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Happy Valley, zur Ausstellung

Wenn wir heute vom Abenteuer reden, dann tun wir das im Sinne eines LTU Kataloges, wir buchen einen Abenteuerurlaub mit Gepäckversicherung. Der Begriff des Abenteuers ist parochial geworden und erlangt seine Weltgeltung dadurch, dass er sich an eine bestimmte Lokalität bindet. Nicht mehr Alexander von Humboldt, Held einer globalen und vergleichsweise unaufwendigen Reiselust, kann das Ideal heutzutage sein, sondern derjenige, der bei sich Zuhause bleibt und aus diesem Zuhause eine große und täglich zu erneuernde Entdeckung macht. Die Sehnsucht nach Flucht und Entzug aus dem Alltag mittels der Inszenierung einer Kulisse, eines Abseits, das Verlangen nach einem Woanders im Wissen darum, dass es immer nur ein Hier gibt, zu wissen, wie Marketingstrategien funktionieren und sich trotzdem verführen zu lassen, das sind die Initialien von Almut Rinks Ausstellung "Happy Valley". Diesen Titel entlehnte die Wiener Künstlerin einer Werbekampagne von Diesel.

Repräsentationsformen von künstlicher Natur, Interpretationen von medialen Naturbildern in Werbekampagnen und in der Tourismusindustrie, der durch das normale Nutzungsnetz fallende unbebaute städtische Negativraum und die Bewegung des Menschen und seine psychologischen Kraftfelder in urbanen Räumen sind Inhalte von Almut Rinks Installations-, Video- und Konzeptarbeiten. Wenn man, wie Walter Benjamin, davon ausgeht, dass die Stadt auch da ist, wo sie Land heißt, dann sind grüne Restflächen und Parks in der Stadt als Gegensatz zum Bebauten Zitate einer Natur, einer Wildnis, die so nicht mehr existiert. Vielmehr handelt es sich dabei um eine Konstruktion, einen Joker, der je nach Bedarf das Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung oder nach Abenteuer und Wildheit befriedigt.

Almut Rink (2003)<br>Still aus PAST PERFECT, <br>Plattenbauwohnung 'Live Museum'<br> der 'Hammer and Sickle Tour'
Almut Rink (2003)
Still aus PAST PERFECT,
Plattenbauwohnung 'Live Museum'
der 'Hammer and Sickle Tour'

PAST PERFECT ist die jüngste Videoinstallation von Almut Rink (2003) im Rundgangbereich der Galerie. Der Mangel an Anderem ist nur durch eine Konstruktion zu bekämpfen, die von der Realität ausgeht und anschließend mit einem bestimmten Maß an Fiktion versehen wird. Dabei wird, neben Naturimages, die Geschichte zum großen Reservoir gemischter exotischer Fiktionen. Man kann also das Verlangen nach Exotismus durch eine Art historischen Tourismus stillen. Die Arbeit zeichnet eine Touristentour nach, die die Geschichte in einem sozialistischen Regime als "ride" inszeniert. Die in Budapest angebotene "Hammer and Sickle Tour" umfasst neben dem Besuch eines "Live Museums" und einer Plattenbauwohnung, eingerichtet wie 1980, auch eine Führung durch den "Szobor Park", einen Skulpturenpark, der die Monumente vergangener Ideologien reinszeniert. In der Videoinstallation gibt es, wie in der Tour, verschiedene Stationen, die diese Art Erlebnistourismus jeweils aus einem anderen Blickwinkel thematisieren. Räumlich als Loop geplant, bewegt man sich in einem "begehbaren Drehbuch", das die Perspektive einer Führerin der Tour widerspiegelt. In einem Interview mit dem amerikanischen Unternehmer, der die Tour initiiert und organisiert, wird eine andere Sicht auf die jüngere Geschichte deutlich.

SPLIT DREAM, eine Videoinstallation von Almut Rink und Christof Schlegel (2001), ist der Versuch, das Schlafen in der Öffentlichkeit, einer in Japan gängigen Methode des Entzugs vor der städtischen Umgebung, unter den alltagskulturellen Rahmenbedingungen (Freizeitzentrum, Kino) und auf seine lokalkulturellen Bedingungen hin zu untersuchen. Zwei Monitore zeigen die beiden Hälften eines Liegeraumes in einem japanischen Freizeitzentrum. Der Liegeraum ist durch eine Wand in einen Teil für Frauen und einen Teil für Männer geteilt. Die Leinwand, auf der ein amerikanischer Film mit japanischen Untertiteln läuft, kann gleichzeitig von den Frauen als auch von den Männern gesehen werden und verbindet die beiden Räume. Trotz des Filmangebots wird der Raum jedoch auf beiden Seiten als Schlafraum genutzt. Das in Japan häufige Phänomen des "inemuri", des Schlafens in der Öffentlichkeit, das spezifische räumliche Setting mit strikter Geschlechtertrennung sowie das Aufeinandertreffen unterschiedlicher kultureller Codes (amerikanischer Film, Schlafende in Japan) bildet die Grundlage der Videoarbeit.

Almut Rink (2000)<br>screen saver
Almut Rink (2000)
screen saver

SCREEN SAVER, ein Kurzvideo aus dem Jahr 2000, thematisiert die Verwendung von Naturbildern in der Werbung als emotionaler Hintergrund. In Japan wird das Bild des Aquariums oft als Prototyp eines reinen, echten Raumes verwendet. Indem ein Bildschirm hinter dem Aquarium installiert wird, markiert dieser vielschichtige Raum eine Zone des Übergangs, einen Vermittler zwischen dem Innen und dem Außen: Unreinheit gegen Reinheit. Gerade in dieser idealisierten Form wird Natur am meisten geschätzt. Die Arbeit funktioniert wie ein Bildschirmschoner, eine kurze Unterbrechung zwischen zwei Programmen. In den 1980ern hatte der Bayerische Rundfunk versucht, anstelle des üblicherweise nachts ausgestrahlten Testbildes ein Aquarium in Echtzeit zu senden. Die Gleichzeitigkeit des musicboxartigen Sounds mit dem Wechsel der Bilder verstärkt die Inszenierung dieses Naturraumes noch.

SECTOR NO LIMITS hat als Dia-/Videoinstallation (2002) das Format eines Multimedia-Reiseberichts, der mit einer Collage diverser Textfragmente um die Themen Reisen/Selbsterfahrung, Natur/Landschaft und Image/Werbung verknüpft ist. Die vortragende Person (Almut Rink) ist jedoch nicht live anwesend, sondern wechselt zwischen Video- und Diaprojektion die Medien, während auf der jeweils zweiten Projektion virtuelle Landschaften eines Computerspiels, Wer- beanzeigen mit Landschafts- und Tiermotiven oder Screens in einer Großstadt mit Images idyllischer Natur zu sehen sind - eine Kartografie von Ähnlichkeiten ohne konkret nachvollziehbaren Reisehintergrund, jedoch mit einem zentralen Themenkreis: Dem Begehren nach einem Anderswo, einem Ort, der niemals erreicht werden kann.

Almut Rink (2001)<br>RAIN OR SHINE
Almut Rink (2001)
RAIN OR SHINE

RAIN OR SHINE, eine DVD/Diainstallation (2001), ist eine virtuelle Quasi-Lecture, die die Strategien der Vermittlung von Ideen/Bildern aufdeckt und spielerisch verwendet. Aussagen werden durch die gezeigten Bilder scheinbar willkürlich bestätigt, gebrochen oder ironisch konterkariert. Thema ist die Naturrezeption in Japan und deren Repräsentationsmechanismen, die wiederum mit der formalen Repräsentation des Vortrags korrespondieren. Die äußere Form des Vortrages wechselt zwischen Reisebericht, Popsong, Dokumentation und Fotoroman, um die Imagepolitik dieser Medien zu hinterfragen. Der Vortrag als objektive oder auch autoritäre Vermittlungsart wird ad absurdum geführt, die üblichen Wahrnehmungs- und Erwartungsschemata funktionieren nicht mehr. Auf einem Monitor läuft der Vortrag mit der vortragenden Person im Brustbild, daneben werden die dazugehörigen Dia-Images an die Wand projiziert. Mitten im Vortrag wechselt das Medium, die Vortragende spricht nun zum imaginären Publikum vom Dia, während im Monitor eine Videosequenz zum Thema zu sehen ist. Beide sind im Ablauf zeitlich aufeinander abgestimmt.

Eine Künstlerin und ein Künstler aus Wien, deren Gastbeiträge in der Ausstellung zu sehen sind, wurden von Almut Rink eingeladen:

ORCHIDEENJAGD 2001, BASEL, BERN, MONTRÉAL, WIEN, ZÜRICH von Regula Dettwiler (80 Dias, Plakat, 2001) geht der Frage nach, inwiefern sich angesichts von Ersatzwelten, inszenierten Orten (Shoppingmalls, Entertainmentkomplexen) und Natursimulationen die Bedeutung von Natur(erfahrung) heute für uns geändert hat. In unterschiedlichen Medien (Aquarell, Fotografie, Diaprojektion, Video, Computeranimation) thematisiert sie das Künstliche als Inbegriff heutigen "authentischen" Erlebens. Seit mehreren Jahren arbeitet sie wie eine Naturforscherin an ihrer "Naturgeschichte der artifiziellen Welt". Ihr Interesse gilt in erster Linie künstlichen Orchideen, die sie in Einkaufszentren auf der ganzen Welt fotografisch aufspürt und katalogisiert. Wie eine nach langem Forschungsaufenthalt zurückgekehrte Wissenschaftlerin präsentiert sie ihre Befunde u.a. als Diashow und Sammlungsprint. (Text: Ulrike Matzer: "Handlungsräume": Ausstellungsreihe im Kabinett des Salzburger Kunstvereins)

OFFWALK von Christof Schlegel (Videoinstallation, 2001) ist der Versuch, sich in einer Durchquerung der Stadt durch die typischen Leerräume zwischen den Häusern Tokios (Sukimas) einem "blinden oder leeren Kern" anzunähern und so der Frage nach den Bedingungen von Stadtraum und Identität nachzugehen. Die Durchquerung erfolgt in einer Fluchtbewegung, einem ständigen "Eintauchen" in die Räume außerhalb der städtischen Bildfläche: Ähnlich dem Off im Kino, das einen eigenen (akustischen) Raum außerhalb der Bildfläche definiert, werden die Zwischenräume im Moment ihrer Durchquerung zu einer Art "Tonkanal": Interviewfragmente und Tonsamples bilden einen eigenen Raum städtischer Wahrnehmung, der sich der visuellen Raumerfahrung widersetzt. Der Fluchtweg verläuft in einer Schleife, jede Entfernung vom Ausgangspunkt ist zugleich seine Annäherung.

Dieser Beitrag entstand unter Verwendung von Texten und Textfragmenten von Almut Rink, Ulrike Matzer, Christof Schlegel, Johannes Gross und Frank Motz