ausstellung

Bernadette Corporation

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Bernadette Corporation, GET RID OF YOURSELF, Dokumentarfilm, Genua 2001, Installation zum Film, ACC Galerie
Bernadette Corporation, GET RID OF YOURSELF, Dokumentarfilm, Genua 2001, Installation zum Film, ACC Galerie

Das Gespenst des Künstlersubjekts

Oft ist das einzige was wir von einer Corporation, einer Firma kennen: ihr Name. Grund ihrer Existenz ist das Geldverdienen, mitunter finden sich weniger spezifische Motive - z.B. die eigene Arterhaltung oder in der Öffentlichkeit ein Interesse an einer Idee oder einer Stilrichtung zu wecken - um dann über das sie verkörpernde Produkt Geld zu verdienen. Solange dieses Interesse da und die Firma liquide ist, kann sie grundsätzlich alles machen. Was aber steckt hinter dem Firmennamen Bernadette Corporation, was verbirgt sich hinter seinem visuellen Äquivalent, dem Logo BC, welche öffentlichen oder gar nichtöffentlichen Aktivitäten umfassen dieses Label? Ist Bernadette Corporation ein So-tun-als-ob-Unternehmen, das lediglich typische Firmengebaren und Geschäftsregeln assimiliert und sich als Grundausstattung künstlerischen Wirkens zu eigen macht? Ist Bernadette Corporation ein Täuschungsmanöver, das äußerlich die vorherrschenden Mechanismen bestätigt, um ihnen auszuweichen? Die Interessen der Gruppe haben sich nach keinem festen Plan entwickelt. Seit Anbeginn betont BC als eine neue Art von Kulturunternehmen die spontane und amöbenartige Natur seiner Organisation, haben sich seine Mitglieder ihrer Position des Individualkünstlers entledigt und sich hypersensibel auf die Halblebigkeit einer veränderlichen und zerstreuten Produktion inmitten eines fließenden und flutenden Marktes eingestellt. "Nachdem wir das Gespenst des Künstlersubjekts aufgegeben haben und zu jenem anderen Gespenst wurden, sehen wir uns offen für Risiken und Brüche, die keine kritische oder sonstwie berufene Stimme glätten kann. Wir sind ein Unternehmen voller Risse, zurzeit mehr denn je" stellen John Kelsey, Bernadette van Huy (die Namensgeberin der BC) und Antek Walczak klar. BC wickelt ihre Geschäfte, Konzepte, Studien, Kontakte nicht im Atelier - wo man sie nicht finden wird - sondern in einem entsubjektivierten Raum ab, der mir wie ein Szenenbild aus Tarkowskis "Stalker" vorkommt. Ihr verführerisches Wirken, ihre Produktion von Begehren, ihre Neugier verursachenden Bewegungen, ihre mythisierende Unternehmensstrategie, ihr Pendeln zwischen radikalen und konventionellen Konzepten, ihr glamouröses Auftauchen, ihr mysteriös-anonymisiertes Entschwinden, ihre unkonventionellen Kollaborationen "haben sie in New York und einigen europäischen Städten schon zu etwas wie einem 'urban myth' gemacht" (Jutta Koether).

1995 begann BC, ihre erste Staffel Modedesign zu kreieren. Eine Mischung aus Straßenbekleidung, konzeptuellen Markenklamotten und Do-it-yourself Haute Couture. "Zum selben Zeitpunkt fanden herkömmliche Unternehmensmodelle auch in der Style- und Kulturproduktion eine breite Akzeptanz. Der Idealismus der 1960er (...) hatte bestenfalls für Irritation gesorgt - wenn er nicht total gescheitert war - und Künstler, Designer und Kulturproduzenten suchten nach besseren, zeitgenössischeren Strategien der Differenzierung. BC wusste, dass es an der Zeit war, die alten Zwiespälte zu überwinden. Es machte keinen Sinn, über eine Kritik von außen zu sprechen, wenn Kritik die heißeste Ware war, die über den Ladentisch ging. Die Bernadette Corporation begann, sich selbst nach den Stars hinter den Kulissen der Geschäftswelt auszurichten: den Produzenten, Agenten, Kapitänen der weltweiten Image-Maschinen. Sie gaben sich gegenseitig Verantwortungsbereiche - Design, Kommunikation, Imagekontrolle - und verwandelten ihren Loft in ein funktionierendes Headquarter für Wer-weiß-was. Im Handumdrehen hatte sich BC mit kalkuliertem Draufgängertum auf den Kunst- und Modemarkt lanciert." (Bennett Simpson) 1995, 1996 und 1997 gaben sie Modenschauen, die durchsetzt waren von einem Mischmasch an ungeahnten Gegenüberstellungen, Missdeutungen und Grenzüberschreitungen, von theatralischen Reinszenierungen anerkannter, jedoch gekreuzter Stile, von einer Kultur der Umgangssprache mit Wortspielen ähnlich dem Hip-Hop und den Fanzines. Unter situationistisch inspirierter Geringschätzung von Ware und Konsum wurden Laufstege und Top Models mit rockshow- oder sportstadionartigen Einlagen (tanzende Bär-Maskottchen, Propaganda, Cheerleader) kombiniert. Colin de Land's New Yorker American Fine Art Galerie und das französische "Image-Magazin" Purple Rose gaben BC - neben vielen anderen Kollaborateuren - Spielraum für Aktivitäten. Ihre Identität war nebulös, aber sehr direkt. Sie stellten offenbar Kleidung her, ließen jedoch den Anschein erwecken, dies wäre nur ein Teil ihres Geschäfts. Umgekehrt sorgte dieser Umstand im Jahre 1996 für ein gewisses Ansehen in einer Kunstgemeinschaft, die sich seit den frühen 1990ern immer bewusster über das Spektakel-Potenzial von Mode wurde. Nachdem sich das Unternehmen 1997 von seinem Hauptdesigner getrennt hatte, tauchte es zwei Jahre später wieder auf, "nicht als ein Mode-Label an sich, sondern als eine selbsternannte Mediengruppe" (Bennet Simpson). Mit neuen Mitgliedern führten sie drei Ausgaben von "Made in USA" in den Markt ein - eine Publikation zu Kunst, Literatur, Mode, Photographie und Politik vom Format einer Fashion-Zeitschrift mit einem Titel, den BC von einem "Film von Godard, vielleicht seinem schlechtesten" gestohlen hatte, und die "wie alles von BC eine absichtsvolle Desintegration schon im Kern ihrer Entstehung trug" (Jutta Koether).

Bernadette Corporation, GET RID OF YOURSELF, Dok.-Film, Publikum des Films zur Präsentation mit Alyson Cornyn anlässlich der Eröffnung der Phase 2 der Ausstellung, 16.8.2003, Halle 14, Baumwollspinnerei Leipzig
Bernadette Corporation, GET RID OF YOURSELF, Dok.-Film, Publikum des Films zur Präsentation mit Alyson Cornyn anlässlich der Eröffnung der Phase 2 der Ausstellung, 16.8.2003, Halle 14, Baumwollspinnerei Leipzig

Urbaner "think-tank"

Jutta Koether, die von BC kürzlich zur Mitautorenschaft an einem kollektiv erstellten Text für einen "Roman in und zu der Zeit", der new novel heißt, eingeladen wurde, formuliert ihre Zusammenarbeit so: "Es gibt da eine Attraktion. Leute, die bereit sind, alle Erwartungen zu negieren, während sie sich auch manchmal in eine seltsame Wolke von tautologischer Affirmation hüllen. Eine hinreichende Unbestimmtheit liegt hier vor. (...) Ich fühle mich von BC aufgefordert, aus dem verengenden, eigenen kleinen psychologischen Raum auszubrechen. Die theoretisch gedachten, transitorischen Lebensräumlichkeiten wollen praktisch gelebt werden. Faire des coups. Modelle von Boheme, Widerstand, kulturellem Aktivismus. Denkzelle, Selbsthilfe, Selbstverwirklichung, Zerlegung von Subjektivität, Wellen von Theorie, von Stilausflügen. Wechseln innerhalb einer experimentellen kollektiven Struktur, post-Factory, post-situationistisch, post-Workshop, immer auch gerne mal wieder selbstzersetzend mit Elementen von Familie, Clans, Anbindungen und strategische Partnerschaften mit anderen Gruppen und Zusammenhängen, lokal und international. (...) BC bietet mir an, eine Art "Jetzt" zu halluzinieren, und fordert mich auf, phänomenologische Wachheit an den Tag zu legen. Und stetig die Zweifel und den Müll in etwas Goldenes zu verwandeln. Universeller Glimmer. (...) Ich fand es attraktiv, dass es gerade keine normalen Gruppenstrukturen in der grassroothaften oder klassisch interdisziplinären Weise gab (...), sondern dass BC eher wie ein urbaner 'think tank' auf- und wieder wegtaucht, in einen Nebel hineinmorpht, dann wieder konkret wird. Sie sind glamourös und sperrig, und man weiß eigentlich auch nie, woran man da ist, denn sie treiben dauernd destabilisierende Prozesse voran, die Inversion von Absichten und Effekten, die eine Analyse des eigenen Treibens nie ausschließt. Nichts, wo man einfach reingehen will oder kann. (...) BC hat mit künstlerischer Produktion zu tun, geht aber auch weit darüber hinaus. BC ist immer auch auch ihr Gegenteil - eine "Firma" hier und eine Sphäre dort, eine Sphäre, die sich in Versuchsanordnungen formiert, die zeitgenössische Formen von künstlerisch-politischer Sozialität auslebt. Verlust und Versagen nimmt BC auf diese Weise ebenso auf sich wie die Firma natürlich auch Triumph und Freude spürt, an Filmen und dunklen Clownerien, becketthaft. BC ist in einem gewissen Maß frei. Eine Freiheit, die stirbt, wenn man sie nicht gebraucht."

Bernadette Corporation, Still aus 'GET RID OF YOURSELF', dem neuen Film der Bernadette Corporation, der die Antiglobalisierungsproteste in Genua thematisiert, courtesy Bernadette Corporation
Bernadette Corporation, Still aus 'GET RID OF YOURSELF', dem neuen Film der Bernadette Corporation, der die Antiglobalisierungsproteste in Genua thematisiert, courtesy Bernadette Corporation

Vielen Dank für eure lahme Protestkultur!

GET RID OF YOURSELF (2003, mit Chloe Sevigny, Giorgio Agamben, Werner von Delmont) heißt der einstündige Film der Bernadette Corporation, der während "einer Geschäftsreise (einem politischen Urlaub)" im Zusammenhang mit den Antiglobalisierungsprotesten in Genua im Sommer 2001 gedreht wurde und "in dem es um das Potenzial einer auf die radikale Ablehnung politischer Identität basierenden Gemeinschaft geht, und um einen neuen Horizont, an dem sich Ästhetik und Politik wiederfinden" (BC). Wie eingehend das fiktive Unternehmen dabei den Zusammenhängen zwischen Mode/Lifestyle und radikalen Formen des Protests auf der Spur ist, macht eine lakonisch-überzogene Szene deutlich, in der Chloe Sevigny in einer spießigen Küche das Regelwerk zur Straßenschlacht auswendig lernt. Es folgen Auszüge aus anonymen Interviews, die während des Drehs geführt wurden:

"Um die Mitte des ersten Tages passierte etwas Wunderschönes. Ich traf eine alte Freundin, die ich seit Monaten nicht gesehen hatte. Ich sah sie ganz alleine einen Geldautomaten mit einem Hammer zertrümmern. Sie schien vollkommen in einer anderen Welt zu sein. (...) Sie sah glücklich aus." -

"Eine Bank zu zertrümmern ist ein sehr schönes Gefühl. Da fängt man endlich an zu lachen. Die Schreibtische und Arbeitsnischen abzufackeln, all diese peinlich auf 'menschenfreundlich' gemachten Arbeitsplätze. Ein Moment der Klarheit hilft dir bei deiner Entscheidung ... du begreifst, dass dieses Leben Scheiße ist und entscheidest dich, es in Flammen aufgehen zu lassen." -

"Es gibt einen echten Unterschied zwischen den Bürgern und denjenigen, die nicht an diesen sozialdemokratischen Witz glauben. Das war klar und wurde mir immer und immer wieder bewusst. Und die Hubschrauber, die endlos über unseren Köpfen kreisten ... dieser nervöse Soundtrack. Eine verrückte Mischung aus einem "Woodstock"-Gefühl - die Konzerte, die Imbissstände, T-Shirts, der ganze klassische linke oder Independent-Kram - und außen herum dieser total verrückt gewordene Polizeiapparat, all diese Bullen, die die Leute von ihren Lastern herunter mit so offenkundiger Feindseligkeit anstarrten. Dieser Wunsch, friedlich und unterwürfig zu sein, einfach miteinander klarkommen zu wollen, das hatte etwas dermaßen Absurdes ... in dieser Atmosphäre totaler Feindseligkeit. Ich glaube, wir waren die Einzigen, die das verstanden haben." -

"Ich sah einen Bullen durch hundert friedliche Demonstranten rennen, um einem Jungen, der schwarz gekleidet war, den Schädel einzuschlagen. Und alle saßen einfach ruhig da und schauten zu. Gegen uns sind sie gewalttätig, aber nicht gegen die Bullen. Sie sagen: Verschwindet verdammt nochmal von unserer Demo, ihr gehört nicht hier hin! Es ist eine perverse Logik. Und sie können ausrasten vor Aggressivität. Sie sagen: Wir protestieren schon so lange, da wart ihr noch gar nicht geboren, und dank uns habt ihr überhaupt eine Kultur des Protests. Und ich sage: Vielen Dank für eure lahme Protestkultur, ich bin ja so dankbar! Und danke, dass ihr mir Platz lasst in eurer wunderbaren, alternativen Welt!"