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Antje Schiffers: Bin in der Steppe, Künstlerportrait

bin in der Steppe

Die Künstlerin reiste von April bis Juli 2002 durch Russland, Kasachstan, Usbekistan und Kirgistan in der Rolle der Malerin, die Staffelei unter den Arm geklemmt. Für diese Wanderschaft suchte sie Gastgeber, die sie beherbergten und bot ihnen ein Tauschgeschäft an: Für Kost und Logis malte sie ein Bild, dessen Gegenstand der jeweilige Gastgeber auswählte. Antje Schiffers wollte jeweils so lange bleiben, wie sie brauchte, um ihre Arbeit zu tun, maximal fünf Tage. Die Bilder verblieben bei ihren Besitzern. Das, was dabei passierte, hat sie dokumentiert. An der Dokumentation wirkten alle Beteiligten mit, also ihre Gastgeber und sie. Anhand dieser Dokumentation wird die Berliner Künstlerin Antje Schiffers innerhalb der ACC-Sommerausstellung re-orientation in einem Vortrag über ihre Unternehmung bin in der steppe berichten.

was ich machen werde

Antje Schiffers, bin in der steppe Reiseprojekt, Buntstift auf Papier, 2002<br>30 x 21 cm.<br>Foto: Katalog
Antje Schiffers, bin in der steppe Reiseprojekt, Buntstift auf Papier, 2002
30 x 21 cm.
Foto: Katalog

"Ich werde durch Russland, Kasachstan und Kirgistan reisen. Ich reise in der Rolle der Malerin, die Staffelei unter den Arm geklemmt. Für diese Wanderschaft suche ich Gastgeber, die mich beherbergen und biete ihnen ein Tauschgeschäft an. Für Kost und Logis male ich ein Bild, dessen Gegenstand sie auswählen. Ich bleibe so lange, wie ich brauche, um meine Arbeit zu tun. Die Bilder verbleiben bei ihren Besitzern.

Das, was dabei passiert, soll dokumentiert werden. An der Dokumentation wirken alle Beteiligten mit, also meine Gastgeber und ich. Für meine Reise lerne ich die russische Sprache.

Ich werde von April-Juli 2002 fort sein. Über meine Unternehmung werde ich in der Ausstellung "oriental fruits" (*) im ACC Weimar (Juli/August 2002) mit einem Beitrag und einem Vortrag, ab Anfang September 2002 in Form einer Ausstellung und eines Vortrags im Kunstverein Wolfsburg berichten. Es ist geplant, sie danach in der Secession in Wien und in der Berliner ifa-Galerie vorzustellen. (...)

Wandermalerin 1

Es gibt viele Bilder von dem, was ein Künstler sei: Er kann den Handwerkern zugeordnet werden oder den Genies. Er versucht, ein Abbild der Wirklichkeit zu schaffen oder er sucht das Schöne. Für manchen ist Kunst nur dann wirkliche Kunst, wenn der Künstler seinem Inneren Ausdruck verleiht. Der Auftragsmaler ist jedenfalls eine antiquierte Sache.

Ich benutze dieses Klischee oder diese Rolle gern, um mit anderen Lebenswelten und Erfahrungsbereichen in Kontakt zu treten. Es ist für die anderen leicht, mich einzuordnen. Bei dem Vorhaben, das ich hiermit vorstelle, bin ich vermutlich jede Woche bei anderen Menschen zu Gast. Ich richte mich mit meiner Arbeit in ihrem Haus oder Hof und ihrem Tagesablauf ein. Sie finden eine Form, um für mich, eine fremde Person, zu sorgen. Sie entscheiden, wie viel sie mir von ihrem Land und ihrem Leben zeigen oder erzählen. Auf meinen Reisen male ich Bilder, für die ich etwa fünf Tage brauche. Ich habe mich manchmal gefragt, ob es die Kategorie "angemessen gut" für Malerei gibt. Steigt der Standard, den ein Bild erfüllen muss, um für angemessen gut zu gelten, wenn der Wein besonders gut ist, den ich zu trinken bekomme?

arm und reich

Ich hoffe, Gastgeber aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Schichten für meine Idee zu gewinnen. Zum einen, um eine Vielfalt an möglichen russischen / kasachischen / kirgisischen Leben kennen zu lernen. Zum anderen, weil sich dadurch beziehungsweise durch die damit einhergehenden Unterschiede in der Kommodität und der Üppigkeit der von mir erhandelten Lebensumstände die Frage nach der Definition von Wert stellt: Was sind Kost und Logis wert und was ein Gemälde? Mache ich ein gutes Geschäft, wenn ich in einem feinen Haus wohne, und ein schlechtes, wenn die Wohnung eng ist? Wie kann ich den Wert von Dingen vergleichen, wenn ich den gemeinsamen Nenner Geldwert nicht benutze?

Die Beziehungen von Menschen, Institutionen, Unternehmen oder Staaten untereinander sind häufig hierarchisch aufgebaut. Solche Hierarchien entstehen beispielsweise durch wirtschaftliche Überlegenheit des einen. Auch die Vorstellungen, die wir uns von anderen Ländern und Menschen machen, sind davon beeinflusst. Ich vermute, dass mein Land in Russland und Zentralasien als ein reiches betrachtet wird, als ein reicheres als das eigene, und das dieses Ungleichgewicht bestimmte Hierarchien und Handlungen auch in meiner Beziehung zu den Menschen nahe legt, die ich dort auf meiner Reise treffen werde. So ist es üblich, dass russische MusikerInnen in deutschen Fußgängerzonen auftreten - nicht jedoch, dass deutsche MalerInnen durch Russland streifen auf der Suche nach einer Unterkunft. Mir gefällt der Gedanke, die bestehenden Vorstellungsbilder durch mein Handeln in Frage zu stellen.

Wandermalerin 2

Es ist schwer zu sagen, was ein Abenteuer ist. Vielleicht wurde mir beigebracht, wie ich es erkenne, wie die Sache steht, wenn eines beginnt. Filme oder Bücher könnten Auskunft gegeben haben. Oder gibt es ein originäres Abenteuer-Gefühl?

Bei der Vorstellung von mir allein mit meinen Pinseln in der staubigen Weite, die vermutlich meiner harrt, liegt solches Gefühl jedenfalls nahe. Mit meiner russischen Reise erzeuge ich das Bild von Abenteuer und Gefahr, sowohl für diejenigen, die ich treffe oder besuche, als auch für die BesucherInnen meiner Ausstellung oder meines Vortrags. Die Reise ist gleichzeitig eine Geschichte, die ich erfinde, und ein Teil meiner gelebten Erfahrung. Ich werde über etwas berichten, das ich erlebt habe, und etwas erleben, für das ich sozusagen selber das Drehbuch geschrieben habe."

Antje Schiffers

(*) orientale 3: Kunst zu Mittelasien(Arbeitstitel) Juni/02

bin in der Steppe

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