ausstellung

Temporary Services

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Temporary Services ("Kurzzeitige Dienstleistung") mit Brett Bloom, Salem Collo-Julin und Marc Fischer aus Chicago bieten anderen ihre Arbeit und ihre Ideen als einen beidseitig förderlichen Service mit nicht-wettbewerblichem Charakter an. Für Greg Sholette, Kunstprofessor und Künstler in Chicago, ist Temporary Services "eine Gruppe mit wundervoller Energie, guter Ethik und einer starken Idee davon, wohin sie - ohne Belastung durch eine Menge ideologischer Checklisten, die sie aus einer anderen Zeit geerbt haben - gehen möchten (…) Selbst wenn man z.B. die Anti-WHO-Demonstrationen sieht und Künstlergruppen wie diese findet, die direkt an dieser Opposition teilnehmen, fühle ich dennoch, dass wir dazu neigen, zu überschätzen, was Kunst in einer bestimmten Situation bewirken kann. (…) Wann auch immer Künstler dazu aufgerufen wurden, ihre kollektiven Köpfe aus dem Kunstwelt-Wüstensand heraus zu stecken, jetzt ist der richtige Zeitpunkt." Temporary Services: "Ideologien, unter ihnen der Anarchismus, haben hinsichtlich eines umfassenderen Verständnisses von der Welt immer ihre Grenzen. Ideologien stehen der Freiheit und der direkten Kommunikation im Weg. Wir möchten die Möglichkeiten humanen sozialen Organisierens erschließen. Ästhetische Praxis ist dabei ein radikales Element. Wir sind nicht daran interessiert, die Machtstrukturen, die wir in der Kunstwelt und in unserem Leben wieder finden, nachzumachen. Wir möchten nicht die hierarchischen Strategien, z.B. jene der Museen, denen Unternehmensmodelle zugrunde liegen, anerkennen - Strukturen, die einer radikalen Demokratie am meisten entgegen stehen. Wir wissen, dass Kunst nicht unter diesen Umständen erlebt werden muss. (…) Wir haben einfach nur realisiert, das man die Handlung übernehmen kann, man braucht dafür keine Erlaubnis…"

Aesthetic Analysis of Human Groupings - Ästhetische Analyse menschlicher Gruppierungen

Dieses Projekt ist eine Installation zur menschlichen Eigenart, sich - in welcher Konstellation auch immer - in Gruppen zusammen zu schließen. Sie verdeutlicht die unzähligen Feinheiten und Variationen menschlicher Gruppenbildungen, in die wir ständig hinein- und wieder aus ihnen herausschlüpfen. Ohne es zu merken, bewegen wir uns fortwährend von einer Gruppierung in die nächste. Amerikanischer oder isolierter Individualismus sind Trugschlüsse, wie mittels dieser visuellen Dokumente auf einfache Art veranschaulicht wird. Wir sind Lebewesen, die in Gruppen existieren - selbst ein Eremit ist auf eine Gruppe, die seine Einsamkeit definiert, angewiesen. In Wort (ob Sippe, Bande, Clique, Gilde, Truppe, Team, Körper- oder Bruderschaft) und Bild (ob durch Architektur, Uniform, Personenanzahl, Hierarchie oder einen Fokus außerhalb des Bildes definiert) nimmt Temporary Services auf zehn plakatartigen Fotosammlungen eigene Gruppierungen vor.

Audio Relay, Designed by Brennan McGaffey for Temporary Services, 2002
Audio Relay, Designed by Brennan McGaffey for Temporary Services, 2002

Audio Relay - Hörfunkstation

Das "Audio Relay" (die "Hörfunkstation"), von Brennan McGaffey gestaltet, ist eine autonome, transportable, kompakte, überall verwendbare Radiostation mit einem Musik- und Klangarchiv und einer Reichweite von 2 km. Sie reist von Stadt zu Stadt, um die Werke von Musiker/innen, Soundkünstler/innen, Dokumentarist/innen und anderen Leuten, deren Arbeit hörbar ist, zu sammeln und präsentieren - ob vor kleinem Publikum oder über UKW 88,9 KHz. Zur Ausstattung gehören ein 4-Watt-Sender, eine Teleskopantenne, ein 30-Watt-Verstärker, zwei Lautsprecher, zwei Schubfächer für 200 CD's und CD-ROMs, ein CD-Player, zwei Solarfelder auf einem abnehmbaren Deckel sowie zwei Stühle und ein Lagerfach für Plakate und Informationsmaterial. Die Solarfelder liefern einen Teil der nötigen Energie, wobei die Hauptquelle eine 12-Volt-Batterie ist. Durch universelle Standardsteckdosen und Anschlussmöglichkeit an eine Autobatterie kann das Sendearchiv ohne viele Adapter andere Länder bereisen. Die Sammlung von CDs mit Hörspielen, Musik und verschiedenen Tondokumenten wird ständig erweitert: Als der Künstler Paul Dickinson erfuhr, dass er im Schlaf spricht, begann er sich selbst mit Hilfe eines Recorders aufzuzeichnen. Die CD "Sleep Talk Recordings Vol I" präsentiert Dokumente dieser Sammlung zwischen 1986 bis 2000. Gabriel Fowler ging dem Phänomen der Bask Masked Messages in der Rockmusik nach, geheime satanische Nachrichten, die sich durch das Rückwärtsabspielen bestimmter Songs ergeben, sei es von den Machern intendiert, zufällig, von "höheren Mächten gesteuert" oder der Fantasie der Zuhörenden geschuldet. "Songs Suspected of Satanic Back Masking" enthält u.a. Songs von Prince ("Darling Nikki"), dem Electric Light Orchestra ("Fire is High") und Queen ("Another One Bites the Dust" - was sich rückwärts wie "It's fun to smoke Marihuana" anhört). Auf "Dave' Stories" erzählt ein Obdachloser unterhaltsame und unendlich aufschlussreiche Geschichten, u.a. Beobachtungen über soziale Kontrolle im öffentlichen Raum, aus seinem und dem Alltag anderer Homeless People. Melinda Fries fragte 27 Personen nach der gewalttätigsten Handlung, die sie je begingen - die 27 anonymen Antworten befinden sich auf "Violent Things".

Prisoners' Inventions - Gefangenen-Erfindungen

2001 lud Temporary Services über Briefkorrespondenz den in Kalifornien inhaftierten Künstler Angelo zum Schreiben und Illustrieren einer Broschüre über die ausgeklügelten, notwendigen, praktischen und manchmal bizarren Dinge von erfinderischer Qualität ein, die von Gefangenen hergestellt werden. Angelo erarbeitete mehr als hundert Seiten an Zeichnungen und Texten, die 78 verschiedene Erfindungen oder Fertigkeiten zeigen. Die Publikation "Gefangenen-Erfindungen" schildert anekdotisch den Gefängnisalltag, bietet einen flüchtigen Einblick in das soziale Umfeld des Gefängnisses, enthält Informationen über die Methoden von Gefangenen, ihre Umwelt persönlicher zu gestalten und ihre Versuche, die harten Gesetze hinter Gittern zu umgehen, die grundlegenden menschlichen Wünsche zu befriedigen und die Lebensverhältnisse außerhalb des Gefängnisses nachzubilden. Sie widerspricht der weitläufigen Ansicht, Gefangene wären nur an Dingen zum Flüchten, Sich-Berauschen oder -gegenseitig-Töten interessiert. Die Erfindungen decken eine große Bandbreite von Methoden zum Lagern, Baden, Kochen und Essen sowie aus der Privatsphäre, Erholung und "Haushaltsverschönerung" ab und. Angelos Texte enthalten hochdetailierte und wohlüberlegte Federzeichungen, um Materialien und Funktionsweisen der Objekte plastischer zu beschreiben. Sie zeigen, wie man einen Weckruf improvisiert, ein Käsesandwich in einem Metallregal grillt, Tauchsieder aus Rasierklingen, Eis-am-Stil-Stäbchen, Zahnbürsten und Büroklammern als Elektrosteckern herstellt, die Toilette benutzt, um Selters zu kühlen oder ein heißes Bad in der Zelle nimmt. In der Ausstellung ist eine Faksimile-Serie von Angelos Illustrationen ebenso zu sehen wie zahlreiche, von Temporary Services angefertigte Kopien der von Angelo illustrierten Objekte.

Public Sculpture Opinion Poll - Meinungsumfrage zu einer öffentlichen Skulptur

Temporary Services startete dieses Projekt, um die Chicagoer Reaktionen über die Platzierung einer Skulptur, die vom Himmel gefallen zu sein schien, durch das Städtische Amt für kulturelle Angelegenheiten einschätzen zu können. Dem Raum, den diese ausladende, hellblaue, sich windende Röhre nun einnimmt, ein Stück Demokratie beizusteuern, erschien notwendig, da weder für ihren Auswahlprozess noch für ihre Installation ein gemeinschaftlicher Entschluss erforderlich war. Die Skulptur befindet sich auf einer Verkehrsinsel auf der Südwestseite der Kreuzung von Grand und Western Avenue. An drei Straßenecken brachte Temporary Services Clipboards an, Klemmbretter, auf denen sich Bilder der Skulptur und Papierblätter befanden mit der Frage: "Was ist Ihre Meinung zu dieser Skulptur und warum, denken Sie, wurde sie hier aufgestellt?" Die Gruppe erhielt eine überwältigende Resonanz auf diese Frage. Sie ist Inhalt der Installation. Die Meinungen reichten von "Bring back the tank" (in Anspielung auf einen Panzer, der ehemals dort stand) und "We think the person who made this was smoking 2 much crack" über "It doesn't matter what my opinion is" und "For white people only - because they are moving in" bis zu "I think we need more sculptures like this in our neighborhood".

Binder Archives presented at Southern Exposure in San Francisco, 2002, c. Temporary Services
Binder Archives presented at Southern Exposure in San Francisco, 2002, c. Temporary Services

Binder Archives - Das Aktenordnerarchiv

Das Aktenordnerarchiv ist wie das Audio Relay eine transportable Ausstellung. Ihre pflegeleichte Herberge bildet eine rote Plastikkiste, die sich mit größter Leichtigkeit auf Reisen begeben, als Gepäckstück in einem Flugzeug eingecheckt werden, in ein paar Minuten ausgepackt und im Innen- wie im Außenraum installiert werden kann. Künstler/innen, Ausstellungsorganisator/innen, Archivar/innen, kreative Menschen und Gruppen füllen Aktenordner mit gelochten oder in Klarsichtfolie eingehüllten Photographien, Zeichnungen, Dokumentationen, Fotokopien, Flugblättern, tastbaren Objekten u.a. Jeder Aktenordner präsentiert ein abgeschlossenes Projekt oder Archiv - eine Ausstellung. Die Kiste ist groß genug, um zehn bis zwölf Aktenordner, die über tausend Seiten Material enthalten, unterzubringen. Zusätzlich kann man über einhundert kostenlose Broschüren, Plakate und ein oder zwei Campingstühle darin aufbewahren. "Binder Archives" ist eine neue Strategie, umfassende Projekte auf aktive Weise verschiedenen Rezipientenkreisen nahe zu bringen, bezahlbare, kostenlose und öffentliche Räume oder auch Wohnungen von Freunden in anderen Städten zu finden und kurzzeitig für Präsentationen zu nutzen. Temporary Services u.a. sammelten von 1999 bis 2002 über 130 "Straßenflyer und öffentliche Bekanntmachungen" in Chicago, darunter äußerst Eigentümliches, Provokatives, Persönliches. Seit 2001 erscheinen z.B. an zwei Orten verschiedene religiöse Flugblätter mit handgekritzelten Botschaften ("Heiliger Gott, Heiliger Allmächtiger, Heiliger Unsterblicher, hab Gnade mit uns und der ganzen Welt"; "Was ist wichtiger als montags zur Arbeit gehen? Sonntags in die Kirche gehen!"). Neben diesen "Jesusgebetsflyern" tauchen die 1999 von Marc Fischer erstmals entdeckten, fotokopierten Flyer "The Ancient Order" (damals mit ihrer ersten Ausgabe "Die antike Ordnung, die Juden und die Japaner") immer auf der linken Seite eines Zeitungsspenders in Downtown Chicago auf. In einer komplizierten, erdachten Zahlenwelt werden Busrouten und Organisationen in Chicago verantwortlich gemacht für den Holocaust, die Atombomben, die auf Japan geworfen wurden und AIDS. In unregelmäßigen Abständen, ohne Ankündigung in kleiner Anzahl erscheinend, ohne Kontaktadresse und mit Schreibmaschine und Filzstift in Großbuchstaben geschrieben, "beweisen" die bislang 19 Blätter, dass die "Antike Ordnung" - und deren Initialen A und O - mit nahezu jedem Konflikt und unglaublichen Ereignis der letzten zweihundert Jahre zu tun hatte: dem Selbstmord Hitlers ("Adolf" enthält A & O), Charles Manson, O.J. Simpson, Prinzessin Diana, den Schüssen auf Reagan, den Bomben in Oklahoma, der Ermordung Lincolns und McKinleys usf.

Prisoners' Inventions, Temporary Services with Angelo, View of a visitor in replica of Angelo's cell, 2003
Prisoners' Inventions, Temporary Services with Angelo, View of a visitor in replica of Angelo's cell, 2003

Wir sind Lebewesen, die in Gruppen existieren - selbst ein Eremit ist auf eine Gruppe, die seine Einsamkeit definiert, angewiesen. Amerikanischer oder isolierter Individualismus ist ein Trugschluss, der mittels visueller Dokumente in der Installation "Ästhetische Analyse menschlicher Gruppierungen" von Temporary Services auf einfache Art veranschaulicht wird. Das "Audio Relay" (die "Hörfunkstation") ist eine autonome Radiostation mit einem Musik- und Klangarchiv, kompakt und leicht zu transportieren, mit Solarenergie oder Autobatterie betrieben und einer Reichweite von bis zu 2 Kilometern. Für eine "Meinungsumfrage zu einer öffentlichen Skulptur" wurden Clipboards an drei Straßenecken nahe einer Skulptur in Chicago angebracht, die vom Himmel gefallen zu sein schien. Auf den Papierklemmbrettern befand sich die Frage: "Was ist Ihre Meinung zu dieser Skulptur und was denken Sie, warum sie hier aufgestellt wurde?" Die überwältigende Resonanz wird zur Veranschaulichung gezeigt. Das "Aktenordnerarchiv" ("Binder Archives") ist eine transportable Ausstellung aus zehn Ordnern mit über 1000 Seiten Material, von Künstler/innen, kreativen Menschen, Archivar/innen u.a. als jeweils abgeschlossenes Projekt oder Archiv angefertigt.

Temporary Services, Installation, vorgestellt werden in der Ausstellung verschiedene Broschüren mit Zeichnungen des eingesperrten Künstlers Angelo, ACC Galerie. Foto vomTag der Eröffnung von Phase 3 der Ausstellung am 23.8.2003:<br><br>Prisoners' Inventions - Gefangenen-Erfindungen
Temporary Services, Installation, vorgestellt werden in der Ausstellung verschiedene Broschüren mit Zeichnungen des eingesperrten Künstlers Angelo, ACC Galerie. Foto vomTag der Eröffnung von Phase 3 der Ausstellung am 23.8.2003:

Prisoners' Inventions - Gefangenen-Erfindungen

2001 lud Temporary Services über Briefkorrespondenz den in Kalifornien inhaftierten Künstler Angelo zum Schreiben und Illustrieren einer Broschüre über die ausgeklügelten, notwendigen, praktischen und manchmal bizarren Dinge von erfinderischer Qualität ein, die von Gefangenen hergestellt werden. Angelo erarbeitete mehr als hundert Seiten an Zeichnungen und Texten, die 78 verschiedene Erfindungen oder Fertigkeiten zeigen. Die Publikation "Gefangenen-Erfindungen" schildert anekdotisch den Gefängnisalltag, bietet einen flüchtigen Einblick in das soziale Umfeld des Gefängnisses, enthält Informationen über die Methoden von Gefangenen, ihre Umwelt persönlicher zu gestalten und ihre Versuche, die harten Gesetze hinter Gittern zu umgehen, die grundlegenden menschlichen Wünsche zu befriedigen und die Lebensverhältnisse außerhalb des Gefängnisses nachzubilden. Sie widerspricht der weitläufigen Ansicht, Gefangene wären nur an Dingen zum Flüchten, Sich-Berauschen oder -gegenseitig-Töten interessiert. Die Erfindungen decken eine große Bandbreite von Methoden zum Lagern, Baden, Kochen und Essen sowie aus der Privatsphäre, Erholung und "Haushaltsverschönerung" ab und. Angelos Texte enthalten hochdetailierte und wohlüberlegte Federzeichungen, um Materialien und Funktionsweisen der Objekte plastischer zu beschreiben. Sie zeigen, wie man einen Weckruf improvisiert, ein Käsesandwich in einem Metallregal grillt, Tauchsieder aus Rasierklingen, Eis-am-Stil-Stäbchen, Zahnbürsten und Büroklammern als Elektrosteckern herstellt, die Toilette benutzt, um Selters zu kühlen oder ein heißes Bad in der Zelle nimmt. In der Ausstellung ist eine Faksimile-Serie von Angelos Illustrationen ebenso zu sehen wie zahlreiche, von Temporary Services angefertigte Kopien der von Angelo illustrierten Objekte.

Temporary Services, Salem Collo-Julin, Präsentation der 'Hörfunkstation' (Audio Relay ) zur Eröffnung von Phase 3 der Ausstellung am 23.8.2003, ACC Galerie
Temporary Services, Salem Collo-Julin, Präsentation der 'Hörfunkstation' (Audio Relay ) zur Eröffnung von Phase 3 der Ausstellung am 23.8.2003, ACC Galerie

Audio Relay - Hörfunkstation Das "Audio Relay" (die "Hörfunkstation"), von Brennan McGaffey gestaltet, ist eine autonome, transportable, kompakte, überall verwendbare Radiostation mit einem Musik- und Klangarchiv und einer Reichweite von 2 km. Sie reist von Stadt zu Stadt, um die Werke von Musiker/innen, Soundkünstler/innen, Dokumentarist/innen und anderen Leuten, deren Arbeit hörbar ist, zu sammeln und präsentieren - ob vor kleinem Publikum oder über UKW 88,9 KHz. Zur Ausstattung gehören ein 4-Watt-Sender, eine Teleskopantenne, ein 30-Watt-Verstärker, zwei Lautsprecher, zwei Schubfächer für 200 CD's und CD-ROMs, ein CD-Player, zwei Solarfelder auf einem abnehmbaren Deckel sowie zwei Stühle und ein Lagerfach für Plakate und Informationsmaterial. Die Solarfelder liefern einen Teil der nötigen Energie, wobei die Hauptquelle eine 12-Volt-Batterie ist. Durch universelle Standardsteckdosen und Anschlussmöglichkeit an eine Autobatterie kann das Sendearchiv ohne viele Adapter andere Länder bereisen. Die Sammlung von CDs mit Hörspielen, Musik und verschiedenen Tondokumenten wird ständig erweitert: Als der Künstler Paul Dickinson erfuhr, dass er im Schlaf spricht, begann er sich selbst mit Hilfe eines Recorders aufzuzeichnen. Die CD "Sleep Talk Recordings Vol I" präsentiert Dokumente dieser Sammlung zwischen 1986 bis 2000. Gabriel Fowler ging dem Phänomen der Bask Masked Messages in der Rockmusik nach, geheime satanische Nachrichten, die sich durch das Rückwärtsabspielen bestimmter Songs ergeben, sei es von den Machern intendiert, zufällig, von "höheren Mächten gesteuert" oder der Fantasie der Zuhörenden geschuldet. "Songs Suspected of Satanic Back Masking" enthält u.a. Songs von Prince ("Darling Nikki"), dem Electric Light Orchestra ("Fire is High") und Queen ("Another One Bites the Dust" - was sich rückwärts wie "It's fun to smoke Marihuana" anhört). Auf "Dave' Stories" erzählt ein Obdachloser unterhaltsame und unendlich aufschlussreiche Geschichten, u.a. Beobachtungen über soziale Kontrolle im öffentlichen Raum, aus seinem und dem Alltag anderer Homeless People. Melinda Fries fragte 27 Personen nach der gewalttätigsten Handlung, die sie je begingen - die 27 anonymen Antworten befinden sich auf "Violent Things".

Temporary Services, Marc Fischer, Präsentation des 'Binder Archives' zur Eröffnung von Phase 3 der Ausstellung am 23.8.2003, ACC Galerie<br><br>Binder Archives - Das Aktenordnerarchiv
Temporary Services, Marc Fischer, Präsentation des 'Binder Archives' zur Eröffnung von Phase 3 der Ausstellung am 23.8.2003, ACC Galerie

Binder Archives - Das Aktenordnerarchiv

Das Aktenordnerarchiv ist wie das Audio Relay eine transportable Ausstellung. Ihre pflegeleichte Herberge bildet eine rote Plastikkiste, die sich mit größter Leichtigkeit auf Reisen begeben, als Gepäckstück in einem Flugzeug eingecheckt werden, in ein paar Minuten ausgepackt und im Innen- wie im Außenraum installiert werden kann. Künstler/innen, Ausstellungsorganisator/innen, Archivar/innen, kreative Menschen und Gruppen füllen Aktenordner mit gelochten oder in Klarsichtfolie eingehüllten Photographien, Zeichnungen, Dokumentationen, Fotokopien, Flugblättern, tastbaren Objekten u.a. Jeder Aktenordner präsentiert ein abgeschlossenes Projekt oder Archiv - eine Ausstellung. Die Kiste ist groß genug, um zehn bis zwölf Aktenordner, die über tausend Seiten Material enthalten, unterzubringen. Zusätzlich kann man über einhundert kostenlose Broschüren, Plakate und ein oder zwei Campingstühle darin aufbewahren. 'Binder Archives' ist eine neue Strategie, umfassende Projekte auf aktive Weise verschiedenen Rezipientenkreisen nahe zu bringen, bezahlbare, kostenlose und öffentliche Räume oder auch Wohnungen von Freunden in anderen Städten zu finden und kurzzeitig für Präsentationen zu nutzen. Temporary Services u.a. sammelten von 1999 bis 2002 über 130 'Straßenflyer und öffentliche Bekanntmachungen' in Chicago, darunter äußerst Eigentümliches, Provokatives, Persönliches. Seit 2001 erscheinen z.B. an zwei Orten verschiedene religiöse Flugblätter mit handgekritzelten Botschaften ('Heiliger Gott, Heiliger Allmächtiger, Heiliger Unsterblicher, hab Gnade mit uns und der ganzen Welt'; 'Was ist wichtiger als montags zur Arbeit gehen? Sonntags in die Kirche gehen!'). Neben diesen 'Jesusgebetsflyern' tauchen die 1999 von Marc Fischer erstmals entdeckten, fotokopierten Flyer 'The Ancient Order' (damals mit ihrer ersten Ausgabe 'Die antike Ordnung, die Juden und die Japaner') immer auf der linken Seite eines Zeitungsspenders in Downtown Chicago auf. In einer komplizierten, erdachten Zahlenwelt werden Busrouten und Organisationen in Chicago verantwortlich gemacht für den Holocaust, die Atombomben, die auf Japan geworfen wurden und AIDS. In unregelmäßigen Abständen, ohne Ankündigung in kleiner Anzahl erscheinend, ohne Kontaktadresse und mit Schreibmaschine und Filzstift in Großbuchstaben geschrieben, 'beweisen' die bislang 19 Blätter, dass die 'Antike Ordnung' - und deren Initialen A und O - mit nahezu jedem Konflikt und unglaublichen Ereignis der letzten zweihundert Jahre zu tun hatte: dem Selbstmord Hitlers ('Adolf' enthält A & O), Charles Manson, O.J. Simpson, Prinzessin Diana, den Schüssen auf Reagan, den Bomben in Oklahoma, der Ermordung Lincolns und McKinleys usf