ausstellung

Text zur Ausstellung:
Nina Katchadourian; New York
Geflickte Spinnweben
Paranormale Postkarten
Musikalischer Abfall

Die USA hat einen festen Platz im ACC-Ausstellungsprogramm. Ihren Künstlerkolleginnen und -kollegen Cheryl Donegan, Yvette Helin, Tony Oursler, Elisabeth Saveri, Cindy Sherman, Rirkrit Tiravanija und William Wegman folgt nun die 34jährige Nina Katchadourian. In ihrer ersten Einzelausstellung in Europa stellt die in Brooklyn ansässige gebürtige Kalifornierin vier Werke bzw. Werkreihen vor. Nüchterne Alltagsbeobachtungen sind oft der Ausgangspunkt von Nina Katchadourians Soundinstallationen, Fotografien, Videos und Skulpturen, die eng mit Prozessen wie Sammeln und Sezieren, Reparieren und Restaurieren, Arrangieren und Umordnen verknüpft sind.

Als Nina Katchadourian im finnischen Inselreich begann, zerrissene Spinnweben mit rotem Nähgarn und peinlicher Sorgfalt zu reparieren, die Spinnen jedoch diese künstlichen Ersatzflicken durch ihr körpereigenes, perfektes Gewebe ersetzten, entstand die Idee zur Serie Geflickte Spinnweben. Den menschlichen Umgang oder gar Wettkampf mit der Natur umschreibt die Künstlerin treffend mit dem Wort "Geschwister-Rivalität".

Der rote Faden taucht auch in der Wandinstallation Paranormale Postkarten auf, einem Diagramm, das nicht wie ein gewöhnliches sachliches System mit folgerichtigen Informationen funktioniert, weil sich logische Zusammenhänge absurd verschieben. Hervorgehobene Konstellationen können motivischer oder geografischer Natur sein, sich aber auch formal aus den Mustern der Fäden ergeben. Einerseits spricht die Inszenierung Aspekte wie autoritäre Kontrolle, Herrschaft, Sehnsucht, Neid, myriadische Beziehungen zwischen Orten und Plätzen, Geistes- und Familienverwandtschaften oder geheimnisvolle Verwicklungen an, andererseits trägt sie den Charakter eines Reisetagebuchs, weil die Künstlerin ausschließlich Mitbringsel von Orten verwendete, die sie besucht hat.

Sammeln und Restaurieren kommen auch in der ortsspezifisch angelegten Klang- und Objektreihe Musikalischer Abfall zur Anwendung, dem jüngsten Kapitel eines Langzeitprojekts, das bereits in vielen amerikanischen und europäischen Städten umgesetzt wurde. Auf den Straßen Weimars weggeworfener "Bandsalat" wurde gesammelt und restauriert, die verwahrlosten Tonbänder (sogar der Mitschnitt einer Vorlesung von Bauhausprofessor Lorenz Engell) auf CD überspielt. Was kann der Abfall, den wir produzieren, uns über uns selbst erzählen? Die Audiotour per Discman beginnt am Galeriebüro.

Die Tonaufnahme vom legendären Mondspaziergang der Apollo-11-Mission war das Ausgangsmaterial für die Toninstallation Unentschlossenheit auf dem Mond, mit der sich erstmals auch das zweite Geschoss des ACC für die Kunst öffnet. Der verbale Informationsgehalt des Originalmitschnitts von 1968 wurde reduziert, nur Funkgeräusche, Piepstöne und zögerliche Sprechphrasen der Astronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin, die einen Zustand der Unentschlossenheit und Orientierungslosigkeit nachvollziehbar machen, sind in dem komplett abgedunkelten (Welt-)Raum über der Galerie zu hören.