ausstellung

Michael Rakowitz

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ParaSITE, Langzeitprojekt von Michael Rakowitz, seit 1997 in New York City, Boston, Cambridge/Massachusetts, documentary photo: Michael Rakowitz
ParaSITE, Langzeitprojekt von Michael Rakowitz, seit 1997 in New York City, Boston, Cambridge/Massachusetts, documentary photo: Michael Rakowitz

paraSITE: Boston/New York City, 1998-jetzt. paraSITE ist ein seit Februar 1998 fortlaufendes Projekt, das Obdachlosen aus Cambridge, Boston, New York City und Baltimore auf Wunsch individuelle, aufblasbare Behausungen aus provisorischen Materialien, die leicht auf der Straße zu bekommen sind (z.B. Plastiktüten, Klebeband) anbietet. Das Design der von Beduinen-Zeltlagern inspirierten beheizten Doppel-Membran-Unterkünfte (Materialkosten: 5 Dollar), die - vergleichbar mit biologischen Parasiten - von der Straße aus mit einem Schlauch an den Abluftdurchlass von Klimaanlagen in den Fenstern von Wohnungen angeschlossen werden (wodurch sie sich aufrichten und im Inneren erwärmen), erarbeitet Rakowitz mit den Obdachlosen, an die er bislang über 30 maßgeschneiderte, spezialangefertigte Prototypen des paraSITE-Zeltes frei verteilte. Gedacht als praktische Hilfe, öffentliche Wahrnehmung eines nationalen Problems und soziale Kritik, funktionieren diese Unterschlüpfe nicht nur als vorübergehende Orte der momentanen Milderung und des Rückzugs, sondern auch als Stationen des Dissens und der eigenen Kraft wie auch als Werkzeuge des sichtbaren Protests, die eine Verweigerung zur Kapitulation kommunizieren und die unakzeptablen Umstände, unter denen Obdachlose in der Stadt leben, sichtbarer machen (obdachlose Benutzer schrieen sogar Parolen wie "Wir schlagen dich, Onkel Sam!"). Bald geriet diese "Heftpflaster-Lösung" als "erweiterte Form des Privateigentums" in starke Kontroversen, als der frühere New Yorker Oberbürgermeister Rudolph Giuliani nach Einführung seiner Anti-Homeless-Laws die Benutzung jeder Struktur, die höher als dreieinhalb Fuß war, als Akt illegalen Zeltens ahnden ließ. Michael McGee entwarf mit Rakowitz eine Unterkunft, die als eine Art Schlafsack oder "Körpererweiterung" sehr niedrig war, sodass sich der Polizist, der ihm einen Strafzettel verpassen wollte, durch Nachmessen und Feststellen der eingehaltenen gesetzlichen 3,5 Fuß Grenzhöhe von dannen machen musste. George Livingstone wünschte sich z.B. ein System aus "Rippen", das aus halbdurchsichtigen Mülltüten gemacht würde. Zwischen den Rippen wollte er Fenster haben, um das "Fleisch" zwischen den Knochen zu zeigen. Die Fenster bestehen aus Reißverschluss-Sandwich-Tüten und dienen als Taschen, um persönliche Gegenstände unterzubringen und die Öffentlichkeit einzubeziehen. Privatsphäre und Öffentlichkeit können durch Hinzufügen oder Entfernen von Objekten reguliert werden.

ParaSITE, Langzeitprojekt von Michael Rakowitz, seit 1997 in New York City, Boston, Cambridge/Massachusetts, documentary photo: Michael Rakowitz
ParaSITE, Langzeitprojekt von Michael Rakowitz, seit 1997 in New York City, Boston, Cambridge/Massachusetts, documentary photo: Michael Rakowitz

Bill Stones paraSITE-Unterkunft hat auf Wunsch so viele Fenster wie möglich, sechs in Sitzhöhe und sechs auf Liegeniveau, denn "Obdachlose haben zwar keine Privatprobleme, aber Sicherheitsprobleme. Wir wollen potentielle Angreifer sehen, wir möchten für die Öffentlichkeit sichtbar sein". Stone ist nicht mehr obdachlos, sein Zelt auf dem Dach der Halle 14 zu sehen. Joe Heywood (Fotoserie) war als Bauunternehmer in den 1970ern zuständig für die Errichtung von mehr als 15 Gebäuden in Brooklyn. In der Air Force während des Vietnamkriegs gehäuft Agent Orange ausgesetzt, wurde bei ihm in den 1980ern Krebs diagnostiziert. Nach 47 Operationen stellte die Veteran's Association of America die Bezahlung seiner ärztlichen Behandlung ein, er wurde zahlungsunfähig und obdachlos. Man findet in den paraSITES eine verschlungene Vieldeutigkeit, die sich im Wortspiel andeutet: Zum einen die Übertragung des biologischen Begriffs auf ein bauliche Form, die an den Luftauslässen "schmarotzt" und dafür optimiert ist - was energieökologisch ebenso positiv ist wie die Verwendung von Mülltüten als Baustoff. Zum anderen wird in sonst unüblicher Weise para, nämlich temporär, irgendein Ort (SITE) besetzt bzw. den Obdachlosen zu Teil, wenn nicht erst dadurch gebildet. Der "Wirt", dem die Obdachlosen, die sich zuweilen selbst als Parasiten beschimpfen lassen müssen, schaden, wäre allenfalls das mehr oder minder gutbürgerliche Stadtbild als Aktionsort - auch ein SITE. Den Griechen war der parasitós - wörtlich der Mitesser, bisweilen vielleicht auch mit der Funktion des Vorkosters - ursprünglich wohl ein willkommener Gast, dem die Gastfreundschaft in Form des gemeinsamen Mahls zuteil wurde.

Michael Rakowitz, Minarett, 2003, Halle 14, Dach, Leipziger Baumwollspinnerei Performance am 9.8.2003, 18.30 Uhr anlässlich der Eröffnung der ersten Phase der Ausstellung
Michael Rakowitz, Minarett, 2003, Halle 14, Dach, Leipziger Baumwollspinnerei Performance am 9.8.2003, 18.30 Uhr anlässlich der Eröffnung der ersten Phase der Ausstellung

MINARET/MINARETT: 2001-jetzt. Minarette sind die Türme von Moscheen in Mittelasien, Nordafrika, Indonesien, Pakistan und Indien, von deren Balkonen oder offenen Galerien der Muezzin zu fünf verschiedenen Tageszeiten den Adhan, den Ruf zum Gebet, singt. Zur Zeit des Propheten Mohammed wurde der Adhan vom nächstgelegenen Dach in der Umgebung der Moschee gesungen. Die frühesten Minarette waren ehemalige griechische Wachtürme und Türme christlicher Kirchen. Michael Rakowitz wuchs in der Familie seiner Mutter auf, mit deren Kultur er sich identifiziert. Sie stammt aus dem Irak - Juden aus Bagdad, die 1946 ausgewiesen wurden. Die Klänge des islamischen Gebetsrufes, die vom Minarett kamen und ein akustisches Lesen der Zeit ermöglichten, erinnern ihn noch heute an das Leben im Mittleren Osten. In Manhattan gibt es eine muslimische Bevölkerung und somit auch einige Moscheen. Der Ruf zum Gebet wird - wenn überhaupt - gewöhnlich in geringer Lautstärke auf Erdgeschossniveau gesungen. Eigentlich sind in den meisten Großstädten der westlichen Welt derlei Übertragungen als "Störungen des öffentlichen Friedens" verboten. In London wird der Morgenadhan zeitversetzt von seiner gesetzlichen Zeit (gewöhnlich um 5.15 Uhr herum) aufgeführt, um nicht die Nachbarn zu stören. In der andauernden Performance Minaret verschafft sich Rakowitz zu den fünf vorgesehenen Zeiten des Gebets Zugang zu hohen Hausdächern in New York und andernorts. Der Klang eines in Jordanien erworbenen Weckers, der den Ruf zum Gebet von einem digitalen Chip spielt, wird von Rakowitz mittels Megaphon verstärkt. So überlagern die östliche Miniaturarchitektur der Moschee und der Klang die Architekturen und Klänge der ausgedehnten westliche Stadt. Der ausgesuchte Wecker ist ein Souvenir und ein üblicher Gebrauchsgegenstand unter im Westen lebenden Muslimen. Er wird verwendet, um ein fehlendes Ritual wieder zu erschaffen. Am 20. Februar 2001 wurde die Performance Minaret um 5.15 Uhr, 12.13 Uhr, 15.30 Uhr, 17.40 Uhr und 19.10 Uhr auf dem Dach der Clocktower Gallery, einem Institut für Zeitgenössische Kunst in Lower Manhattan, das als Behelfsminarett dienen konnte, erstmals aufgeführt. Die Metapher der Arbeit wurde durch die monumentale, zentrale, analoge Uhr des Hochhauses, deren charakteristisches Zifferblatt dem Miniatur-Moschee-Wecker gegenüber stand, noch verstärkt. Zwei Lesarten von Zeit stehen somit Seite an Seite - der westliche Standard und die ständig sich wandelnde östliche Lesart, die den Tag in fünf verschiedene Abschnitte gemäß dem Ritual einteilt. Am 16. August führte Rakowitz Minaret jeweils fünf Mal auf dem Dach von Halle 18 auf dem Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei und am 17. August auf dem Universitätsgebäude (MDR) am Augustusplatz auf.

COMMUTER COMPANION/PENDLER-BEGLEITUNG: New York City, 2001. Leipzig, 2003. Oft reisen Leute allein zur Arbeit, lesen oder hören CD-Player, versuchen, Augenkontakt mit anderen Personen zu vermeiden. Während dies eine Vorliebe einiger Pendler sein mag, entschied sich Rakowitz, jenen Pendlern Gesellschaft zu bieten, die den Dialog mit anderen tatsächlich vermissen. So wie er - als pendelnder Uni-Professor in der New York City Subway oder im Greyhound Bus. Sich einer Konversation über das persönliche Leben, die Arbeit, die Mitarbeiter hinzugeben, kann sich naturgemäß von einem angenehmen Gespräch zu einer tiefen Freundschaft entwickeln. Rakowitz platzierte unter der Rubrik "Verschiedenes" ein Inserat in der Leipziger Volkszeitung: "Vom 12. bis 15. Aug. begleite ich einsame Arbeiter/innen auf dem Weg zum Arbeitsplatz. GRATIS! Reservieren Sie sich eine Zeit: weg.zur.arbeit@web.de, Tel. (0177) 5051803 (Mike oder Doreen)". Die LVZ wird gewöhnlich auch von Pendlern gelesen. Eine Handvoll interessierter Nachfragen richtete sich jedoch ausschließlich an die Pressesprecherin der Halle 14, deren Name - für den Fall, dass er nicht ans Telefon gehen könne - neben dem von Michael ebenfalls veröffentlicht worden war.

ROMANTICIZED ALL OUT OF PROPORTION/ROMANTISIERT ÜBER ALLE MaßEN: Queens Museum of Art, New York, 2002. Das Panorama der Stadt New York im Queens Museum of Art wurde ursprünglich im New York Pavillon (jetzt Queens Museum) für die Weltausstellung 1964 gebaut und ist seitdem einige Male erneuert worden, zuletzt 1997. Jede architektonische Anordnung der fünf Bezirke von New York City wurde in einem Maßstab von 1:1200 akribisch nachempfunden. Das Panorama nimmt eine Fläche von ca. 400 qm ein. Oft erfüllt es die Funktion eines kollektiven Gedächtnisses, wenn sich Familienmitglieder darauf aufmerksam machen, wo ältere Generationen gelebt haben oder wo jetzige Verwandte wohnen. Fokussiert auf diese Funktion innerhalb des mediatisierten Modellraumes, begann sich Rakowitz für die Wechselbeziehung zwischen der mythologisierten und der realen Stadt zu interessieren. Sieben Miniaturkameras wurden im Panorama der Stadt aufgestellt, um Kameraeinstellungen bestimmter Szenen aus Filmen, die in New York spielen, nachzuempfinden. Während die Kameraeinstellungen per Video direkt zu sieben LCD-Bildschirmen auf dem Rundumweg hoch überm Modell übertragen wurden, konnte man die originalen Dialoge und den Soundtrack aus der Sequenz des ausgewählten Films sehen und hören. Die Filmauswahl wurde von Besuchern des Panoramas erstellt, die befragt worden waren, eine spezifische Szene aus einem Film zu erinnern, von der sie glaubten, dass diese ihr eigenes Erleben oder ihre Erwartungen von New York illustrieren würde. Die Auswahl der ersten sieben Szenen (aus "Manhattan", "Ghostbusters", The Naked City", "Working Girl", "Do the Right Thing", "Men in Black" und "A Bronx Tale") wurde von August bis Dezember 2002 gezeigt, die zweite 7er-Gruppe von Januar bis Juni 2003.

RISE/AUFSTIEG: New York City, 2001. Im August 2001 öffnete die TriBeach Holdings AG die Stockwerke 6 bis 11 der Lafayette Straße 129 in Manhattan als Ort für eine temporäre Ausstellung mit dem Namen GZ:01. Sie wurde initiiert, um aus Sicht des Immobilienmarketings die Aufmerksamkeit auf dieses leer stehende, vielstöckige Gebäude, ehemals ein Gemeinschaftszentrum und Geschäfts-Netzwerk für die örtliche chinesische Community, zu erhöhen. Die Marketingstrategen sahen das Objekt als erstklassigen Standort zur Erweiterung der Galerieszene von SoHo in ein neues Viertel an. Eingeladen, eine ortsspezifische Arbeit für den 9. Stock des Gebäudes zu produzieren, untersuchte Rakowitz zunächst den Kontext der Ausstellung, lief häufig um die vier Stadtblöcke, die das Gebäude einnimmt, und sprach mit Mitgliedern der chinesischen Gemeinde, die von der geplanten Ausstellung nichts gehört hatten und empört darüber waren, dass die Institutionen, die einst innerhalb des Gebäudes untergebracht waren, dazu gezwungen wurden, Platz für Galerien zu machen, die in keinster Weise das Viertel oder dessen kulturelle Eigenheiten repräsentierten. Aufmerksam geworden auf die Kluft zwischen der Gemeinde und den Ausstellungsorganisatoren/dem Galerieraum, wollte Rakowitz diesen Riss überbrücken. Die Fei Dar Bäckerei, eine der populärsten in Chinatown, die auch Treffpunkt vieler junger Chinesen dieses Viertels ist, befindet sich im Erdgeschoss eines angrenzenden Gebäudes in der Centre Street 191. In der Arbeit RISE ist das zentrale Ofenrohr der Fei Dar Bäckerei um 45 Meter in den Galerieraum des 9. Stockwerks der Lafayette Straße 129 verlängert worden, um die Galerie mit dem feinen Duft gerade frisch zubereiteten chinesischen Gebäcks, der aus dem Abdampfrohr des Backofens strömte, zu erfüllen. Während der Eröffnung bot die Bäckerei den Galeriebesuchern frisches Gebäck an, damit sie schmecken konnten, was sie rochen. Während der Ausstellung rissen die Kundenströme bei Fei Dar, die vorher die Galerie besucht hatten, nicht ab.

Michael Rakowitz, paraSITE, 2003, verschweißte Mülltüten, ACC Galerie Weimar
Michael Rakowitz, paraSITE, 2003, verschweißte Mülltüten, ACC Galerie Weimar

Seit Februar 1998 hat Michael Rakowitz über dreißig maßgeschneiderte Prototypen des paraSITE-Zeltes aus provisorischen Materialien spezialangefertigt und einzelnen Obdachlosen zur Verfügung gestellt. Diese Unterschlüpfe sind nicht nur vorübergehende Orte des Rückzugs, sondern auch Stationen des Dissens, der eigenen Kraft, Werkzeuge des Protests und der Verweigerung zur Kapitulation. George Livingstone zum Beispiel wünschte sich für sein paraSITE-Obdach ein System aus "Rippen", das aus halbdurchsichtigen Mülltüten und durchsichtigem, wasserundurchlässigem Verpackungsband mit einem Etat von 5 US-Dollars produziert wurde. Zwischen den Rippen wollte er Fenster haben, um das "Fleisch" zwischen den Knochen zu zeigen. Die Fenster bestehen aus Reißverschluss-Sandwich-Tüten und dienen als Taschen, um persönliche Gegenstände unterzubringen und die Öffentlichkeit einzubeziehen. Privatsphäre und Öffentlichkeit können durch Hinzufügen oder Entfernen von Objekten reguliert werden.