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Kulissenschieber

kulisseweimar
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11 junge Künstler aus Berlin im ACC Weimar

von Kai Uwe Schierz

In Frankfurt am Main werden zur Zeit die Jungen inthronisiert. Wieder einmal wird Malerei entdeckt und gefeiert. Dabei ist auch dort die postmoderne Fraktion der Retrodesigner, mit Verlaub, reichlich zur Stelle und zeigt uns, was wir eigentlich (so oder so ähnlich) schon zu kennen glauben. Den Kunstmarkt freut die Weihe seiner Eleven, weniger dürften sich diejenigen freuen, die nicht mit von der Partie sind, die keine Großabbildungen in der FAZ und anderen meinungsbildenden Blättern erhalten haben und trotzdem jung sind und trotzdem malen, oft nicht einmal schlecht.

Oliver Lanz. Collage, 2003<br> Papier, Computerprints,<br> Aquarelle auf Papier. <br> 800 cm x 290 cm
Oliver Lanz. Collage, 2003
Papier, Computerprints,
Aquarelle auf Papier.
800 cm x 290 cm

Ein sympathischer Künstler aus Köln hat das Problem einmal in die Worte gefasst: Es ist schwer, überhaupt sichtbar zu werden. Das trifft es auf den Punkt. Wer heute frohgemut die Akademien verlässt, kann sich nicht mehr darauf verlassen, als Künstler auch wahrgenommen zu werden. Es reicht nicht mehr, zu malen oder zu bildhauern oder Videos zu drehen, man braucht auch die richtige Folie, den richtigen Hintergrund, vor dem man sich abheben und wahrgenommen werden kann. Hintergrund heißt Netzwerk, heißt Beziehungen, heißt: zur richtigen Zeit in den richtigen Katalogen aufzutauchen. Das ist die Kulisse, vor der die Künstler agieren, und nicht selten bedeutet sie die ganze Welt. Wenn nun elf junge (irgendwann vor oder um 1970 geborene) Künstlerinnen und Künstler aus Berlin in der ACC Galerie gastieren, ist man vorab schon etwas gespannter als üblich, denn Berlin, das klingt wie ein Versprechen, ist fast schon wie die richtige Katalogplatzierung. Denken wir jedenfalls, die wir von außen auf Berlin schauen; und wieder bricht einer auf aus der Provinz, in Berlin sein Glück zu machen. Nein, Berlin heute ist in Wirklichkeit höchst unübersichtlich, und überall Kulissen, und es kann sehr mühsam sein, davor und dahinter nach Kunst zu suchen. Auf der Suche nach der Kunst im ACC gerate ich erst einmal vor so eine große Kulisse. Oder dahinter? René Lück inszeniert Zeichen, die eine Botschaft haben sollen. Hier baut er aus Sperrholz eine Koje, in der farbige Klötzchen eine Weltkarte markieren. Die Farbverteilung, so zeigt eine Legende nahebei, hat einen diagrammatischen Sinn, soviel steht fest. Aber was soll uns eigentlich mitgeteilt werden, worauf beziehen sich die gegebenen Informationen? Wie im realen Leben bleiben wir allein mit unserer Frage, und gehen weiter, dorthin, wo Liu Anping offensichtlich die Ergebnisse einer Zeichnungs-Zerreiss-Aktion dicht an dicht auf die Wände drapierte. Die mit schwarzer Acrylfarbe auf's Papier geworfenen Figuren zeigen Aggression und Gewalt. Der Raum als collagiertes Ganzes wiederum hat die grafischer Anmutung japanischer Mangas.

Michael Kalki. Rügen, 2002<br>Acryl, Öl auf Leinwand, 250 x 200 cm
Michael Kalki. Rügen, 2002
Acryl, Öl auf Leinwand, 250 x 200 cm

"Wir kapitulieren nie" - hieß bezeichnenderweise eine seiner Raumsituationen, der attackierte Besucher schreitet also lieber weiter. Und orientiert sich mühsam mittels Faltblatt und Grundriss, denn die Künstler lehnten es ab, auf Exponatenschildern zu erscheinen, auf denen vielleicht sogar Titel gestanden hätten zum Zwecke, das letzte frei schweifende Assoziationsvermögen unserer Köpfchen zu kanalisieren. Nein, dass ich nun einer Arbeit von Suse Weber gegenüber stehe, einem Kostüm für informelle Uniformträger, verrät mir nur der Grundriss. Musterentwürfe und kühn improvisierte Kombinationen aus stofflichem Allerlei bilden den formalen Spannungsbogen ihrer Frage nach Verordnung und subjektiver Authentizität. Ich gelange über eine Minimalinszenierung (eine Schwarzweißreproduktion, eine Seite Text, ein tönender CD-Player) von Holger Schulze, die mich, so auf die Schnelle, noch etwas ratlos lässt, zu merkwürdig abstrusen Objektcollagen (Leif Liebenschütz), aus denen, auch nach 80 Jahren noch, putzmunter das surreale Erbe sexueller Obsessionen zu quellen scheint (obwohl es da auch Anspielungen auf KZ gibt, die lieber gelassen worden wären) und weiter in einen Raum mit einer wandfüllenden Malerei plus Papiercollage. N-Y-Feuerwehrmänner bei der Bergung, die Schatten der New Yorker Twin-Türme sind offensichtlich immer noch lang, sehr lang. Aber das Material erscheint lebendig gehandhabt, die Dynamik der auf die Wand projizierten Tuschezeichnung verspinnt sich agil in den exzentrischen Schollen aus farbigen Papieren, deren ephemeres Dasein ein so schweres Thema zu verdauen hat. Ein Raum nebenan verstört mich dann tatsächlich, produktiv.

Tatjana Doll. Graue Sitze, 2003<br>Fünf Arbeiten, Öl auf Leinwand,<br> je 100 x 200 cm
Tatjana Doll. Graue Sitze, 2003
Fünf Arbeiten, Öl auf Leinwand,
je 100 x 200 cm

Tatjana Doll malt, in unserem Fall Plastikklappsitze - auf jeder Leinwand zwei. Die Bilder sind so niedrig an die Wände montiert, dass die Kulisse eines Warteraums ersteht: transitorischer, unwirtlicher Ort. Doch dann gibt es die Entdekkung der grisaillehaft reduzierten Farbigkeit, die pastosen Weiden für das Auge. Unerwartet, verstörend, reizend. Im Raum daneben hat Olivia Berckemeyer einen englischen Jagdsalon entworfen, zumindest, was die pitturesken Zeichnungen von Herrenreitern auf den Wänden betrifft. Sie misstraut dann aber wohl doch dem eigenen Entwurf und wirft ein Tarnnetz dagegen. Mir wäre Plüsch lieber gewesen, ehrlich. Der schmale Gang zu Ende meiner Umrundung konfrontiert mich zwiefach mit Klischees. Auf der einen Seite die schönen Seiten der Männer - von der Kunst bis zu modern lifestyle - in ruppiger Aufmachung (Tine Furler), auf der anderen Seite Schwarzweißaufnahmen sozialer und sexueller Stereotypen. Dass seine Linse immer auf den Menschen gerichtet ist, wie im Faltblatt zu lesen, kann ich leider nicht sehen. Eher scheint er sozial-moralisch getönte Ideen vom bemitleidenswerten Menschen durch das Objektiv seiner Kamera zu filtern.

Tine Furler. o.T., 2003 <br>Papier auf Holz
Tine Furler. o.T., 2003
Papier auf Holz

Holger Schulze sprach zur Eröffnung der Ausstellung davon, dass nunmehr im ACC nicht eine Kulisse entstanden sei, vielmehr eine Abfolge von Teilwelten. Dem kann ich in mehrfacher Hinsicht nur beipflichten. Jeder Raum und jede Arbeit entwirft seinen eigenen kleinen Kosmos, seine eigenen Fragestellungen, inszeniert seine eigene Suche nach den Bildern. Vermutlich ist diese Suche das Schwerste, was junge Absolventen der Kunst heute zu leisten haben. Denn nie zuvor war der Bilderkorridor in unserem Sehfeld so verbaut und zugesetzt wie heute. Aus dem vielen Fremden ein kleines Eigenes pressen zu können, sich frei zu machen, aber doch nicht besinnungslos - so stelle ich mir die Kunst des Beginnens heute vor. Wahrlich keine leichte Übung. Allerhand Kulissen sind zu bewegen, bis die Startbahn frei ist. Der Höhenflug folgt (wenn, dann) etwas später. Beim Starten und Abheben wird vermutlich das meiste Kerosin verbraucht.