ausstellung

Herzschlag außen
Zum Zusammenhang von 'orientale 1' (Auszug)

Peter Herbstreuth

orientale 1 handelt von Recherchen, die Künstler, Händler, Wissenschaftler in den Ländern Asiens, 'dem alten Orient', unternommen haben. Zusammen mit dem Katalog zeigt sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten von künstlerischem, vermittelndem und wissenschaftlichem Arbeiten in der Auseinandersetzung mit Fremdem. Entsprechend wurden die Beiträge ausgewählt. Erstes Kriterium für die Auswahl der Künstler war: dort gewesen zu sein (kein imaginärer Orient); zweites Kriterium: adäquate Transformation (was adäquat ist, darüber lässt sich streiten, bestimmt aber die Qualität der Beiträge); drittes Kriterium: noch nicht veröffentlichte Arbeit (was sich nicht gänzlich einlösen ließ).

Photo Hermann Burchardt: In Abu Dhabi am 7.2.1904 Mit einer Ausnahme sind alle Beiträge in den Ländern Asiens oder als Reaktion auf einen Aufenthalt in diesen Ländern entstanden. Besonders freue ich mich, dass ich den Kunsthändler Friedrich Spuhler für dieses Unternehmen begeistern konnte, ist doch der Handel allgemein und besonders mit Kunst eine ungemein produktive Tätigkeit, was das Ansehen und das Bild der Länder anderswo betrifft. Ebenso bin ich erfreut, mit Unterstützung des Museums für Völkerkunde Dresden und des Ethnologischen Museum Berlin Photographien von Hermann Burchardt (1857-1909) zeigen zu können; er war der erste visuelle Chronist des persisch-arabischen Golfs. Der Schwerpunkt von orientale 1 liegt auf Gegenwartskunst, doch Abweichungen beleben die Regeln. Wir haben darauf geachtet, die künstlerischen Arbeiten so wenig wie möglich mit Deutungen zu belasten. Die visuellen Beiträge der Künstler werden entweder mit einem Interview oder mit einem Text der Künstler selbst eingeleitet. Sie stellen Entstehungszusammenhänge her, suchen Interpretationen des visuellen Werks zu meiden und figurieren als Korrespondenz-Erzählungen. Damit sollte gewährleistet sein, dass die Werke zwar Aspekte des Ausstellungsthemas beleuchten, sich aber ebenso davon befreien und für sich selber sprechen können. Das Erinnerungsvermögen von Ausstellungen zeitgenössischer Kunst ist meist kurz. Die Beiträge der Wissenschaftler im ersten Teil des Katalogs fundieren das Gedächtnis und stellen den Bezug zur Gegenwart her. ( ... )

Candida Höfer, Markt Peking, 1998, C-Print. Die Konzeption von orientale 1 folgt einem Erfahrungsbegriff, der selbstverliebte Spiegelungen und Selbstdarstellungen zu verlassen versuchte und in den Austausch mit der Welt getreten ist; der sich den Unberechenbarkeiten zu öffnen versuchte und sich allzeit bereithielt, sich beeindrucken zu lassen, Neues zu erfahren. Hinter mehreren Arbeiten steht die Erfahrung eines Übermaßes, ein unverhoffter Impuls hoher Dichte, ein Schock. Der Theoretiker Roland Barthes nannte das Phänomen punctum, weil es den Betreffenden wie einen Pfeil trifft und zunächst in einen Zustand der Passivität versetzt, ein plötzlicher Anprall komprimierter Kraft, die die Betroffenen blendet (Förster), hinreißt (Höfer), fasziniert aktiviert (Pernice), niederzwingt (Spuhler). Der Anstoß löste eine Reaktion aus. Gunda Förster begann nach ihrer Wüstenerfahrung in Ägypten helle, lichte peinigende Räume zu bauen, deren Anspielungsradius die biographische Reminiszenz freilich weit übersteigt. Candia Höfer hat" soweit ich sehe" nie solche Farbwellen in Rot, in Gelb und in Grau gefasst wie in Peking, obschon sie wie immer den Blick auf die Welt des Wissens" also Bibliotheken, Archive, Museen" lenkt. Manfred Pernice ließ sich von der Plötzlichkeit, mit der ein Zug in der Wüste auftauchte, zu seinem ersten Kurzfilm einer minimalen Blickbewegung hoher gestischer Dichte animieren: ein konzentriertes, zeitvergessenes Schauen von etwas, das vorüberzieht. Und Friedrich Spuhler erzählt, er könne nicht anders als in die Knie gehen, wenn ihn Schönes treffe. Seine Reaktion ist der eines Händlers würdig: Er will das Schöne" so wie es ihm erscheint" dann in greifbarer Nähe halten und irgendwann Verständigen weitergeben. ( ... ) Beate Terfloths grandiose Inszenierung eines allwöchentlichen Derwisch-Tanzes in der Gemeinschaft von Gläubigen nahe der Stadt Lahore ist das Ergebnis ihres bis heute anhaltenden Austauschs mit einer ihr zunehmend vertraut gewordenen Umgebung; hier fand sie Freunde. Donnerstag war Glückstag. Doch Terfloth war schon zwei Jahre an diesen Tänzen der Trommler beteiligt, bevor sie sich entschloss, dem Ereignis eine Darstellung im Film zu widmen. Sie situierte sich in der Welt, die sie umfasste: Herzschlag außen.

Donatella Landi, Still aus 'Viceversa', 1998-2000. Auch Donatella Landi war längere Zeit in Benares, einem der zentralen Umschlagplätze Indiens für Textilien, bevor sie sich entschloß, nach Italien zurückzukehren, um die Mittel zu beschaffen, die Stoffe und die Körper, die sie bekleiden, in einem Straßenfilm wie einen Farbrausch zu feiern. Sie kannte, was sie filmte.

Ebenso wie das Team Enrique Fontanilles und Tadeus Pfeifer, die am gleichen Ort entlang des Ganges die lichte Ruhe zwischen Fluss und Ufer ins Szene setzten. In einer knappen Notiz verweisen sie darauf, der erste Film der Geschichte sei 1895 im "indischen Salon" eines Cafès in Paris gezeigt worden. Damals waren Fantasien über den Orient" zu dem Indien aus französischer Sicht zählte" in Europa schick. Heute hat Indien" nicht Hollywood" den größten Ausstoß an illusionsfördernden Filmen. (...) Reisefotografie konzentriert sich oft auf die Monumente in der Ferne, die zu Sehenswürdigkeiten geworden sind: in Ägypten die Pyramiden und in der Türkei die Moscheen, in Nepal die Stupas und in Japan die Schreine. Sie zeigen nicht die Ferne, das Anderswo, sondern das Allbekannte. Sie verfremden den Blick und lenken ihn ins Vertraute. Norbert W. Hinterberger lässt die Phänomene provokant überzeichnet hervortreten und bringt object art mit concept art in eine ironisch irritierende Verbindung eigener Prägung. Die Unruhe zuhause und die Unruhe in der Fremde, von der Hinterberger im Interview spricht, hatte der Philosoph Ernst Bloch als "Kontrastwünsche" bezeichnet. (...) Nicolai Angelov wollte nicht nach Indien, sondern einfach anderswohin. Weit weg. Der Kontrastwunsch im Sinne Blochs brachte ihn allmählich dahin, die Welt nicht anders denn als fremd wahrzunehmen. Indien wurde zum Ort der Initiation. Er sah sich in der Welt und die Welt in sich als Anderes. Danach begann sein Werk, Konturen in fragilen Gebilden zu gewinnen. Und was er fortan fotografierte, verlor den Ort und stand im Irgendwo. Er entzog den Orten die Namen und damit die Bestimmbarkeit: fremde Welt überall. (...) Rirkrit Tiravanija begann, in Thailand Mönche in alltäglichen Situationen zu fotografieren, nachdem er sieben Jahre dieses Land, in dem er einen Teil seiner Kindheit verbracht, nicht mehr gesehen hatte. Er sah Vertrautes mit dem Blick des Besuchers. Der Bruch war konstitutiv und insofern bedeutsam, weil Tiravanija das einst Gewohnte erstmals wirklich sah. Die Außenperspektive auf lang vertrautes Terrain lenkte den Blick auf wiedererkennbare Gegenwart. Mönche bei rituellen Handlungen fotografiert er kaum. Er zeigt ihre Gegenwart mitten im modernen Leben. (...)

Ayse Erkmen, Stills aus 'Emre & Dario', 1999-2001. Einen Riss durchzieht auch das Video von Ayse Erkmen. Sie bezieht sich auf ein Lied von Istanbul/ Konstantinopel und lässt einen jungen Mann, ihren Sohn, in einem weißen Raum dazu tanzen. Nichts deutet auf die sichtbare Gegenwart von Istanbul. Sie überlässt es dem Lied in französischer Sprache, eine Hommage an die Stadt, alles zu sagen: eine Evokation. (...) Es liegt nahe, einige Werke mit dem Begriff Hybridität zu erläutern. Zwei identifizierbare Elemente verbinden sich zu einem Dritten, das die Andersartigkeit beider aufzuheben scheint. Doch da es kaum ein Werk gibt, das nicht eine Vielfalt kulturübergreifender Bezüge kombinierte" eben Ergebnis eines Austauschs ist" führt der Begriff in die Irre. Am besten passt er noch zur Außeninstallation von Susanne Lorenz / Sven Kalden, die bereits im Titel "Burgfrieden" das Hybride des Werks signalisieren. Eine Verschränkung von Wehrturm und Garten, militärischer Anlage und friedvoller Enklave, wie man sie je einzeln in Japan wieder erkennen kann, aber niemals in dieser Kombination. Trotzdem erzeugt der Turm mit Dachgarten den Anschein eines Japans, das nur in der Vorstellung existiert. Doch das Gebilde nimmt durch den Standort Bezüge zum Schloss auf und verhindert durch seinen metaphorischen Charakter (Krieg und Frieden) die Stillstellung der Bedeutung. Die Ambivalenzen lassen sich nicht aufheben.

Young Hay, Hong Kong - documented by Keith Tang. Auch das Werk von Young Hay könnte dazu verleiten, mit dem Begriff Hybridität beschrieben zu werden. An einem Sonntag im Jahre 1995 trug Young Hay eine weiße Leinwand auf dem Rücken durch die Innenstadt von Hongkong und ließ die Rückenansicht während des Spaziergangs von Keith Tang fotografieren. Inmitten der Überfülle an Bildinformationen zieht nun ein leeres Rechteck den Blick an. Young Hay bezieht die Elemente der Aktion auf das Gemälde "Bonjour Monsieur Courbet" von Gustave Courbet und auf Kasimir Malewitschs "Weißes Quadrat". (...)

Alle Werke wurden für Verwertungszusammenhänge produziert und stellen sich dem Markt. Die Ausstellung bietet dafür eine Plattform. Hermann Burchardt war jenseits aller Verwertungszusammenhänge unterwegs. Seine Fotografien schickte er an Freunde. Er reiste von 1893 bis zu seinem Tod 1909 mit der Plattenkamera durch den Orient" zu einer Zeit, als es weder genaue Landkarten noch Reiseführer zu jenen Stätten gab, die er kennenlernen wollte. Er hatte arabisch und türkisch gelernt. Die Vielfalt der islamischen Länder hielt ihn in Bewegung. 1893 brach er in die gerade Von Leipziger Geografen erforschte Oase Siwa in der Libyschen Wüste auf, verfolgte den Bau der Mekka-Bahn, besuchte die christliche Minderheit in der Osttürkei, war 1897 zum ersten Mal im Jemen, fotografierte im Libanon, Irak, in Persien, Turkmenistan, Ägypten, Jordanien und in den Scheichtümern am Golf. Manchmal blieb er eine Woche, manchmal länger, bevor er, wie er es nannte, "ein Bild abnahm". Sein Augenmerk galt dem Alltag, dem Immerwieder. Es galt nicht dem Außerordentlichen und Exotischen, das die Fantasien über den Orient beflügelte. Warum er siebzehn Jahre lang reiste, lässt sich nicht klären. Seine knappen Tagebücher geben darüber wenig Auskunft. Nur seine Bilder zeugen davon, wie er reiste, und was er sah. Dieser Blick lässt sich teilen.