ausstellung

Picture Projects & The 360degrees Team

200309-logo-a144 picture

logo-halle14 picture

Intake area, Polk Youth Prison, North Carolina (from John Mill's story) , c. Picture Projects
Intake area, Polk Youth Prison, North Carolina (from John Mill's story) , c. Picture Projects

The Real War on Crime

Das New Yorker Studio Picture Projects, 1995 von der Multimediakünstlerin Alison Cornyn und der Dokumentarfotografin Sue Johnson gegründet, nutzt das Internet seit Januar 2001 erneut als Dokumentationsmedium, dieses Mal für eine Langzeitstudie namens "360degrees.org", die aus verschieden Perspektiven versucht, das US-Strafvollzugssystem zu durchleuchten. Die beiden Webdoku-Pioniere möchten mit diesem öffentlichen Angebot Fragen wie, "Wer ist warum im Gefängnis?" einer kritischen Betrachtung unterziehen sowie einen Dialog anregen und durch den Gebrauch und die Verbreitung neuer Medien soziale Veränderungen stimulieren. Alarmiert waren Cornyn und Johnson durch die rapide steigenden Zahlen von Inhaftierten in den USA, angeregt wurden sie durch das Buch "The Real War on Crime" (1997), das den wachsenden Widerspruch zwischen der Wirklichkeit im Gefängnis, der Kriminalität und der Strafjustiz und deren Darstellung, Verkörperung, Repräsentation durch die Regierung und die Medien enthüllte. Ein Land, in dem täglich zweihundert Gefängniszellen gebaut werden, dessen höchstes Gut jedoch die individuelle Freiheit ist, muss sich selbst einige harte Fragen stellen: Seit 1980 hat sich in den USA die Zahl der Inhaftierten vervierfacht. Mit mehr als zwei Millionen Amerikanern hinter Gittern, dem größten Pro-Kopf-Anteil aller Länder, setzen die USA auch hier Maßstäbe. Mit dieser höchsten Inhaftierungsrate in der Geschichte der Menschheit konnten die Vereinigten Staaten vor kurzem sogar Russland überholen. Die meisten Menschen sitzen wegen Drogengebrauchs und gewaltloser Kriminalität, viele von ihnen haben niemanden, der sie gegen Kaution aus der Haft herausholen würde. Die interaktive Webseite ist in fünf Hauptbereiche unterteilt, jede Kategorie liefert eine unterschiedliche Herangehensweise an das Thema. Sie interagieren jedoch miteinander und formen durch Verknüpfungen untereinander und die Aktivitäten der Besucher ein umfangreiches Informationssystem. Um einem breiten Publikum Zugang zum Projekt zu ermöglichen und dennoch neueste Technologien zu nutzen, gibt es die Webseite in Flash mit integrierten QuicktimeVR-Filmen und Audio und zusätzlich reduziert in HTML mit verschiedenen Auswahlmöglichkeiten an Audioformaten, als transkripierte Textdateien und Stillphotographien, dem Nutzerumfeld entsprechend.

Stories: Dreh- und Angelpunkt sind Audiotagebucheinträge von Personen, deren Leben durch das Gefängnis bestimmt ist - und zwar nicht nur Straftäter und Opfer, sondern auch deren Familienmitglieder, Beamte des Strafvollzugs, Staatsanwälte, Strafverteidiger, Bewährungshelfer u.a. Jede der Stories konzentriert sich auf einen bestimmten Fall. Während man durch einen Panorama-Einblick in einen spezifischen Arbeits- oder Wohnraum (Gefängniszelle, Gerichtssaal, Baugelände für geplantes Gefängnis, Wohnzimmer) navigiert, hört man die Stimme der Person, die sich normalerweise in diesem Raum aufhält und hier ihre Geschichte in eigenen Worten erzählt. So wird jeder exemplarische Fall durch die Perspektiven von fünf bis acht Menschen aus mehreren Blickwinkeln (die zusammen ein abgerundetes "360-Grad"-Bild ergeben sollen) in First-Person-Stories erzählerisch "erläutert". Der Rundumblick wird per Mausklick mit dem Programm QuickTime Virtual Reality möglich, das traditionell von Immobilienmaklern oder Touristenbüros verwendet wird und hier die für das Gefängniskonzept elementaren Prinzipien der totalen Eingeschlossenheit und Überwachung im Prinzip des Panoptikums andeutet. Insofern reflektiert der Titel "360degrees" Struktur und Thema dieser Webdokumentation. Erstellt wurden die fließenden Kameraschwenks, die den Betrachter in der Mitte des Raumes positionieren, indem der Raum in Intervallen von dreißig Grad fotografiert und die einzelnen Digitalfotos danach zu einer Panoramaaufnahme zusammengeschweißt wurden. Inhaftierte, ihre Familien und Strafvollzugsbeamte erhielten in situ Kassettenrekorder, um Audio-Tagebücher ihrer Erfahrungen im Gefängnis aufzunehmen. Beispielsweise kann man Ronald Frye hören - aufgenommen neun Tage vor seiner Hinrichtung durch Giftspritze am 31. August 2001 im Zentralgefängnis Raleigh, Nord-Carolina. Sein Bruder David, Pat Winkler, die Schwester von Ralph Childress, dem Vermieter von Frye, den er 1993 umgebracht hatte, und ein Aufseher, die sich emotional auf die bevorstehende Exekution vorbereiten, sprechen über ihre persönlichen Auseinandersetzungen mit Glauben, Gerechtigkeit und Verantwortung. Oder John Mills III, verurteilt wegen bewaffneten Raubüberfalls, voraussichtlicher Entlassungstermin 2005. Als Kind wollte er Polizist werden. Im Gefängnis ist er gelassen und allseits beliebt, singt in einem Chor und dekoriert die Wände seiner Zelle mit Bildern seiner Mutter. Cristel Medina kam mit 15 ins Gefängnis, weil sie einem anderen Mädchen wiederholt mit einer Rasierklinge das Gesicht zerschnitten hatte. Während ihrer Haftzeit machte sie ihren High-School-Abschluss und wurde wegen guter Führung drei Jahre vorfristig entlassen. Sechs Stories werden derzeit online präsent, weitere sollen hinzukommen.

Dynamic Data: Unter "Dynamische Daten" findet man interaktive Szenarios, die Picture Projects gemeinsam mit Polizeiexperten und Kriminologen entwickelt haben, um trockene Statistiken, die sonst als technische Berichte der Öffentlichkeit unzugänglich wären, persönlicher und plastischer zu gestalten. In einem Quiz "Are you a criminal?" kann man z.B. herausfinden, ob man je eine Ordnungswidrigkeit oder Straftat begangen hat und deshalb kriminell ist, indem man Fragen beantwortet wie "Hast du jemals etwas von deinem Arbeitsplatz mitgenommen und nicht zurück gebracht?" Muss man bereits diese Frage mit "Ja" beantworten, hat man etwas gemein mit mehr als sechs Millionen Menschen, die vom US-Strafjustizsystem überwacht werden. "Nimm das Quiz zu Hilfe, um herauszufinden, welche Art von Bestrafung du für dieses Vergehen erhalten könntest." In einem Mix aus "Criminal Theory"-Online-Quiz und Meinungsumfrage kann man darüber hinaus aus einer Auswahl von Statements wie "Einmal ein Straftäter - immer ein Straftäter" oder "Die Hautfarbe ist ein Vorzeichen kriminellen Verhaltens" oder "Wenn das Gefängnis so schlimm wäre, würde doch niemand ein zweites Mal eine Straftat begehen" seine eigene Theorie über die Ursachen von Kriminalität entwerfen. Weitere "Mini"-Projekte in diesem Bereich versuchen dem Betrachter visuell die Zahl 2 Millionen nahe zu bringen und das Wahlrecht für Inhaftierte und Vorbestrafte den Staaten entsprechen auseinander zu nehmen. Die Ergebnisse sind überraschend und erschreckend, vielen Bürgern der USA kann das Recht zu wählen lebenslang entzogen werden, selbst wenn sie ihre Haftstrafe abgesessen haben.

Timeline: Die foto-illustrierte, interaktive "Zeitleiste" umfasst die fünfzehn historischen Epochen des Strafvollzugs und der Gefängnisse in der westlichen Zivilisation, vom 7. Jahrhundert bis zum heutigen Tag. Die Seite enthüllt, was die Logik der Strafjustiz und Gesetze so verzweifelt zu verbergen versucht: dass Strafjustizsysteme konstruiert und nicht natürlich sind; das sie verwurzelt sind in Fragestellungen von Macht, Klassenkampf und Identität (Rassismus).

Dialogue: Der "Dialog" ist ein virtuelles Forum, das eine Podiumsdiskussion zwischen Strafjustizexperten, ein gesprächs- (chat-) basiertes Forum für alle Besucher und, als drittes Element, ein "Social Action Network", eine Online-Konversations-Plattform beinhaltet, in der Studenten, Ex-Straftäter, Gangmitglieder, Gesetzesmacher und andere soziale Fragen und den heutigen Status des US-Strafjustizsystems diskutieren können.

Resources: Der Bereich "Quellen" bietet Verknüpfungen zu anderen Webseiten ebenso an wie Referenzmaterialien (Bücher und Videos) und archivierte Hörfunksendungen, eine Datenbank von Organisationen, die sich mit Strafjustiz und Gefängnisarbeit befassen, ein Register (Glossary) mit Sachworterklärungen aus der Strafjustiz und schematische Darstellungen gefängnisbezogener Daten aus aktuellen Meinungsumfragen.

website des Picture Projects and The 360degrees Teams http://www.360degrees.org, christels story
website des Picture Projects and The 360degrees Teams http://www.360degrees.org, christels story

Rundum 360Grad

360degrees basiert auf einer dezentralisierten Methode der Produktion ebenso wie auf einer Verteilung von Informationen auf ein weit verbreitetes Publikum, das von verschiedenen Ebenen institutionellen, sozialen und ökonomischen Zugang zum Projekt hat. Die Benutzer - unter ihnen Familienmitglieder von Inhaftierten (Internetzugang ist im Gefängnis untersagt), Community-Aktivisten, Gangmitglieder, Korrekturoffiziere, Ex-Straftäter, Akademiker und Gesetzgeber überall in den USA - werden einbezogen, aktiviert und nicht zum bloßen Betrachter degradiert, werden als Teilnehmer am Diskurs selbst zur Schnittstelle (von Entscheidungen) anstatt nur Konsumenten einer Web-Dokumentation zu bleiben, denen eine Story erzählt wird. Umgekehrt gibt es weder in den Stories selbst noch auf der Organisationsebene von 360degrees nur einen einzigen Autor oder eine einzige Perspektive. Autoren, Künstler, Designer, Wissenschaftler, Statistiker, Aktivisten, ehemals Inhaftierte, Studenten, Pädagogen und Programmierer arbeiten von verschiedenen Bundesstaaten aus zusammen - ohne direkte Bündelung an einer zentralen Stelle. Das Web wird als Netzwerk-Medium mit Rückmeldungs- (Feedback-) Qualität und nicht nur als Alternative zur Verteilung und Ausstellung von Informationen benutzt. Die hybride Form des Netzwerkangebots, gebaut aus digitalen und grassroot-artigen aktivistischen Strängen, nutzt Standards und Praktiken aus Journalismus und Recht, Dokumentationsfilm und Fotografie, Soziologie und Medienkunde.

The Prison-Industrial Complex oder Machen mehr Gefängnisse uns sicherer? Das immense Wachstum des "Prison-Industrial Complex" ist ein Stück des Puzzles, das Globalisierung des Kapitals heißt und dessen integraler Bestandteil wiederum die "Abmachung" ist, einen ansehnlichen Prozentsatz der Bevölkerung einzusperren. Die Angst vor Kriminalität ist dabei ein marktfähiges und -bestimmendes Verkaufswerkzeug für ein dubioses Produkt, und hat damit die Angst vor dem Kommunismus während des Kalten Krieges ersetzt. Wie im Militärisch-Industriellen Komplex verschmelzen auch beim Gefängnis-Industrie-Komplex private Geschäfts- und staatliche Interessen. Seine doppelte Zielsetzung sind Profit und Sozialkontrolle. Seine öffentliche, ideologische Begründung ist der Kampf gegen Kriminelle, die dafür dämonisiert werden müssen, um die Verwendung von Steuerdollars für ihre Unterdrückung und Inhaftierung gegenüber dem Steuerzahler zu rechtfertigen. Wie jede andere Industrie benötigt auch die Gefängniswirtschaft Rohmaterial. In diesem Falle bilden die Gefangenen das Rohmaterial. Der Gefängnis-Industrie-Komplex kann nur wachsen, wenn immer mehr Menschen eingesperrt werden, auch wenn die Kriminalitätsrate sinkt. Gefängnisse sind arbeitsintensive Institutionen, die übers gesamte Jahr Arbeitsplätze sichern. Sie sind rezessionsgeschützt, vergrößern sich gewöhnlich in harten Zeiten und sind nicht umweltverschmutzend (ein wichtiger Umstand in ländlichen Gegenden, in denen andere Methoden der Wirtschaftsentwicklung oft von Umweltschützern blockiert werden). Gefängnisse bringen Regionen mit einer saisonal abhängigen, unsicheren Wirtschaft stabile, dauerhafte Einkünfte. Überall, wo traditionelle Landwirtschaft durch "Agribusiness" verdrängt wird, sehen die Kommunen harten Zeiten entgegen. Ökonomisch rückläufige Landstriche fallen übereinander her, um für sich selbst eine Gefängnisanlage zu sichern. Denn: So wie der Bau und die Unterhaltung von Waffen und Armeen, ist auch der Bau und die Unterhaltung von Gefängnissen ein lukratives Geschäft. Investmenthäuser (Kapitalanlagegesellschaften), Baufirmen, Architekten, Dienstleister wie Transportunternehmen, medizinische Einrichtungen, Lebensmittel- und Möbelhersteller, ganz zu schweigen von Hotellerie und Gastronomie, stehen Gewehr bei Fuß, um von diesem ökonomisch essentiellen Industriekomplex zu profitieren. Eine aufblühende "Spezialartikel"-Industrie verkauft derweil Zäune, Handschellen, Drogendetektoren, Schutzwesten und andere Sicherheitsprodukte an Gefängnisse...

Courtroom, Rhode Island (from Cristel's story) c. Picture Projects
Courtroom, Rhode Island (from Cristel's story) c. Picture Projects

Das New Yorker Studio Picture Projects, 1995 von der Multimediakünstlerin Alison Cornyn und der Dokumentarfotografin Sue Johnson gegründet, nutzt das Internet seit Januar 2001 erneut als Dokumentationsmedium. Eine Langzeitstudie namens "360degrees.org" versucht aus verschiedenen Perspektiven das Strafvollzugssystem der USA zu durchleuchten, einem Land, dessen höchstes Gut zwar die individuelle Freiheit ist, in dem jedoch täglich zweihundert Gefängniszellen gebaut werden. Initial war die rapide steigende Zahl von Inhaftierten in den Vereinigten Staaten (derzeit mehr als zwei Millionen), die sich seit 1980 vervierfacht hat. Dreh- und Angelpunkt der interaktiven Webseite sind exemplarische Stories aus Audiotagebucheinträgen und filmischen Rundum-Einblicken in die Arbeits- oder Wohnräume ein- und derselben Personen, deren Leben durch das Gefängnis bestimmt ist - und zwar nicht nur Straftäter und Opfer, sondern auch deren Familienmitglieder, Beamte des Strafvollzugs, Staatsanwälte, Strafverteidiger, Bewährungshelfer u.a.

weitere Informationen: