ausstellung

über MENSCHEN. Zur Zukunft des Humanen

über Menschen
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Mit Unterstützung des Programms Kultur 2000 der Europäischen Union
Mit Unterstützung des Programms Kultur 2000 der Europäischen Union

von Julia Draganovic

Den Auftakt der Ausstellung im ACC bildet das Video "America sells", das bereits vor 13 Jahren entstand. Doch die Situation vom 1. Juni 1990 auf dem Berliner Alexanderplatz ist sehr lehrreich für Gegenwart und Zukunft: "America sings" für die deutsche Einheit, für die Einheit schlechthin, dafür, dass wir alle einig sind und werden, handelseinig am besten, denn die Quintessenz der stürmischen Tanz- und Gesangsdarbietung lautet "Feel free - buy t-shirts!" Den Raum vor dem ACC-Büro verwandelte Bea Emsbach in ein Zeichnungskabinett. Die Offenbacher Künstlerin hat eine profunde naturwissenschaftliche Vorbildung. Ihre feinen Zeichnungen mit roter Tinte zeigen den Menschen in seinem zweifach symbiotischen Verhältnis zu Natur wie Technik. Das Video "More than Paradise" basiert auf einer Performance, die die russische Künstlergruppe AES+F in Kairo mit mehreren Hundert Jugendlichen organisierte. Die Faszination der exotischen jugendlichen Schönheit ist hier mit einem dunklen Unbehagen verbunden. Die dunklen schönen Gestalten werden immer zahlreicher, geheimnisvoll und schweigsam sind sie, werden sie uns vielleicht doch eines Tages "überrollen"? Erik Schmidts Beschäftigung mit der Zukunft des Humanen ist eine überaus westliche: Sie nimmt den Ausgang vom Anzug, dem männlichen Attribut der Macht, das zugleich als Rüstung dient. Schmidts Plakate, Videos und Malereien spielen mit dieser Oberfläche der Macht, versuchen sie zu vervielfachen oder aufzulösen und enthüllen die geheimen Sehnsüchte, die mit den Insignien der Potenz verbunden sind. Silke Rehbergs "Kunstdirektoren" sind zu einer sacra conversazione versammelt: Die Künstlerin erlaubt sich in ihren Porträts der Heiligen der Kunstwelt die Freiheit, diese auf handliches Format zu verkleinern und sie mit Attributen und körperlichen Merkmalen zu versehen, die sie zu Exoten machen. Alexandros Psychoulis arbeitet neuerdings vorwiegend im Bereich der Computeranimation. Sein Aufenthalt in Weimar inspirierte ihn zu einer Arbeit, die dem stummen Nietzsche eine bildliche Stimme verleiht - ob er es sich so gewünscht hat, als er im Vorwort zur "Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" ausrief, dass er wünschte, sie hätte gesungen, seine Seele. Mit geballter Faust vorwärtsstürmend begrüßt Supergirl, das ins Weibliche transformierte Logo des Übermenschen (englisch eben "Superman"), die Besucher des Schillermuseums. Im ersten Raum der Ausstellung sind die großformatigen Fotografien der Künstlergruppe AES zu sehen: Unzählige Kinder, einheitlich in weiße Unterwäsche, weiße Strümpfchen und Schuhe gekleidet, posieren sie wie Modells vor den Goldornamenten des Sankt Petersburger Zarenpalastes. Schöne Kinder, in Massen, zweifelsfrei nicht ohne Erotik - werden sie unsere Zukunft bestimmen? Oder haben wir die Zukunft dieser Kinder nicht bereits vorbestimmt, indem wir sie dazu veranlassen, unseren Schönheitsidealen entsprechen zu wollen? Die perfide Konsequenz: Ihrer Jugend werden diese Kinder beraubt, denn solange die Körper frisch und samten sind, müssen sie den Kodices der Erwachsenenwelt entsprechend zu Markte tragen. Sobald die ersten Falten und Spuren von Cellulites erscheinen, werden sie nichts mehr wert sein... Der Titel Kinderfotos von AES: "Der Erlkönig". Bjørn Melhus Videoarbeit "Again and Again", auf 8 Monitoren gegenüber der Treppe zu sehen, thematisiert die Möglichkeiten der modernen Biotechnologie. Es lohnt sich, den Stimmen, die der amerikanischen Dauerwerbung entlehnt sind, zu lauschen: Wie einfach lässt man sich doch verführen, um die simpelsten Vorteile zu erhaschen: Die Klone zeichnen sich dem Original gegenüber durch einen nur scheinbaren Vorteil aus - sie haben keine Rückseite, bestehen rundum aus einer frontalen Hochglanzoberfläche. Dieser "Vorsprung" genügt, um das Original aus dem Paradies zu verstoßen. Der zweite Raum des Schillermuseums ist den modernen Glaubensinhalten gewidmet: Biljana Djurdjevics Gemälde gehören einem Zyklus an, der den Titel "Aus dem Leben der Heiligen" trägt. Dass des Weihnachtsmanns letzte Stunde geschlagen hat, ist nur zu deutlich zu sehen - aber was hat es mit dem Selbstmörder in der Badewanne auf sich? "My heart belongs to Daddy" greift einen Erfolgssong von Marilyn Monroe auf - doch haben die Idole unserer Tage, die Helden der Popwelt, tatsächlich noch jemanden, dem sie ihr ganzes Herz widmen? Und lohnt es sich wirklich, Ihnen das eigene Herz zu schenken? Was wie finstere Kreuzigungsszenen aussieht, sind Giovanni Manfredinis "Existenzversuche". Der Maler setzt den eigenen Körper an die Stelle desjenigen des Heilands. Seine Arbeiten sind eine Form von Bodyart, die durch Abdruck des nackten Körpers auf rußgeschwärzte Flächen entsteht. Manfredini erschafft auf diese Weise seinen vom Feuer entstellten Körper neu. Jesús Galdóns Installation zur "anderen Seite des Spiegels" führt uns wie Alice ins Wunderland der Globalisation und gibt uns die Möglichkeit auszuprobieren, welche Spuren die Migration wo hinterlässt. Måns Wrange begann sein Langzeitprojekt im Jahr 1999: Mit Hilfe von Marianne, die statistisch dem schwedischen Durchschnittsbürger entspricht, untersucht Wrange Möglichkeiten, die sogenannte "öffentliche Meinung" zu manipulieren. Anne-Britt Rages "Magnetisches Theater" im Erdgeschoss des Schillermuseums dreht sich um die eigene Achse und lädt die Besucher ein, aufzusteigen und selber ein bisschen Zukunft zu gestalten. Die Arbeit selbst ist eine Gemeinschaftsproduktion von rund 40 Personen aus über 10 Ländern: AutorInnen aus Frankreich, Iran, Norwegen und Spanien schrieben Geschichten, die die Menschen in ihren jeweiligen Ländern bewegen. Ein spanischer Bildhauer entwarf die magnetischen Puppen aus Pappmachèe, eine norwegische Gruppe stellte die drehbare Bühne her, ein bunt zusammengewürfeltes Team von Radio Lotte und der Bauhaus Universität spielte die deutsche Hörspielversion ein.