ausstellung

ausstellung:
Lasst tausend Vokabulare blühen!



Das Maß der Dinge

von Dr. Kai-Uwe Schierz

"Aller Dinge Maß ist der Mensch, der seienden, dass sie sind, der nicht seienden, dass sie nicht sind." - Diesen für die Philosophie folgenreichen Satz verdanken wir dem griechischen Sophisten Protagoras, und er meint nichts weniger als dass die Welt, wie wir ihr begegnen (über alles andere lässt sich nichts erkennen), aus uns heraus ebenso ist, wie wir sie sehen und kennen. So viele Menschen, so viele Wahrheiten über die Welt, könnte man im Extremfall sagen, gäbe es da nicht die Gemeinschaft der Bürger, die sich durch den Gebrauch von Vernunft und dialektischem Gespräch in die Lage versetzt, einen jeweils aktuellen Konsensus herzustellen und daraus Handlungsrichtlinien abzuleiten. (...) Richard Rorty (*1931) könnte man einen modernen Widergänger des Protagoras nennen. Der Philosophenzunft wirft er vor, zu lange die falschen Fragen, gnoseologische - nach dem Fundament der Erkenntnis - oder ontologische - nach dem Grund des Seienden - ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit gestellt zu haben, anstatt sich praktischen Erfordernissen, z.B. der Ethik: der Solidarität, der Toleranz etc. zu stellen. Diese Weise des Philosophierens sei unfruchtbar und aufzugeben. Als "wahr" gilt nach seinem Verständnis nicht, was die Wirklichkeit möglichst genau abbildet, sondern das, "was zu glauben für uns besser ist"; "Wahrheit" ist demzufolge keine Frage der Objektivität, sondern der Solidarität. Dagegen führe aller Anspruch auf absolute Geltung, sei es in Fragen der Politik, der Philosophie oder der Wissenschaft, zwangsläufig zu totalitären Systemen. Das gleiche ließe sich für das eine "Maß" sagen, also für einen Wertmaßstab mit absoluter Geltung. Dagegen könne nach Rorty eine "praktische Philosophie", auf Augenhöhe mit der Kunst, der Literatur, dem Film etc., zur Ausbreitung von Solidarität beitragen, weil sie alle zeigen, wie Menschen verschiedenster Herkunft sich beschreiben und ausdrücken, und weil sie die eigene Sensibilität gegenüber dem Leben und Leiden der anderen stimulieren und entwickeln helfen. Anstatt nach einem Einheitsmaß zu fahnden, so Rortys antiautoritäre, antimetaphysische These, sollten wir "versuchen, an den Punkt zu kommen, wo wir nichts mehr verehren, nichts mehr wie eine Quasi-Gottheit behandeln, wo wir alles, unsere Sprache, unser Bewusstsein, unsere Gemeinschaft als Produkte von Zeit und Zufall behandeln." (...)

"Lasst tausend Vokabulare blühen!", fordert der Philosoph, und man könnte denken, er habe dabei die zeitgenössische Kunst vor Augen gehabt, ihre neue Unübersichtlichkeit. Denn auch angesichts der grundverschiedenen Ausdrucksweisen der drei Stipendiaten des letzten Atelierprogramms stellt sich die Frage, was denn nun das verbindende Element zwischen den Positionen und Methoden sein könnte? Jeder von ihnen spricht, nicht nur im linguistischen Sinne, eine völlig vom anderen verschiedene Sprache. Und doch verbindet Irena Paskali aus Skopje, Enrica Borghi aus Novara und Jordi Miralpeix Repollès aus Barcelona mehr als nur die Zugehörigkeit zum ACC-Programm 2001: Bei allen dreien bildet sich in besonders prägnanter Art und Weise ihre jeweilige raumzeitliche und kulturelle Verortung im Werk ab.

Irena Paskali, Detail aus der Videoinstallation 'Zwischen. My Mind, My People'. Foto: Claus Bach

So mischen sich in Irena Paskalis Installation Trauer, Ohnmacht und albtraumartige Visionen, romantische Ganzheitssehnsucht wechselt mit masochistischen Körperfantasien. Die Frage nach der personalen Identität wird unter der Perspektive ihres Verlustes thematisiert, kopflose Körper und das Bürsten und Abstempeln von plastischen Nachbildungen des menschlichen Gehirns evozieren bedrückende Szenen von Unterwerfung, Kontrolle, Gleichschaltung, Säuberung. Existentielle Gesten und surreal überzeichnete Bildfindungen, mit denen die Künstlerin auf eine Welt reagiert, die aus den Fugen ist, in der Gewalt und Verunsicherung den Alltag beherrschen.

Unweigerlich denkt man an die eindrucksvolle Performance Marina Abramovics zur Biennale in Venedig 1999, als sie im Keller des italienischen Pavillons blutige Knochen schrubbte.

Irim Lux, ILX-W464/2, 100 x 200 cm. Foto: Claus Bach

Geradezu als Gegenpol zu diesen Arbeiten, in denen sich indirekt das Drama auf dem Balkan der letzten Jahre spiegelt, könnte man die heiteren Graffitti-Bilder von Jordi Miralpeix Repollès bezeichnen. Aus ihnen spricht ein unbekümmertes selbstbewusstsein, das ohne Umwege die eigenen Vorstellungen im Verbund von Musik, Off Culture und Bildender Kunst verwirklicht. Von den Graffitti haben seine Leinwände die plakativ-grelle Farbigkeit und den kalligrafischen Charakter der Binnenformen übernommen. Nur ordnet und variiert er die einzelnen Elemente des Bildgefüges jetzt systematischer, er reiht, zoomt, probiert das Gesetz der Serie: Wir beobachten die (Selbst-)Zähmung eines Wilden für die Ansprüche des Kunstbetriebs.

Enrica Borghi, Schneecape 'Blauer Quarkzwerg' mit Snowboard. Piktogramm Enrica Borghi. Foto: Claus Bach

Enrica Borghi schließlich zeigt sich als Künstlerin, die souverän und ironisch die Sprachen des Kulturbetriebs - einschließlich Lifestile und Fashion - beherrscht, zitiert und unterläuft. Ohne Vordergründigkeit mischt sie Feuer und Wasser, indem sie zwei starke "Markenzeichen" italienischer Kultur miteinander verknüpft: die Junk-Ästhetik der "arte povera" aus Turin und das Innovationsdiktat der Mailänder Modezaren. Ihr letzter Katalog trat in der Verkleidung eines Hochglanz-Modemagazins auf. Dabei dürften ihre Creationen selbst den mutigsten der wirklichen Hochglanzdesigner zu weit gehen, denn sie verarbeitet darin konsequent den Müll, das Ausgeschiedene unserer überhitzten Wegwerfgesellschaft. In Weimar entwarf sie eine Serie "Wintersportartikel", die Olympischen Winterspiele 2006 in Turin lassen grüßen. Kult und Kommerz, Eislaufsternchen und Schanzenstürmer versammeln sich dann wieder zum Schaulaufen für die Medienwelt - und Enrica Borghis wacher Geist wird sicher dabei sein. Drei künstlerische Positionen wie von einer jeweils anderen Welt. Die Ausstellung wird das Unmögliche versuchen und das Unvereinbare vereinen. Nicht zuletzt dadurch ist sie jedoch ein lebendiger Reflex der "tausend Vokabulare" innerhalb des heutigen Kunstsystems. Ich vermute, wir haben wieder einige Sprachen dazu zu lernen. Sehen wir es mit Richard Rorty als Gewinn."

(Kai-Uwe Schierz)

Dr. Kai-Uwe Schierz ist Direktor der Kunsthalle Erfurt.