ausstellung

Happy Valley, zur Ausstellung (teil 3)

Aus dem Vortrag "ALIBI STADT - 1000 TELE-TIPS: Zum Wandel der Bedeutung eines Anderswo im Stadtraum", Almut Rink und Christoph Schlegel, 25.6.2003, ACC, zur Videoinstallation OFFWALK von Christoph Schlegel: "Sukimas sind Leerräume oder Spalten zwischen den Häusern in Tokio. Diese Gaps () existieren praktisch zwischen jedem Haus und dienen unter anderem dem Feuerschutz und der Sicherheit der einzelnen Häuser. Die Sukimas bilden neben dem Straßennetz einen zweiten, 'verborgenen' Negativraum. () Diese Art der Abgrenzung dürfte aus der ursprünglichen japanischen Auffassung von Raumbesetzung und Raumbegrenzung hervorgegangen sein: Die Grenze, Umgrenzung ist nicht linear, sondern eine freigehaltene Fläche. Nach der japanischen Volksreligion bieten diese leeren Zonen den Göttern, die sich in ihnen aufhalten, Schutz. In ganz Japan ist der städtische Grund und Boden angesichts des Fehlens einer Planungsgesetzgebung zur Steuerung der urbanen Entwicklung im Laufe der Zeit in immer kleinere Parzellen zerlegt worden. Das hat eine solitäre Bauweise gefördert, die sich ohne Rücksicht auf den umgebenden Raum ausgebreitet hat. () Der entstandene Zwischenraum bildet ein Niemandsland außerhalb (im Off) der alltäglichen Wahrnehmungsgrenze. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass auch dieser Leerraum dem Privateigentum zugeordnet wird."

Aus obenstehendem Vortrag zur Videoinstallation SPLIT DREAM von Almut Rink und Christoph Schlegel:

"Bei Inemuri, dem Schlafen in der Öffentlichkeit, handelt es sich um eine Form des kognitiven Entzuges, der auf eine temporäre Unabhängigkeit von den räumlichen Bedingungen abzielt und so den Zustand von Anwesenheit bei gleichzeitiger Abwesenheit widerspiegelt: Wörtlich bedeutet Inemuri anwesend sein und gleichzeitig zu schlafen. In der Öffentlichkeit Schlafende sind Bestandteil des Alltags in Japan; geschlafen wird in verschiedenen öffentlichen Situationen (z.B. in der U-Bahn, beim Essen, in der Schule, im Theater etc.). Häufig findet diese Form der Herstellung einer Privatsphäre als gemeinsames Ereignis statt. An speziellen Orten schlafen Japaner öffentlich in der Gruppe (z.B. in Parks oder in öffentlichen Ruheräumen). Inemuri ist eine Form des Entzugs, die an keinen speziellen Raum gebunden ist. (...) Der Entzug durch Schlaf wirft auch die Frage nach der Rolle des Übergangs von Tag und Nacht bzw. der Rolle von Schatten in der Stadt auf: In asiatischen Städten kommt dem Übergang von Tag zur Nacht eine geringere Bedeutung zu. Dieser Unterschied wird dadurch verdeutlicht, dass Nacht nicht wie im Westen mit Dunkelheit, Verbrechen, Sexualität etc. assoziiert wird und dass so Tag und Nacht fließend ineinander übergehen. Die nächtliche Fortsetzung des städtischen Lebens unter den Bedingungen künstlicher Beleuchtung gab Tokio, einer Metropole, die im 24-Stunden-Rhythmus 'lebt', den Ruf einer Stadt ohne Schatten. Dort, wo tagsüber dennoch Schatten geworfen werden, gibt es gesetzliche Regelungen: Eigentümer von Hochhäusern in Tokio müssen für den Schatten, den ihr Haus auf Nachbargebäude wirft, bezahlen."

Aus einer Vorlesung "Theorie des Fernsehens: Fernsehen als Zeitform, Ereignis und Erwartung" von Prof. Lorenz Engell, Bauhaus-Universität Weimar (25.1.2000), als gedankliche Anreicherung zum Video SCREEN SAVER von Almut Rink, in dem sie die Verwendung des populären Bildes des Aquariums als emotionalem Hintergrund in der üblichen psychologischen Werbestrategie zur Stimulation von Kundenwünschen thematisiert: "Das Testbild stand idealtypisch für Bilder ohne Außenbezug und Fremdbezug; Bilder, die nichts abbilden und deshalb auch einer konventionellen Wahrheitsauffassung im Sinne der Korrespondenz nichts sagen. Diese Bilder stehen aber auch nicht mit anderen Bildern im Zusammenhang, und sie können auch nichts verdecken und verschleiern. Sie sind deshalb, so haben wir festgehalten, in gewissem Sinne immer und unter allen Umständen wahr. Sie referieren nichts, haben keine referentielle Funktion, sondern haben allein phatische Funktion. Sie melden die bloße Möglichkeit eines korrekten oder weniger korrekten Empfangenkönnens, eines Sehenkönnens zur Stelle. Sie sind deshalb auf einer anderen Ebene angesiedelt als alle anderen Bilder. () Wir haben, ausgehend vom Testbild, weitere Bilder angetroffen, die, auch wenn sie etwas zeigen mögen, wie Kaminfeuer, Autobahnfahrten, Fische im Aquarium oder, natürlich, den Blick vom Weltall auf die Erde, mit dem alles angefangen hat, dennoch eigentlich nicht etwas zeigen. Sie beziehen sich sämtlich auf den Zustand des bloßen Sehenkönnens vor aller thematischen Behandlung von etwas im Fernsehen. Sie generieren selbst, worauf sie sich beziehen, nämlich das bloße Verweilen vor dem Bildschirm, das reine Andauern. So sind wir auf das Thema der Dauer gekommen. Reine, ungegliederte Zeit, Verweildauer, Verfließen, Kohärenz und Veränderung an sich sind Erfahrungszustände des Fernsehens, und wir haben schon festgestellt, dass diese Dimension, auch wenn sie meist nicht so exklusiv hervortritt wie beim Testbild und seinen Derivaten, eigentlich in allen Fernsehbildern mitgeführt wird." Aus einem Gespräch mit der Kuratorin Ursula Maria Probst/Auszüge zur DVD/Diainstallation RAIN OR SHINE von Almut Rink: "Der Titel der Arbeit stammt aus dem Enka-Song "Rain or shine in the live". Es existiert eine Karaokefassung, die ich am Ende des Vortrages auch zeige und synchronisiere () Die Technik des Schreibens () ist eine Art "Literal Jamming", ein Konglomerat aus verschiedenen Denkansätzen. Das heißt, es gibt eine Sammlung von Wortgruppen und Ideen aus verschiedenen Quellen () Mir ist wichtig, transparent zu machen, wie durch die Transformation von diesen Informationen eine subjektive Konstruktion der Wirklichkeit entsteht. Offenzulegen, dass dies bei jeder Art von vermeintlicher Objektivität passiert. Ähnlich wie bei "Stille Post", jeder erzählt es so, wir er es versteht. () Im Vorfeld habe ich mir einige Dokumentationsvideos von Kunstlectures angeschaut und analysiert, wie Menschen mit der Performance umgehen. Vom klassischen Hinter-dem Pult-stehen bis zum informellen Sich-auf-den-Tisch-setzen und damit das Vortragssetting zu durchbrechen. Ich habe im Vorhinein überlegt, wie ich die Vortragsweise am besten verbinden könnte mit dem Stoff, den man vorträgt. Deswegen der schwarze Pullover - existentialistisches Outfit, Wasserglas. Im Kapitel "Leere" gibt es eine Stelle, wo ich auf das Dia warte und es kommt keines. Die Diawand bleibt schwarz. () Der Wunsch, multimedial, transmedial zu arbeiten, mehrere Medien zu koppeln, hat mich länger fasziniert. Die speziellen medienimmanenten Besonderheiten zu erhalten und zu verwenden, wie beim Diaprojektor das Gebläse und das Klacken des Wechsels, man könnte fast von einer speziellen Aura sprechen.() Mir war wichtig, zu zeigen, dass es zwei miteinander verknüpfte Parallelgeschichten sind, die zum Vortrag gehören, das heißt die Person mit ihrem Auftritt ist genauso wichtig wie der Stoff, der vermittelt wird.() Es gibt eben keine objektive Wissensvermittlung. Die Dinge, die du vermittelt bekommst, sind immer stark an die Person, den Subtext gekoppelt. Wie in den Bildern der russischen Künstlergruppe "Medical Hermeneutics". Die haben aus der Erinnerung Bilder gemalt von Orten, wo sie Bücher gelesen haben, in der U-Bahn, am Waldrand oder in Innenräumen. Dazu haben sie die Stellen aus den Büchern, zum Beispiel von Tolstoi oder Dostojewskij, zitiert, die sie an die Orte erinnern."