ausstellung

Wo kommt ihr her?

Die diesjährige Sommerausstellung des ACC re-orientation setzt Arbeiten von Künstlern aus Mittelasien mit Positionen aus Russland, Österreich und Deutschland in einen Dialog. Die Ausstellung ist für das ACC die konsequente Weiterentwicklung des Projektes orientale 2 aus dem Vorjahr, bei dem Zentralasien im Zentrum stand. Um eine interdisziplinäre Ausrichtung des Projektes zu erreichen, wurde es in zwei Teile gegliedert, die sich ergänzen und bedingen: die Ausstellung (re-orientation, 13.7. bis 1.9.2002) und ein internationales Symposium zur politischen und kulturellen Situation in Mittelasien, das bereits im Herbst 2001 stattfand. Die Vorbereitung dieses Symposiums (orientale 2, 5.10./6.10.2001) fiel in die Zeit der Attentate vom 11. September, die diese Region auf ungeahnte Weise in das Zentrum der Weltöffentlichkeit rückten. Die angestrebte Vermittlerfunktion des ACC mit dem orientale-Projekt und die Kontaktaufnahme zu Künstler/innen) ehemaliger Sowjetrepubliken in dieser Region Zentralasiens erhielt so unerwartete Brisanz. Die aus dem Symposium resultierenden Kontakte gaben den Anstoß zur Weiterarbeit. Das Ergebnis ist die unter dem Arbeitstitel orientale 3 entstandene Ausstellung re-orientation, für die die Kuratorinnen Julia Sorokina und Andrea Dietrich, sowie das ACC-Team zeichnen.

"(...) Die teilnehmenden Künstler(innen) Mittelasiens sind selbstbewusst, haben wenig Probleme mit ihrer Identität - und ist sie noch so extrem. Mit Offenheit und Sensibilität tragen sie ihren Teil bei zur Schaffung von neuen Nationalkulturen, ohne den, in anderen gesellschaftlichen Bereichen sich abzeichnenden, ethnischen Separatismus zu bedienen. Begünstigt durch unsere geographische und politische Mittlerstellung zwischen Ost und West möchte auch das ACC als Ermöglicher eines gleichberechtigten Dialogs helfen, diese Kraftakte ins öffentliche Bewusstsein zu transportieren." (Pressetext ACC)

Katalog: Der vom ACC herausgegebene zweisprachige Katalog zur Ausstellung stellt die Beiträge der Referenten des Symposiums orientale 2 den Arbeiten der 21 ausstellenden Künstler(innen) voran. Enthalten ist der ausführliche Bericht zum Moving-Workshop Non-Silk Way vom Mai 2002, der von der kasachischen Künstlerin und Co-Kuratorin der ACC-Ausstellung Julia Sorokina initiiert wurde. Workshop und ihre Arbeit zum Aufbau eines Kontaktnetzes zu ausländischen Künstlern und Kuratoren sind ihre Reaktionen auf die ihrer Meinung nach bestehende Gefahr, dass die internationale Gemeinschaft nach dem 11. September die zentralasiatische als eine kulturellen Werten gegenüber eher feindlich gesinnte Region ansieht. Innerhalb des Reiseberichtes lernt der Leser die Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung im Zusammenhang mit deren Biografie und künstlerischen Stationen direkt kennen. Einige von ihnen nahmen ebenfalls am Workshop teil.

Im Folgenden werden einige der ausgestellten Arbeiten/Projekte von AES/Moskau (Tatiana Arzamasova, Lev Evzovich, Evgeny Svyatsky), Natasha Kim/Karaganda, Antje Schiffers/Berlin und Elena Vorobyeva & Victor Vorobyev/ Almaty kurz vorgestellt (ACC Faltblatt 07: Abilsaid Anarbekovich Atabekov/Shimkent, Ulan Djaparov/ Bishkek, Julia Sorokina/Almaty, Fotoarbeiten zum Non-Silk Way von Naomi Tereza Salmon/Weimar). Die Abbildungen und Texte sind dem Katalog zur Ausstellung entnommen

"Unsere Beziehungen als Ostdeutsche zur ehemaligen Sowjetunion waren nicht nur ideologisch geprägt, wie es die wissenschaftliche Nachbetrachtung gern weismachen will. Gerade weil die vorherrschende Politik des 'real existierenden Sozialismus' sich vom realen Leben losgelöst artikulierte und die äußere Wirklichkeit am besten mit der Farbe 'grau' zu umschreiben war, verfügten wir über eine geradezu grenzenlose Begeisterungsfähigkeit für das, was außerhalb des eigenen Erfahrungshorizonts stand. Die unstillbare Lust am 'Fremden' war enorm.

Alexander Malgazhdarov Zhorsov Bazaar, 2002
Alexander Malgazhdarov Zhorsov Bazaar, 2002

Niemand, der je das Land individuell bereisen durfte, glaubte wirklich an das Märchen vom wirtschaftlichen und kulturellen Leitbild UdSSR. Es gab zuverlässigere Informationsquellen: Auf den seltenen Exkursionen in den 1980ern im europäischen Teil des Riesenreiches nach Moskau, Leningrad, Wolgograd, Tallinn, Riga, Tbilissi oder Jerewan, die uns als nervenaufreibend-gewagte Abenteuer im Gedächtnis geblieben sind, wurden Wahrheiten demontiert und De(kon)struktionen offensichtlich. (...) Über zehn Jahre nach der Transformation in Osteuropa leitete uns die Neugierde über Moskau direkt in das russisch sprechende Asien. Wir beschlossen, die gedankliche, zeitliche und räumliche Distanz mit Hilfe eines Kunstprojekts zu verringern. Samarkand, Tienschan, Aralsee, Karakum, Karaganda, Issyk-Kul sollten mehr als nur Punkte auf der Landkarte - Nomaden, Jurten, Yaks, Seidenstraßen, Minarette mehr als nur verschwommene Stereotypen in unserer Wahrnehmung dieser Region sein.

Zur Idee der Ausstellung gesellte sich das Bedürfnis nach Informationsvermittlung und Transparenz durch persönlichen Gedankenaustausch. Mittelasien konnte zwar geografisch verortet werden, das Allgemeinwissen darüber hatte jedoch den Stand der Perestroikajahre nicht überschritten. Welche - mit Europa nicht vergleichbaren - politischen, ökonomischen und kulturellen Allianzen hatten die Entwicklung in den postsowjetischen Republiken während der letzten zehn Jahre bestimmt? Wie positioniert sich die Kunst im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang, welche Möglichkeiten zwischen Tradition und Modernisierung stehen ihr offen? (...) Auf Künstlersuche führte uns der Weg, begleitet von einer ganzen Schar wissbegieriger Kulturarbeiter, zuerst nach Moskau, zur inzwischen jährlich stattfindenden Kunstmesse. (...) Durch die elektronische Post trafen wir abseits institutionalisierter Wege auf Julia Sorokina, der engagierten Kunst- und Kulturmacherin aus dem fernen Almaty, der Stadt, die 'Vater der Äpfel' genannt wird. Ihr im Aufbau befindliches Künstlernetzwerk inner- und außerhalb der Landesgrenzen Kasachstans sollte für die Zukunft unseres Vorhabens von besonderer Bedeutung werden. (...) Im Ergebnis des Symposiums (orientale 2, 5.10. und 6.10.2001, ACC) erhielten wir 2002 eine Einladung nach Kasachstan zum Internationalen Moving-Workshop 'Non-Silk Way. Asian Extreme' mit Start in Almaty. (...) Der Workshop wurde von Julia Sorokina gemeinsam mit KünstlerkollegInnen initiiert, nicht zuletzt aus der Befürchtung heraus, dass die internationale Staatengemeinschaft die mittelasiatische als eine kulturellen Werten gegenüber eher feindlich gesinnte Region ansieht, woraus Missverständnisse entstehen könnten.

Die Künstler- und Kuratorenkarawane aus Europa machte halt in Taraz, Jahnatas, Turkistan und Shimkent, stoppte an Monumenten der Vergangenheit, Minaretten und Moscheen, Majolika-Mosaiken und blühenden Oasen, aber auch an 'Monumenten' jüngster Geschichte, verwahrlosten, verlassenen Städten und Zonen aus menschlicher Verödung und ökologischem Kollaps. In einer Globalgesellschaft teilen wir diese Vergangenheit und Gegenwart miteinander und müssen gemeinsam nach Auswegen in die Zukunft suchen. Kunst und Kultur sind dabei ein nicht zu unterschätzendes Rädchen im Gesellschaftsgetriebe. (...)"
(Birgit Rauschenbach, Andrea Dietrich. Katalog)


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