ausstellung

Reisende Fremde (Auszug)

(Thomas Fuchs, Weimar)

aus dem gleichnamigen Beitrag von Thomas Fuchs, Weimar, im Katalog der Ausstellung "orientale1". Thomas Fuchs unterrichtet Theorie und Geschichte der Kunst an der Bauhaus-Universität Weimar.

"(...) Reiseerfahrung - Erfahrungsreisen: Den Reisenden befällt anscheinend zwangsläufig ein unstillbarer Mitteilungsdrang, den er in der Regel schriftlich in Briefen, Tagebüchern, Notizen oder späteren Reflexionen niederlegt. Allen Medien gemeinsam ist die weitgehende Unvollständigkeit und das Fragmentarische im Verhältnis zum Ganzen der Reise und zur Komplexizität der bereisten Kulturen. Reiseberichte geben also meist mehr Auskünfte über die Person des Verfassers als über die bereisten Gebiete, Landschaften oder Städte. Eine der Hauptaufgaben des reisenden Schriftstellers aber besteht darin, sowohl über Fremd- als auch Selbstbeschränkungen hinwegzusehen. Seit dem 19. Jahrhundert ist die literarische Reisebeschreibung in der westlichen Kultur zu einer eigenen bedeutenden Gattung geworden. Dass die arabische Literatur bereits seit dem frühen Mittelalter den Reisebericht als eigene Gattung kennt (rihla), sei hier nur nebenbei erwähnt. (...) Im Allgemeinen jedoch erscheint die Person des Reiseberichterstatters dem zeitgenössischen Leser als eine Gestalt vergangener Zeit. Viele Schrifsteller pflegen die im 19. Jahrhundert geprägten Verhaltensmuster gegenüber den bereisten Gebieten auch heute noch. Der mit leichter Ironie belegte Blick auf die Fremde lässt sich sowohl bei Bruce Chatwin als auch in den überheblich erscheinenden Reisefeuilletons Christian Krachts entdecken und hat unter anderem Wurzeln beim tourismuskritischen und teilweise bissig-satirischen Mark Twain, der seit 1867 Europa und den Orient bereiste. 'Moscheen gibt es reichlich, Kirchen gibt es reichlich, Friedhöfe gibt es reichlich, aber Gesittung und Whiskey sind rar. Der Koran gestattet es den Mohammedanern nicht, zu trinken. Ihre natürlichen Instinkte gestatten es ihnen nicht, gesittet zu sein. Es heißt, der Sultan habe achthundert Frauen. Das läuft fast auf Bigamie hinaus.' (...) Abschied aus Weimar: 'Weimar und der Orient' sind fest verbunden mit Goethes West-Östlichem Divan. Das Fundament für dieses Werk hat wahrscheinlich Herder gelegt. Die dort geschilderten Reisen blieben Kopf- und Literaturreisen. Ein Weimarer reiste aber tatsächlich in den Orient, zumindest bis in den Kaukasus. Der Promologe Karl Koch unternahm 1836 und 1844 zwei Reisen zur Erforschung von Obstarten. Er suchte und fand Äpfel. Goethe ist 1786 aus Weimar geflohen, um Italien zu sehen. Er suchte 'nicht anders als die jungen englischen Adeligen auf ihrer Grand Tour' - erotische Abenteuer. Reisezweck war die Stillung der Sehnsucht, der äußere Verlauf der Reise trat hinter dieses Ziel zurück."