"). Der Regisseur des Doku-Dramas (Originaltitel "Mababangong Bangungot") selbst spielt den Taxifahrer eines "Jeepney" (ein während der US-Okkupation herrenlos gewordener und zu einem Taxi umfunktionierter Armeejeep) aus einem abgelegenen 300-Seelen-Dorf, dessen einzige Zufahrtsbrücke aus Bambus er sehnsüchtig mit elektrischem Licht ausstatten möchte. Nachdem er seine "ersten 33 Taifunjahreszeiten in einem Kokon voller amerikanischer Träume" als Präsident seines kleinen Werner-von-Braun-Fanclubs, Liebhaber der Miss Universum und eifriger Zuhörer der "Stimme Amerikas" verbracht hat und alles am modernen Amerika verehrt, verspricht ihm ein amerikanischer Unternehmer Arbeit in Paris, wo er nun reich werden möchte. Als dort einer seiner wenigen neuen Freunde, ein älterer Straßenhändler, stirbt, nachdem ein Einkaufszentrum ihn vom Markt verdrängt hat, stellt er die ersten Fragen und rebelliert steinewerfend gegen die Konsummeile. In der Rolle eines Drittweltlers führt Tahimik den Zuschauer spöttisch, poetisch und provokativ durch den Morast der amerikanischen kulturkolonialistischen Hegemonie, die er so darstellt, wie sie ist: 500 Jahre einer schlechten Idee. Die mit Super-8 gedrehte, halb-autobiographische 10.000-Dollar-Independent-Produktion enthüllt den "American Dream" als süßlich duftende Illusion, die sich selbst als parfümierter Alptraum entlarvt. Dem Film folgt eine Diskussion darüber und über das Buch "Time and the Other: How Anthropology Makes Its Object" von Johannes Fabian, erschienen bei Columbia University Press, 1983, 2002 (erhältlich in Halle 14). Fabian, Professor der Kulturanthropologie an der Universität Amsterdam, setzt sich in dieser radikalen erkenntnistheoretischen Abhandlung über anthropologisches Schreiben kritisch mit der Ansicht auseinander, dass Anthropologen "hier und jetzt" sind, während ihre Studienobjekte "dort und damals" waren, ein "Anderes", das in einer Zeit existiert, die nicht unserer Gegenwart entspricht.

Matthew Buckingham im Gespräch innerhalb der Ausstellungsreihe Video ab Acht, in der über das Jahr verteilt Videovorführungen und -installationen im Schnitt Ausstellungsraum gezeigt werden. Der Schwerpunkt liegt auf Einzelpräsentationen von jungen KünstlerInnen, die Video als ein wichtiges Ausdrucksmittel für ihre Arbeit nutzen. Im Rahmen dieser Reihe werden auch internationale GastkuratorInnen eingeladen, einzelne VideokünstlerInnen vorzustellen und in ihre Arbeit einzuführen. <br>(Quelle: www.schnittraum.de) Foto: Hartwig Schwarz
Matthew Buckingham im Gespräch innerhalb der Ausstellungsreihe Video ab Acht, in der über das Jahr verteilt Videovorführungen und -installationen im Schnitt Ausstellungsraum gezeigt werden. Der Schwerpunkt liegt auf Einzelpräsentationen von jungen KünstlerInnen, die Video als ein wichtiges Ausdrucksmittel für ihre Arbeit nutzen. Im Rahmen dieser Reihe werden auch internationale GastkuratorInnen eingeladen, einzelne VideokünstlerInnen vorzustellen und in ihre Arbeit einzuführen.
(Quelle: www.schnittraum.de) Foto: Hartwig Schwarz

The Archive - Das Archiv

Eine Dia/Ton-Installation zeigt 22 Bilder verschiedenster, von Buckingham besuchter Archive. Parallel ist eine von ihm verfasste und gesprochene Abhandlung zu hören, die hier auszugsweise veröffentlicht wird: Die Idee, die Vergangenheit durch Erzählung in die Gegenwart zu bringen, stützt sich komplett auf die Existenz von Daten - Aufzeichnungen und Dokumente, die wahrscheinlich in einem bestimmten Archiv geordnet und sicher aufbewahrt werden. (…) Das Archiv kann als ein Prozess charakterisiert werden - ein Prozess der wiederholten Sammlung und Lagerung, durch den es sich zu einem Ort entwickelt, in dem Wissen produziert wird. (…) Dieses System wird teilweise durch den zwanghaften Wunsch nach Vollständigkeit und die Hoffnung, dass die bloße Quantität des angeschafften Materials zu schlüssigen Bedeutungen führen wird, motiviert. (…) Der unüberlegte Drang, alles und jedes ohne Auswahl und Bearbeitung zu sammeln und aufzubewahren, erzeugt gewaltige Datenpools, die stets Interpretation provozieren und nach ihr verlangen werden. Diese Dimension des Archivs wird deutlicher, wenn es mit eng verwandten, dennoch eindeutig unterscheidbaren Projekten wie denen der Enzyklopädie oder des Museums verglichen wird…(…) Das Begreifen der Unvollständigkeit, die der archivarischen Aufgabe innewohnt, deutet überhaupt erst auf seine uneigennützige Dimension. Das ist es, was das Archiv im gewissen Sinne zu einem utopischen Projekt macht…(…) Man könnte sogar behaupten, dass das Modell der "freien" und "öffentlichen" Bibliothek einen Versuch verkörpert, utopisches Denken mittels demokratisierenden Zugriffs auf Informationen zu verwirklichen. (…) Damit soll nicht behauptet werden, Archive seien auf irgendeine Art neutral oder nicht-rhetorisch. Die enormen Unterhaltskosten von Archiven werden von jenen getragen, die ihre eigenen - wie auch immer gelagerten - Ideologien, Werte und Interessen durchsetzen wollen. Diejenigen in Machtpositionen haben lange gearbeitet, um durch die Schaffung und Nutzung sorgfältig katalogisierter Überwachungsdaten soziale Gebilde zu definieren und kontrollieren…, (aber auch)…um Normen und Abweichungen aufzuzeigen. (…) Das Archiv hat auch Kolonisation, Imperialismus und Globalisierung begleitet - unter dem Deckmantel der "Erforschung", des manifestierten Schicksals und des "Fortschritts" - indem es Traditionen und Kulturen "rettete", die man kurz vorm Aussterben glaubte. Das ist die offenbar tragische Ironie, die die Anfänge von Ethnographie und Anthropologie umgibt - akademischen Disziplinen, die versuchen, Menschen und Orte für die "Nachwelt" zu erfassen, selbst aber zu deren Vernichtung beitragen. (…) Bevölkerungsgruppen, die Zutritt zu früher unzugänglichen Sammlungen von Informationen erhielten, wendeten sich in vielen Fällen sogar gegen ihre Erschaffer und Bewahrer. (…) Walter Benjamin sagte, "die Vergangenheit historisch zu artikulieren bedeutet nicht, sie so zu erkennen, 'wie sie wirklich war', sondern bedeutet eine Erinnerung an sich zu reißen, wenn sie in einem Moment der Gefahr aufblitzt." Dieses Aufblitzen ungebetener Erinnerungen weist gewöhnlich auf unterdrückte oder zurückgehaltene Geschichten hin, welche zu untersuchen uns möglicherweise dazu bringt, scheinbar zusammenhanglose Ereignisse und Fakten auf neue Weise miteinander in Verbindung zu bringen. Indem wir Objekte und Daten von ihren erklärten, ideologisch vorbestimmten Standorten, an denen wir ihnen im Alltag begegnen, entfernen und sie kurz ins Archiv zurück bringen, haben wir die Chance, neue Zusammenhänge zu erkennen und erstellen, die wiederum neue narrative Möglichkeiten hervorbringen. (…) Dieser Prozess der Rückkehr ist eine Taktik der Nicht-Gewöhnung, die uns die Chance eröffnet, eine historische Analyse ohne Anspruch auf "Objektivität" zu erstellen, die es ermöglicht, den gegenwärtigen Moment zu beurteilen.

Matthew Buckingham, The Boar in the Archiv, 2003, slide sequence with recorded voice
Matthew Buckingham, The Boar in the Archiv, 2003, slide sequence with recorded voice

"Universelle Zeit und der Gegenwärtige Moment" ist ein von Matthew Buckingham organisiertes, fortlaufendes Leseseminar und ein Künstlerworkshop (in englisch), der nach den Auswirkungen von in Verbindung mit "Universalität" angewandten Begriffen zu Kategorien von Zeit fragt. Der Wunsch, zeitliche Erfahrungen und Strukturen zu vereinen, war von Alters her ein politischer und wirtschaftlicher Ausdruck von Macht. Im Workshop (Halle 14, Leipziger Baumwollspinnerei) werden Texte aus Psychologie und Anthropologie gelesen und hinsichtlich dessen, wie sie Zeit konstruieren, kritisiert. Parallel werden Kunstwerke und Filme untersucht, die sich durch ihre spezifische Verwendung und ihren Ausdruck von Zeit auf die Lesungen beziehen. Sonnabend, 27. September, 14 bis 18 Uhr: Aufführung des Films "Der Würgeengel" von Louis Bunuel und Diskussion zum Film und dem Text "Implicit and Explicit Representations of Time" des Psychologen John Michon. Sonntag, 28. September, 14 bis 18 Uhr: Aufführung des Films "The Perfumed Nightmare" von Kidlat Tahimik (Philippinen), gefolgt von einer Diskussion zum Film und dem Buch "Time and the Other: How Anthropology Makes Its Object" von Johannes Fabian.