ausstellung

Cabinet Magazine

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Cover of Cabinet's Winter 2002/2003 issue on 'Childhood' showing the 19th-century French neurologist Duchenne de Boulogne applying electricity to stimulate a young girl's individual facial muscles., Courtesy cabinet magazine.
Cover of Cabinet's Winter 2002/2003 issue on 'Childhood' showing the 19th-century French neurologist Duchenne de Boulogne applying electricity to stimulate a young girl's individual facial muscles., Courtesy cabinet magazine.

Kuriositätenkabinett auf Abo

Seit ihrem Debut im Herbst 2000 untersucht die vierteljährlich erscheinende Kunstzeitschrift "Cabinet" in Essays, Interviews, Aufsätzen, Anekdoten und Kunstprojekten zeitgenössische und historische Kulturphänomene, die von Mainstream-Magazinen übersehen werden würden, und dennoch für viele Kulturinteressierte, Künstler, Autoren, Kuratoren und Kritiker als Großteil ihrer Leserschaft von inspirierender Wichtigkeit sind. Ausgehend vom populären Erscheinungsbild einer Kunstzeitschrift, gestaltet im Stil eines Designmagazins, geschrieben mit dem gründlichen Forschungsanspruch eines Wissenschaftsjournals und geprägt vom bibliophilen Charme eines Künstlerbuches mit Sinn für Humor, ernsthafte Kulturanalyse und interdisziplinären Inhalt, beherbergt das von Neugier und Fröhlichkeit, aber auch Hingabe und Seriosität getragene Journal eine Vielfalt an Themen - einschließlich Natur- und Geisteswissenschaft, Popkultur, Politik und Philosophie - auf die sich die zeitgenössische Kunst stützt und die sie wiederum beeinflusst. Der Anspruch seiner Herausgeber von der Brooklyner nonprofit-Organisation Immaterial Incorporated, gemäß der Herkunft des Wortes "cabinet" aus dem Französischen, ein kleines Gemach, ein kleiner Schrank oder ein Kästchen, zum Teil auch ein Kuriositätenkabinett für besonders Wertvolles zu sein, gilt bisher als voll eingelöst. Neben jeweils vier Kolumnen und einem breit angelegten Hauptteil ist jede Nummer einem Schlüsselthema gewidmet - bisher Erfundene Sprachen, Das Aufzeichnen von Konversationen, Wetter, Tiere, Das Böse, Gartenbau, Das Scheitern, Arzneimittel, Kindheit, Eigentum und Der Flug - zu dem sich Kunstprojekte zum jeweiligen Thema als Audio-CD's, CD-ROM's, Postkarten, Poster, Internetprojekte oder unlimitierte Kunsteditionen gesellen, ohne das Trendforschungen betrieben oder Ausstellungsrezensionen abgedruckt würden.

Cabinet Magazine, Map showing the division of plot of land in New Mexico bought by Cabinet magazine for its Spring 2003 issue on 'Property.', cabinet magazine, Design: Paul Ramirez Jonas.
Cabinet Magazine, Map showing the division of plot of land in New Mexico bought by Cabinet magazine for its Spring 2003 issue on 'Property.', cabinet magazine, Design: Paul Ramirez Jonas.

Scheitern und Besitz

Ausgabe 8, die den "Failure" - das Versagen, Verfehlen, Scheitern - zum Gegenstand hat, ist falsch geschnitten und beinhaltet z.B. folgende Beiträge: Ein Essay von Tom Vanderbilt über die Black Boxes von Flugzeugen, die deren Flugschreiber beherbergen und bei einem Unfall sicherstellen müssen, dass alle Daten auswertbar bleiben. Eine Untersuchung von Elizabeth Esch zu dem vor bald hundert Jahren gescheiterten Versuch des US-amerikanischen Autobauers Ford, in Brasilien Kautschuk zu kultivieren. Ein Abdruck des von William Safir 1969 für Präsident Richard Nixon für den Fall eines Unglücks bei der Apollo-11-Mission vorgeschlagenen Statements. Ein Interview mit Scott A. Sandage über sein Buch "Forgotton Men: Failure in American Culture". Zu den Kunstprojekten, die für Ausgabe in Auftrag gegeben wurden, gehört ein Poster von Matthew Buckingham namens "The Six Grandfathers, Paha Sapa, in the Year 502,002 C. E.", ein auf Fotobasis manipulierter Computer-Druck, der zeigt, wie das US-amerikanische Nationalmonument Mount Rushmore (mit den von Gutzon Borglum zwischen 1926 und 1941 in Stein gehauenen Köpfen der Präsidenten Washington, Jefferson, Roosevelt und Lincoln) in fünfhunderttausend Jahren aussehen könnte. Ein weiteres Beispiel liefert eine Anekdote, die die "Funktionsweise" der Zeitschrift umschreibt: Ich las im Flugzeug vom La Guardia Airport New York nach Chicago in der Ausgabe Nummer 10. Ein Artikel hatte es mir besonders angetan. Sicher hätten alle anderen Magazine den Künstler Leon Golub als solchen interviewt und porträtiert. Cabinet jedoch beauftragte ein Taxi und holte gleich drei Leon Golubs, alle wohnhaft in Manhattan, ins Redaktionsbüro, wo Chief Editor Sina Najafi den international bekannten Künstler, den Astrophysiker und den Psychoanalytiker zum Dinner begrüßte. Bereits im Taxi waren die drei ins Gespräch über Gott und die Welt gekommen, dessen weiterer Verlauf unter dem Titel "Trippelganger" (im Amerikanischen heißt Doppelgänger Doppelganger) nun veröffentlicht ist. Es ging um ihre Berufe, multiple Universen, die Perfektion des menschlichen Körpers, Gott als Psychoanalytiker und darum, wie ihre Namensgleichheit schon seit den 1950ern ihre Schicksale beeinflusst hatte. Aber auch Witze wurden ausgetauscht (Ein Mann fragt Gott: "Was sind eine Million Jahre für dich?" Gott sagt: "Das ist wie eine Sekunde." Dann fragt der Mann: "Was sind eine Million Dollar für dich?" Gott sagt: "Das ist wie ein Cent." Darauf der Mann: "Kannst du mir einen Cent geben?" Und Gott: "Sekunde bitte.") Zu guter Letzt musste jeder die beiden anderen Leons mit Bleistift porträtieren. Wie auch immer, als unser Flieger zum Start ansetzte, beschleunigte und im letzten Moment urplötzlich höllisch bremste, um gerade noch auf der Startbahn zum Stillstand zu kommen, war das ein Moment des Schreckens. Dem Schweigen folgte eine Kakophonie an Kommentaren, an der sich auch mein Nachbar - sich zu mir neigend - mit dem deutschen Wortbeitrag beteiligte, die Maschine hätte sehr sauber geklungen, er hätte nichts Verdächtiges gehört. Auf meinen fragwürdigen Blick fügte er hinzu, er sei Physiker, der in Amerika deutsche Fachbücher verlege und sich in solchen Dingen auskenne. Da ich gerade tief durchatmen musste, während sich die drei Leon Golubs in meiner Lektüre über die Ermittlung des Ausdehnungsgrades des Universums durch Messen der Hubble-Konstante verständigten, gab ich dem Verleger Cabinet Magazine Nummer 10, er solle doch für mich weiterlesen, denn es ginge gerade um Physik, was er mit nicht enden wollender Begeisterung tat, worauf er das Magazin auf der Stelle abonnieren wollte. Der Pilot indes verkündete, der Abflug hätte leider nicht geklappt und er würde es gleich noch mal versuchen, was alle Passagiere protestlos schluckten.

Cabinet Magazine, Installation, ACC Galerie
Cabinet Magazine, Installation, ACC Galerie

Cabinetlandia oder Komm mit uns zum Mars

Erst Ausgabe 11 widmet sich dem Thema "Flight" (Flug), Nummer 10 hingegen befasst sich mit "Property" (Besitz). Ein Projekt, das aus diesem Anlass initiiert wurde, sind die "Land Acquisitions". Von der Immaterial Inc. wurden drei ungewöhnliche Grundstückskäufe (städtisch, ländlich und außerirdisch) getätigt, die außerhalb der üblichen Mechanismen, mit denen Land zu hochwertigem Grundbesitz gemacht wird, angesiedelt sind, um zu untersuchen, wie diese sich zum Begriff des Eigentums verhalten bzw. wie ein solches Verhältnis künstlerischen Ausdruck findet. Erworben wurde/n erstens ein Stück Wüste im Luna County, US-Bundesstaat New Mexico (Kosten 325 US-Dollar, Größe 0,5 Acres - etwa 2000 Quadratmeter), zweitens dreizehn extrem kleine oder schmale Flächen, die der Künstler Gordon Matta-Clark seit 1973 im Queens County von New York für seine Arbeit "Reality Properties: Fake Estates" ersteigert hatte (Kosten lagen 1973 insgesamt bei 350 US-Dollar, stehen für 2003 noch nicht fest), und drittens wiederum ein Stück Wüste, diesmal in "Eastern Amazonis Planitia" auf dem Mars (Kosten 34 US-Dollar, Größe 2000 Acres - etwa 8,1 Quadratkilometer). "Land Acquisition 1" - in der Wüste - wurde der Name "Cabinetlandia" gegeben und aufgeteilt in mehrere Gebiete, darunter ein Readerlandia mit 6700 gleichen Flächen vom Format des Magazins (20x25 cm), die bis 2099 von geneigten Lesern für einen Cent gepachtet werden können, zur Übernahme von Verantwortung verpflichten, aber auch die Möglichkeit eröffnen, sich hier gestalterisch zu betätigen. Laut Pachtvertrag ist es u.a. gestattet, auf dem Grundstück auf einem oder beiden Beinen zu stehen, unschuldige sexuelle Fantasien zu haben, an die Farbe ultramarin zu denken oder Briefe an den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu schreiben. Weitere Ländereien wurden anderen Gruppen zuteil, die zum Magazin beitragen: Editorlandia, Nepotismia, Internlandia, Funderlandia. Artistlandia ist für Auftragskunst des Magazins reserviert. "Land Acquisition 2" - in Queens, einem der fünf Boroughs von New York City - geht von Matta-Clarks Faszination für fast unverkäufliche Reststücke von Stadt aus. Diese sind reales Eigentum ("Reality Properties"). Aber auf dem Immobilienmarkt ist das irgendwie Übriggebliebene mit meist absurden Abmessungen wertlos ("Fake Estates") - üblicherweise ist mit ihm so gut wie nichts anzufangen, wobei seine Besitzer dennoch Grundsteuern bezahlen müssen. In künstlerischer Hinsicht sind die Reste umso interessanter; und das Cabinet will hier Matta-Clark nachfolgen - wie auch an ihn und seine Werke erinnern. Die Chancen der Publikation stehen gut, zehn der dreizehn Grundstücke, die nach Matta-Clarks Tod wieder in den Besitz der Stadt New York zurück gingen, zu erwerben, was bei einigen bereits geschehen ist. Im Heft wurden Vorschläge veröffentlicht, was auf diesen Flächen geschehen könnte, um ihnen wieder eine Präsenz im Stadtraum zu geben. Dazu hatte Cabinet zuvor mehrere Künstler ausgewählt: Clara Williams machte den Vorschlag, auf einem dreieckigen Grundstück mit der Fläche von etwa 2,5 Quadratmetern einen Briefkasten mit der Aufschrift "NOBODY" zu installieren. Die minimale Fläche bekommt wieder eine Funktion, obwohl die Identität des Briefkasteneigentümers mit dem Namen "Niemand" verunklärt wird. Gleiches tat bekanntlich Odysseus in der Episode bei Polyphem. Ein weiterer Künstler, Jimbo Blachly, hat auf sein gewähltes Grundstück, einem schmalen Streifen von 107 Meter Länge und 0,7 Meter Breite, aufgrund von dessen Lage an einer Nebenstraße zehn Parkuhren aufgestellt, deren Erlös dem Kauf eines großen Stücks Mauerwerksfundament auf einem Grundstück an der West Side von Manhattan zugute kommt. Blachly hat dafür einen Finanzierungsplan aufgestellt - inklusive der Investition für das Aufstellen und Betreiben der Parkuhren, Parkkontrolle durch eine anzuheuernde lokale "Streetgang" und Monatsraten für den Kredit, mit dem das West-Side-Grundstück erworben werden soll. Rechnerisch müsste nach sechs Jahren alles abgezahlt sein, und die Parkuhren würden dann sogar Gewinn machen. "Land Acquisition 3" - auf dem Mars - hat zum Ziel, auf dem Roten Planeten ein Glashaus zu errichten, Künstler einzuladen und von dort aus die Erde zu beobachten ("Komm mit uns zum Mars und sieh die Erde aufgehen!"). In der "Property"-Ausgabe findet man diesbezüglich die Veröffentlichung eines Interviews mit Dennis M. Hope, dem Chief Executive Officer und Präsidenten des "Galactic Government und der Lunar Embassy" - der Firma also, die Grundstücke auf Mars und Mond an Erdenbürger verkauft. In diesem Interview werden einige Probleme diskutiert, mit denen sich der Eigentümer eines extraterrestrischen Grundstücks konfrontiert sehen könnte. Gerade durch das überaus imaginäre Moment, das sich über die Diktate von Fakten und Zahlen der Immobilienbranche erheben kann, entsteht eine Perspektive, die am vermeintlich so Realen reichlich Irreales ausfindig macht. In Weimar ist "Land Acquisition 1" in Bild (Luftaufnahme, Flurstückauszug, Zertifikat, Kaufvertrag u.a.), und Film (Markieren des Landes, Interviews) zu sehen und die "Wielandschaft" dient als Leseraum, in Leipzig kopierte Cabinet das Grundstück Nr. 11 (Block 3165, lot 155, begrenzt durch Yellowstone Boulevard, Clyde Street, Burns Street und 67th Avenue) aus "Land Acquisition 2" in Originalgröße in die Ausstellungslandschaft und ein ehemaliges Wasserbassin dient als Leseraum.

Lion given as a gift in 1729 from the Algerian Bey to Fredrik I, King of Sweden. The lion did not survive its first winter and was stuffed by the royal taxidermist who had never seen a living lion., Courtesy cabinet magazine
Lion given as a gift in 1729 from the Algerian Bey to Fredrik I, King of Sweden. The lion did not survive its first winter and was stuffed by the royal taxidermist who had never seen a living lion., Courtesy cabinet magazine

Das Cabinet Magazine aus Brooklyn initiiert auch selbst Kunstprojekte. Anlässlich seiner zehnten Ausgabe namens "Property" wurden drei Grundstückskäufe getätigt, um zu untersuchen, wie diese sich zum Begriff des Eigentums verhalten bzw. wie ein solches Verhältnis künstlerischen Ausdruck findet. Erworben wurde/n erstens ein Stück Wüste im Luna County, US-Bundesstaat New Mexico (Kosten: 325 US-Dollar; Größe: 0,5 Acres, entspricht etwa 2000 Quadratmeter), zweitens dreizehn extrem kleine oder schmale Flächen, die der Künstler Gordon Matta-Clark seit 1973 im Queens County von New York für seine Arbeit "Reality Properties: Fake Estates" ersteigert hat (Kosten: lagen 1973 insgesamt bei 350 US-Dollar, stehen für 2003 noch nicht fest), und drittens wiederum ein Stück Wüste, diesmal auf dem Mars (Kosten: 34 US-Dollar; Größe: 2000 Acres, entspricht etwa 8,1 Quadratkilometer). Land Acquisition 1 wurde der Name "Cabinetlandia" gegeben und aufgeteilt in mehrere Gebiete, darunter ein Readerlandia mit 6700 gleichen Flächen von der Größe des Magazins selbst, die bis 2099 für einen Cent gemietet werden können, zur Übernahme von Verantwortung verpflichten, aber auch die Möglichkeit eröffnen, sich hier gestalterisch zu betätigen. http:/www.cabinetmagazine.org