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kulisseweimar

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von Holger Schulze

(Auszug aus seiner Rede zur Ausstellungseröffnung)

Was für ein komischer Titel. Kulisse Weimar. Wir denken an bemalte Seitenwände, so die Definition eines Kulissenmalers. Vorübergehend errichtete Kulissen. Der Titel zielt aber auch auf das Paradox, das wir antreffen können in jeder Stadt, zumindest in diesem, höchst luxuriösen, selbst im Krisengefühl noch dekadenten Teil der Welt. Anzutreffen, wenn wir über den Frauenplan gehen in dieser Stadt, den Markt, Herderplatz, schließlich hier, in der Ausstellung ankommen. Auch anzutreffen, wenn wir in Berlin, der Stadt, in der die Künstlerinnen und Künstler dieser Ausstellung wohnen, auf dem Pariser oder am Potsdamer Platz stehen. Keiner erwartet tatsächlich, das anzutreffen, was angekündigt wird. Gruppenausstellungen. Es sind merkwürdige Unternehmungen. Künstlerinnen und Künstler finden zusammen, manche entscheiden sich für Räume früh, andere bleiben bis zuletzt offen, unentschieden. Belegen ihren Raum erst spät. Grenzen sind immer neu zu ziehen, anhand immer neuer, oft kleinster, gemeinsamer Entscheidungen. Welcher Titel. Gruppenfoto und wie das Licht. Fenster verdecken oder offen lassen. Wie die Musik nach der Eröffnung. Die Entscheidungen, die hier aber gefällt werden, sind kaum temporär. Wie schwer es ist, sie zu fällen, lässt erahnen: Etwas wird hier aufgebaut, dessen Auswirkungen auf die eigene Persönlichkeit, das Selbst- verständnis, die Wirkung auf andere und nicht zuletzt auf alle noch entstehenden Arbeiten kaum groß genug einzuschätzen ist. Jede Entscheidung gilt lange Zeit. Vorübergehende Absolutheit. Wenn man durch die entstandenen Räume geht, so erkennt man vielleicht wiederkehrende Motive. Sieht Themen und Strukturen, Abläufe vielleicht. Doch über diesen Versuch hinaus, eine Dramaturgie der Räume anzubieten, treten die individuellen Repräsentationen der Künstlerinnen und Künstler hervor und gegeneinander an. Jeder Raum enthält ein dem nächsten und dem vorangegangen vollkommen widersprechendes Weltverständnis. Motive mögen sich wiederholen. Annäherung an Religiöses, Vergänglichkeit. Die eigene Vergangenheit, Erleben des Politischen, der öf- fentliche Raum. Naturaneignung durch den Menschen und Aneignung des gemeinsamen Bildraums. Im einen Fall ist das Religiöse familienbiographisch motiviert, im anderen entspringt es der Auseinandersetzung mit Männerbildern im Pop. Einmal ist das Politische die Photographie der gegenwärtigen Widersprüche deutscher Tradition, ein andermal die Rekonstruktion privater Prägung durch Politik. In den öffentlichen Raum wird einmal eingegriffen, dies dokumentiert, ein andermal wird er lediglich freigeräumt und als solcher imaginiert. Einmal wird die Natur stilisiert, ein andermal wird der Stadtraum gezeigt als aufgebrochene Natur.

Dr. Holger Schulze (*1970), Kulturtheoretiker und Autor, arbeitet an einer dreibändigen Theorie der Werkgenese: Das aleatorische Spiel (Wilhelm Fink Verlag München 2000) - Heuristik (In Vorbereitung) - Intimität und Medialität (Geplant). Seit 2002 baut er an der Universität der Künste Berlin den Studiengang Akustische Kommunikation mit auf. Er schreibt u.a. für debug, Tages-Anzeiger Zürich, du; Vorträge, Essays, Hörstücke und das Weblog http://mediumflow.editthispage.com, schulze@udk-berlin.de