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Parole e Polvere (Worte und Staub)

Pino Guzzonato, Papierobjekt
Pino Guzzonato, Papierobjekt

Pino Guzzonato, Papierobjekt
Pino Guzzonato, Papierobjekt (Das Papier macht man mit Wasser und verkauft es mit Wein)

Pino Guzzonato, Vicenza/Italien

Zeichnung, Papierobjekte

26.05.2002 - 30.06.2002,ACC Galerie
Eröffnung am 25.5.2002, 20 Uhr.

Dienstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Eintritt: frei!

Die Ausstellung wurde initiiert von der Bauhaus-Universität Weimar, Fakultät Gestaltung. Es erscheint ein Katalog.

Der in der Nähe von Vicenza lebende italienische Künstler ist einer der profiliertesten Vertreter der italienischen Gegenwartskunst. Er arbeitet vorwiegend mit selbstgeschöpftem Papier. Eine Werkgruppe umfasst Abdrükke, hergestellt aus roher Papiermasse. Die Ausstellung zeigt Arbeiten, in denen nicht der Text eine Projektionsfläche gefunden hat, sondern das Papier den Text. Guzzonato nimmt ihn von Haus- und anderen Inschriften, aber auch von Kanaldeckeln. Bei dem Vorgang gibt der abgeformte Gegenstand nicht nur seine Silhouette ab, sondern über das Wasser des Papiers auch Ablagerungen und Bestandteile seiner Oberfläche (wie Staub oder Rost). Die teils kräftige Farbigkeit in Guzzonatos Arbeiten entsteht durch die Farben seiner Papierrohstoffe. Diese können natürliche Materialien, wie Bambus, Leinen oder das Holz des Maulbeerbaums, aber auch recycelte Materialen, wie Kleidung (z.B. Jeans) oder Tetrapaks sein. Anlässlich Guzzonatos Besuch in Weimar wurde eine Grabtafel in der Herderkirche "abgenommen". Die Arbeit ist innnerhalb der Ausstellung in der ACC Galerie zu sehen.

"Eigentlich bräuchte Pino Guzzonato seine Kunst nicht, um Künstler zu sein. Pino Guzzonato lebt - und das mit allen Sinnen. Dass er dabei Sinnliches hervorbringt, ist selbstverständlich und geradezu natürlich. Von seinem Freund Norbert W. Hinterberger stammt der Satz: 'Kunst ist, mit den Sinnen denken.' Für Pino Guzzonato gilt: 'Kunst ist, mit den Sinnen leben.' Pino Guzzonato setzt Papier - wenn auch nicht auf herkömmliche Weise - als Medium ein. Mit seiner Hilfe kommuniziert er mit dem Betrachter. Dies ist, mit Blick auf die Sprache der Kunst, nichts Außergewöhnliches. Das Besondere in seiner Arbeit liegt darin, dass er beim Abformen das Papier zum Befühlen der Gegenstände einsetzt. Es dient seiner Kommunikation mit dem abzubildenden Objekt und funktioniert auch hier als Medium. Eine dritte Ebene entsteht, wenn der Betrachter mittels des Papierabdrucks zu dem abgeformten Gegenstand eine Beziehung aufbaut. Stellt man diese Ebene in den Vordergrund, scheint der Künstler ganz und gar überflüssig. Aber da ist noch seine Hand. Papier ist seit seiner Erfindung ein Träger von Zeichen. Die für diesen Zweck erfundene homogene Oberfläche scheint selbst bei seinen nicht originär kommunikativen Einsätzen nach Schrift oder sprechender Zier zu verlangen. Sogar auf leerem Papier lesen wir die feinen unvermeidlichen Spuren von Herstellung, Transport oder Lagerung und kreieren Bilder. Der Wirkung dieser zufälligen Spuren gleicht die der Zeichnungen und Abdrücke in den Papierobjekten Guzzonatos. Jedes Papierobjekt erzählt zunächst seine eigene Geschichte ('Ich bin der Abdruck einer besonderen Tür!'), aber schnell erscheinen weitere ihm innewohnende Bilder. Im Spiel zwischen den im doppelten Sinn des Wortes aufgedrückten und den im Material lebenden, scheinbar zufälligen Bildern liegt der Reiz in den Arbeiten Pino Guzzonatos. Er gewährt dem Material seine Eigenarten - respektiert es. Er hilft ihm zu sprechen. Bescheidenheit, die man auch spürt, wenn er erzählt, es seien die Wespen, die das Papier lange vor den Menschen erfunden hätten." (David Mannstein im Katalog)

Zu den Arbeiten:

Am Eingang der Galerie befindet sich die Arbeit Le suore del corpus domini (Die Nonnen des Leib Christi). Sie kommentiert eine Äußerung Goethes, nach der er (neben den Frauen) die Wände Vicenzas besonders reizvoll fand. Abgenommen ist die Inschrift von einer Verbotstafel aus der Zeit des Besuchs Goethes. Die Verbote wurden vom Präfekten der Provinz ausgesprochen, um die Schwestern des Nonnenklosters vor den unflätigen Aussprüchen und dem Geschrei der nebenan Ball spielenden Jugendlichen zu bewahren.

Über die Buchobjekte kommt man dem lebendigen Material haptisch näher. Vier Bücher im zweiten Raum dokumentieren eine alte Papierfabrik. Sie gleichen Skizzenbüchern. Mit Papier, dem Medium, das dort hergestellt wurde, sind Spuren abgenommen: von Händen auf einer Wand nach einem Brand, von Pigmenten im Boden, einer Rattenfalle etc. La Giacca del Cartaio ist der Abdruck der Jacke des Fabrikbesitzers, die noch im Büro hing. Filo di Seta (Der Seidenfaden): Ein alter Seidenfaden, grob, da von Guzzonatos Mutter handgemacht, zieht sich durch die Seiten dieses Buches. Es ist die "imaginäre Geschichte des Fadens".

Aqua saliente, Aqua fluente, Erida Nascente ist eine Hommage an die Künstlerbewegung "Pataphysique". Aqua saliente = Aufsteigendes Wasser (Guzzonatos Atelier), Aqua fluente = der Fluss Po, Erida Nascente = der Brunnen sind Symbole für die Ideen der "Pataphysik". Die Abdrücke stammen von einem Platz, der häufig vom Fluss überschwemmt wird. Die Arbeit Song setzt sich kritisch mit der aktiven Zerstörung der Kultur der Medizinmänner mit teilweise kriminellen Methoden in Kamerun (einem Land, dass Guzzonato bereiste) durch die Pharmaindustrie auseinander. Die Worte sind die Namen von Pflanzen und den Erkrankungen, gegen die sie wirken, wie der tödliche Dschungelrattenbiss, die Malaria (Paludisme),


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