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Happy Valley, zur Ausstellung (teil 2)

In ihren zweiten Präsentationsmonat geht die Ausstellung Happy Valley von Almut Rink. Sieben Mutimedia-Installationen, zwei davon Gastbeiträge der Wiener Kollegen Regula Dettwiler und Christof Schlegel und eine Fotoserie bilden die bislang umfangreichste Präsentation der in Wien lebenden Künstlerin und wurden bereits im Mai-Faltblatt besprochen. In dieser Ausgabe finden Sie Kurztexte, die streiflichtartig auf vier ausgestellte Arbeiten näher eingehen. In der Juli-Ausgabe werden vier weitere Werke näher besprochen.

Aus einem Werktext von Almut Rink: "Die Fotoserie 'EXOTIC AND FAMILIAR' fokussiert anhand von Naturbildern das Begehren nach dem Anderswo, dem Anderen, nach Flucht aus dem Alltag. Landschaftsimplantate als Erinnerung und Ersatz, exotische Inszenierungen, die die Sehnsüchte materialisieren, gleichzeitig aber eine Leere erzeugen. Der Naturraum, nicht als gegebenes, sondern als im Prinzip durch Herstellung mögliches, wird so zum Projektionsraum. In den Fotografien vermischen sich verschiedene Zitat- und Aneignungsstrategien. Die Oberfläche wird perforiert durch Texte, die aufgezeichnet werden, Auszüge aus dem Logbuch von Gerard D'Aboville, der 1991 als erster den Pazifik im Ruderboot überquerte. Die Fotos werden um eine zusätzliche Ebene erweitert, die perfekte Oberfläche gebrochen."

Aus den Gesprächen Almut Rinks mit einer Führerin der Budapester "Hammer and Sickle Tour", einer Touristenführung als "ride" durch das sozialistische Ungarn (mit Besuch in einem Skulpturenpark, in einer Neubauwohnung, in einem Trabant und demnächst auch in einer Arbeiterkneipe und in einem Stahlwerk), stammen die englischen Originalzitate. Sie sind Teil der Installation "PAST PERFECT": "Shakespeare schrieb ir- gendwo: Verspotte den Teufel und er wird vor dir fliehen. Irgendwie ist es so ähnlich. Wenn du darüber spottest, was dir passiert ist, dann wird es nicht noch einmal passieren. Es ist eine Art Schutz, wenn die Leute versuchen, Witze darüber zu machen, und es dann verkaufen. (...) Manchmal denke ich, in besseren Zeiten natürlich, es gibt dir eine derartige Kraft, dass du spürst, dass du doppelt gespielt hast; du hast mehr als die anderen getan, weil zuerst musstest du diese Situation überleben und dann musstest du vorgeben, dass du in einer anderen Gesellschaft aufgewachsen bist als die. Es ist, wie wenn man stolz ist überleben zu können. (...) Ich fühle mich manchmal wie behindert, etwas worüber du noch nicht sprechen oder das du normal behandeln möchtest; du hast deine Situation als Behinderter noch nicht wirklich akzeptiert, bis zu dem Zeitpunkt, an dem du dich darüber lustig machst oder offen über die Dinge sprichst. Aber wenn du irgendwie darüber hinaus bist nach dem Motto "Okay, das wars", kannst du darüber lachen oder du bist ein wenig nostalgisch, vielleicht ein bisschen stolz. (...) Eigentlich führten wir nicht das Leben von Erwachsenen, sondern das von Kindern, du warst ständig Kind: entweder von Lenin oder von sonst einem anderen Führer. Es war etwas, das die Leute wollten, vielleicht nicht die Mehrheit, aber gleichzeitig können wir auch nicht sagen, dass es davon keine Leute gab - außer Oppositionelle natürlich - das wäre genauso falsch."

Aus einer Vortragsperformance zur Vortragsinstallation "SECTOR NO LIMITS" von Almut Rink, gehalten von Karin Pernegger anlässlich der gleichnamigen Ausstellungseröffnung in der Galerie 5020 in Wien: "Doch wo kommen wir eigentlich hin, wenn wir reisen? Wachsen wir daran? Oder befriedigen wir uns eher mit den exotischen Blow-Jobs der Tourismus-Industrie, weil wir unserer eigenen Welt zu langweilig geworden sind, oder glauben wir immer noch an die Reise in uns selbst, die wir begonnen haben, als wir den Geburtskanal verlassen haben. In vielen Religionen ist die Geburt der Initiationsmythos der Reise, des Wandels und Erkennens. (...) Diejenigen, die nicht liquide sind, werden nicht in die Riege der Reisenden aufgenommen. Sie sind Wegelagerer, Tagelöhner und sonstiges Gesindel, das man lieber von der Straße haben möchte, obwohl das ihr zu hause ist. Ich möchte auch das nächste mal bei ihnen vorfahren und sagen: Wann haben sie letztmals das Elend der Welt per Pauschaltrip besucht und mit ihrem Urnengang zu hause die Partei für ihren ganz individuellen Sozialabbau gewählt, damit die nächste Reise vielleicht nicht mehr so entfernt ausfallen muss. (...) Aber im Grunde sind wir weltbeflissen und als Kunstliebhaber ganz integer. Es sind immer die anderen, die als Westeuropäer im Kopf mit ihren Klischees großimperialer Reiserouten bepackt sich sanft in den Travelerschecks betten, die mann und frau zuvor zwischen Socken und Strumpfnaht versteckt hatten."

Aus einem Katalogtext von Kerstin Richter: "Regula Dettwiler sammelt, katalogisiert, ordnet die Natur (in ihrer ORCHIDEENJAGD 2001) ganz im Sinne der Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts. Die Welt und insbesondere die Natur sollten endlich erfasst und so vielleicht bewältigt werden. Das Spezialinteresse der Künstlerin gilt dabei Orchideen, schon im viktorianischen Zeitalter Objekte einer weitverbreiteten Sammelbegierde. Weltweit spürt sie diese, immer auf der Suche nach neuen Arten, auf, zergliedert und präpariert sie für die botanische Zuordnung. Doch ihre Orchideenjagd findet nicht in den Regenwäldern des Amazonas statt, sondern in den Großstädten der Welt, ihre Sammlungsobjekte entstammen nicht der natürlichen, als vielmehr der artifiziellen Welt. Aus den über 300 entdeckten künstlichen Orchideen präsentiert die Künstlerin, wie eine nach langem Forschungsaufenthalt zurückgekehrte Forschungsreisende, ihre Befunde u.a. als Diashow und Sammlungsprint. Durch Anwendung der althergebrachten Forschungsmethoden versucht sie der Ordnung dieser künstlichen Welten auf den Grund zu gehen und sie zu beschreiben.

Sie durchforstet die Untergrundstädte Montreals, die Einkaufszentren und Boutiquen wie einen neuen Dschungel, einen noch unentdeckten Ort, dessen Gesetzmäßigkeiten entweder nicht bekannt sind oder aber der Willkür des halböffentlichen Raums und seiner Repräsentanten unterliegen. Die Orchideensammlung, vormals ein Statussymbol und für die Beherrschung der Natur stehend, verweist in ihrer artifiziellen Variante auf das globale Phänomen der Gleichschaltung und der Herrschaft des Marktes. Ob in Wien, Basel oder Montreal - überall finden sich die exakt gleichen chinesischen Massenprodukte. An Stelle des Sinnbildes exotischer Fülle der Kolonialländer stehen die Kunstblumen jetzt für die Uniformität und Austauschbarkeit der Alltagskultur."