ausstellung

NYC Surveillance Camera Players

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Out-door Walking Tour in Leipzig mit Bill Brown, NYC Surveillance Camera Players, zur Eröffnung der Ausstellung in Halle 14, Leipziger Baumwollspinnerei, am 2.8.2003
Out-door Walking Tour in Leipzig mit Bill Brown, NYC Surveillance Camera Players, zur Eröffnung der Ausstellung in Halle 14, Leipziger Baumwollspinnerei, am 2.8.2003

Die aktuelle Kamera

Datenschändung, Sicherheitswahn, Sozialkontrolle, Kontrolldichte und die totalitäre Überwachungsgesellschaft sind, wie jüngste Beispiele zeigen, auch hierzulande Anlass kontroverser Debatten von gesamtgesellschaftlichem Interesse. "Big Brother is watching you!", 1949 noch Allegorie in einer satirischen Zukunftsvision von der diktatorischen, allgegenwärtigen, zentralstaatlichen Überwachungsmaschine, scheint in der vernetzten Informations- und Kontrollgesellschaft längst Wirklichkeit zu sein. Die Privatsphäre löst sich in der Öffentlichkeit auf, der Mensch wird gläsern. Die Hitliste im Einsatz von Videokameras zur Überwachung des öffentlichen Raumes "zur Eindämmung von Straftaten an vemeintlichen Brennpunkten in innerstädtischen Bereichen" führen hierzulande Mannheim, Stuttgart, Bremen, Heilbronn und Leipzig an. Demografisch betrachtet stehen 48% der Bevölkerung, deren subjektives Sicherheitsgefühl durch die Anwesenheit vom Kameras erhöht wird, weiteren 48% entgegen, die mindestens ein leichtes Unbehagen gegenüber der Überwachung empfinden.

Die New York City Surveillance Camera Players nahmen 1996 ihre Arbeit auf, um auf unkonventionell-spielerische Art einen längst überfälligen Dialog zu eröffnen, der die Bedrohung der individuellen Freiheit und des Rechts auf Anonymität, freie Bewegung und ungehinderten sozialen Umgang durch Kameraüberwachung thematisiert. Welche Gefahren liegen hinter der Sicherheitslogik der Kameraüberwachung? Als Antwort auf die drakonische Überwachungs- und Ausgrenzungspolitik des früheren New Yorker Oberbürgermeisters Giuliani bauen die Surveillance Camera Players langsam eine landesweite Anti-Überwachungskamera-Bewegung auf. Bill Brown, Susan Hull und andere stehen als anarchistische Agitprop-Theatertruppe in der Tradition der Situationistischen Internationale. Den Bewegungen des Punk und Hip-Hop gar nicht fern, Theater, Kunst und Politik kombinierend und den Fokus auf die Straße gerichtet, erfanden sie als Laiendarsteller (oder "eine Handvoll durchschnittlicher Joes und Josephines"- SCP) die Aktionsform des "Plakat-Theaters", bei dem eigens geschriebene Kurzstücke, Szenen aus Büchern, Dokumentationen, Filmen und Theaterstücken mittels eines ungewöhnlichen Mediums aufgeführt werden: Überwachungskamera-Videomonitore bzw. deren Überwacher sind die unsichtbaren Beobachter auf der anderen Seite, die als Publikum ungefragt zum Kulturkonsum auserkoren wurden - Menschen unseres Alltags: Polizisten, Sicherheitsbeauftragte, Verkaufspersonal, Schulbeamte werden genötigt, sich Performances in Monitorgeräten anzuschauen, die das Symbol ihrer täglichen Unterdrückung geworden sind. Damit verlassen die Camera Players jene "Busladung voller autodidaktischer postmoderner 'Elfenbeinturm'-Theoretiker, denen sich Michel Foucaults Vorträge über Jeremy Benthams 'Panopticon' tief ins Gedächtnis eingefressen hat" (Alex Burns). Damit (er)fanden sie aber auch die vielleicht effektivste Methode, die Maschinerie der Gesellschaft des Spektakels gegen das Spektakel selbst zu kehren, um so dessen Ausdrucksformen aufzudecken. Auf geopolitischer Ebene erkennen und artikulieren die SCP eine Verbindung zwischen Überwachungstechnologien und den Strategien räuberischer multinationaler Unternehmen und nichtstaatlicher Organisationen (namentlich der Welthandelsorganisation und dem Internationalen Währungsfond).

Immer sind es auf Kernaussagen reduzierte Geschichten, die die Überwachung thematisieren und binnen weniger Minuten von den Aktivisten erzählt werden. Textsequenzen und Dialoge, die vorher auf Papptafeln geschrieben wurden, werden einfach direkt in die Linse der Überwachungskamera gehalten. Das hat einen einfachen Grund: Die Kameras übertragen keine Geräusche. In der Gründungserklärung der Gruppe wird die ungewöhnliche Aufnahme des Dialogs mit jenem Gegenüber so manifestiert: "Polizisten haben nur dann Spaß beim Betrachten dieser Monitore, wenn irgendetwas Illegales passiert. Doch die Kriminalitätsrate sinkt und die U-Bahnen sind die sichersten seit dreißig Jahren. Folglich gibt es für die geheime Zahl an Polizeiüberwachern immer weniger zu beobachten. Von daher haben wir es mit einer Möglichkeit und einem Problem zu tun. Die Möglichkeit besteht darin, diese offiziellen Gesetzesvollstrecker dazu zu kriegen, etwas im Fernsehen zu konsumieren, dass nicht nur mit Sex und Gewalt zu tun hat; und das Problem ist, das ein gelangweilter Überwacher ein unaufmerksamer Überwacher ist, und ein unaufmerksamer Überwacher ist vergeudeter Raum, verschwendete Zeit und rausgeschmissenes Geld."

Die SCP führten Szenen aus George Orwells "1984", Wilhelm Reichs "Die Massenpsychologie des Faschismus", Alfred Jarrys "König Ubu", Edgar Allan Poes "Der Rabe", Samuel Becketts "Warten auf Godot", Bill Browns "Sie werden überwacht zu ihrer eigenen Sicherheit" und ihre eigene improvisierte Satire "Headline News" auf. In dem eigenen Stück "It's ok, officer" ("Alles klar, Herr Kommissar") kommen Schrifttafeln mit Erläuterungen wie "Gehe bloß zur Arbeit" oder "Auf dem Weg nach Hause" zur Anwendung.

Aufführung des Stücks 'it's ok, officer' ('Alles klar, Herr Kommissar') mit Bill Brown, Deutschland, Sommer 2002
Aufführung des Stücks 'it's ok, officer' ('Alles klar, Herr Kommissar') mit Bill Brown, Deutschland, Sommer 2002

Unsere Antwort ist die Straße

Bill Brown, Gründungsmitglied und Impressario der Überwachungskameraspieler, gab nach drei Jahren Unterricht als Englisch-Doktorand an der Rhode Island School of Design seine Stelle auf. Er verließ die Hochschule, um sich auf den Straßen New Yorks seinem eigentlichen Anliegen widmen zu können. Neben den Performances fertigt er Stadtpläne mit eingezeichneten Kamerastandorten an. Er veröffentlicht sie im Internet als Basiswerk für Stadtrundgänge, die ursprünglich nur geplant waren, um den Anti-Überwachungskampf aktiv überwintern zu können, wenn eisige Temperaturen die Aufführungen vereiteln. Doch seit 2000 bietet er jeden Sonntagnachmittag um 14 Uhr öffentliche, kostenfreie "Surveillance Camera Out-door Walking Tours" an. Sie führten bislang in zehn Stadtviertel Manhattans und Brooklyns. Während der Führungen (z.B. zum Times Square - mit 259 Kameras -, auf die Lower East Side, zum Washington Square und der New York University, zu den Vereinten Nationen, nach Harlem und neuerdings auch in den Brooklyner Stadtteil Williamsburg) klärt Bill Brown sein Publikum über Kamerastandorte, verwendete Technologien, Auswirkungen der Überwachung und Fragen des Datenschutzes auf. Nie vergisst er, auch die neue, "dritte Generation" der Kameras zu zeigen, schwarze Kugeln oder Halbkugeln, die getarnt als funktionstüchtige Straßenlaternen oder architektonische Fassaden-Accessoires, entweder nahezu unsichtbar sind oder gar einen ästhetischen Eindruck hinterlassen.

This area is supervised by video

Den folgenden Text hat Bill Brown am 17. April 2003 verfasst, er erschien in der ersten Ausgabe des New Yorker Magazins "Animal": "Selbst vor dem 11. September war New York City eine schwer überwachte Stadt: 1998 zählte die New Yorker Abteilung der American Civil Liberties Union (ACLU) ca. 3.000 Überwachungskameras an öffentlichen Plätzen in Manhattan und dokumentierte deren Standorte kartografisch in einem Plan. Initiiert wurde dieses bahnbrechende Projekt als Antwort auf die Entscheidung des damaligen Oberbürgermeisters Giuliani vom Juli 1997, dem New York Police Department zu gestatten, ständige Überwachungskameras an öffentlichen oder städtisch kontrollierten Plätzen wie dem Washington Square, City Hall (...) anzubringen. (Dem NYPD war es seit den frühen 1970ern nicht gestattet gewesen, 24-Stunden-Überwachungskameras auf öffentlichen Plätzen einzusetzen, als befunden wurde, dass diese Kameras nicht kosteneffektiv arbeiten würden: sie beendeten oder lösten keine ernsten Kriminalfälle. Installation, Wartung und Betrieb kosteten ein Vermögen. Bezüglich der Kosteneffektivität hat sich seitdem - trotz immenser Fortschritte in der Technologie von Videokameras und drahtloser Netzwerke - nichts geändert: Noch immer klären die Kameras keinerlei ernste Straftaten auf und immer noch kostet ihr 24-Stunden-Betrieb sehr viel Geld.)

Seit 1998 ist die Zahl der öffentlichen Kameras (betrieben entweder von der Polizei oder privaten Sicherheitsfirmen) dramatisch gestiegen. Am Times Square zum Beispiel hat sich ihre Zahl seit 1998 verdreifacht. Sieht man den Times Square als repräsentativ für die ganze Stadt an, erreicht die Anzahl der Kameras in Manhattan derzeit ca. 9.000. Das bedeutet durchschnittlich vier Kameras pro Stadtblock, oder eine Kamera pro Straßenkreuzung. Eine derartige Überwachung (...) verstößt nicht nur gegen die verfassungsmäßig verbrieften Rechte in Ruhe gelassen zu werden und frei zu sein von unbegründeten (televisuellen) Nachforschungen und Belästigungen, sie zerstört auch eine Eigenschaft, die New Yorker und Touristen so an der Stadt mögen: ihre großen Menschenaufläufe, in denen es möglich ist, anonym zu bleiben (egal wie auffällig man aussieht oder wie berühmt man ist) und in denen es möglich ist, zu verschwinden und dann wieder als ein Anderer aufzutauchen.

Vergessen sie nicht, dass solch eine Schätzung (9.000 Kameras) sehr zurückhaltend ist: Zweifelsohne gibt es eine Anzahl öffentlicher Kameras, die nicht gesehen werden können, weil sie zu schmal oder zu hoch oben sind oder an Dingen befestigt, die sich bewegen (Schiffe, Kleinbusse, Hubschrauber und Spionageflugzeuge). Vergessen sie auch nicht, dass viele dieser 9.000 Kameras Teil des so genannten "War on Terrorism" sind, und dass die meisten dieser Kameras während des vorherigen Krieges installiert wurden, demjenigen gegen die Drogen. Die Folgeerscheinungen des 11. September - zumindest jene, die die Videoüberwachung von öffentlichen Plätzen anbelangt - haben gerade erst begonnen.

NYC Surveillance Camera Players, Installation, Videodokumentation, Halle 14, Leipziger Baumwollspinnerei
NYC Surveillance Camera Players, Installation, Videodokumentation, Halle 14, Leipziger Baumwollspinnerei

Obwohl die New Yorker ACLU den Stadtplan von 1998 nie weiter bearbeitet hat, brachte seine ungeheure Aussage ein intellektuelles Umfeld hervor, in dem es möglich wurde, öffentliche Überwachung zu verurteilen, ohne als falsch informiert, Panikmacher oder paranoid zu gelten. Zwei weitere Gruppen - das Institute for Applied Autonomy (Institut für angewandte Eigenständigkeit) und die Surveillance Camera Players, deren Mitglied ich bin - haben in den vergangenen fünf Jahren einiges unternommen, um den alten ACLU-Plan weiterhin verwenden und neue, upgedatete Pläne von Manhattan anfertigen zu können. Als Ergebnis der vereinten Anstrengungen dieser Gruppen steht New York an vorderster Front der gerade erst entstehenden "Gegen Überwachung/Für Privatsphäre"-Bewegung in Amerika. Nirgendwo anders sind derlei Pläne erhältlich. Ein Beispiel: Die Studentenzeitung der Universität von Texas (UT) befand es als notwendig, die UT vor Gericht zu verklagen, um sie dazu zu bewegen, solch grundlegende Informationen wie Kosten, Anzahl, Orte und technische Fähigkeiten der auf dem Campus betriebenen Kameras freizugeben. Die Universität hat dies mit der Begründung abgelehnt, solch eine Freigabe würde die nationale Sicherheit gefährden. Im Ergebnis wurde der Justizminister in den Fall verwickelt - und auf der anderen Seite die Studentenzeitung - und nicht die Universität."

NYC Surveillance Camera Players, Installation in der ACC Galerie. Auf den beiden Monitoren des Turms  laufen zwei Dokumentationen (Video) zu zwei Aktionen der Gruppe: <br>1. Dokumentation: NYC Surveillance Camera Players, Outdoor Walking Tour während der Proteste gegen das Weltwirtschaftsforum in New York City, 3. Februar 2002, DVD, Color, Sound, übertragen auf Video, 7 min<br>2. Dokumentation: NYC Surveillance Camera Players, Zusammenstellung verschiedener Performances, Nachrichtenbeiträge, Interviews u.a. Dokumentationen aus den vergangenen Jahren, u.a.
NYC Surveillance Camera Players, Installation in der ACC Galerie. Auf den beiden Monitoren des Turms laufen zwei Dokumentationen (Video) zu zwei Aktionen der Gruppe:
1. Dokumentation: NYC Surveillance Camera Players, Outdoor Walking Tour während der Proteste gegen das Weltwirtschaftsforum in New York City, 3. Februar 2002, DVD, Color, Sound, übertragen auf Video, 7 min
2. Dokumentation: NYC Surveillance Camera Players, Zusammenstellung verschiedener Performances, Nachrichtenbeiträge, Interviews u.a. Dokumentationen aus den vergangenen Jahren, u.a. "George Orwells 1984", Video, Color, Sound, 120 min

Als anarchistische Agitprop-Theatertruppe in der Tradition der Situationistischen Internationale, den Bewegungen des Punk und Hip-Hop gar nicht fern, Theater, Kunst und Politik kombinierend und den Fokus auf die Straße gerichtet, erfanden die New York City Surveillance Camera Players 1996 als Laiendarsteller (oder "eine Handvoll durchschnittlicher Joes und Josephines") die Aktionsform des "Plakat-Theaters", bei dem eigens geschriebene Kurzstücke, Szenen aus Büchern, Dokumentationen, Filmen und Theaterstücken mittels eines ungewöhnlichen Mediums aufgeführt werden: Überwachungskamera-Videomonitore bzw. deren Überwacher sind die unsichtbaren Beobachter auf der anderen Seite, die als Publikum ungefragt zum Kulturkonsum auserkoren wurden - Menschen unseres Alltags: Polizisten, Sicherheitsbeauftragte, Verkaufspersonal, Schulbeamte werden genötigt, sich Performances in Monitorgeräten anzuschauen, die das Symbol ihrer täglichen Unterdrückung geworden sind. Seit 2000 bietet Bill Brown, Gründungsmitglied und Impressario der Überwachungskameraspieler, zudem jeden Sonntagnachmittag um 14 Uhr öffentliche, kostenfreie "Surveillance Camera Out-door Walking Tours" in bislang zehn Stadtviertel Manhattans und Brooklyns an. Die dabei ausgehändigten Stadtpläne mit eingezeichneten Kamerastandorten kann man sich auch im Netz abrufen (http://www.notbored.org).